Kriminalität

Wenn Kinder töten

Ursachen, Tatmotive, Prävention

 

8 Aus Opfern werden Täter – das Problem der Opfer-Täter-Transition


Der Kriminologe Christian Pfeiffer war mehr als 20 Jahre lang Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen und hat sich in vielen eigenen Studien mit Kinder- und Jugendgewalt auseinandergesetzt.8 Er betont für diese Altersgruppe besonders die transgenerationale Weitergabe von Gewalt. Kinder und Jugendliche, die selbst in der Familie oder in der Schule Opfer von Gewalt wurden, können später zu Tätern werden. Insofern sind häusliche Gewalt und Gewalt in der Schule der Nährboden für spätere Gewalttaten. Aus Opfern werden also Täter. Die Kriminologie spricht von Opfer-Täter-Transition. In einem Interview9 äußerte sich Pfeiffer ausführlich zu der oben erwähnten Bluttat von Freudenberg, bei der zwei Mädchen ein anderes 12 Jahre altes Mädchen erstochen haben. Das zentrale Postulat von Pfeiffer lautet hierzu: „Man wird zuerst Opfer, dann Täter“. Zum Freudenberger Fall sagte er: „Solche grausamen Gewalttaten kommen nicht aus dem Nichts. Sie haben eine Vorgeschichte. Dabei spielen immer eigene Leidenserfahrungen eine Rolle. Man wird immer erst Opfer, dann Täter.“ Pfeiffer betont, dass niemand als Mörder geboren werde, vielmehr werde man zum Mörder gemacht. Körperliche Misshandlung, sexueller Missbrauch, psychische Gewalt und emotionale Vernachlässigung seien häufig die wesentlichen Risikofaktoren dafür, dass Kinder und Jugendliche zu Gewalttätern werden.

 

9 Tatort Familie – häusliche Gewalt


Häusliche Gewalt ist häufig das „Gewalterbe“, das Kinder von ihren Eltern übertragen bekommen. Diese Kinder werden geprügelt und geschlagen, sexuell missbraucht oder emotional vernachlässigt. Sie sind dadurch mehr oder weniger traumatisiert. Im Verlauf ihrer Kindheit können sie selbst zu Gewalttätern werden, insbesondere wenn weitere Risikofaktoren für Gewaltentstehung hinzukommen. Aus dem oben zitierten Ursachenbündel von 25 Risikofaktoren können weitere zur selbst erlebten Gewalt hinzukommen und zur Manifestation eigener Gewaltbereitschaft führen. Oft kommen dann situative Faktoren dazu, die eine Täterschaft begünstigen. Aus den früheren Opfern werden dann Täter (Opfer-Täter-Transition).

 

10 Tatort Schule


Kinder und Jugendliche verbringen viel Zeit in der Schule. Unter Gleichaltrigen geschehen im Schulgebäude oder am Schulhof häufig alltägliche Gewalt wie verbale Gewalt (Beschimpfungen, Demütigungen), Raufereien, Rangeleien oder Verprügeln. Dies sind die Vorstufen der möglicherweise eskalierenden Gewalt, die dann den Tatbestand der Körperverletzung erfüllen. Meist sind die Gewalttaten zwischen Schülern. Je höher die Eskalationsstufe, desto häufiger kommt es zu Polizeieinsätzen an der Schule und zu Anzeigen der Eltern des Opfers gegen die Täter. Die Zahl der Polizeieinsätze an Schulen nimmt von Jahr zu Jahr zu. Ein weiteres bedeutsames Phänomen am Tatort Schule ist Mobbing. Es kann verbal-interaktiv in der Schule oder über das Internet erfolgen. Die Grenzziehung, wann Mobbing unter gleichaltrigen Schülern zur Straftat wird, ist sehr schwierig.

 

11 Tatort Internet


Der „Tatort Internet“ spielt eine große Rolle bei den Risikofaktoren für Gewaltkriminalität bei Kindern und Jugendlichen. Der Einfluss von gewaltverherrlichenden Computerspielen, Netflix-Serien oder Tik Tok-Beiträgen kann Kinder und Jugendliche zur Nachahmung stimulieren. Die Relevanz dieser Risikofaktoren wird zwischen Medienexperten und Kriminologen meist sehr kontrovers geführt. Die ersteren beschwichtigen dieses Gewaltpotential, die letzteren betonen das Risiko der Nachahmung, der Verrohung oder der Erhöhung der Gewaltbereitschaft. Eine besondere Bedeutung hat das Internet bei der Cyberkriminalität, insbesondere beim Cybermobbing und Cybergrooming. Hier befinden sich Kinder und Jugendliche sowohl in der Täter- als auch in der Opferrolle.10


