Internationaler Terrorismus

Wie kommt es vom Islamismus zum islamistischen Terrorismus?

Von Dr. (Univ. Triest) Christiane Nischler,Strategisches Innovationszentrum der Bayerischen Polizei (SIZ), München

Dr. Christiane Nischler

Frau Dr. (Univ. Triest) Christiane Nischler MBA ist seit 2002 beim Strategischen
Innovationszentrum der Bayerischen Polizei (SIZ) beschäftigt. Ihr Arbeitsschwerpunkt ist der internationale, islamistische Terrorismus. Vorher war sie nach dem Studium der Internationalen Beziehungen (Schwerpunkt Mittelmeerraum) im Bereich der Politik- und Sicherheitsberatung tätig. E-Mail: christiane.nischler@polizei.bayern.de



Inhalt

I. Der Islam als Vollendung der göttlichen Botschaft: Mohammad – Das „Siegel der Propheten“
II. Der Islam nach dem Tod Mohammads
III. Der „politische Islam“ der Gegenwart
IV. Die Muslimbruderschaft
1 Entstehung
2 Ziele
3 Mitglieder
V. Die Abspaltung radikaler Gruppen und die Internationalisierung des islamistischen Terrorismus VI. Schlussbemerkung

Spätestens seit dem 11. September 2001 gilt der islamistische Terrorismus als zentrale sicherheitspolitische Bedrohung der Gegenwart. Dabei handelt es sich keinesfalls um ein neues Phänomen: Vielmehr stellen die Anschläge in den USA den blutigen Höhepunkt einer Entwicklung dar, die vor Jahrzehnten auf nationaler Ebene begonnen und im internationalen Kontext eine zunehmende Radikalisierung erfahren hat.
Es entwickelte sich dabei auf internationaler Ebene eine Art von „neuem Terrorismus“, der sich in seinem Anschlagsverhalten deutlich von traditionellen Formen des Terrorismus mit klar definierten politischen (Anschlags-)zielen unterscheidet.
Bei der Frage nach den Ursachen dieser Entwicklung spielt die Ideologie eine zentrale Rolle. Zwar bietet sie keine ausreichende Erklärung für den „neuen“, Terrorismus, ist aber für sein Verständnis eine bedeutende Komponente. Der vorliegende Beitrag möchte daher die zentralen Inhalte und Entwicklungsstufen der islamistischen Ideologie darstellen und damit nicht zuletzt den Versuch unternehmen, eine Trennlinie zwischen dem Islam als Religion und dem Islamismus als Ideologie aufzuzeigen, die dem islamistischen Terrorismus als Legitimationsbasis dient.

I. Der Islam als Vollendung der göttlichen Botschaft: Mohammad – Das „Siegel der Propheten“

Die historischen Wurzeln des Islam liegen im heutigen Saudi Arabien, wo Mohammad (d.h. der Gepriesene) im Jahr 570 n. Chr. als Sohn eines Kaufmanns in Mekka geboren wurde. Er gehörte dem Stamm der Koraisch an, welcher vom Handel lebte. Damit wuchs Mohammad in einer Stammeskultur auf, die innerhalb ihrer Grenzen von den Prinzipien des gegenseitigen Beistands und der Ehre geprägt war. Die familiäre Struktur jener Zeit, mit einer strengen Unterteilung zwischen der Außenwelt der Männer und der Innenwelt der Frauen, prägt bis heute als Idealbild islamisch-fundamentalistische Familienvorstellungen.

Später erweiterte Mohammad das Prinzip der Solidarität zwischen Stammesbrüdern: All jene, welche an den einzig wahren Gott glauben und anerkennen, dass Mohammad sein Prophet ist, sollten nun in erster Linie der Umma angehören. Diese versteht sich als Gemeinschaft der Gläubigen, die alle Muslime weltweit verbindet.

Auf die Frühzeit des Islam geht auch die Offenbarung des Koran als unmittelbares Wort Gottes zurück: Im Alter von 40 Jahren hatte Mohammad gemäß der Überlieferung seine erste Vision. In der „Nacht des Schicksals“, welcher bis heute während des Ramadan als „Nacht derHerabsendung“ gedacht wird, soll Mohammad seine erste einer langen Reihe von Offenbarungen erhalten haben. Ihm wurde aufgetragen, die Lehre des Einen Gottes zu verkünden und zu gegenseitiger Hilfe und Mildtätigkeit aufzurufen.
Die Verkündigungen sind im Koran festgehalten, der damit im islamischen Verständnis das unmittelbare Wort Gottes enthält.




 

Imam Ali's Request from Prophet Mohammad Imam Ali's Request from Prophet Mohammad to Marry Fatemeh, Unknown artist, Ahsan-ol-Kobar 1568 Golestan Palace




 

Dabei war es nicht die ursprüngliche Absicht Mohammads, eine neue Religion zu gründen. Vielmehr sollte der Islam die Vollendung der „Buchreligionen“ (Judentum und Christentum) werden. Zwar scheiterte diese Zusammenführung, doch wurde den Juden und Christen unter islamischer Herrschaft im Gegensatz zu den „Ungläubigen“ gegen Entrichtung einer Kopfsteuer der Schutz von Leben und Eigentum zugesichert. Später sollte der Islamismus und insbe-sondere der islamistische Terrorismus von dieser Kategorisierung deutlich abweichen.

Im Mittelpunkt der Lehre, welche durch Mohammad als „Siegel der Propheten“ im Sinne eines Abschlusses der jüdisch-christlichen Prophetentradition verkündet wurde, steht der eine Gott (Allah); dabei besteht die einzig richtige Handlung des Menschen in der Hingabe an Allah (Islam = Hingabe an Gott). Entsprechendbezeichnet der Terminus „Muslim“ denjenigen, der sich Gott hingibt, während die Bezeichnung „Mohammedaner“ fälschlicherweise suggeriert, es würde sich um einen Anbeter des Propheten handeln.

