Kindstötungen
Risikokonstellationen, Täterprofile, juristische Aspekte und Prävention
5 Medea und Magda Goebbels – zwei berühmte Kindsmörderinnen
Die Medea-Sage ist einer der bekanntesten Stoffe der Weltliteratur. Medea ist eine der berühmtesten Frauengestalten der griechischen Mythologie. Sie war mit Jason verheiratet und hatte mit ihm zwei Söhne. Doch Jason hat sie verlassen und wollte die Tochter des Königs Kreon von Korinth heiraten. Aus Rache und Eifersucht ermordet Medea vier Menschen – den König Kreon, seine Tochter und ihre zwei Söhne. Damit nahm sie ihrem untreuen Ehemann als Strafe, Vergeltung und Rache die begehrte Königstochter (ihre Rivalin) und die beiden gemeinsamen Kinder. Alles, was ihm lieb und wertvoll war, sollte er verlieren. Zwei Jahrtausende ist mittlerweile Medea die Kindsmörderin, die aus Rache tötete. In der Antike bearbeiteten Euripides, Seneca und Ovid die Medea-Tragödie. Medea wurde später Hauptfigur von mehr als 30 gleichnamigen Opern. Im 21. Jahrhundert erschienen zahlreiche Monographien zum Medea-Mythos.8
Eine weitere berühmt gewordene Kindsmörderin ist Magda Goebbels. Sie hat im Rahmen eines erweiterten Doppelsuizids ihre sechs Kinder ermordet. Sie vergiftete die schlafenden Kinder mit Zyankali. Danach suizidierte sie sich gemeinsam mit ihrem Ehemann am 1.5.1945. Magda Goebbels war in den 1930er-Jahren eine der begehrtesten und reichsten Frauen Deutschland. Sie war hübsch, gewinnend und sehr vermögend. Sie war acht Jahre lang mit Günther Quandt verheiratet, dem damals reichsten Mann Deutschlands. Durch die Scheidung erhielt sie erhebliche finanzielle Mittel und Besitz. Sie war im damaligen Berlin die erste Frau, die einen Sportwagen fuhr. Im Dezember 1931 heiratete sie den späteren Reichs-Propagandaminister Joseph Goebbels. Adolf Hitler hofierte selbst Magda Goebbels und war bei der Heirat Trauzeuge. Später in Ehekrisen war er der „Paartherapeut“ und „Retter des Paares. Mit den sechs Kindern war das Ehepaar Goebbels die Vorzeige-Familie des Nazi-Regimes. Das Paar wurde in der Nazipropanda hochstilisiert zum Höhepunkt des nationalsozialistischen Familienideals. Magda Goebbels war die erste Frau, die von Adolf Hitler persönlich das „Ehrenkreuz der deutschen Mutter“ erhalten hat. Bei offiziellen Anlässen war sie häufig die Begleiterin Adolf Hitlers. Als sich die russische Armee Berlin näherte und die Niederlage Deutschlands offensichtlich war, gab es im Führerbunker zwei Doppelsuizide. Am 30.4.1945 suizidierten sich Adolf Hitler und Eva Braun. Das Ehepaar Goebbels war dabei im Raum nebenan. Nur Stunden später tötete Magda Goebbels ihre sechs Kinder. Anschließend nahm das Ehepaar Goebbels Zyankali.9
6 Die Medea von Solingen
Im Herbst 2020 ereignete sich eine Familientragödie in Solingen. Eine Mutter von sechs Kindern, die von ihrem Ehemann getrennt lebte, tötete fünf dieser Kinder und hat sich anschließend am Düsseldorfer Hauptbahnhof vor einen einfahrenden Zug geworfen. Sie überlebte diesen Suizidversuch mit erheblichen Verletzungen. Im Jahr 2021 wurde sie wegen Mordes angeklagt und schließlich zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Zudem wurde die besondere Schwere der Tat festgestellt, so dass eine vorzeitige Entlassung nicht möglich ist. Das Gericht sah Mordmerkmale und Heimtücke als gegeben an. Der langdauernde Prozess fand große mediale Resonanz und nach der Urteilsverkündung fanden viele das Urteil als zu hart. Die Verteidigung legte Revision ein, die allerdings vom Bundesgerichtshof zurückgewiesen wurde. In der Boulevardpresse wurde die Täterin als „Medea aus Solingen“ beschrieben.10 Andere nannten sie die „Magda Goebbels von Solingen“, weil sie ähnlich wie diese vorging. Sie hatte wie Magda Goebbels sechs Kinder, tötete jedoch „nur“ die fünf jüngsten. Beide haben zuerst ein Kind nach dem anderen mit Schlafmitteln betäubt und dann getötet. Die Mutter aus Solingen hat die Kinder eines nach dem anderen ertränkt, Magda Goebbels hat sie mit Zyankali vergiftet. Anschließend legten sie die getöteten Kinder nebeneinander in ihre Betten. Magda Goebbels nahm dann selbst Zyankali und starb, die Mutter aus Solingen versuchte einen Schienensuizid und überlebte diesen.11
7 Kindstötungen nach wiederholten körperlichen Misshandlungen – die tödliche Gewaltspirale
Je älter die Kinder bei ihrer Tötung sind, desto brutaler und grausamer ist meist das Tötungsdelikt. In Familien, in denen es wiederholt zu häuslicher Gewalt kommt, werden oft die Mutter und auch die Kinder Opfer von körperlichen Misshandlungen. Nicht selten spielt Alkohol eine große Rolle als eskalierender Faktor. Das folgende Fallbeispiel verdeutlicht einen jahrelang fortdauernden Teufelskreis von gewalttätigen Eltern, Alkoholabhängigkeit und schwerer körperlicher Kindesmisshandlung, die schließlich zu einer Tötung des hilflosen Kindes führte.
