Organisierte Kriminalität
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Der Januskopf der japanischen Mafia – Yakuza

– Nächstenliebe und durchtriebener Geschäftssinn im Visier des kommenden Wiederaufbaus?


Zur Geschichte der Yakuza


Das Wort „Yakuza“ stammt aus der Zusammenstellung der Zeichen Ya, Ku und Za, das heißt Acht, Neun und Drei. Dies bezieht sich auf das japanische Kartenspiel „Hanafuda“: Sieger ist dort, wer am Ende die Karten in der Hand hat, deren Wert zusammengerechnet die höchste Punktzahl ergibt, es sei denn, die Summe beträgt zehn, zwanzig oder dreißig. Die Summen der Zahlen Acht, Neun und Drei erscheint zwar relativ hoch, nützt aber nichts, weil sie eben genau zwanzig beträgt. Dieses Spiel ist mit dem „Blackjack“ vergleichbar. Die übertragene Bedeutung meint dann Menschen, die in der Gesellschaft keinen Nutzen haben und ihr zur Last fallen. Der Begriff „Yakuza“ in diesem Sinne ist wahrscheinlich innerhalb dieser Kreise selbst entstanden. Das Wort „Yakuza“ bedeutete ursprünglich „Taugenichts“ (Ro-Ku-De-Na-Shi) oder „Unnützes“ (Ya-Ku-Ta-Ta-Zu).

Robert F. J. Harnischmacher
Consultant in Security
and Intelligence Matters
International Security
and Media Consulting
Associate Editor of
the World Police
Encyclopedia, New York

Im Ausland sind die aus Japan stammenden Gangs der organisierten Kriminalität als Yakuza bekannt. In Japan werden sie jedoch offiziell Boryokudan genannt, was wörtlich gewalttätige Gruppen bedeutet. Vom Ursprung her sind sie dreigeteilt: Bakuto (Spieler), Tekiya (Drogenhändler oder Schwarzmarkthändler) und Gurentai (Straßenrowdies). Bakuto und Tekiya wurden von den Geächteten gegründet, die aus dem untergehenden Feudalsystem in der späteren Tokugawa-Ära (1603-1867) herausfielen. Seit ihrer Entstehung sind ihnen Subkulturen wie der kurzlebige Hedonismus und die Verachtung fleißiger Arbeit gemeinsam (Hoshino 1988: 5). Vor dem 2. Weltkrieg nahmen sie ein dauerhaftes Territorium für ihre Aktivitäten in Anspruch unter der Ethik der Ninkyo-do, einer Art ritterlichem Geist, dem Kern dessen, das aus konventionellen Tugenden wie Giri (moralische Pflicht und Verpflichtung) und Ninjo (Einfühlungsvermögen und Menschlichkeit) besteht.
Das Wort Yakuza wird jedoch nicht offiziell in der Gesetzgebung, von der Polizei oder der Wissenschaft benutzt. Hier wird vielmehr von Boryokudan – „gewalttätigen Banden“ – gesprochen, weil Yakuza sich mehr auf das einzelne Mitglied solcher Banden bezieht. Nach 1955 bürgerte sich für alle Formen des Organisierten Verbrechens neben der Yakuza der Begriff Boryokudan ein. Dies insbesondere zur Erfassung auch der Organisierten, die sich der Tradition und den Überzeugungen der Yakuza nicht verpflichtet sahen (also Gurentai und Champira). Heute bedient sich die Polizei nahezu ausschließlich des Begriffs Boryokudan und versucht damit, die verklärenden Assoziationen, die das Wort Yakuza immer noch weckt, zu vermeiden. „Boryoku-Dan“ bedeutet „Bande des organisierten Verbrechens“, das Wort „Boryoku“ ist gleichbedeutend mit „Gewalttätigkeit“, „Dan“ heißt Bande. Die japanische Polizei definiert den Terminus „Boryoku-Dan“ wie folgt: Hierunter fällt jede Organisation, die zur kollektiven Begehung gewaltsamer, illegaler Akte neigt oder ständig ihre organisatorische bzw. gemeinsame Macht dazu benutzt. Die Kennzeichen derartiger Organisationen sind die hohe Kriminalitätsbelastung, besondere Organisationsprinzipien, Einflusssphären im öffentlichen Leben sowie die Verfolgung ökonomischer Zwecke durch die Verübung von Gewalt. Bis in die jüngste Zeit hinein hat sich die Yakuza ihre Macht und ihren politischen Einfluss erhalten können.
Der Autor folgt dem ausländischen Sprachgebrauch und wird den Ausdruck Yakuza sowohl für die Banden, als auch für die einzelnen Mitglieder benutzen.
Die Etymologie des Wortes Yakuza lässt ganz richtig vermuten, dass ihr historischer Ursprung im beruflichen Glücksspiel des Mittelalters zu suchen ist. Die Organisationen der Berufsspieler werden „Bakuto“ genannt, in denen seit damals sich die Mitglieder eng aneinander wie eine Familie binden und eine feudalistische, teilweise konfuzianisch geprägte Moral herrscht, nach der Schutz und Fürsorge von oben und Treue und Gehorsamkeit von unten die strengsten Pflichten sind.