Die schrittweise Verkündigung seines Berufungserlebnisses stieß in Mekka auf zunehmenden Widerstand, so dass Mohammed mit seinen Anhängern aus Mekka nach Medina flüchten musste (sog. Hedschra). Mit diesem Ereignis im Jahre 622 n. Chr. beginnt die islamische Zeitrechnung.

Diese Flucht kennzeichnet nun den eigentlichen Beginn des goldenen Zeitalters im Sinne einer idealen Gesellschaftsordnung nach den Regeln des Islam: In Medina gelang es Mohammad rasch, eine vereinigende Wirkung zwischen den dort in Zwietracht lebenden Stämmen zu schaffen und Autorität zu entwickeln. Im Gegensatz zu Mekka war Mohammad bald nicht mehr nur Privatperson, sondern stellte als politischer wie religiöser Führer Maßstäbe für das Zusammenleben der Gemeinschaft auf. Auch durch militärische Mittel wurde der Islam zunächst auf der arabischen Halbinsel ausgedehnt und dadurch sehr früh zu einer Religion, die, wie Malise Ruthven es einmal bezeichnete, „zum Siegen geboren ist.“1

Auf diese Expansionsphase der Frühzeit nehmen heute oft radikale Islamisten Bezug, wenn sie fordern, den Jihad als bewaffneten Kampf gegen die „Ungläubigen“ (in ihrem Verständnis auch und gerade gegen Juden und christliche „Kreuzzügler“) zu führen. Dabei lassen sie allerdings außer Acht, dass das Prinzip des Jihad nicht auf militärische Mittel beschränkt ist, sondern im Laufe der Geschichte zunehmend als persönliches Bestreben, ein gottgefälliges Leben zu führen, verstanden worden ist.
Diese Frühzeit geht ihrem Ende zu, als es Mohammad im Jahr 630 nach Jahren der Auseinandersetzung mit den Mekkanern schließlich möglich war, nach Mekka zurückzukehren. Die Wallfahrt, die er dort leitete, wurde später zum verpflichtenden Ritual. Sie zählt heute zu den sogenannten „fünf Säulen“, welche zu den Grundpflichten der Muslime zählen. Dazu zählen auch

• das Glaubensbekenntnis,
• das Pflichtgebet in Form der rituellen Niederwerfung,
• die Almosengabe
• sowie das Fasten im Monat Ramadan.

Die „fünf Säulen“ des Islam prägen das Leben der Muslime weltweit und bilden innerhalb der kulturellen Vielfalt, in der Muslime weltweit leben, die wichtigste rituelle, verbindende Einheit. Sie stellen das rituelle religiöse Kernstück des Islam dar.2

II. Der Islam nach dem Tod Mohammads

Nach dem Tod Mohammads im Jahr 632 n. Chr. regierten vier Kalifen die islamische Gemeinschaft. Abu Bakr, Umar und Uthman waren Gefährten Mohammads und setzten die Expansion des Islam fort. Bereits im 8. Jahrhundert reichte das islamische Reich von Spanien im Westen bis nach Indien im Osten. Der Islam war somit sowohl politisch als auch religiös eine Erfolgsgeschichte. Dies entsprach letztlich auch dem Selbstverständnis, die letzte und abschließende Offenbarung zu besitzen.

Durch die rasche Ausdehnung war der Islam allerdings schon sehr früh nicht mehr mit „arabisch“ gleichzusetzen: Vielmehr brachte es das islamische Reich zu seiner Hochblüte, als es, von Bagdad aus regiert, verschiedenste kulturelle Tra-ditionen miteinander verschmolz. Vor allem über den Hof von Cordoba in Spanien fanden medizinische, philosophische und mathematische Errungenschaften (z.B. die Einführung der Zahl 0 und damit des Dezimalsystems) oder die Rezeption der aristotelischen Philosophie aus jener Zeit auch über die Grenzen des islamischen Reichs hinaus Verbreitung und prägten damit auch die europäische Geistesgeschichte nachhaltig.
Allerdings kam es nach dem Tod Mohammads zu einer frühen Spaltung im Islam, die bis heute anhält: Nach dem Tod des Propheten begann eine Diskussion um seine rechtmäßige Nachfolge. Dabei erkannte die Partei (Schia) Alis lediglich einen Familienangehörigen als legitimen Nachfolger an und setzte sich für das Kalifat von Ali, Mohammads Vetter und Schwiegersohn, ein. Dieser regierte schließlich als vierter Kalif die muslimische Gemeinschaft, bis er durch politische Gegner ermordet wurde. Nach seinem Tod bildete sich die Schia endgültig als eigenständige religiöse und politische Partei heraus, wobei die schiitische Fraktion im Gegensatz zur Mehrheit der Sunniten bis heute eine Minderheit bildet.3




 



 

Dagegen sind 85% der Muslime Sunniten, die sich als Vertreter der prophetischen Sunna (d.h. der Tradition) begreifen. Innerhalb der Sunna entstanden im Laufe der Geschichte durch eine unterschiedliche Auslegung der Rechtsquellen die vier Rechtsschulen der Hanafiten, Malikiten, Schafi’iten und Hanbaliten.4

III. Der „politische Islam“ der Gegenwart

Durch die Spaltung in Schia und Sunna war die Einheit der arabischen Welt bereits kurz nach Mohammads Tod zu Ende. Beispielsweise entwickelten sich neben dem einflussreichen Kalifat der Abbassiden in Bagdad Gegenkalifate wie jenes der Fatimiden in Kairo. Bereits im 11. Jahrhundert wurde daher die ideale Ordnung in der Frühzeit des Islam gesehen und danach getrachtet, diese wieder herzustellen. Das Idealbild der Frühzeit wurde somit als historische Wirklichkeit verstanden, die es wiederherzustellen galt.

