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„Wir müssen der Ort sein, an dem auch unbequeme Fragen zur Entwicklung der Polizei diskutiert werden“

Gespräch mit Hans-Jürgen Lange, Präsident der DHPol


Prof. Dr. Hans-Jürgen Lange (*1961 in Bochum) ist seit dem 1. Juli 2014 gewählter Präsident der Deutschen Hochschule der Polizei (DHPol). Unser verantwortlicher Redakteur Prof. Hartmut Brenneisen sprach mit ihm über den aktuellen Entwicklungsstand der universitären Einrichtung in Münster.

Kriminalpolizei: Sehr geehrter Herr Prof. Lange, im März 2016 hat die DHPol ihr 10-jähriges Bestehen gefeiert. 2004 wurde der Masterstudiengang „Öffentliche Verwaltung – Polizeimanagement“ akkreditiert und 2006 begann die Gründungsphase der DHPol. Hat sich die Fortentwicklung des ehemaligen „Polizei-Instituts“ bzw. der „Polizei-Führungsakademie“ (PFA) zu einer universitären Hochschule gelohnt?

Prof. Lange: Die PFA war die Antwort auf die Modernisierung der Polizei in den 70er Jahren. Sie war eine gute Ausbildungsstätte für den höheren Dienst. Ende der 90er Jahre wurde deutlich, dass eine Weiterentwicklung notwendig wird. Ich habe am letzten Wochenende das „Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“ in Bonn besucht. Mir wurde anhand der verschiedenen Ausstellungen dort noch einmal sehr bewusst, wie sehr sich die Bundesrepublik seit 1990 verändert hat. Es war nicht nur die Wiedervereinigung. Die zunehmende europäische Integration ist zu nennen, der Wegfall des West-Ost-Konflikts, die offenen Grenzen, die damit verbunden sind, die zunehmende Globalisierung. Die Gesellschaft verändert sich durch alle diese Entwicklungen in einem enormen Tempo. Alles scheint sich zu beschleunigen. Die Polizei bleibt davon nicht unberührt. Im Gegenteil. Innere Sicherheit ist zu einem wichtigen Gut geworden. Die Menschen erwarten vom Staat, dass er angesichts der verstärkt empfundenen Verunsicherungen, die mit diesen Entwicklungen verknüpft sind, Sicherheit vermittelt. Für die Polizei wie überhaupt für die öffentliche Sicherheitsverwaltung wird die Arbeit komplizierter, die Anforderungen an die Polizei wachsen. Die Gründung der DHPol im Jahre 2006, als Idee entstanden Ende der 90er Jahre, war auch Ausdruck dieser Veränderungen. Hinzu kam, dass sich die Bildungs- und Hochschullandschaft in Europa durch die Bologna-Reform tiefgreifend veränderte, die zum Ziel hat, einen vergleichbaren Standard für Bildungs- und Hochschulabschlüsse zu schaffen. Der Wandel von der PFA zur DHPol war darauf eine richtige und wegweisende Entscheidung. Die Polizeiausbildung und deren Abschluss zum höheren Dienst sollten im Vergleich zu anderen Disziplinen auf Augenhöhe erfolgen, ihre Absolventinnen und Absolventen anderen akademisch Ausgebildeten gleichgestellt sein.

Kriminalpolizei: Wurde die DHPol nicht erst mit Aufnahme in das Hochschulgesetz des Landes Nordrhein-Westfalen (HG NRW) im Jahr 2016 eine „richtige“ Universität?

Prof. Lange: Das ist ein Missverständnis, das sich leider hartnäckig hält. Einen universitären Status erhielt die DHPol schon 2006 bei ihrer Gründung, abzulesen z.B. an ihrem Promotionsrecht. Der Wandel von einer Akademie zu einer Hochschule hin zu einer Universität verlief allerdings schwierig und stockend. Der Wissenschaftsrat (WR), der die Qualität von Hochschulen prüft, sah die DHPol stets als eine nicht-staatliche Hochschule an, die zudem die Standards einer Universität nicht erfülle. Auch fiel es der Hochschule, ebenso lange Zeit ihren Trägern, schwer, sich von dem Denken und den Strukturen einer Behörde zu lösen und stattdessen konsequent von einer Hochschule auszugehen.

Kriminalpolizei: Ist es richtig, dass mit Ihrem Amtsantritt 2014 zugleich der Wunsch der Träger verbunden war, die Entwicklung hin zu einer Universität voranzutreiben?

