Kriminalitätsbekämpfung

Dem digitalen Geld auf der Spur

Eine Staats­anwältin berichtet

 

Von Oberstaatsanwältin Jana Ringwald, Frankfurt am Main*

 

„Frau Ringwald, da sehen wir Sie im Boot.“ Das waren die Worte, die mich dazu brachten, einen erheblichen Teil meiner Arbeitszeit mit Kryptowährungen zu verbringen. Wohl gemerkt, ich bin keine Kapitalmarktexpertin, keine Traderin. Als ich diese Worte hörte, war ich eine ganz normale Staatsanwältin, die sich daran gemacht hatte, Cybercrime zu verstehen zu. Es war der frühe Sommer 2018, als ich – neu in der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT) – die Aufgabe bekam, in Hessen etwas zu entwickeln, was tatsächlich wie rechtlich komplettes Neuland darstellte: Kryptowährungen zu Geld zu machen. Was war passiert? Neuheiten kommen üblicherweise, ohne dass wir vorher gefragt werden. Als der hessische Staat im Jahr 2018 die Frage zu beantworten hatte, was mit ziemlich genau 100 Bitcoin geschehen solle, waren sie bereits Staatseigentum. In einem Ermittlungsverfahren, dass sich um den Verkauf von Drogen drehte, war es 2014 einer Polizeidienststelle gelungen, erstmals Bitcoins sicherzustellen. Im weiteren Verlauf verzichtete der Beschuldigte auf sie.

 

 

1 Eine steile Wechselkurskarriere


Ende 2012 hatte der Preis für die virtuelle Währung noch bei unter 10 EUR gelegen, Mitte Januar 2013 wurden die Coins zu je 13 EUR gehandelt. Diesen „steilen“ Aufstieg des Bitcoin nutzen viele Investoren der ersten Stunde, die ihren neuen Reichtum kaum fassen konnten, zum Verkauf. 2014, als die Sicherstellung in besagtem Verfahren erfolgte, lag der Kurs bereits irgendwo zwischen 300 und 400 EUR. Dass der Drogenhändler angesichts der ihn erwartenden Strafe auf diese Geldmittel verzichtete, hatte womöglich auch damit zu tun, dass er sich – genauso wenig wie andere – nicht erträumen konnte, was in den kommenden Jahren mit dem Kurs geschehen sollte. Denn das staatliche Zuwarten, was in diesem Fall und grundsätzlich mit den virtuellen Münzen geschehen sollte, war die beste Geldanlage, die man sich hätte ausdenken können. Als die 100 Bitcoins im Sommer 2018 veräußert waren, brachten sie bei einem Kurs von +/- 5.500 EUR eine Gesamtsumme von über 550.000 EUR ein.


Wenn ich die vorsichtigen Anfänge unseres Umgangs mit Kryptowährungen betrachte und diese vergleiche mit dem Stand der Dinge heute, wirkt es, als hätte jemand auf die Schnelldurchlauftaste gedrückt. 2018 veräußerten wir einzelne Bitcoins auf einer in Deutschland gehosteten Börse und konnten den Preisanstieg kaum fassen. Heute blicken wir auf 3-stellige Millionenbeträge, die wir mit zahlreichen verschiedenen Kryptowährungen erzielt haben. Und nebenbei lag der Bitcoin-Kurs zwischenzeitig mehrmals bei über 100.000 EUR.

 

2 Sind Kryptowährungen kriminell oder legal – oder beides?


Oft werde ich gefragt, ob Kryptowährungen an sich kriminell sind. Und die Antwort auf diese Frage lautet: Eindeutig sind sie das nicht. Aber ihre Nutzung im Einzelnen schon. Vielleicht hilft der Vergleich mit dem Darknet. Die Technologie hinter dem Darknet ist mitnichten kriminell. Anonyme Kommunikation, die über verschiedene, ständig wechselnde Server umgeleitet und in ausgeklügelter Weise verschlüsselt und dann (wie eine Zwiebel) Schicht für Schicht entschlüsselt wird, ist nicht kriminell. Aber sie eignet sich wunderbar dafür, das eigene Tun zu verschleiern. Weswegen wir sehen, dass das Darknet zu maßgeblichen Teilen für illegale Zwecke genutzt wird. Mit digitalem Geld pseudonym zu zahlen kann in äquivalenter Weise als berechtigtes Interesse anerkannt werden. Und gleichzeitig ist es Anreiz und Möglichkeit für Straftäter die Spuren ihres Erlangten zu verwischen.