Diese Bestrebungen wurden stärker, als das arabische Kalifat neben den inneren Spaltungen von außen unter Druck gesetzt wurde. So forderte Ibn Taimiya im 14. Jahrhundert, die islamische Welt müsse zu ihren Fundamenten zurückkehren, um die äußeren Feinde bekämpfen zu können. Dabei richtete er sich insbesondere gegen die Tartaren, die im sog. Mongolensturm auch den Nahen Osten eingenommen hatten und in Bagdad regierten. Zudem waren durch die Kreuzzüge bereits vorher (1096-1099, erster Kreuzzug) Nicht-Muslime auf muslimischen Boden vorgedrungen und hatten territoriale Ansprüche erhoben.5
Der Verfall der islamischen Werte wurde für die politische Schwäche verantwortlich gemacht, die es den Feinden erlaubte, siegreich zu sein. Der gläubige Muslim sollte daher laut Ibn Taimiya zur gottgewollten Lebensweise zurückkehren, die ihm Heil bringen würde. Der Glaube der Altvorderen, welche im „Goldenen Zeitalter“ der Frühzeit gelebt hatten, galt hierfür als Idealbild, das es wiederherzustellen galt.

Der Begriff „die frommen Altvorderen“ (as-salaf as-salih) geht unter anderem auf Muhammad Abduh, einen Vertreter des Reformislam, zurück und bezeichnet das Bestreben, an den „Geist“ der ersten Muslime anzuknüpfen. Daher leitet sich der Begriff Salafiya ab. 6

Die Rückbesinnung auf ursprüngliche Fundamente der Religion zählt bis heute zum islamistischen Gedankengut. Verbunden mit einer wortgetreuen Auslegung der Quellen ist dieses Bestreben keineswegs typisch für den Islam, sondern wird in Anlehnung an protestantische Bewegungen des 19. Jahrhunderts „Fundamentalismus“ genannt. Für den „islamischen Fundamentalismus“ hat sich die Bezeichnung „Islamismus“ im allgemeinen Sprachgebrauch als Synonym eingebürgert. Dabei wird „Islamismus“ oft auch für die Bezeichnung des politischen Islam mit eindeutigen Machtansprüchen in Abgrenzung zur rück-wärts orientierten Wahrheitsfindung des Fundamentalismus verwendet, die nicht mit einem politischen Machtanspruch verbunden sein muss. 7

Wie bereits im 14. Jahrhundert, lässt sich auch in anderen Zeiten der islamischen Geschichte ein Erstarken des Fundamentalismus in Krisensituationen beobachten:
Nach dem schrittweisen Zerfall des arabisch geprägten Herrschaftsgebiets bildete sich von Istanbul aus unter osmanischer Herrschaft ein weiteres islamisches Reich heraus. Es reichte im 16. Jahrhundert im Westen bis nach Marokko und zog sich über den Irak bis in den Südosten Europas – den Balkan und nach Ungarn – hin. Im 19. Jahrhundert war auch das osmanische Reich zusehends politisch geschwächt; dies ermöglichte es dann europäischen Kolonialmächten, ihren Einfluss in Nordafrika und im Nahen Osten geltend zu machen.

Für die arabische Welt war dies ein Schock: In der Kolonialisierung drückte sich die eigene Schwäche aus, die in großem Widerspruch zur ruhmvollen Vergangenheit mit rascher Expansion und kultureller Blüte empfunden wurde. Reformer suchten nach Lösungen und die Rückbesinnung auf die Frühzeit des Islam wurde einmal mehr als Lösungsweg erkannt. Durch die Wiedereinführung islamischer Werte und Gesellschaftsformen sollte religiös an die große Vergangenheit angeknüpft werden, ohne dabei allerdings auf technische Neuerungen zu verzichten. Vielmehr wurde die Technik des Westens als Fortentwicklung jener Erkenntnisse verstanden, die das Abendland vom Morgenland während dessen Hochblüte übernommen hatte.

Obwohl die angestrebte religiöse Reform durchaus zum Ende der Kolonialherrschaft führen sollte, war ein westliches Feindbild, wie es heute in vielen islamistischen Strömungen spürbar ist und letztlich den islamistischen Terrorismus prägt, nicht dominierender Bestandteil dieser Reformbewegungen. Vordenker wie al-Afghani8 oder Muhammad ‘Abduh9 wollten vielmehr die islamischen Gesellschaften zu ihren ursprünglichen Werten zurückführen, um sich der eigenen Identität zu besinnen und an die eigene große Tradition anzuknüpfen. Dabei war der Reformislam keine Volksbewegung, sondern richtete sich vor allem an die Intellektuellen und Eliten.




 



 

Im Westen selbst wurden diese Bestrebungen lange Zeit nicht wahrgenommen. Im Gegenteil schien es, als würde die arabische Welt sich in einem ungebrochenen Modernisierungsrausch befinden: Auf politischer Ebene versuchten Politiker wie Mustafa Kemal Atatürk in der Türkei und später Reza Schah Pahlewi im Iran, durch eine Verwestlichung aller Lebensbereiche die „Unterentwicklung“ ihrer Gesellschaften zu überwinden. Sie versuchten die Gesellschaft nicht über die Wiederherstellung der idealen muslimischen Gesellschaft zu reformieren, sondern über die zwangsweise Modernisierung.

