Kriminalität
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Islamistische Videopropaganda und die Relevanz ihrer Ästhetik

Von Dr. des. Bernd Zywietz

Dr. des. Bernd Zywietz ist Film- und Medienwissenschaftler sowie Vorstandsmitglied des Netzwerk Terrorismus e.V. Er promoviert zum Thema Terrorismus und Film und befasst sich schwerpunktmäßig mit dem Verhältnis von politischer Gewalt und Medien. Aktuell forscht er zur Online-Propaganda des IS und ihrer Gestaltung.

„Denis Cuspert droht mit Anschlägen in Deutschland“. So titelte Spiegel-Online am 15. April dieses Jahres. Vormals unter dem Namen „Deso Dogg“ als Berliner Gangsta-Rapper mäßig erfolgreich und nun als Abu Talha al-Almani Aushängeschild des sog. „Islamischen Staat“ (IS) singt Cuspert in seinem naschid von „deutschen Schläfern“, die nach den „Taten“ in Frankreich „warten würden“. „Auch wenn du in Europa bis, mach deinen Jihad. Allah wird dich belohnen, setz‘ den Dreckigen ein Ende“. Krude ist der Sprechgesang, holperig sind die Reime. Einmal mehr jedoch ist mediale Aufmerksamkeit gewiss, wie schon bei „Abu Dawud“ alias Michael N. aus Gladbeck im vergangenen Oktober, der in einem Video aus dem „Kalifat“ Deutschland drohte und die Bundeskanzlerin als „schmutzige Merkel“ schmähte. Sind Cusperts Worte ein ernstzunehmender Appell? Ist das Lied als Signal zu deuten, dass der IS nach stagnierender militärischer Expansion in Syrien und Nord-Irak womöglich auf Terrorismus in Europa und mithin in Deutschland setzt? Sieht sich die IS-Spitze nach den aufsehenerregenden Bluttaten in Paris unter Zugzwang durch die extremistische Konkurrenz al-Qaidas?
Angesichts der „Drohung“ Cusperts sollte Ruhe vielleicht nicht altpreußisch erste Bürgerpflicht sein, empfehlenswert ist sie jedoch allemal. Selbst wenn Abu Talha al-Almani recht hoch in der Propaganda-Hierarchie des IS angesiedelt sein sollte, handelt es sich bei dem lancierten Video um kein formales Statement der Führungsspitze, sondern um einen der Kriegssprechgesänge (freilich: auf Deutsch), der wie die übrigen bebilderten anaschid der IS-Jihadisten übervoll ist von überzogenem Heroismus, Großmannssucht, Feind- und gar Menschenverachtung sowie vollmundigem Pathos. Weit besorgniserregender als die Worte des Ex-Rappers ist allerdings das dazugehörige Video mit dem Titel Fisabilillah („Im Namen Allahs“) selbst. Produziert ist es, gemäß Intro-Logo, Verbreitungsquelle und „Look“, von der IS-Medienabteilung al-Hayat Media Center (HMC).1 Seit Mitte 2014 ist das HMC maßgeblich für die Ansprache des westlichen Publikums im Gesamtensemble der IS-„PR“ zuständig, stellt Übersetzungsuntertitelungen her und steht vor allem für jene Hochglanz-Produktionen, die in Sachen IS-Propaganda für Aufsehen und Abscheu sorgten: von den hochästhetisierten Features Salil as-Sawarim IV („Das Klirren der Schwerter“) und Flames of War mit fast einstündiger Lauflänge bis zu den schrecklichen Enthauptungsfilmen.