Die Charakteristika der japanischen Mafia

Die Yakuza, die japanische Mafia, geht typisch japanisch leise Wege. Sie ist eine Mafiaorganisation mit großen Zukunftsperspektiven, weil sie kaufmännisch, strategisch und auch politisch mit Kalkül ihre Macht still kundtut, die beeindruckend ist. Nicht nur die Politik wird wirkungsvoll beeinflusst, ebenso japanische Konzerne weltweit bei ihren Entscheidungsfindungen. Sie ist allgegenwärtig in Japan. Sie ist national in ihrer Pflege für die Tenno-Tradition, sie ist da, wo der Staat „Lücken“ zulässt. Und nicht gesetzlich schließt. Und sie genießt ein „Robin Hood – Image“ in der Bevölkerung. Ihre Gefährlichkeit ist ihre perfekte Untergrundarbeit im Umgarnen der Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Gesellschaft. Das „Alltagsgesicht der Yakuza“ ist vielfältig, die auch schon in Europa und in Deutschland Fuß gefasst hat.
Die Syndikate haben Japans Nachkriegsgeschichte entscheidend mitbestimmt. Sie halfen, Premierminister an die Macht zu bringen und wieder zu stürzen, und sie wurden als Wirtschaftsfaktor so wichtig wie Sony oder Mitsubishi. Aber die Yakuza macht in Japan keine Schlagzeilen. Es ist unjapanisch, über das organisierte Verbrechen nur zu reden, so lange alles gruppenkonform seitens der Mitglieder der Yakuza verläuft. Das moralische Primat der Deliktsbekämpfung hat vor dem Verbrechen verloren.
Die Yamaguchi-Gumi mit Sitz in Kobe ist die größte Mafia-Gruppe, fast ebenso mächtig die Matsuda-Gumi. Die Sumiyoshia-Rengo und die Inagawa-Kai haben ihren Sitz in Tokio. Alle operieren in einem strikt hierarchischen System, das verdeckte Ermittler nicht infiltrieren können. Alle organisierten Verbrechergruppen haben ihre Initiationsriten, aber die der Yakuza sind bizarrer als die anderer Gruppen. Als beim letzten Erdbeben in Kobe 1995, das 6400 Tote forderte, der Staat kläglich bei der Katastrophenhilfe versagte: die organisierten Gruppen der Yakuza halfen der Bevölkerung in der Grund – und Erstversorgung, da der Katastrophenschutz in Japan nicht das hohe Niveau wie in Deutschland hat, wenngleich es von Erdbeben gefährdet ist und vor allen Dingen der Ausbruch des Fudschiyama, sehr regelmäßig gebauter, bis in den Sommer mit Schnee bedeckter hoher Vulkankegel (3776 m), südwestlich von Tokio, der heilige Berg und höchste Gipfel der japanischen Inseln, fast stündlich von den Experten aufgrund ihrer aktuellen Berechnungen udgl. erwartet wird. Durch den Einsatz der Yakuza in humanitärer Hilfe blieben weitgehend als Folge Plünderungen aus! Der Staat, seine Armee wartete tagelang auf den Einsatzbefehl, brachte dringend benötigte Güter erst mit tagelanger Verspätung im Krisengebiet an, Notunterkünfte wurden gar nicht erst bereitgestellt.
Auch aktuell anno 2011verteilten die Gangster Essen und Decken. Die drei größten Yakuza-Gruppen haben Dutzende von LKW mit mehreren Hunderten Tonnen von Gütern in die von den Erdbeben und Tsunami betroffenen Regionen geschickt. Darunter befindet sich alles Mögliche – von Windeln und Batterien bis zu den Fertigsuppen. Nach dem verheerenden Erdstoss, der Japan tiefgreifend verändert und die Welt erschüttert hat, vergingen nur Stunden, bis die Mafia in Aktion trat: Die Inagawa-Kai schickte z. B. 25 Lastwagen ins Erdbebengebiet in der Region Tohuku. Deren Ladung: Papierwindeln, Taschenlampen und jede Menge Getränke und Esswaren. Auch das mächtigste Syndikat Yamaguchi-Gumi versorgt derzeit die notleidende Bevölkerung mit dem Nötigsten – ohne sich vor radioaktiver Strahlung zu fürchten.

