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Auferstanden aus Ruinen?

Staub, Klette, Garweg und die dritte Generation der RAF!

Von Dr. Udo Baron, Hannover

 

1 Raubüberfälle in Niedersachsen


Es ist der 6. Juni 2015 als gegen 14.20 Uhr ein Geldtransporter im niedersächsischen Groß Mackenstedt auf das Gelände eines großen Einkaufsmarktes fährt. Kaum zum Stehen gekommen, parkt ihn ein VW-Kleinbus zu. Unmittelbar darauf steigen zwei mit Tarnanzügen bekleidete Personen aus dem Kleinbus und bedrohen die Geldboten mit einer Maschinenpistole der Marke AK 47 Kalaschnikow und einer Panzerfaust der Marke RPG7. Als ein dritter Täter – ebenfalls im Tarnanzug – dazukommt, fallen plötzlich Schüsse. Doch den Tätern gelingt es nicht, die Türen des Transporters zu öffnen. Nach einem kurzen Moment der Überlegung ergreifen sie die Flucht Richtung Bremen mit einem Auto, das der dritte Täter mitgebracht hatte. So schnell wie der Spuk begann, so schnell war er auch schon wieder vorbei. Doch es sollte nicht der letzte Überfall seiner Art bleiben.

Am 28. Dezember 2015 wiederholt sich das Szenario auf ähnliche Art und Weise auf dem Parkplatz eines Einkaufmarktes – diesmal in Wolfsburg. Wieder gelingt es den Tätern nicht, in den Geldtransporter zu gelangen, abermals bleiben sie ohne Beute. Auch ihr nächster Überfall am 7. Mai 2016 in Hildesheim ist nicht von Erfolg gekrönt. Dann jedoch gelingt ihnen der große Coup. In Cremmlingen bei Braunschweig erbeuten sie am 25. Juni 2016 bei einem erneuten Überfall auf einen Geldtransporter mehr als 600.000 Euro. Seitdem fehlt von den Tätern jegliche Spur. An den Tatorten aufgefundene DNA-Spuren ergeben, dass die drei Flüchtigen keine Unbekannten sind. Mit Ernst-Volker Staub, Daniela Klette und Burkhard Garweg handelt es sich um drei ehemalige Terroristen der „Roten Armee Fraktion“ (RAF). Bereits Ende Juli 1999 sollen sie einen Geldtransporter in Duisburg überfallen und dabei 1 Million DM erbeutet haben. Wer sind die drei Flüchtigen? Wie sind sie in den Kontext der RAF einzuordnen? Wer oder was war die RAF, insbesondere ihre dritte Generation? Was steckt hinter ihren Raubüberfällen? Dienen sie tatsächlich nur der Altersvorsorge oder formiert sich eine neue Generation der RAF?

 

