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Der Fall Flonheim

– Ein Doppelmörder auf der Flucht –

Von Ulrike Eichin, Fernsehjournalistin, Mainz

  • Am 11. Januar 2007 sollte er vor dem Leipziger Amtsgericht stattfinden, der Berufungsprozess gegen den Türken Farouk A. wegen schweren sexuellen Missbrauchs. Doch der Angeklagte erschien nicht – er ist in seiner Heimat abgetaucht.
  • Auch Remzi K, der in eine Wiesbadener Mordserie verwickelt ist, und im Mai 2004 einen Landsmann erschossen haben soll, erfreut sich irgendwo in der Türkei seiner Freiheit.
  • Aydin Y. hat 1994 in Berlin seine 17-jährige Freundin ermordet und 12 Jahre lang bei Antalya unbehelligt gelebt. Er konnte von der deutschen Polizei festgenommen werden, als er im Sommer letzten Jahres unvorsichtigerweise nach München flog.

 

Ulrike Eichin

Überall in Deutschland können Staatsanwälte von ähnlichen Fällen berichten. Türkische Staatsangehörige, die in Deutschland mit der Polizei in Konflikt geraten, setzen sich in ihre Heimat ab, wo sie für die deutsche Justiz nicht mehr erreichbar sind. Denn die Türkei liefert ihre Landsleute nicht aus, und die Ermittlungen der türkischen Polizei verlaufen in vielen Fällen äußerst schleppend.

Ein besonders tragisches Beispiel: der Doppelmord von Flonheim.

Im März 2004 wurde in dem kleinen rheinhessischen Örtchen ein Ehepaar gewaltsam aus dem Leben gerissen. Der mutmaßliche Täter hat sich in die Türkei abgesetzt.

Obwohl deutsche Zielfahnder seinen Aufenthaltsort schnell ermittelten, gelang es der türkischen Polizei drei Jahre lang nicht, ihn festzunehmen. In der Anfangsphase gab es noch Kontakte, dann aber erhielten die deutschen Ermittler von den türkischen Kollegen keine Antworten mehr auf Nachfragen.

Unerträglich für die Angehörigen der Opfer, frustrierend für Staatsanwaltschaft und die Sonderkommission des Mainzer Polizeipräsidiums, die damals den Fall in nur 10 Tagen löste.

Protokoll der Ereignisse:

Montag, 01. März 2004

Helmut Thom, Fuhrparkchef bei Opel, macht heute früher Feierabend. Er soll am nächsten Morgen für die Firma nach Spanien fliegen und will den Abend mit seiner Familie verbringen – mit seiner Frau Elke, dem 18-jährigen Patrik und dem zweijährigen Max.

Um 15.34 Uhr verlässt er mit seinem silberfarbenen Signum das Gelände. Gegen halb fünf kommt er zuhause in Flonheim an. Irgendwann in den nächsten Stunden betritt auch sein Mörder das Haus. Wie er das Ehepaar Thom in ihrem Schlafzimmer in seine Gewalt bringt, und was genau an diesem Montagabend im Obergeschoss des Einfamilienhauses am Sportplatz passiert, kann die Polizei später nur bruchstückhaft rekonstruieren.

Patrik, der ältere Sohn, hört nichts von dem Drama, das sich zwei Etagen über ihm abspielt. Zur Tatzeit – zwischen 21 und 22 Uhr – sitzt er mit Kopfhörern vor dem Computer und legt sich irgendwann nichtsahnend schlafen.

Dienstag, 02. März 2004

Dienstag früh geht Patrik wie immer schon vor Sieben zur Arbeit. Dass er seine Eltern um diese Uhrzeit nicht sieht, kommt öfter vor. Gegen Neun erreicht ihn ein Anruf von Opel. Sein Vater habe den Flug nach Spanien verpasst und sei nirgendwo zu erreichen. Ganz ungewöhnlich für den stets zuverlässigen Mitarbeiter. Besorgt eilt Patrik mit einem Kollegen nach Hause, um nachzusehen.

Die Schlafzimmertür ist verschlossen, Patrik hört den weinenden Max, die Eltern antworten nicht. Der 18-Jährige tritt die Tür ein – und das, was er sieht, brennt sich für immer in sein Gedächtnis ein. Die Eltern sind tot. Ermordet. Überall ist Blut. Der zweijährige Max irrt völlig verstört im Raum herum. Er musste die Tat wohl mit ansehen. Sein Kinderbett steht im Schlafzimmer der Eltern. Auch Patrik hat einen Schock. Er nimmt Max auf den Arm und ruft die Polizei.