Insoweit war es das erste Ziel, die Bedeutung der religiösen Autoritäten zu vermindern. Hierfür fand eine von oben verordnete Modernisierung statt: Westliche Technologie wurde ebenso übernommen wie Bekleidungsmoden und Kunstrichtungen. Beispielsweise wurde in Kairo ein Opernhaus errichtet. In der Türkei wurde das Tragen von Vollbärten ebenso wie von Turbanen untersagt. Soziale Reformen wurden allerdings nicht oder nur zögerlich angegangen.
So erreichten die verordneten Reformen nur einen kleinen Teil der Bevölkerung, insbesondere die wirtschaftlichen und politischen Eliten der Städte. Diese oberen Bevölkerungsschichten der Städte nahmen den kulturellen Wandel durchaus positiv auf und imitierten den Westen großteils distanz- und kritiklos. Eben diese säkularisierten Eliten sollten später zum Hauptangriffsziel des Islamismus und insbesondere auch des islamistischen Terrorismus werden.

Die ländlichen Bevölkerungender arabischen Welt wurden von den Reformen dagegen kaum betroffen. Sie lebten in traditionellen Verhältnissen und orientierten sich weit mehr an den Gesetzen ihrer Familienstruktur denn an den Verordnungen der Regierungen. Der Islam, insbesondere in der Gestalt des von Aberglauben und Tradition geprägten Volksislam, blieben fester Orientierungspunkt. Dort, wo die „Moderne“ beispielsweise in der Form nicht-religiöser Schulen die breite Bevölkerung erreichte, stieß sie aufgrund der mangelnden Aufklärung der Massen auf Skepsis und Ablehnung.

Dieses zwangsweise Scheitern der Reformbemühungen wurde nun zunehmend der westlichen Zivilisation angelastet und führte letztlich dazu, dass der Reformislam zunehmend politische Züge annahm. Das Gefühl, dass die Verwestlichung – verbunden mit einem massiven Werteverfall – sowie die Kolonialherrschaft für die Misere der arabischen Welt verantwortlich seien, nahm zu und fand in der Gründung des Staates Israel eine endgültige Bestätigung.
So führten verfehlte politische Reformversuche letztlich zu einem Erstarken der religiösen Autoritäten und auch des Islamismus als alleinige Antwort auf die drängenden gesellschaftlichen Fragen; dies ging einher mit der Ablehnung westlicher Lebensformen. Es ging nicht mehr nur ausschließlich darum, durch die Rückkehr zu den moralischen Werten der Frühzeit die islamischen Gesellschaften zu reformieren, sondern auch darum, ein Gegenmodell als Ablehnung der westlichen Gesellschaft zu entwickeln.

IV. Die Muslimbruderschaft

Vor diesem Hintergrund kam es zur Bildung der ersten organisierten islamistischen Massenorganisation, welche heute noch – zumindest aus ideologischer Sicht – als Mutter aller islamistischen Gruppierungen und letztlich auch der islamistischen Terrorgruppen (zumin-dest auf nationaler Ebene) anzusehen ist. Deshalb soll an dieser Stelle näher auf die Muslimbruderschaft eingegangen werden, um den Schritt vom Islamismus zum islamistischen Terrorismus exemplarisch darzustellen.

1. Entstehung
Organisatorisch muss die Muslimbruderschaft vor allem vor dem Hintergrund des städtischen Umfeldes verstanden werden, das sich seit Beginn des letzten Jahrhunderts in den südlichen Mittelmeerstaaten entwickelt hatte: Der überwiegende Teil der sehr jungen Bevölkerungen drängte zunehmend in die rasch wachsenden Metropolen wie Kairo. Das Bevölkerungswachstum aufgrund hoher Geburtenraten wurde durch eine starke Binnenmigration in Richtung der urbanen Zentren verstärkt. Diese waren dem raschen Bevölkerungswachstum infrastrukturmäßig nicht gewachsen, was sich unter anderem in mangelnder Schulbildung, desolaten Krankensystemen und hohen Arbeitslosenzahlen ausdrückte.
Die Muslimbruderschaft hat daher von Anfang an konsequent versucht, jene Dienste zu übernehmen, die der Staat in den schnell wuchernden Städten nicht mehr anbieten konnte oder kann: Diese Dienstleistungen reichen von karitativen und schulischen Angeboten bis hin zu Bussen für Studenten und Studentinnen und Kleiderspenden – selbstverständlich gemäß dem islamischen Vorbild.

So war die Muslimbruderschaft nach ihrer Gründung 1928 durch den Lehrer Hassan al-Banna vor allem eine Bewegung des städtischen Kleinbürgertums, das für sich eine moralische Vorbildfunktion beanspruchte.10 Vor allem während der 40er und 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts engagierten die Muslimbrüder sich auch militärisch, unter anderem im Krieg der arabischen Staaten 1948 gegen Israel.

So kam zum gesellschaftlichen Engagement, das durch wohltätige Aktivitäten die islamische Gesellschaft wiederbeleben wollte, schnell eine politische Komponente dazu. Diese forderte, dass die staatliche Macht durch die Religion legitimiert werden sollte und verlangte die Einführung des islamischen Rechts, welches sich als primäre Quellen auf den Koran und die prophetische Überlieferung stützt.

Der Einfluss der Muslimbruderschaft nahm rasch zu; in den 1950er Jahren war sie mit einer halben Million Mitglieder zu einer Art Parallelorganisation geworden, die eigene Schulen, Krankenhäuser und Fabriken unterhielt und auch wichtige öffentliche Posten besetzte.11 Mit dem zunehmenden gesellschaftlichen Einfluss kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den Muslimbrüdern und dem ägyptischen Staat, wobei auch Hassan al-Banna erschossen wurde.