Prof. Lange: Es war unabhängig von meiner Person bei den Trägern, konkret im Kuratorium der DHPol, der Wunsch gereift, nach der förmlichen Gründung der Hochschule nun auch ein Modell zu entwickeln, welches die Zielsetzung realisiert, einerseits universitäre Hochschule zu sein, andererseits die Besonderheiten der DHPol zu berücksichtigen. Diese besteht darin, eben nicht allgemeine und „offene“ Hochschule zu sein, sondern den höheren Polizeivollzugsdienst der Länder und des Bundes in Form eines anerkannten, sprich akkreditierten Masters auszubilden. Als mich die Findungskommission 2013 ansprach, ob ich mir vorstellen könne, das Präsidentenamt der DHPol zu übernehmen, war mir wichtig, dass wir uns auf diese Zielsetzung, ein solches universitäres Hochschulmodell zu entwickeln, von Anfang an ausdrücklich verständigen und auch die Bereitschaft besteht, die DHPol entsprechend zu verändern und neu auszurichten. Wir haben uns darauf schnell geeinigt und ich muss sagen, dass das Kuratorium in allen Belangen zu seinem Wort gestanden hat und steht und den entsprechenden Prozess verlässlich und konstruktiv unterstützt.

Kriminalpolizei: Was ist bislang umgesetzt worden?

Prof. Lange: Wir haben 2015 die Hochschulorganisation komplett umgebaut. Zuerst die Hochschulverwaltung. Dann haben wir die Fachgebiete in drei Departments (vergleichbar zu Fachbereichen bzw. Fakultäten) thematisch gebündelt, hierbei bewusst polizeilich und professoral geleitete Fachgebiete zusammengebracht. Wir haben das Profil der Hochschule geschärft, indem wir die Polizeiwissenschaft jetzt als integrative Verwaltungs- und Polizeiwissenschaft verstehen, die damit anschlussfähig geworden ist an die allgemeine Wissenschafts- und Forschungslandschaft. 2016 wurde der Haushalts- und Stellenplan der DHPol erweitert, zum einen um neue Fachgebiete und eine Forschungsförderungsstelle einzurichten, zum anderen konnten wir damit die Auflagen des Wissenschaftsrates aus der Reakkreditierung des Jahres 2013 erfüllen, die die DHPol massiv in Frage gestellt hatten. Ende 2016 gelang es dann, die DHPol zusätzlich zum weiterhin bestehenden Staatsvertrag, der auf das Jahr 1972 zurückgeht, und zum nach wie vor gültigen Gesetz über die DHPol in das HG NRW mit einem eigenen Artikel einzubringen (Art. 81a). Mit dieser Aufnahme wurde die bis dato fehlende hochschulrechtliche Verankerung vorgenommen. Die DHPol ist jetzt eine anerkannte staatliche Universität der Polizei, getragen weiterhin von den Ländern und vom Bund. Es kommt hinzu, dass wir 2016 eine grundlegende bauliche Sanierung des gesamten DHPol-Campus begonnen haben. Der Zustand der Gebäude ist schlecht und entspricht nicht dem Standard einer modernen Hochschule. Die entsprechenden Mittel dafür wurden bewilligt.

Kriminalpolizei: Sie haben danach einen umfangreichen Strategieprozess gestartet, der bis 2022 dauert. Warum war das nach Aufnahme in das HG noch notwendig?

Prof. Lange: Nach der Stabilisierung der DHPol durch die Aufnahme ins HG NRW entfiel die Qualitätskontrolle durch den WR. Mir war wichtig, dass wir uns jetzt nicht zurücklehnen und sagen, nun ist alles gut und es ist Ruh´. Es war klar, dass von uns erwartet wird, z.B. vom Wissenschaftsministerium NRW, das uns bei der Aufnahme ins HG unterstützt hatte, ebenso aber auch von den Universitäten des Landes insgesamt, dass wir nun unter Beweis stellen, dass wir auch tatsächlich Universität sind. Wir sind jetzt erstmals in der Situation, eigenständig bestimmen zu können, wie wir uns mit welchen Zielen entwickeln wollen, was unsere Schwerpunkte sein sollen, welches unser Selbstverständnis ist. Bis dato war dies immer vorgegeben worden von außen, z.B. durch Akkreditierungsverfahren. Wobei „Wir“, so meine Überzeugung, immer bedeuten muss, dass wir dies als Hochschule gemeinsam mit den Trägern entwickeln. Nur wenn beide Seiten sich auf ein gemeinsames Konzept einigen, kann dieses ein dauerhaftes, ein belastbares und ein nachhaltiges sein. Es muss eben auch Konflikte aushalten können, ohne dass es in einem solchen Fall sofort in Frage gestellt oder der akademischen Abgehobenheit verdächtigt werden würde. Aus diesem Grunde ist z.B. die „Strategiekommission“, in der alle Beratungen der Arbeitsgruppen zusammenlaufen, paritätisch besetzt mit acht Vertretern aus der Hochschule und acht aus den Ländern und dem Bund.

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