Während die Spurensicherung die Arbeit beginnt, wird im benachbarten Alzey die „Soko Sportfeld" gegründet. Federführend: die Mordkommission des Polizeipräsidiums Mainz. Uwe Lang übernimmt die Leitung. Ein erfahrener Kriminalbeamter mit 25 Dienstjahren auf dem Buckel. 12 Leute hat man ihm zugeteilt, alle hochmotiviert.

Die Beamten fangen bei Null an. Zeugensuche. Nachbarn werden befragt. Das Umfeld: gut bürgerlich. Die Thoms waren als nette Familie bekannt. Niemand hat etwas gehört oder gesehen. Es gibt ein paar Hinweise – eine heiße Spur ist nicht dabei.

Abends in Alzey: Ermittler Jürgen Metz telefoniert mit einer Freundin von Elke Thom. Was sie erzählt, lässt ihn aufhorchen. Vor ein paar Tagen, sagt sie, habe sich überraschend ein alter Bekannter bei Elke gemeldet. Zülfü P., vermutlich ein Türke. Jahrelang hatte sie nichts von ihm gehört. Seine drängende Bitte um ein Treffen habe Elke Thom aber abgelehnt. Dieser Anruf – ein Zufall, so kurz vor dem Mord ?

Mittwoch, 03. März 2004

Morgenbesprechung. Telefonnummern werden überprüft, Arbeitsaufträge verteilt, die Liste mit offenen Spuren wächst. Die Tatwaffe: ein schwerer Hammer. Der Täter hat ihn zurückgelassen. Das Messer – Tatwaffe Nr. 2 – fehlt.

Langsam entsteht ein Bild des ermordeten Ehepaares.

Helmut Thom, 43, bei Opel erfolgreich und beliebt. Ein häuslicher Typ, der ganz für seine Familie lebte.

Elke Thom, drei Jahre jünger, großherzig und lebensfroh. Sie managte den Haushalt und ihre vielen Hobbies und kümmerte sich liebevoll um die Kinder.

Hatten die Thoms Feinde? Nichts deutet darauf hin.

Sie müssen den Täter eingelassen haben – oder er besaß einen Schlüssel. Die Polizei fand keine Einbruchsspuren. Wer hatte jetzt oder früher Zugang zum Haus?

Nachbarn machen die Soko auf einen gewissen Kenan aufmerksam. Ein zweiter Türke, der den Thoms im Herbst 2003 beim Renovieren half und in dieser Zeit auch bei ihnen wohnte. Zusammen mit seiner deutschen Freundin Dagmar. Zwischen den beiden gab es Streit und Dagmar zog weg, nach Hannover.

Die Begebenheit wird als „Spur 8" in den Akten vermerkt. Wie wichtig diese Spur bald werden wird, ahnen die Beamten zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Zur gleichen Zeit durchkämmen Beamte der Bereitschaftspolizei noch einmal die Umgebung des Hauses. Sie suchen nach dem Messer. Ohne Ergebnis. Stattdessen wird in einem Gebüsch der blutige Werks-ausweis von Helmut Thom gefunden. Rätselhaft.

Der Familienvater bewahrte den Dienstausweis im Handschuhfach seines Autos auf. Der Täter hat das Fahrzeug hastig durchwühlt. Auch hier ist überall Blut. Es stammt von den Opfern. Der Mörder – so viel steht schnell fest - trug Handschuhe und hinterließ keine verwertbaren Spuren. Was hat er gesucht und warum nahm er ausgerechnet den Dienstausweis mit? Das ist bis heute ungeklärt.

Abends erstatten die Beamten der Spurensicherung der Soko einen ersten Bericht. Sie werden noch Tage beschäftigt sein, jeden Quadratzentimeter des Tatorts analysieren und kistenweise Asservate sichern.

Eine interessante Spur: Der Täter hat beide Opfer auf ungewöhnliche Art und Weise gefesselt. Mit dem Klebeband, das er benutzt hat, beschäftigen sich Spezialisten des Landeskriminalamtes.