 



 

Die Konflikte nahmen nach der Machtübernahme durch Nasser (1952) zu, der einen arabischen Sozialismus anstrebte. Nach einem gescheiterten Mordanschlag (1954) auf Nasser wurden die Muslimbrüder in Ägypten verboten; zahlreiche Verhaftungen und Hinrichtungen folgten. Schließlich wurde der wichtigste Ideologe der Muslimbruderschaft, Sayyid Qutb, 1966 hingerichtet, weshalb er bis heute als Märtyrer und Vorbild in islamistischen Kreisen gilt.

Erst mit der Machtübernahme Anwar al-Sadats (1970) kam es zu einer zeitweisen Rehabilitierung der Muslimbruderschaft, da Sadat durch die Islamisten eine Machtbeschränkung der sozialistischen Kräfte erhoffte. Die Muslimbrüder rückten zunehmend vom Kurs der gewaltsamen Revolution ab und strebten den Machtwechsel mit friedlichen Mitteln an. Zwar ist Demokratie keine Forderung der Muslimbruderschaft, doch zeigt dieses Verhalten, wie pragmatisch islamistische Organisationen bei der Erreichung ihrer Ziele sind. Obwohl sie als Partei nicht zugelassen sind, kandidierten z.B. unter Mubarak Muslimbrüder bei Parlamentswahlen als Kandidaten auf Listen anderer Parteien.
Paradoxerweise sollte eben dieser Strategiewechsel der Muslimbruderschaft weg von der Anwendung von Gewalt zur Herausbildung des islamistischen Terrorismus beitragen.

2. Ziele
Es stellt sich nunmehr die Frage, was die konkreten Ziele einer islamistischen Organisation wie der Muslimbruderschaft ausmacht, die eindeutig politische Machtambitionen hegt:

In erster Linie richtet sich das Bestreben auf die Errichtung einer islamischen Gesellschaft und eines islamischen Staates – und damit gegen die eigene, säkulare Staatselite (der „innere Feind“).
Konkrete wirtschaftliche und politische Forderungen oder Programme sind damit allerdings nicht verbunden. Auch die angestrebte Einführung der Scharia bietet keine erschöpfende Antwort: Die rechtlichen Regelungen betreffen in erster Linie das Familienrecht und sind nicht mit einer Verfassung im modernen Sinn zu verwechseln. 12

Wichtiger als gesetzliche Regelungen im westlichen Sinn ist für den Islamismus die wortgetreue Auslegung der islamischen Quellen (Koran und Überlieferung). Damit soll eine Gesellschaft entstehen, die in deutlicher Abgrenzung zu den moralisch dekadenten Staaten die Religion als Basis hat.

Hauptanliegen ist es dabei, den Verfall der Sozialmoral zu stoppen.
Insbesondere die Wahrung der traditionellen Familienstrukturen und damit der Sexualmoral steht im Vordergrund. Die Frau als Hüterin der islamischen Moral und Ehre wird in den Mittelpunkt gestellt. Ihr wird das Haus als Innenwelt zugewiesen, innerhalb derer sie sich der Erziehung der Kinder widmet und damit hohen sozialen Stellenwert erlangt. Dagegen besteht die Aufgabe des Mannes in der Versorgung der Familie und der Wahrung der Familienehre, die vom Verhalten der Frauen abhängt und für die der Mann verantwortlich ist.

Auf der Basis einer islamisch lebenden Gemeinschaft soll eine ideale Gesellschaft und damit der ideale Staat entstehen, wobei der Islam selbst als Antwort auf alle drängenden Fragen verstanden wird – von der wirtschaftlichen Misere bis hin zur sozialen Krise, deren Grund die Islamisten in der zunehmenden Verwestlichung ausmachen.

Entscheidend ist, dass die vergangene und nun wieder angestrebte Gesellschaftsordnung als „gut“, alles davon abweichende jedoch als „böse“ klassifiziert wird.

Es wäre dabei falsch, den Islamismus als konservativ zu bezeichnen: Er lehnt im Gegenteil sämtliche Traditionen und historischen Entwicklungen ab und beruft sich auf einen Urzustand in der Frühzeit des Islam, der allerdings sehr viel mehr ein Ideal als eine Lebenswirklichkeit darstellt, die es umzusetzen gilt. Tatsächlich werden ja die Entwicklungen der Technik und die Erkenntnisse der Naturwissenschaften akzeptiert und lediglich die Wiederherstellung der vermeintlich ursprünglichen moralischen und gesellschaftlichen Zustände angestrebt. 13

3. Mitglieder
Wer sind nun die Mitglieder islamistischer Organisationen? Grundsätzlich gilt: Es handelt sich im Gegensatz zum Reformislam der Intellektuellen um ein Massenphänomen, das gesellschaftsübergreifend Anhänger findet.

Wirtschaftliche Motive spielen eine relativ untergeordnete Rolle: Besonders aktiv ist die Mittelschicht, Arbeiter aus der Unterschicht sind dagegen oft mehr durch die angebotenen Dienstleistungen angezogen; sie sind keineswegs der tragende Teil der Bewegung. Die ungebildeten Schichten identifizieren sich in religiöser Sicht zudem oft sehr viel mehr mit dem Volksislam denn mit dem „reinen Islam“, wie er den Lehren der Islamisten entspricht.

Diese Menschen mit völlig unterschiedlichem Hintergrund eint das Bestreben, die Gesellschaft auf religiöser Basis zu erneuern, was oftmals auf Belange der Sexualmoral reduziert wird. Dies ist vage genug, um unterschiedlichste Interessen verbinden zu können – vom Tagelöhner bis hin zur Mittelschicht, welche den sozialen Aufstieg anstrebt. 14

Gemeinsames Feindbild ist dabei die säkularisierte Elite, der die Schuld an der Misere gegeben wird. Dabei beruft man sich auf das Konzept der „Jahiliya“ von Sayyid Qutb, wonach auch Muslime im Zustand der Unwissenheit leben können, wie dies vor der Offenbarung des Koran der Fall war. Jene unaufrichtigen und ungläubigen Muslime dürfen daher von gläubigen Muslimen gestürzt
werden.

