Dem digitalen Geld auf der Spur
Eine Staatsanwältin berichtet
4 Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser
Wenn wir Kryptowährungen von nationalen Währungen abgrenzen wollen, sprechen wir gern von Krypto und Fiatgeld. Fiatgeld (von lateinisch „fiat“ = „es werde“) ist Geld, das keinen inneren Wert hat und nicht durch physische Vermögenswerte wie Gold oder Silber gedeckt ist. Das gilt zum Beispiel für einen Geldschein. Sein Wert beruht allein auf dem Vertrauen in die ausgebende Institution (typischerweise Zentralbanken oder Staaten) und der gesetzlichen Anerkennung als Zahlungsmittel. Streng genommen ist auch ein Bitcoin nichts wert, denn es handelt sich einfach um Daten. Und so musste auch der Bitcoin einen Prozess durchlaufen, in dem Menschen die Auffassung bildeten, dass er etwas wert sein soll. Dieses Vertrauen ist die Basis für jede Währung, denn im Grunde bezahlen wir schon seit Jahrhunderten mit Wertlosem.
Aber zurück zur kriminellen Nutzung. Illegale Transaktionen sollen im Jahr 2024 etwa 0,14% des Gesamtvolumens ausgemacht haben. Diese Zahl, veröffentlicht von Chainalysis ist (bewusst) irreführend: Sie beinhaltet alle Transaktionen, also auch solche die lediglich Spekulation und Kursgewinne darstellen und sogar solche, die rein technischer Natur sind. Was gerade für die kriminelle Nutzung interessant ist, ist aber die Frage, wie häufig mit Kryptowährungen wirklich bezahlt wird, nämlich für eine illegale Ware oder eine kriminelle Dienstleistung. Da sieht es schon ganz anders aus.
In dem Forschungspapier „How Do Crypto Flows Finance Slavery? The Economics of Pig Butchering“ von Forschern der University of Texas at Austin aus dem Jahr 2024 zeigen die Autoren, dass das Volumen von Krypto-Zahlungen für illegale Zwecke mehrfach so hoch ist wie das Volumen von Krypto-Zahlungen für legale Zwecke. Nicht zuletzt, weil Exchanger, die eigentlich zu den regulierten Marktplätzen gehören, nach Auffassung der Autoren kriminelle Kapitalflüsse sogar erleichtern, weil auffälligen Transaktionen nicht adäquat begegnet wird.
5 Bitcoin gegen Laufschuhe
Das bedeutet: Wenn es ans Bezahlen mit Bitcoin geht, haben wir es sehr viel häufiger mit kriminellen Machenschaften zu tun, als es der Chainalysis Report erahnen lässt. Und das lässt sich auch in unserem Warenverkehr nachvollziehen. Wie oft wird Ihnen beim Wocheneinkauf, bei der Buchung Ihrer Flugreise oder beim Abo im Fitnessstudio angeboten, doch vielleicht in Bitcoin oder einer Kryptowährung Ihrer Wahl zu zahlen? Ich habe es das letzte Mal erlebt, als ich mir neue Laufschuhe zulegte und auf der Homepage des Laufshops dieses Banner fand: „Always a step ahead – Bitcoin accepted here“. Das war mir lange nicht mehr passiert – Bitcoin-Bezahlbutton sind mir am geläufigsten auf Darknet-Marktplätzen, die Drogen oder entwendete Daten feilbieten. Der Wortwitz, mit State-of-the-Art Laufschuhen auch beim digitalen Geld immer einen Schritt weiter zu sein, bot sich wohl einfach zu sehr an.
Was bleibt, ist die Ahnung, dass man selbst mit großzügiger Schätzung auf deutlich mehr Volumen für illegale Zahlungen als für legale kommt, wenn wir Bitcoin & Co. als Anlage- und Kapitalmarktprodukt einmal außer Betracht lassen. Der Grund dafür liegt auf der Hand. Wer hat ein Interesse daran, im Zweifel massive Kursschwankungen in Kauf zu nehmen, wenn er doch bloß einkaufen will?