Zwei Tage sind seit der Bluttat vergangen – ein Verdächtiger ist nicht in Sicht. Doch Soko-Leiter Uwe Lang ist gelassen. Die Klärung eines Verbrechens, sagt er, sei fast immer mühselige Kleinarbeit. In dieser Phase der Ermittlungen komme es darauf an, jeden einzelnen Hinweis, jede noch so unbedeutende Spur sauber abzuarbeiten. Irgendwann werde sich das Puzzle schon zusammensetzen.

Donnerstag, 04. März 2004

Die Obduktion der Opfer ist abgeschlossen. Auch für Dr. Rainer Amberg, den erfahrenen Rechtsmediziner, ist dieser Fall ungewöhnlich. Ihn erschreckt die Brutalität, mit der der Täter bei beiden Opfern vorgegangen ist. Die vollständige Durchtrennung des Halses, teilweise mit mehreren Schnitten, sei selten, sagt er, und lasse auf ein hohes Ausmaß an Aggression schließen. Er geht davon aus, dass die Tat geplant war.

Ermittler Jürgen Metz ist dem ominösen Zülfü P. auf der Spur, der überraschend bei Elke Thom angerufen hat. Der Fahndungscomputer spuckt einen 37-jährigen Mann aus, auf den die vorhandenen Daten passen. Elkes Bekannte, von der der Tipp stammt, stellt sich als Lockvogel zur Verfügung. Sie wird sich zum Schein mit dem Verdächtigen treffen.

Zwei Kollegen kümmern sich parallel um Kenan, den Türken, der bei den Thoms renoviert hat. Adresse und Telefonnummer seiner ehemaligen Freundin sind schnell ermittelt. Sie wohnt tatsächlich in Hannover. Nein, sie habe nichts von ihm gehört, sagt sie, als die Polizei anruft, nennt den Beamten aber den vollen Namen: Kenan Kütük. Kein Unbekannter. Vor vier Jahren wurde er erkennungsdienstlich erfasst, weil er illegal in Deutschland lebte. Er entzog sich seiner Abschiebung und tauchte wieder unter. Immerhin liegt jetzt ein Bild von ihm vor. Noch ist Spur 8 eine von vielen. Der Mann wird im Moment nur als Zeuge gesucht. Abends berichtet die ZDF-Sendung Aktenzeichen XY von dem Verbrechen.

Drei Tage sind nach dem Doppelmord vergangen. Werden sich noch neue Zeugen melden?

Freitag, 05. März 2004

Soko-Leiter Uwe Lang erstattet dem Leitenden Oberstaatsanwalt Klaus Puderbach Bericht. Es geht um Max, den einzigen Zeugen. Er und Patrik leben jetzt bei Angelika Lehmann, der Schwester der Toten und ihrem Mann Bernd. Kann der Zweijährige der Polizei Hinweise geben? Eine Kinderpsychologin rät davon ab, das Kind zu befragen. Die Beamten entscheiden sich, ihrer Empfehlung zu folgen – zum Wohle von Max.

Sie werden Angelika Lehmann bitten, ungewöhnliche Äußerungen oder Verhaltensweisen des Kleinen schriftlich festzuhalten.

Sonntag, 07. März 2004

Eine Zeugin hat sich nach der XY-Sendung gemeldet. Sie hat vier Tage vor dem Mord einen Mann am Haus gesehen, der sich im Schatten verbarg. Als sie ihn ansprach, drehte er sich weg. Mehrere Fotos werden ihr vorgelegt. Sie identifiziert Kenan Kütük und ist sich ihrer Sache sicher.

Montag, 08. März 2004

Eine Woche nach dem Mord: Die Computerspezialisten des Landeskriminalamtes legen ihre Ergebnisse vor. Sie haben alle Rechner des Hauses überprüft und nichts Auffälliges gefunden. Immerhin: Patriks Angaben haben sich bestätigt. Er hat an diesem Abend im Souterrain tatsächlich ununterbrochen am PC gespielt. Zur Tatzeit wurden mehrere Dateien verändert. Wie bei jedem Mordfall gehören auch Familienangehörige zunächst zum Kreis der Verdächtigen. Doch jetzt steht zweifelsfrei fest: der Junge hat nichts mit dem Mord zu tun. Die Beamten sind erleichtert. Patrik, der so Schlimmes erlebt hat, tut ihnen leid.