Eine zentrale Rolle innerhalb der Muslimbruderschaft – und letztlich auch innerhalb des islamistischen Terrorismus – kommt vor allem der Mittelschicht und hierbei den Akademikern zu, die aufgrund der herrschenden Krise in vielen arabischen Staaten trotz guter Ausbildung – nicht selten im westlichen Ausland – nicht den erhofften sozialen Aufstieg verbuchen können. Sie sind das aktivste islamistische Milieu, das letztlich auch entscheidend für die Herausbildung des internationalen islamistischen Terrorismus ist.




 



 

So sind die radikalen Fundamentalisten der neuen Generation in der Mehrheit 20- bis 30-jährige Studenten, vor allem der Ingenieurwissenschaften. Soziologisch könnte man dies damit begründen, dass sie sich aus nicht erfüllten Aufstiegshoffnungen besonders vehement gegen die eigene Oberschicht wenden.
Aus psychologischer Sicht könnte vielleicht angemerkt werden, dass vor allem Naturwissenschaftler in einem allerklärenden System wie dem des Islamismus Antworten auf gesellschaftliche Fragen finden können, die ihnen ihr Studium nicht beantwortet.15

V. Die Abspaltung radikaler Gruppen und die Internationalisierung des islamistischen Terrorismus

So bleibt nun die letzte Frage: Wie kommt es vom Islamismus zum islamistischen Terrorismus? Dass Islamismus nicht per se gewalttätig ist, aber sein kann, zeigt bereits der Blick auf die Geschichte der Muslimbruderschaft. Generell bieten Ideologien wie der Islamismus, aber auch andere Fundamen-
talismen, die eine klare Unterteilung der Welt in Gut und Böse vornehmen, ein gewisses Grundpotential für Radikalisierung und Intoleranz. 16
In der Tat stellt die Entwicklung des islamistischen Terrorismus eine taktische Entscheidung dar, die nicht ohne die Geschichte der Muslimbruderschaft verstanden werden kann. Zur Erinnerung: Bis in die siebziger Jahre lehnten die Muslimbrüder neben Islamisierungsprogrammen zur Umgestaltung der Gesellschaft von „unten“ Gewalt nicht ab. Erst seit den 1970er Jahren setzten sie pragmatisch verstärkt auf politische Partizipation, um ihre Ziele zu erreichen. Letztlich sprach sich die Führung der Muslimbruderschaft für einen völligen Gewaltverzicht aus.

Dies erregte allerdings den Widerstand einer Reihe militanter Gruppierungen, die den Gewaltverzicht als Verrat an der Ideologie Sayyid Qutbs betrachteten. Insbesondere als Sadat Ende der 1970er Jahre Friedensverhandlungen mit Israel aufnahm, kam es zu einer zunehmenden Radikalisierung. Diese fand vor allem innerhalb der sog. „Islamischen Gruppen“ (Jamaa’t Islamiyya) statt, welche sich primär an den Universitäten unter den Akademikern herausbildeten und eine gewaltsame Machtübernahme anstrebten. Das Ziel war auch hier der Sturz der eigenen Regierung, des „inneren Feindes“. Allerdings sollte dieser nun nach Jahren erfolgloser Bemühungen mit Gewalt erreicht werden.
So spalteten sich Gruppen wie die Ja-maa’t Islamiyya von der Muslimbruderschaft nicht primär wegen ideologischer Unterscheidungen, sondern aus taktischen Gründen ab.
Seit den 1970er Jahren war auch die Gruppe „Ägyptischer Jihad“ mit dem Ziel des gewaltsamen Regierungsumsturzes aktiv; deren prominentester Führer ist der Arzt Ayman al-Zawahiri, der später zum „Mediziner Bin Ladens“ und führenden Ideologen der al-Qaeda werden sollte.
Al-Zawahiri wandte sich vehement gegen den Gewaltverzicht der Muslimbruderschaft und zeichnete für eine Reihe von Anschlägen gegen Regierungsvertreter in Ägypten verantwortlich. Als größten Erfolg seiner Gruppe bezeichnete er selbst die Ermordung des ägyptischen Staatspräsidenten Sadat im Jahr 1981. Mit zahlreichen Mitgliedern der Jamaat al-Islamiyya, des Ägyptischen Jihad, aber auch der Muslimbrüder, die ebenfalls von der Verhaftungswelle betroffen waren, verbrachte al-Zawahiri drei Jahre in ägyptischen Gefängnissen.

Da er den Kampf in Ägypten vorerst als aussichtslos deklarierte – trotz der Ermordung des Staatspräsidenten war es nicht zum Machtwechsel gekommen – ging al-Zawahiri in der Folge nach Afghanistan. Dort schloss er sich dem Kampf der Mudjahedin17 an, der sich seit dem Einmarsch der UdSSR im Jahr 1979 formierte.
Dies kennzeichnet gleichzeitig auch die Verlagerung des nationalen, islamistischen Terrorismus auf die internationale Ebene: Das Afghanistan der 1980er Jahre wurde zu einem Sammelbecken für gewaltbereite Islamisten aus aller Welt. Derzeit wiederholt sich Ähnliches für die nächste Generation der Mudjahedin im Irak.

Als Feind wurden nicht mehr nur die islamischen Regime erkannt, sondern auch jene Staaten, welche sie unterstützten. Nicht mehr nur der „innere Feind“, sondern auch der „äußere Feind“ wurde zum Hauptangriffsziel.