2 Linksterrorismus in Deutschland


Die Wurzeln des deutschen Linksterrorismus im 20. Jahrhundert gehen auf die außerparlamentarische Opposition Ende der 1960er Jahre zurück. Nach der Ermordung des Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 und dem Mordanschlag auf den Studentenführer Rudi Dutschke vom 11. April 1968 begannen sich ihre gewaltbereiten Teile vor dem Hintergrund des Zerfalls der sog. 68er-Bewegung zunehmend zu radikalisieren. Zu Beginn der 1970er Jahre schlossen sich einige von ihnen zu sich als sozialrevolutionär verstehenden terroristischen Gruppierungen zusammen. Die bundesrepublikanische Gesellschaft verbindet seitdem mit Linksterrorismus neben der „Bewegung 2. Juni“ und den „Revolutionären Zellen“ in erster Linie die 1970 gegründete RAF. Verantwortlich für diese Wahrnehmung ist vor allem die Schwere ihrer Taten: ihre Akteure werden für 34 Morde sowie zahlreiche Sprengstoffattentate und Banküberfälle verantwortlich gemacht.1 Die „Mai-Offensive“ vom 11. Mai 1972 auf das Hauptquartier der US-Armee in Frankfurt am Main mit vier Todesopfern, der Anschlag auf die deutsche Botschaft in Stockholm am 24. April 1975, insbesondere aber die „Offensive 77“ gehören dabei zu den zentralen Wegmarken des bundesrepublikanischen Linksterrorismus, Marke RAF. Die „Offensive 77“ begann mit dem Mord an Generalbundesanwalt Siegfried Buback am 7. April 1977, setzte sich fort mit der Ermordung des Dresdner-Bank-Chefs Jürgen Ponto am 30. Juli 1977 und mündete zwischen September und Oktober 1977 in eine Serie von Gewalttaten, die dazu dienen sollte, inhaftierte RAF-Mitglieder freizupressen. So wurde am 5. September 1977 der Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer entführt und seine vier Begleiter erschossen. Als die Bundesregierung nicht auf die Forderungen nach Freilassung der inhaftierten RAF-Kader einging, entführte am 13. Oktober 1977 ein Kommando der mit der RAF kooperierenden palästinensischen Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) die Lufthansamaschine „Landshut“ mit 87 Menschen an Bord ins somalische Mogadischu. Nachdem die GSG 9 am 18. Oktober 1977 die Lufthansamaschine erstürmte und die Geiseln befreien konnte, begingen die in der JVA Stuttgart einsitzenden Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in der „Todesnacht von Stammheim“ Selbstmord. Als seine Entführer vom Tod der RAF-Häftlinge erfuhren, erschossen sie Hanns Martin Schleyer noch am 18. Oktober 1977. Die Geschehnisse rund um die 44-tägige Geiselnahme Schleyers gingen als „Deutscher Herbst“ in die Geschichte der Bundesrepublik ein. Weder davor noch danach hat eine Gruppierung so zielgerichtet wie die RAF die Bundesrepublik mit dem Ziel herausgefordert, ihre politische Ordnung gewaltsam zu überwinden.2

 

3 Die dritte Generation der RAF


Zur Verdeutlichung der verschiedenen Phasen terroristischer Aktivitäten der RAF wird ihre Geschichte in drei Generationen unterschieden, deren Übergänge fließend sind.3 Die erste Generation beginnt mit der Befreiung Baaders im April 1970 durch Ulrike Meinhof und endet mit der Inhaftierung von 19 ihrer Mitglieder zwischen Juni 1972 und Ende 1974. Baader, Ensslin, Meinhof, Raspe, Holger Meins und Horst Mahler waren ihre Gesichter. Strukturell bildete zu diesem Zeitpunkt eine vor allem aus diesen Protagonisten bestehende Kommandoebene die RAF-Spitze. Sie lebten unter falschen Namen mit gefälschten Papieren im Untergrund, hielten sich für eine kämpfende Avantgarde und heroisierten sich selbst als „Guerilla“.4 Die Kommandoebene allein entschied über die Durchführung einer Aktion, sie war für die Mordanschläge zuständig. Als selbsternannte „Stadtguerilla“ orientierte sich die erste Generation an den revolutionären Befreiungsbewegungen Lateinamerikas. Um die Staats- und Gesellschaftsordnung der Bundesrepublik zu überwinden, verübten sie neben zahlreichen Banküberfällen diverse Anschläge auf amerikanische Militäreinrichtungen, auf Sicherheitsbehörden und Unternehmern.5
Die zweite Generation organisierte sich um Christian Klar und Mohnhaupt. Zeitlich gesehen trat sie mit der Botschaftsbesetzung in Stockholm am 24. April 1975 auf den Plan und endete spätestens mit der Verhaftung ihrer Kommandoebene um Klar, Mohnhaupt, Adelheid Schulz und Helmut Pohl bis Ende 1984.6 Diese Phase war geprägt von einer zunehmend brutaler und rücksichtsloser agierenden RAF, deren Höhepunkt zweifellos der Herbst 1977 darstellte. Die Befreiung der inhaftierten RAF-Mitglieder, die „Big Raushole“ wie sie es nannten, war für die zweite Generation der RAF zwischen 1972 und 1977 das entscheidende Ziel.7

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