Professionelle Aufmachung, gefährliche Botschaft


Fisabilillah fügt sich in diese Linie ein und lässt gerade angesichts der unsäglichen inhaltlichen Botschaft über die gestalterische Professionalität staunen. Das „Musikvideo“ wartet mit hochauflösenden Bildern in gelackter Werbe-Anmutung auf, von der Machart bis zum Bildgegenstand ist es genau durchkomponiert. Wir sehen darin einen Mann in blassblauem Hemd und beigefarbener Hose – wie bei allen Figuren des Clips bleibt sein Kopf außerhalb des Bildkaders, er damit betont anonym. In einem hellen, aufgeräumten Zimmer klappt er sein Notebook auf, um sich darauf Filme zum Jihad anzuschauen, trinkt dabei, isst. Daran anschließend wird wie in einem Agentenfilm ein Koffer im Vorbeigehen zwischen zwei Männern ausgetauscht, aus diesem nach einer geschickten Überblendung eine Pistole entnommen und mit Schalldämpfer versehen. Weitere visuell stylische Fragmente, die Attentatsvorbereitungen andeuten: Das Befüllen von Plastikfässern mit Chemikalien und deren Verschaltung zu einer Autobombe. Das Mischen von Explosivstoffen und das Basteln einer Sprengstoffweste. Das Zusammensetzen eines Scharfschützengewehrs und das Justieren des Zielfernrohrs. Die Fahrt in einem BMW-Geländewagen – die Aufnahmen könnten zunächst aus einem Marken-Spot stammen, doch dann hält der Fahrer, steigt aus, ein Messer in der Hand. Parallelgeschnitten, auf einer dritten Zeit- oder Erzählebene, wird in einem Koran nachgelesen; es verabschiedet sich per SMS (eine Träne tropft aufs Display) und handgeschriebenem Brief ein Glaubenskrieger von den Liebsten – all diese Texte auf Deutsch, alle Einstellungen schnell geschnitten, dynamisch arrangiert und montiert.
Auch wenn es zynisch klingt: Fisabilillah ist handwerklich sehr gut gemacht, attraktiv und faszinierend, viel zu „cool“ und „sexy“, um ein vor allem jüngeres Publikum nicht anzusprechen. Cusperts dürftige Sangeskünste wie der Inhalt des dumpfen Lied-Textes selbst fallen dagegen eklatant ab. Neben den glatten HD-Bildern, ihrer Komposition und Rhythmik, den Motiven, Kulissen und ihrer Ausleuchtung oder dem Spiel mit der Tiefenschärfe – alles verweist auf einen Aufwand, der gängigen Clips der Werbeindustrie entspricht – steht das dreiminütige Video darüber hinaus in zweifacher Hinsicht für eine neue Generation audiovisueller Propaganda jenseits dröger indoktrinatorischer Botschaften und Anleitungen religiöser oder militanter Art. Als „Musikvideo“ bietet Fisabilillah nicht die übliche Collage lediglich thematisch verbundener Bürgerkriegs- und Leidensaufnahmen, die Inszenierung der „guten“ Jihadisten, die Explosionen, Schusswechsel oder die ausgestellten Opfer der „Gegner“, inhaftierte Muslime, blutige Körper, garniert mit wirbelnden Grafikelementen und durchsetzt von abstrakten Animationen. Wie viele anspruchsvolle Clips der westlichen Musikindustrie2 ist der kurze Film einfach und komplex zugleich, vor allem: in sich narrativ. Das Video bietet in aller Reduktion eine klare Geschichte, die prototypische Handlungsvorgabe für die Zielgruppe sein soll: Inspiriert von den Online-Aufnahmen (so geht die „Story“) und nachdem er die religiösen Leitquellen zur Bestätigung herangezogen hat, soll der (so) Überzeugte Abschied nehmen und zur Waffe greifen. Egal ob diese nun eine selbstgebaute Bombe oder auch nur ein Messer ist, mit dem man unterwegs „Ungläubige“ absticht. Dabei, so behauptet das Video mit dem ästhetischen und inhaltlichen Luxus der Bilder, muss man sich nicht fühlen wie ein banaler Meuchelmörder, sondern schlüpft in die stilsichere lässige Rolle eines James Bond. Statt Terroranschläge als blutrünstige Aktionen eines heißen, heiligen Zornes: „coole“ Operationen mit dem Flair einer spannenden Spionage-Mission, wie wir sie aus dem Kino kennen.
Ein weiterer besorgniserregender Aspekt ist die Selbstbezüglichkeit des Clips. Denn die Videos, die neben den „Charlie-Hebdo“-Attentatsaufnahmen auf dem Notebook-Display innerhalb der fiktionalen „Erzählwelt“ von Fisabilillah laufen, sind jene notorischen Propaganda-Bilder des HMC selbst, vor allen drastische Enthauptungsszenen (dabei eigens durch die hohe Schnittfrequenz „erträglich“ und zugleich unerträglich „hip“ gemacht). So feiert der IS die eigene Grausamkeitspropaganda und beschwört ihre Wirkung ebenso wie er die Sorgen westlicher PolitikerInnen und Medieninstitutionen um die Ethik und Beeinflussung durch solche Machwerke bedient. Nicht zuletzt diese Selbstreflexivität verdeutlicht, dass und wie nicht nur der IS, sondern generell radikalislamistische Kreise, aus denen sich die westlichen Propagandisten des IS rekrutieren, über eine hochaktuelle Medienkompetenz verfügen und eine solche bei ihrem Zielpublikum voraussetzen und einplanen. Für diesen vor allem jüngeren und jugendlichen Zuschauerkreis bietet das Verständnis- oder Dekodierspiel der Zeichen und Verweise zusammen mit der Attraktion der Ästhetik im Einklang mit zeitgemäßen Sehgewohnheiten – erinnert sei nur an den aktuellen Hype um teuer produzierte US-Fernsehserien und ihr komplexes Erzählen – ein besonders anziehendes Lockangebot. Gerade weil es abseits der bislang gängigen Darlegungen fundamentalistischen Gedankenguts, den Statements und Erklär-Stücken religiöser Autoritäten ansetzt und damit auch bei den Zuschauern verfängt, die über nur mangelhaftes theologisches und kulturelles Wissen (und Interesse) verfügen. Das heißt auch: Es müssen gerade junge westlich sozialisierte Menschen (noch) nicht sonderlich mit der Weltsicht der Islamisten sympathisieren, um solche Videos rein für sich als faszinierend zu goutieren und so motiviert werden, sich näher mit ähnlichem Content, schließlich ihren Machern und deren weltanschaulichen „Erzählungen“ zu befassen. Videopropaganda in ihrer attraktiven Aufmachung ist Einstiegs- oder zumindest Zusatzofferte in der islamistischen Angebotspalette aus Verheißungen der Gemeinschaftlichkeit und Sinngebung, Engagement im Namen einer höheren Gerechtigkeit oder schlicht Mannhaftigkeit und Abenteuer.

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