In den Augen der sich formierenden al-Qaeda waren dies vor allem die USA, die als neuer Feind identifiziert wurden. Vor allem nach dem Abzug der Sowjetunion aus Afghanistan im Februar 1989 bildete sich die Überzeugung heraus, nun auch gegen die USA vorgehen zu können. Die Angriffe auf die Botschaften der USA in Kenya und Tansania im Jahre 1998, die 257 Tote und 5.000 Verletzte forderten, sind ein Beispiel dieser neuen Strategie: Angriffsziele waren nicht mehr die nationalen Eliten der arabischen Welt, sondern – entsprechend der Struktur der international rekrutierten Mudjahedin – Ziele auf internationaler Ebene.
Damit geht auch ein Wandel im Anschlagsverhalten einher: Nicht mehr Regierungsverantwortliche wurden zum Ziel der terroristischen Anschläge, sondern der Westen im Allgemeinen und damit auch die dortigen Zivilbevölkerungen. Ideologisch wird dies in islamistischen Kreisen unter anderem dadurch legitimiert, dass im Westen Demokratie herrsche und das Volk damit jene Führer wähle, die dann wiederum verantwortlich für die Unterdrückung und Demütigung der arabischen Welt seien.18

Im Februar des Jahres 1998 unterzeichnete al-Zawahiri als Anführer der al-Jihad Gruppe gemeinsam mit Bin Laden die Erklärung zur Gründung der „Globalen Front zur Bekämpfung der Juden und Kreuzfahrer“. Damit war die Entstehung des internationalen islamistischen Terrorismus auch institutionalisiert.




 



 

Wie weit der islamistische Terrorismus sich dabei vom traditionellen Islam entfernt hat, sollen nun einige Beispiele belegen:

• Jihad wird ausschließlich als militärischer Kampf verstanden. Er gilt dabei nicht wie im traditionellen islamischen Recht als Pflicht der Gemeinschaft, sondern des Individuums, da die arabische Welt sich aus Sicht der Islamisten im Zustand des Angriffs durch den Westen befindet.
Die Auslegung des Jihad im Sinne eines persönlichen Bemühens, ein gottgefälliges Leben zu führen, wird abgelehnt.
Er rechtfertigt nicht nur den Verteidigungskrieg, wie dies die Mehrheit der Gelehrten der Neuzeit vertritt, sondern auch den Angriffskrieg.
Dabei gelten vor allem auch die Christen und Juden als Feinde, obwohl diese traditionell im Islam als Besitzer der „Buchreligionen“ nicht als „Ungläubige“ galten.
Das Märtyrertum wird nicht nur als Bereitschaft, im Kampf zu sterben, interpretiert, sondern gilt auch, wenn es explizit geplant ist. Traditionell würde dies als Selbstmord gelten und wäre damit verboten.

VI. Schlussbemerkung

In der obigen Darstellung schließt sich zumindest aus historisch-ideologischer Sicht die Entwicklung von einer Religion hin zu einer Ideologie mit ihrer auch gewaltsamen Manifestation: Vom Islam über den Islamismus hin zum islamistischen Terrorismus. So wichtig es auch ist, zum besseren Verständnis des Phänomens die terminologische Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus vorzunehmen, so schwierig gestaltet sich diese Begriffsbestimmung in der Praxis: Zwar ist jeder Islamist ein Muslim, doch ist nicht jeder Muslim auch ein Islamist.

Wie Tilman Nagel es beschreibt, liegt die „einende Lebensmitte“ der islamischen Geschichte selbst „in dem Bestreben, das dem Propheten übergebene göttliche Gesetz stets rein zu bewahren und anzuwenden.“19 Die Übergänge zwischen dem rein religiösen Bestreben und dem Islamismus im Sinne eines politischen Islam sind daher in der Wirklichkeit oft fließend, zumal weder der politische Islam noch der islamische Fundamentalismus in sich als geschlossene Strömungen auftreten.

Zwar ist zumindest der islamistische Terrorismus durch seine Taktik und Strategie eindeutig zu erkennen, doch auch hier bleibt das Gedankengerüst eng mit der Ideologie des Islamismus verknüpft, wenn diese auch nicht per se gewalttätig ist. Die Unterstützung durch islamistische Milieus – sei es auch nur durch Sympathiebekundungen – ist essentiell für den Terrorismus, auch wenn nur wenige Islamisten wirklich gewaltbereit sind. 20

Die Entwicklung vom Islamismus hin zum islamistischen Terrorismus stellt letztlich die Beschreibung dar, wie sich aus der Mehrheit heraus eine Minderheit radikalisiert und schließlich gewaltsam artikuliert. Dies gilt gewissermaßen auch für den Islamismus selbst, der zwar eine mögliche Auslegung des Islam darstellt, nicht aber mit dem Islam selbst verwechselt werden darf. Zudem muss sowohl innerhalb des Islamismus als auch innerhalb des islamistischen Terrorismus zwischen einzelnen Milieus mit unterschiedlichen Aufgabenstellungen unterschie-
den werden (Führungsaufgaben, logistische Unterstützung, Sympathisanten). Insbesondere im Bereich des internationalen islamistischen Terrorismus sind zudem spontane Kleingruppenbildungen zu beobachten, die sich nur noch bedingt mit dem organisatorischen Gefüge des klassischen islamistischen Terrorismus in Verbindung bringen lassen. Spätestens die Anschläge im Juli 2005 in London haben gezeigt, wie weit der Islamismus als Ideologie sich verselbstständigt hat und eine eigene Dynamik außerhalb der Ursprungsländer und der dortigen Rahmenbedingungen entwickelt.