Am Landgericht Erfurt wurde im Jahr 2005 ein junges Paar wegen gemeinschaftlich begangenen Totschlags zu jeweils 12 Jahren Gefängnis verurteilt. Der zweieinhalb Jahre alte Sohn Jonny Lee der 31 Jahre alten Mutter wurde von ihr und ihrem sieben Jahre älteren Partner gemeinsam getötet. Die Tat geschah in der Wohnung der beiden in der Osternacht des Jahres 2004. Der Junge lebte von seiner Geburt an in schwierigen Verhältnissen. Seine Mutter war Alkoholikerin mit erheblichen Tendenzen zu Verwahrlosung und Gewalttätigkeit. Schläge und Bestrafung durch Nahrungsentzug gehörten zum Martyrium. Jonny Lee hatte noch zwei ältere Geschwister, die unter ähnlichen Torturen zu leiden hatten. Bereits Jahre vor dem Tötungsdelikt und damit schon vor der Geburt des Opfers wurde das Jugendamt über die prekären Verhältnisse in der Familie informiert. Es gab mehrmals solche Informationen ans Jugendamt. Eine Nachbarin, die immer wieder die schreienden und weinenden Kinder hörte, hat mehrmals die Polizei angerufen. All das hatte keine Konsequenzen. In der Tatnacht hatte Jonny Lee viel geweint und gewimmert, weil er wegen früherer Misshandlungen heftige Schmerzen hatte. Bei der Obduktion wurde festgestellt, dass dem Opfer schon vor der Tatnacht mit brachialer Gewalt der Arm aus dem Schultergelenk herausgedreht wurde und dass sich sogar die äußere Knochenhaut abgelöst hatte. Weiterhin fanden sich außer alten Hämatomen auch eine unbehandelte Schlüsselbeinfraktur. Das Weinen und die Schmerzen hatten brutale körperliche Ursachen. Die Mutter war in der Osternacht offensichtlich betrunken und fühlte sich durch das Weinen des Kindes gestört. Die Tat geschah nachts gegen 02.00 Uhr. Als am nächsten Morgen die Polizei kam und eine Blutentnahme veranlasste, wurden noch 1,4 Promille Alkohol gemessen. In ihrer Wut hat die Mutter auf den am Boden liegenden Jungen eingetreten. Sie trug dabei Stiefel mit Pfennigabsätzen. Bei der Obduktion waren die Absatzspuren auf der Kinderleiche deutlich und markant zu sehen. Jonny Lee starb schließlich an zwei Leberrissen und inneren Blutungen. Während die Mutter und ihr Lebensgefährte ihren Rausch ausschliefen, ist das Kind qualvoll verblutet. Der vorsitzende Richter Pröbstel sagte dazu im Gerichtssaal bei der Urteilsbegründung: „Eine derart massive Gewaltanwendung auf ein völlig wehrloses Kind habe ich noch nie erlebt.“ Die Staatsanwaltschaft forderte eine Strafe von 9 Jahren Gefängnis. Der erschütterte Richter hielt dieses Strafmaß für nicht ausreichend und verurteilte das Paar zu 12 Jahren Gefängnis. Die Verteidigung legte Revision gegen dieses Urteil ein. Der Bundesgerichtshof hat diese als unbegründet verworfen. Drei Mitarbeiter des Jugendamtes wurden beurlaubt und es wurde gegen sie ermittelt. Das Verfahren wurde im Jahr 2007 eingestellt.12
8 Kindstötungen durch Kinder und Jugendliche
In seltenen Fällen werden Kinder durch andere Kinder oder Jugendliche getötet. Hier sind Täter und Opfer fast gleichaltrig. Die Tatmotive sind deutlich andere als bei Kindstötungen durch Mütter oder Väter des Kindes. Meist gingen der Tötung emotional-affektive Auseinandersetzungen voraus. Erhöhte Aggressionsbereitschaft, gestörte Emotionsregulation und reduzierte Impulshemmung können bei schon vorher dissozialen Kindern und Jugendlichen zu Kindstötungen führen. Der Anteil an der Gesamtheit des Kindstötungen ist relativ gering, das mediale Interesse an diesen Tötungsdelikten hingegen riesig. Im Jahr 2023 haben zwei Tötungsdelikte durch Kinder in der Öffentlichkeit großes Aufsehen erregt. Im April 2023 wurde die 10 Jahre alte Lena in einem Kinderheim durch Gewalt gegen den Hals getötet. Bei der Tat mitbeteiligt soll ein 11 Jahre alter Junge aus dem Heim gewesen sein.
In Freudenberg (NRW) wurde die 12 Jahre alte Luise von zwei anderen ihr bekannten Mädchen (12 und 13 Jahre alt) erstochen. Es war ein besonders grausames Tötungsdelikt mit „Übertöten“: das Opfer wurde mit 70 Stichen eines längeren Messers getötet. Vermutlich waren die ersten Stiche bereits tödlich, die Täterinnen im Kindesalter müssen sich in einen regelrechten Blutrausch hineingesteigert haben, wie er teilweise von Kindersoldaten in Afrika beschrieben wird. Die Täterinnen haben ihre Mordtat gestanden. Wegen Strafunmündigkeit erfolgte keine Anklage und die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wurden eingestellt.
Helmut Remschmidt, der Nestor der deutschen Kinder- und Jugendpsychiatrie, hat sich jahrzehntelang als Sachverständiger und Forscher mit Tötungsdelikten von Kindern und Jugendlichen beschäftigt. Er hat sehr aufschlussreiche Bücher über seine Studien geschrieben.13
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