Um 12 Uhr mittags kommt das MEK zum Einsatz. Elke Thoms Freundin hat sich – wie versprochen – mit Zülfü P. verabredet. In einem Schnellrestaurant erfolgt der polizeiliche Zugriff. Der Türke kommt widerstandslos mit. Zwei Stunden später ist er wieder auf freiem Fuß. Er hat ein hieb- und stichfestes Alibi, war zur Tatzeit ein paar hundert Kilometer weit weg.

Die Ermittlungen konzentrieren sich auf Kenan Kütük. Dagmar K. in Hannover wurde am Morgen noch einmal vernommen. Jetzt gibt sie überraschend zu: Kenan war bei ihr, als die Soko zum ersten Mal nach ihm fragte. Leichenblass sei er geworden, als sie den Beamten seinen Nachnamen buchstabierte. Er habe am ganzen Körper gezittert und die Wohnung – ohne weiter nach den Thoms zu fragen – gleich nach dem Telefonat überstürzt verlassen. Das macht ihn hochverdächtig.

Jetzt kommt Bewegung in die Ermittlungen. Der Gesuchte wohnte 3 Kilometer vom Tatort entfernt, im Nachbardorf Armsheim. Die Soko fordert Unterstützung an. Kollegen von der Bereitschaftspolizei suchen mögliche Fluchtwege mit Metalldetektoren ab, das Messer finden sie nicht.

Am Armsheimer Bahnhof hat er vermutlich den Zug in Richtung Hannover bestiegen; Dienstag früh um 11 stand er bei Dagmar K. vor der Tür.

Kenan Kütük. Wer ist dieser Mann, auf den sich die Soko jetzt konzentriert? Er stammt aus Südostanatolien, und kam Mitte der 90er Jahre nach Deutschland – nach Alzey, wo viele Verwandte und Freunde wohnen. Ein Leben in der Illegalität, in dem er sich als Schwarzarbeiter mit Gelegenheitsjobs über Wasser hielt. Dagmar K. beschreibt ihn als aufbrausend und gewaltbereit. In der Türkei hat er Frau und Kinder.

Doch wenn er es war – was war sein Motiv? Gab es Streit um geliehenes Geld? War es Rache, weil Elke Thom seiner Freundin Dagmar zur Trennung riet?

Dienstag, 09. März

Beamte der Spurensicherung nehmen das baufällige Haus auseinander, in dem Kenan Kütük zuletzt gewohnt hat – und werden fündig. In einer Abfalltüte entdecken sie Klebeband von genau der gleichen Sorte, wie es am Tatort gesichert wurde. Acht Tage nach dem Doppelmord endlich Fakten. Lage für Lage tragen die Beamten jetzt den ganzen Müll ab.

In einer Ecke des Schlafzimmers liegt Kleidung. Jeans. Und eine schwarze Jacke mit dunklen Flecken. Ist es Blut?

Mit größter Vorsicht werden die möglichen Beweismittel geborgen und ins Labor des Landeskriminalamtes gebracht.

Dort fügt sich eines zum anderen. Kriminaltechnikerin Dr. Stefanie Grethe bringt die stummen Zeugen zum Sprechen. An der Jacke haftet tatsächlich Blut – und schnell steht fest: es stammt von den Opfern. Die Analyse des Klebebands, mit dem Elke und Helmut Thom gefesselt waren, dauert noch an.

Mittwoch, 10. März 2004

In aller Frühe meldet das LKA-Labor: die Ergebnisse der kriminaltechnischen Untersuchung sind eindeutig. Kenan Kütük steht unter dringendem Tatverdacht.

Der leitende Oberstaatsanwalt Klaus Puderbach erwirkt einen Haftbefehl. Nach der Spurenlage, so sagt er, deute alles darauf hin, dass Kütük der Mörder ist. Die Polizei darf sogar mit Bild nach ihm fahnden – das ist sehr ungewöhnlich.

Donnerstag, 11. März 2004

Ermittler Jürgen Metz ist noch einmal nach Hannover gereist und kommt mit weiteren belastenden Details zurück. Jetzt, am 10. Tag der Ermittlungen, so scheint es, steht der Mörder fest. Der Kriminalbeamte ist erleichtert. Er hat sein Versprechen gehalten, das er dem 18-jährigen Patrik am Tag nach der Tat gab. Finden Sie ihn, hatte ihn der Junge damals mit Tränen in den Augen gebeten.