Dabei unterliegen letztlich alle Versuche, islamistische Milieus zu beschreiben, einer enormen Einschränkung: Sie beziehen sich immer auf einen kleinen Personenkreis, der gewaltbereit ist, lassen aber die Mehrheit jener Personen außer acht, auf die die beschriebenen (soziologischen) Kriterien ebenso zutreffen, die jedoch weit davon entfernt sind, sich terroristisch zu betätigen. Dies gilt für Länder mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit ebenso wie für Europa.

Verliert man dies außer Acht, folgt man gewissermaßen der islamistischen Argumentation, wonach ihre Auslegung des Islam die einzig Wahre ist und demnach als alleiniger Maßstab zu gelten hat.

Deshalb sollte man bei der Bewertung von Phänomenen wie dem des islamistischen Terrorismus und des Islamismus ein arabisches Sprichwort im Auge behalten, welches besagt: Nicht jeder, der einen Bart trägt, ist schon ein Philosoph.



Fußnoten:

1 Ruthven, Malise: Der Islam, Reclam Verlag, Stuttgart 2002
2 Weiss, Walter (Hrsg.): Dumonts Handbuch Islam, DuMont - Monte Verlag, Köln 2002, S. 31 ff.
3 Weltweit sind etwa 10-15% der Muslime Schiiten, wobei sie im Irak und im Iran eine Mehrheit bilden. Auch in Afghanistan, Indien, Pakistan und der Türkei finden sich schiitische Gruppierungen unterschiedlicher Ausprägung.
4 In der Türkei dominiert die Schule der Hanafiten, während die als besonders der Tradition verpflichtete Schule der Hanbaliten vor allem in Saudi Arabien ausgeprägt ist.
Dabei bildet die Sunna neben dem Koran für alle vier Rechtsschulen die wichtigste primäre Quelle der islamischen Rechtsschöpfung. Die Sunna ist eine Sammlung der Worte und Handlungen des Propheten, die in einzelnen Überlieferungen (Hadith) schriftlich festgehalten wurden.
Die Hauptquelle des islamischen Rechts ist der Koran: Er ist die buchstabengetreue Niederschrift der Botschaft, die durch den Propheten Mohammad den Menschen offenbart wurde. Unterteilt in 114 Suren ist der Koran – im Gegensatz zur Bibel – unmittelbares Wort Gottes und besitzt in der arabischen Originalfassung absolute Autorität.
5 Vgl. hierzu auch Armstrong, Karen: Kleine Geschichte des Islam, BvT, Berlin 2001, S. 107 ff.
6 Vgl. Salafiya, in: Kleines Islam-Lexikon, bpb, Band 383, Bonn 2002, 269-270
7 Wielandt verweist zudem darauf, dass es sich beim Terminus „Islamisten“ um eine Selbstbezeichnung handelt, während „Fundamentalismus“ eine Fremdbeschreibung ist. Vgl. auch Wielandt, Rotraud: Fundamentalismus, in: Kreisler, Klaus und Wielandt, Rotraud (Hrsg.), Lexikon der Islamischen Welt, Neuauflage Stuttgart 1992, S. 103
8 Al-Afghani (~1838-1897) gilt als Vorreiter des arabischen Panislamismus, der einen Zusammenschluss der muslimischen Länder unter einem gemeinsamen Kalifat als Antwort auf die westliche Dominanz propagiert. Er befürwortete zur Erreichung dieses Ziels durchaus gewaltsame Maßnahmen. Vgl. Afghani, in: Kleines Islam-Lexikon, ebenda, S. 19-20
9 Muhammad ‘Abduh (1849-1905) war als Großmufti (Ersteller von Rechtsgutachten) ein einflussreicher Vertreter des Reformislam, der die Reform des Islam und die Befreiung von der Kolonialherrschaft durch die Muslime propagierte. Er berief sich dabei unter anderem auf Ibn Taimiya. Vgl. ‘Abduh, Muhammad, in: Kleines Islam-Lexikon, ebenda, S. 15
10 zu Hassan al-Banna vgl. Meier, Andreas: Politische Strömungen im modernen Islam, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1995, S. 87 ff.
11 Diese Zahl muss in Relation zur Größe Kairos gesehen werden, das 1950 etwa 2,5 Millionen Einwohner zählte (1975: 6 Millionen, 2000: 9,5 Millionen). Quelle: United Nations Population Division: World Urbanization Prospects: The 2001 Revision
12 vgl. hierzu auch Rohe, Mathias: Der Islam – Alltagskonflikte und Lösungen, Herder, Freiburg im Breisgau 2001
13 vgl. hierzu auch Wielandt, ebenda, S. 104 ff.
14 vgl. hierzu Riesebrodt, Martin: Fundamentalismus als patriarchalische Protestbewegung, J.C.B. Mohr Verlag, Tübingen 1990
15 zur Dominanz der naturwissenschaftlichen Bildung bei islamistischen Terroristen: Sageman, Marc: Understanding Terror Networks, University of Pennsylvania, Philadelphia 2004, S. 94-96
16 Wielandt, ebenda, S. 108
17 wörtlich „die am Kampf auf dem Pfad Gottes“ (Jihad) beteiligt sind
18 vgl. Al-Sharq al-Awsat, teilweise Veröffentlichung aus „Reiter unter dem Banner des Propheten“, www.fas.org/irp/world/para/ayman
bk.html, Dezember 2001
19 Nagel, Tilman: Staat und Glaubensgemeinschaft im Islam, Geschichte der politischen Ordnungsvorstellungen der Muslime, Band 1, Artemis Verlag, Zürich und München, S. 720 Waldmann, Peter: Islamistischer Terrorismus : Ideologie, Organisation, Unterstützungspotential, Vortragsveranstaltung über den islamistischen Terrorismus in der Industrie- und Handelskammer zu Berlin, 03. März 2005