Die Cyberkriminalität bildet sich noch nicht adäquat in der PKS ab, weil es noch keinen klar definierten Straftatbestand dafür gibt. Aussagekräftige Analysen gibt es hier über Dunkelfeld-Analysen (Befragung spezifischer Altersgruppen mit hohen repräsentativen Stichproben). Nur wenige Fälle von Cybermobbing werden bei der Polizei angezeigt und tauchen – wenn überhaupt – in der PKS in verschiedenen Deliktsarten auf. In extremen Fällen kann Cybermobbing zum Suizid des Opfers führen. In der Suizidforschung wird hierzu von Bullycide gesprochen – es ist die Kombination von „Bullying“ und „Suicide“. Bullying ist der englische Begriff für Mobbing. In Studien wurden zahlreiche Fälle von Kindern und Jugendlichen beschrieben, die sich nach Cybermobbing suizidiert haben.11

 

12 Möglichkeiten der Kriminalprävention


Die Gewalt- und Kriminalprävention ist bei Kindern und Jugendlichen, die bereits wegen Gewaltkriminalität angezeigt wurden, besonders wichtig. Denn hier schlummert ein erhebliches Risikopotential für spätere Tötungsdelikte. Wer schon als Kind oder Jugendlicher wegen Gewaltkriminalität angezeigt wurde, verübt oft später weitere und schwerere Gewaltdelikte, im Extremfall Mord und Totschlag. Dies haben die oben beschriebenen Studien der Marburger Forschergruppe deutlich nachgewiesen. Die Kriminalprävention muss beiderlei im Blick haben: Bereits wegen Gewalt Angezeigte präventiv zu begleiten (orientiert an den Risikogruppen) und an den Hotspots der Gewaltentstehung flächendeckend präventiv zu arbeiten – z.B. an Schulen12, internetbezogen oder in Problemfamilien. Jugendämter und Polizei erfahren oft von Fällen häuslicher Gewalt. Die Ressourcen der relevanten Institutionen reichen in der aktuellen Situation nicht immer aus, um die bereits bekannten Fälle präventiv zu unterstützen. Vielversprechend ist die polizeiliche Präventionsarbeit an Schulen. Bei häuslicher Gewalt sind institutionenübergreifende Fallkonferenzen von Jugendämtern, Polizei und Justiz wichtig, um bedrohte Personen vor einer Gewalteskalation zu schützen.


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Anmerkungen

 

  1. Der Autor war bis zu seiner Pensionierung Schwerpunktleiter für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Zentrum für Innere Medizin, Medizinische Klinik und Poliklinik II, Universitätsklinikum Würzburg. Aktuelle Korrespondenzadresse: [email protected].
  2. BMI (Hrsg.), PKS 2024, abger. 2.4.2025.
  3. Helmut Remschmidt, Tötungs- und Gewaltdelikte junger Menschen. Ursachen, Begutachtung, Prognose. Springer, Berlin 2012.
  4. Helmut Remschmidt, Matthias Martin, Gerhard Niebergall, Monika Heinzel-Gutenbrunner, Tötungs- und Gewaltdelikte junger Menschen. Ergebnisse einer Verlaufsstudie zur Legalbewährung über nahezu 13 Jahre. Deutsches Ärzteblatt Jg. 111, Heft 41 vom 10.10.2014, S. 685-691.
  5. Ebd.
  6. Ebd.
  7. Helmut Remschmidt, Wenn junge Menschen töten. Ein Kinder- und Jugendpsychiater berichtet. C.H.Beck, München 2019.
  8. Christian Pfeiffer, Gegen die Gewalt. Warum Liebe und Gerechtigkeit unsere besten Waffen sind. Kösel, München 2019.
  9. Christian Pfeiffer, Warum werden Kinder zu Mördern? Interview mit Göran Schattauer. Focus vom 14.3.2023.
  10. Herbert Csef, Cybermobbing. Erscheinungsformen, Epidemiologie, Folgen, Prävention. Die Kriminalpolizei 4/2019, S. 4-7.
  11. Herbert Csef, Bullycide – ein neues Suizidphänomen im 21. Jahrhundert. Suizide nach Cybermobbing. NeuroTransmitter 31 (11), 2020, S. 42-47.
  12. Christiane Honer, Renate Schwarz-Saage, „Herausforderung Gewalt“ – (Jugend)Gewalt am Präventionsort Schule wirksam begegnen. In: Erich Marks, Claudia Heinzelmann, Gina Rosa Wollinger (Hrsg.). Kinder im Fokus der Prävention. Ausgewählte Beiträge des 27. Deutschen Präventionstages. Forum Verlag, Godesberg 2023, S. 510-524.

 

 

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