Abschließen können die Beamten den Fall aber nicht. Der Gesuchte ist wie vom Erdboden verschluckt. Seit heute sind die Zielfahnder des Landeskriminalamtes in die Ermittlungen eingeschaltet. Wenn der mutmaßliche Täter noch in Deutschland ist, hat er kaum eine Chance. Die Aufklärungsquote im Inland beträgt fast 100 Prozent.

Doch Kenan Kütük hat sich schon abgesetzt. Zwei Tage zuvor, so finden die LKA-Spezialisten schnell heraus, ist er über Istanbul in die Türkei eingereist. Für die Ermittler ist das die schlechteste aller Varianten, denn die Türkei liefert ihre Bürger nicht aus.

Freitag, 12. März 2004

Die Soko in Alzey wird heute teilweise aufgelöst. Ein letztes Mal setzen sich alle in großer Runde zusammen – und feiern den Erfolg mit einem gemeinsamen Frühstück. Doch solange der Mörder noch auf freiem Fuß ist, können die Beamten nicht aufatmen.

Alle weiteren Ermittlungen werden jetzt von Mainz aus geführt – soweit dies möglich ist, denn ab sofort sind den Beamten die Hände gebunden. Der Leitende Oberstaatsanwalt musste – wie in solchen Fällen üblich – das Verfahren komplett nach Ankara abgeben.

Obwohl die deutsche Polizei jetzt außen vor ist, ermitteln die Zielfahnder weiter, um ihre türkischen Kollegen zu unterstützen. Sie orten Kütük im südostanatolischen Gölbasi, wo auch seine Familie wohnt. Monatelang hören sie seine Handy-Gespräche mit und liefern der türkischen Polizei Wortprotokolle und Bewegungsprofile.

Doch die Resonanz: verhalten. Anders als erhofft lassen sich die Türken nicht in die Karten schauen.

Mai 2005

Das Haus in Flonheim hat seit der Bluttat niemand mehr betreten. Erst jetzt, 14 Monate nach der grausamen Tat, fasst sich Angelika Lehmann, die Schwester der Toten, ein Herz und beginnt mit dem Ausräumen. Die Zeit heilt Wunden, heißt es, doch für sie und ihren Mann Bernd vergeht kein Tag, an dem sie nicht um Schwester und Schwager trauern. Die Eltern hat der Schmerz krank gemacht. Patrik lebt sehr zurückgezogen und mag nicht über das Erlebte sprechen, und auch der kleine Max kämpft mit den Erinnerungen.

Nachts wacht der Kleine weinend auf und kürzlich, als ein Glas Erdbeermarmelade auf dem Boden zerbrach, war er nicht mehr zu beruhigen. Es dauerte eine Weile, bis Angelika begriff, dass er keine Erdbeeren sah, sondern Blut.

Abschließen mit der Tragödie kann die 37-Jährige nicht, solange der Mörder ihrer Schwester noch auf freiem Fuß ist. In ihre Trauer mischt sich Wut, sagt sie. Wut auf die Untätigkeit der türkischen Behörden.

Auch Sokoleiter Uwe Lang hat den Fall noch nicht zu den Akten gelegt. Er ist frustriert. Die Informationen der türkischen Polizei tröpfeln nur spärlich. Sie würden nach Kütük suchen, beteuert man, nur leider ohne Erfolg. Überprüfen können das die deutschen Ermittler nicht. Zuständigkeiten sind nicht zu entwirren. Bis heute hat Uwe Lang in der Türkei keinen festen Ansprechpartner.

Mai 2006

Mehr als zwei Jahre sind seit der Tat verstrichen. Kütük ist noch immer auf freiem Fuß. Der Oberstaatsanwalt: machtlos. Er kennt den Stand der Dinge nicht. Der Kontakt zu den türkischen Kollegen ist mittlerweile ganz abgerissen. Jetzt gibt es nicht einmal mehr Antworten auf Nachfragen.

Gelten in der Türkei die gleichen Regeln? Wie kann es sein, dass ein mutmaßlicher Doppelmörder zwei Jahre lang unbehelligt bleibt?

Ein ZDF-Team, das die Ermittlungen von Anfang an begleitet hat, will sich vor Ort ein Bild machen und reist nach Gölbasi in Südost-Anatolien. Der Ort ist klein. In Windeseile spricht sich herum, dass ein deutsches Fernsehteam unbequeme Fragen stellt. Viele kennen den Gesuchten, auch Murat Sofu, Reporter der Lokalzeitung. Kenan Kütük stamme aus einflussreicher Familie, sagt er.