Die Yakuza als Ordnungsfaktor in der japanischen Gesellschaft

Anders als bei uns operiert die Yakuza nicht im Untergrund, die bloße Mitgliedschaft ist denn auch nicht strafbar. Die verschiedenen Yakuza-Gruppen haben ihre Hauptquartiere ganz offiziell in gläsernen Bürokomplexen und ihre Mitglieder – konstante Mitgliederstärke seit vielen Jahren 80.000 Mitglieder – weisen sich auch per Visitenkarte aus. Der Verfasser konnte sich in Tokio davon überzeugen, auch wurden ihm einige Filialen mit Hinweisschildern wie bei uns etwa für Ärzte, Rechtsanwälte oder Firmen gezeigt und inhaltlich übersetzt. Auch beim Besuch verschiedener Märkte wurde ihm geschildert, warum der Verkaufsstand ein auf der Liste der Yakuza stehender Verkaufsstand sei wegen seiner Maße. Dies vorgetragen von einem Professor der Rechtswissenschaft und keinem Kriminalpolizeibeamten im Sonderdezernat des Polizeipräsidiums Tokio. Insofern liegt eine gesellschaftliche Akzeptanz der Yakuza vor. Sie ist in der breiten Öffentlichkeit ein notwendiges Übel, um die Kriminalitätsrate niedrig zu halten. Markant ist nachstehendes Beispiel beim Besuch von US-Präsident Obama im November 2010 in Tokio, wo der Polizeipräsident alle lokalen Mafia-Bosse kontaktierte und sie anhielt, sich ruhig zu verhalten und Probleme zu verhindern. Der Staat habe durchaus ein Interesse an einer intakten Struktur der Yakuza, solange sie nicht im großen Stil negativ auffalle. Zudem fehlen Kapazitäten, um zehntausende Mitglieder in Strafvollzugsanstalten zu schicken. Überhaupt spricht man gegenseitig vom „Face Saving Victory“, wie es der kanadische Kriminologe Clifford einmal ausgedrückt hat.

Auch der „Pseudo-Nimbus“ ist nicht uneigennützig und verhehlt nicht die kriminellen Aktivitäten für die nahe und ferne Zukunft

Vergessen werden dürfen nicht die illegalen Betätigungsfelder der japanischen Mafia, als da sind: Drogenhandel, Schutzgelderpressungen, Auftragsmorde sowie das herkömmliche Facettenvorkommen krimineller Erscheinungsformen der Organisierten Kriminalität wie u. a. Prostitution und Glücksspiele, illegale Finanztransaktionen. Auch wenn es markig heißt, man will als helfender Mafioso unerkannt bleiben, dass der Staat die Hilfe nicht zurückhält, zumal in dieser „Atomgaudesasterzeit“ es keine Yakuza-Mitglieder, keine Normalbürger und keine Ausländer gäbe. In diesen schweren Zeiten seien alle nur Japaner.
Wie vieles andere bei den Japanern ist dieser Vorgang für uns Europäer schwer durchschaubar. Diese Banden scheinen eine Mischung aus „Rotariern“ und „Mafiosi“ zu sein, mal zu großen Wohltaten, aber auch zu Verbrechen befähigt. Wenn man damit noch die Vorstellung eines modernen Industriestaates mit seinen Anfälligkeiten verbindet, gibt das eine kritische Masse mit hohem Gefahrenpotential. Die polizeiliche Zusammenarbeit in diesem Umfeld stellt sich der Autor nicht besonders leicht und erfolgreich vor.
Vergessen darf man auch nicht das vorsätzliche sich rechnende Kalkül im Visier des kommenden Wiederaufbaus in Japan. Schlecht fürs Geschäft bei all der Linderung der Notleidenden ist das Flaggezeigen in den Katastrophengebieten nicht. Den Bewerbungen ihrer Bauunternehmen für die Großaufträge beim anstehenden Wiederaufbau in der nahen und fernen Zukunft wird es jedenfalls nicht schaden, ebenso auch bei anderen Aktivitäten nicht, wo auch der „kleine Mann“ wieder abgezockt und ausgenommen wird.

Literatur
Antonio Fumagalli, Japans Mafia profiliert sich in der Katastrophe, in: 20 Minuten Online, 26. März 2011
Robert Harnischmacher, Yakuza – Charakteristika der Japanischen Mafia, in: Kriminalistik 1/2004, Seite 24 ff.
Diese vorgenannte Arbeit fand weltweit zur Auswertung Eingang in die Bibliotheken von Universitäten (z. B. Waseda University of Tokyo, Keio University of Tokyo, Rutgers University, City University of Hong Kong, Universität Lódz), Polizeiakademien (z. B. National Police Academy in Tokyo, Police Academy in Prag), Fachhochschulen, Dissertationen (z. B. Universität Bern), Bachelorsarbeiten und Fachaufsätzen (Sammlung NOVOSTI in Russland, Eurolaw-Service), Vorträgen (z. B. Aargauisches Forum für Kriminologie und Strafvollzugskunde)
Derselbe, Chinas Triads and Japanese Yakuza – How Dangerous Is The Asian Mafia ?, in: EuroCriminology Vol. 11(163-181), 1997 (Polen); gleichfalls im Australian Police Journal
Derselbe, Asiatische Mafiastrukturen, Teil 2, Japanische Yakuza in: Wirtschaftsschutz
Derselbe, in: Hans-Dieter Schwind, Kriminologie, 21. Auflage, Heidelberg 2011, § 29, Seite 619, 629, 633, 634
Japanische Mafia hilft den Erdbebenopfern, in: Kiwanis international – ShortNews vom 06.04.2011
Martin Kölling, Good Fellas, in FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND vom 4. April 2011, Seite 28Werner Schumm, Ltd. PD i. BGS a. D., Statement als Probeleser zu dieser Arbeit mit eMail vom 8. April 2011

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