Wer sich den jährlich erscheinenden Crypto Crime Report von Chainalysis durchliest, wird feststellen, dass illegale Transaktionen im Jahr 2024 nur etwa 0,14% des Gesamtvolumens ausmachten (ggü. 0,61% im Jahr zuvor). Das wirkt recht überschaubar. Diese Zahl führt allerdings ein wenig in die Irre.


Was steckt dahinter?


Zum einen wächst das Gesamtvolumen im Kryptomarkt jeden Tag an. Was die wenigsten wissen: Es gibt nicht nur Bitcoin, Tether, Ethereum, Monero und noch eine Handvoll weiterer Kryptowährungen. Durch den Erfolg von Bitcoin besteht seit Jahren eine anhaltende „Goldgräberstimmung“ auf dem virtuellen Währungsmarkt. Während Bitcoin von Beginn an der unangefochtene Spitzenreiter ist mit einer aktuellen Marktkapitalisierung von rund 1,28 Bio. EUR (Stand 18.3.2026 bei einem Kurs von rund 64.000 EUR), existieren gleichzeitig zwischen 8.500 und 10.000 weitere Kryptowährungen.

 

 

3 Nicht nur ein anderes Geld – ein anderes Zahlsystem


Die phänomenale Kurssteigerung des Bitcoin sucht jedoch ihresgleichen. Das Bitcoin-Netzwerk selbst entstand am 3.1.2009 mit der Schöpfung der ersten 50 Bitcoin und der Generierung von „Block 0“, dem sog. Genesisblock. Der erste dokumentierte Warenaustausch gegen Bitcoin fand am 22.5.2010 statt. Es wurden nach der Überlieferung zwei Pizzen gegen 10.000 Bitcoin gehandelt. Heute (Stand März 2026) sind 10.000 Bitcoin rund 640 Mio. EUR wert. Bisschen viel für zwei Pizzen.


Das virtuelle Geld funktioniert anders als unsere nationalen Währungen. Und mehr noch: Es ist ein Gegenvorschlag zu dem Zentralbankensystem, wie wir es kennen. Eine der Grundideen des Bitcoin war und ist, es nicht von den Entscheidungen einzelner abhängig zu machen, ob Geld gedruckt wird, wieviel davon zirkulieren soll oder wie hoch Leitzinsen sind. Wäre es nicht besser, wenn die Teilhabe transparent, unveränderlich und demokratisch ablaufen würde? Das geschieht in etwa bei der Blockchain-Technologie, bei der keine Banken eine Rolle spielen, sondern alle Teilnehmer. Das bedeutet im Kern: Jeder Nutzer. Die Grundlage des digitalen Geldes ist eine Rechenaufgabe, ein Algorithmus, der unveränderlich vorgibt, nach welchen Regeln neue „Coins“, also digitale Werteinheiten, entstehen und wie A sie an B transferieren kann, wobei C bis Z in der Lage sein sollen, das transparent nachzuvollziehen. Jede Transaktion mit einem Bitcoin erzeugt einen neuen „Block“ auf der Blockchain, der da natürlich nicht von allein hinkommt. Damit eine Transaktion „verbucht“ werden kann, muss Rechenleistung bereitgestellt werden. Und wer sich dazu bereit erklärt, wird belohnt: Mit einer Netzwerkgebühr, deren Höhe die Transferpartner festlegen (weswegen es mal schneller, mal langsamer geht mit der Überweisung) und mit neuen Bitcoins. Wie viele das sind, auch das legt der Algorithmus fest.

 

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