6 Pseudonym oder anonym?
Die meisten Kryptowährungen sind „pseudonym“. Pseudonym bedeutet „unter falschem Namen“. Bei Kryptowährungen heißt das: Man braucht keinen echten Namen, um Transaktionen zu machen – nur eine öffentlich erreichbare digitale Adresse.
Hier ein praktisches Beispiel: Statt „Jana überweist 1 Euro an Max“ sieht es auf der Blockchain so aus: „Adresse 1A1z7agoat4SKZNSstSWoSf74nqCTaqiUQ sendet 0,5 Bitcoin an Adresse 3J98t1WpEZ73CNmYviecrnyiWrnqRhWNLy“.
Das bedeutet konkret: (1) Man braucht im Gegensatz zu Banktransaktionen, wo der Name erfasst wird, keine Identifikation. (2) Die Adressen sind anonyme Zeichenfolgen. Niemand weiß auf den ersten Blick, wer dahintersteckt. (3) Die Transaktionen sind öffentlich. Jeder kann auf der Blockchain sehen, dass diese Transaktion stattgefunden hat – nur eben ohne Namen.
Für den legalen Warenverkehr bietet dieses Zahlsystem einen begrenzten Wert, da nur wenige Kryptowährungen wertstabil sind. Man kann fragen: Wieso ein Kursschwankungsrisiko eingehen, wenn man sich auch bei einer Bank anmelden kann? Das ist zwar eine sehr vereinfachte Sicht, sie trifft aber den Kern. Oftmals ist es „schick“ oder „hip“, mit Kryptowährungen zu zahlen. Wirkliche Vorteile bietet es für die Verbraucher nicht.
Anders sieht das aus in der kriminellen Welt. Pseudonymität bietet zwar keine völlige Anonymität, aber besser als nichts. Dass Transaktionen nicht auf den ersten Blick erkennen lassen, wer dahintersteckt, bietet wunderbare Möglichkeiten der Verschleierung. Mit diesem Argument wurden Kryptowährungen zum Standard-Zahlmittel der Underground Economy. Wo keiner mit seiner VISA oder seinem PayPal-Account zahlt.
Interessant ist, dass jedoch auch Kriminelle nicht immer alle Möglichkeiten ausschöpfen. Es gibt nämlich mindestens eine Währung, die wirklich als anonym gilt: Monero.
7 Wie funktioniert Monero?
Bei Monero gibt es sog. „Ringsignaturen“. Man stelle sich vor, 10 Menschen unterschreiben gemeinsam ein Dokument – aber niemand kann sehen, wer von den 10 es tatsächlich getan hat. Monero-Transaktionen werden mit mehreren anderen vermischt. Die Blockchain zeigt also: „Eine von diesen 10 Adressen hat Geld gesendet“. Aber welche der 10 es war, ist unmöglich herauszufinden. Zudem erhält der Empfänger für jede Transaktion eine einmalige, zufällige Adresse. Selbst wenn die öffentliche Adresse bekannt ist, kann man nicht sehen, welche eingehenden Transaktionen dazu gehören. Aber es geht noch weiter: Auch die Transaktionssummen sind verborgen. Bei Bitcoin kann jeder sehen: „10 BTC wurden transferiert“. Monero ist von Haus aus anonym konstruiert – das ist nicht einfach ein Feature, das man abschalten kann. Klingt doch spitze – oder?
Tatsächlich ist festzustellen, dass Monero durchaus von Kriminellen genutzt wird, aber eher zu späteren Verschleierungszwecken. Nicht, um illegale Waren zu kaufen oder Unternehmen zu erpressen. Bequemlichkeiten, Verfügbarkeiten und Gewohntes scheinen auch für Kriminelle eine Rolle zu spielen. Mit anderen Worten: Auch sie sind Menschen, auch sie wägen ab.
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