
Antizionismus und Antisemitismus im Linksextremismus
Von Dr. Udo Baron, Hannover¹
1 Einleitung und Fragestellung

Am 7. Oktober 2023 überfiel die islamistische Terrororganisation Hamas Israel. Mehr als 1.200 Israelis verloren ihr Leben, etwa 250 wurden von den Islamisten als Geiseln verschleppt. Das schlimmste Verbrechen an Juden seit der Schoa erschütterte den Staat Israel und seine Bewohner. Zugleich rückte dieser Terrorakt ein Thema wieder in den Mittelpunkt, welches in der öffentlichen und veröffentlichten Wahrnehmung der letzten Zeit eher randständiger geworden zu sein schien: den Antizionismus und Antisemitismus. Die Reaktionen in Deutschland auf dieses Verbrechen verdeutlichen, dass der jüdische Staat nicht nur für Rechtsextremisten und Islamisten ein Feindbild und Hassobjekt darstellt, sondern auch für einige Linksextremisten. Was aber versteht man unter Antizionismus und Antisemitismus? Wo liegen die Wurzeln eines linksextremistischen Antizionismus und Antisemitismus? Wie zeigt er sich im Alltag? Wie geht die linksextremistische Szene damit um? Der vorliegende Beitrag unternimmt den Versuch, sich diesem komplexen Thema anzunähern.
2 Antizionismus und Antisemitismus – eine Begriffsklärung
Um die Rolle und Funktion der Begriffe „Antizionismus“ und „Antisemitismus“ auch im Linksextremismus besser verstehen zu können, bedarf es zunächst einer Begriffsklärung. Während man unter „Antizionismus“ allgemein die „Ablehnung des Existenzrechtes des Staates Israel, also die Negierung des Anspruchs von Juden auf nationale Selbstbestimmung“ versteht2, wird der „Antisemitismus“ – verkürzt betrachtet – als „Feindschaft gegen Juden als Juden“ definiert.3 Seit Mai 2016 gibt es für den Antisemitismus eine weitgehend anerkannte Definition der „Internationalen Allianz zum Holocaustgedenken“ (IHRA). Sie versteht unter Antisemitismus „eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort und Tat gegen jüdische oder nichtjüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen.“ Weltweit wurde sie von 31 Staaten beschlossen, darunter auch von der Bundesrepublik. Die Bundesregierung hat zudem folgende Erweiterung hinzugefügt: „Darüber hinaus kann auch der Staat Israel, der dabei als jüdisches Kollektiv verstanden wird, Ziel solcher Angriffe sein.“4 Antisemitismus existiert in den unterschiedlichsten Ausprägungen: Es gibt ihn in einer religiösen Form, die sich gegen den angeblich falschen Glauben richtet; es gibt ihn in einer sozioökonomischen Form, die Geldhandel mit dem Judentum gleichsetzt; es gibt ihn in einer politischen Form, die von einer „jüdischen Weltverschwörung“ ausgeht und es gibt ihn in einer rassistischen Form, die in den Juden eine minderwertige „Rasse“ sieht.5 Beim Antisemitismus handelt es sich somit um eine Bezeichnung für Einstellungen und Handlungsweisen, die sich gegen als Juden geltende Einzelpersonen oder Gruppen, aber auch gegen Israel als Staat richtet. Vor allem die rigorose Verdammung des Staates Israel und die damit einhergehende Diskriminierung von Juden wird daher als antizionistischer Antisemitismus bezeichnet.
3 Antisemitismus bei den „Klassikern“ des Kommunismus und Anarchismus im 19. Jahrhundert
Antisemitismus im Linksextremismus ist nicht nur eine Erscheinungsform des 20. und 21. Jahrhunderts. Vielmehr lässt er sich bereits bei den Klassikern des Kommunismus und Anarchismus nachweisen. So bediente sich der aus einem jüdischen Elternhaus stammende Karl Marx antisemitischer Stereotype. In seinem Aufsatz „Zur Judenfrage“ von 1843 fragt Marx z.B.: „Welches ist der weltliche Grund des Judentums? Das praktische Bedürfnis, der Eigennutz. Welches ist der weltliche Kultus des Juden? Der Schacher. Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld.“6 Mit dieser Aussage bedient Marx ein typisch antisemitisches Klischee: den vermeintlichen Einklang von „Geld“ und „Judentum“.
Auch Michal A. Bakunin, einer der geistigen Väter des Anarchismus, äußerte sich mehrfach antisemitisch, insbesondere gegenüber seinem Konkurrenten und Intimfeind Karl Marx. So meinte er, Marx sei so eifersüchtig, empfindlich und rachsüchtig wie der Gott seines jüdischen Volkes. Die Juden herrschten seiner Meinung nach als wahre Macht über Banken, Handel und Journalismus und bildeten „eine ausbeuterische Sekte, ein Blutegelvolk, einen einzigfressenden Parasiten“.7
Der Frühsozialist Pierre-Joseph Proudhon bezeichnete 1847 in seinem Tagebuch die Juden als „diese Rasse […], die alles vergiftet, die alles in sich hereinfrißt, ohne sich jemals mit einem anderen Volk zu vermischen“ und forderte, man müsse ihre „Austreibung aus Frankreich« verlangen, ihre Synagogen abreißen, ihnen keine Anstellung gewähren, endlich auch ihren Kult aufheben. Es ist kein Zufall, daß die Christen sie Gottesmörder genannt haben. Der Jude ist der Feind der Menschengattung. Man muss diese Rasse nach Asien zurückschicken oder sie ausrotten“.8
Die angeführten Fallbeispiele lassen deutlich antisemitische Grundeinstellungen bei den „Klassikern“ des Kommunismus und Anarchismus erkennen. Antisemitismus war aber kein relevanter Bestandteil ihres ideologischen Selbstverständnisses. So finden sich keine politischen Forderungen, die auf eine beabsichtigte Diskriminierung oder gar Vernichtung von Juden hinauslaufen würden. Zudem muss berücksichtigt werden, dass Marx, Bakunin und Proudhon lange vor der Schoa, dem systematischen Mord an den europäischen Juden, lebten und sich mit dem Wissen über dieses Menschheitsverbrechen möglicherweise anders gegenüber Menschen jüdischen Glaubens geäußert hätten.
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