Niemand hier weiß offensichtlich, dass mit internationalem Haftbefehl nach dem Mann gefahndet wird. Polizeiaktionen, Razzien, Steckbrief, Durchsuchungen? Auch davon hat der Reporter nichts gehört. Während des Interviews klingelt immer wieder das Telefon. Anfangs will der Journalist noch über den Fall in seiner Zeitung schreiben, nach den Telefonaten plötzlich nicht mehr.

Mittlerweile wird das Team von Zivilpolizisten observiert. Zum Schutz, wie es heißt. Offiziell gibt es keine Interviews. Alle Anfragen bei Innenministerium, Polizeipräsident und Gouverneur waren schon im Vorfeld abgelehnt worden. Die Behörden, so heißt es, fahnden mit Hochdruck nach dem Verdächtigen. Dass er noch nicht verhaftet ist, liege „an den schwierigen geographischen Gegebenheiten".

Obwohl das ZDF-Team eine offizielle Dreherlaubnis hat, verfügt der Gouverneur der Provinz am späten Nachmittag: Dreharbeiten einstellen.

Er ist in dieser Angelegenheit nicht zu sprechen. Begründung für das Drehverbot: keine. Die Reporter machen sich trotzdem auf den Weg nach Meydan Köyü, dem Dorf, in dem der mutmaßliche Täter noch immer gemeldet ist. 25 Kilometer hinein ins anatolische Gebirge. Dort hatten ihn die Zielfahnder einst geortet. Sie kommen nicht weit. Ein Geländefahrzeug mit Soldaten ist ihnen gefolgt und stoppt sie. Die Botschaft: unmissverständlich. Kamera einpacken. Sofort. Nein, auch keine Landschaftsaufnahmen. Warum? Befehl von oben.

Ein befremdliches Vorgehen, dass auch in der Türkei wohl nicht mit Grundsätzen der Pressefreiheit zu vereinbaren ist.

Im Juli 2006 berichtet das ZDF im Rahmen der Sendereihe „Der Fall" über den Doppelmord von Flonheim. Die Zuschauer-Resonanz auf den 30-Minuten-Film ist beträchtlich. Sie reicht von Betroffenheit und Mitgefühl für die Angehörigen, über Berichte von ähnlich gelagerten Fällen bis hin zu konkreten Hinweisen – doch auch diese Spuren verlaufen im Sande.

Bis Anfang Februar 2007 passiert nichts. Klaus Puderbach, der Leitende Oberstaatsanwalt hat keinen Kontakt mehr zu türkischen Kollegen. Seit anderthalb Jahren herrscht absolute Funkstille.

Dann – dieser Artikel ist schon im Druck – plötzlich die große Überraschung: Kenan Kütük ist festgenommen. In der Nacht zum 04. Februar haben ihn Beamte einer Sondereinheit in Gölbasi aufgespürt – dort, wo ihn die deutschen Zielfahnder 2004 schon orteten. Warum jetzt und nicht schon früher? Spielte der öffentliche Druck eine Rolle? Der Mainzer Oberstaatsanwalt weiß es nicht. Er geht davon aus, dass Kütük jetzt in der Türkei vor ein Gericht gestellt wird. Die Ermittlungsakten wurden komplett übersetzt und liegen den zuständigen Behörden vor. Zeugen müssen – falls gewünscht – anreisen.

Auch die Angehörigen der Opfer sind erleichtert, als sie von der Festnahme hören. Vielleicht bekommen sie jetzt eine Antwort auf das „Warum". Denn das Motiv für die Bluttat liegt immer noch im Dunkeln.

Doch mit ihrer Trauer und dem Verlust müssen sie leben. Max wächst in der Familie von Elke Thoms Schwester auf. Geborgen und beschützt. Er nennt Angelika und Bernd Lehmann „Mama" und „Papa" und begleitet sie oft zum Friedhof. Fünf Jahre ist er jetzt bald alt und ahnt noch nicht, dass er das Grab seiner Eltern besucht. Irgendwann wird er beginnen, Fragen zu stellen. Angelika Lehmann fürchtet sich vor diesem Augenblick.

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