Wenn Kinder töten
Ursachen, Tatmotive, Prävention
Von Prof. Dr. Herbert Csef, Würzburg1
1 Tötungsdelikte durch Kinder als Spitze des Eisbergs der Gewaltkriminalität von Kindern und Jugendlichen

In den letzten Jahren gab es einige besonders grausame Tötungsdelikte durch Kinder an Kindern, die die Medien sehr intensiv und sehr lange beschäftigt haben. Besonders herausfordernd war die Bluttat von Freudenberg, bei der ein 12 und ein 13 Jahre altesMädchen die 12 Jahre alte Luise mit 70 Messerstichen regelrecht abschlachteten. Solche brutalen Mordtaten durch Kinder sind erschreckende Einzelfälle – sagen viele Kriminologen. Andere Gewaltforscher sprechen von der „Einzelfall-Lüge“ – weil bereits mit der Formulierung „seltene Einzelfälle“ eine unzulässige Beschwichtigung und Realitätsverdrängung erfolge. Jenseits dieser kontroversen Debatte ist es hilfreich, die Morde durch Kinder auf dem Hintergrund der Gewaltkriminalität durch Kinder und Jugendliche zu betrachten.
In der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) zeigt sich im Vergleich von 2023 und 2024 ein deutlicher Anstieg der Gewaltkriminalität von Kindern und Jugendlichen. 13.755 tatverdächtige Kinder (Anstieg von 11,3%) und 31.383 tatverdächtige Jugendliche (Anstieg von 3,8%) sind die besorgniserregende Bilanz.2 Bei Kindern und Jugendlichen zusammen hatten wir also im Jahr 2024 insgesamt 45.138 Fälle von Gewaltkriminalität. Nach den Definitionen der PKS des Bundeskriminalamtes zählen folgende bei Kindern und Jugendlichen relevanten Strafdelikte zur Gewaltkriminalität: Mord, Totschlag, Tötung auf Verlangen, Körperverletzung mit Todesfolge, gefährliche und schwere Körperverletzung, Raub, Vergewaltigung und sexuelle Nötigung. In absoluten Zahlen sind bei Kindern und Jugendlichen die Tatbestände Körperverletzung und Raub am häufigsten.
Wenn also etwa 45.100 Kinder und Jugendliche bei der Polizei wegen Gewaltdelikten angezeigt wurden, wird die besorgniserregende Dimension der Gewaltkriminalität dieser Altersgruppe besonders deutlich. Hinzu kommen die prozentualen Anstiege im Vergleich zum Vorjahr von 11,3% (Kinder) und 3,8% (Jugendliche).
Im März 2025 wurde von dem Streamingdienst „Netflix“ die Serie „Adolescence“ veröffentlicht, bei der ein 13-jähriger Junge ein gleichaltriges Mädchen mit Messerstichen tötet. In kurzer Zeit wurde diese Serie zum „Erfolgshit“ und wird seither weltweit kontrovers diskutiert.
2 Epidemiologische Daten
In den vergangenen 20 Jahren schwankte in der PKS bei den Fällen von Mord und Totschlag die Zahl der tatverdächtigen Kinder zwischen 5 und 15 Fällen pro Jahr. Im Jahr 2022 gab es 19 bei der Polizei angezeigte Fälle. In der Relation zu den 45.138 Fällen von Gewaltkriminalität durch Kinder und Jugendliche im Jahr 2024 ist dies ein sehr geringer Prozentanteil von deutlich unter 0,1%. Die Medienberichterstattung, die Sozialen Medien und das öffentliche Bewusstsein bezüglich Jugendgewalt ist jedoch stark durch diese spektakulären Einzelfälle geprägt.
3 Chronologie der Fälle von Mord und Totschlag durch Kinder in den Jahren 2023 und 2024
In Freudenberg (NRW) wurde die 12 Jahre alte Luise von zwei anderen ihr bekannten Mädchen (12 und 13 Jahre alt) erstochen. Es war ein besonders grausames Tötungsdelikt mit „Übertöten“: Das Opfer wurde mit 70 Stichen eines längeren Messers getötet. Vermutlich waren die ersten Stiche bereits tödlich, die Täterinnen im Kindesalter müssen sich in einen regelrechten Blutrausch hineingesteigert haben, wie er teilweise von Kindersoldaten in Afrika beschrieben wird. Die Täterinnen haben ihre Mordtat gestanden. Wegen Strafunmündigkeit erfolgte naturgemäß keine Anklage und die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wurden eingestellt. Kaum ein anderes Tötungsdelikt wurde deutschlandweit so intensiv und langdauernd diskutiert wie diese Bluttat. Der Landtag von Nordrhein-Westfalen hat sich damit beschäftigt und gab eine Studie zum Anstieg der Kinder- und Jugendgewalt in Auftrag. Ein Jahr nach der Tat kam es zu Gedenkfeiern und zahlreichen Medienberichten. Eine vergleichbare Tat gab es in der Nachkriegszeit in Deutschland nicht. Dass zwei Mädchen eine bekannte Schulkameradin so grausam und bestialisch erstechen, ist eine außergewöhnliche Ausnahme.
Im Jahr 2023 gab es nach der Freudenberger Bluttat noch weitere Tötungsdelikte durch Kinder und Jugendliche, die in der Öffentlichkeit großes Aufsehen erregt haben. Im April 2023 wurde die 10 Jahre alte Lena in einem Kinderheim durch Gewalt gegen den Hals getötet. Bei der Tat mitbeteiligt soll ein 11 Jahre alter Junge aus dem Heim gewesen sein. Im September 2023 gab es zwei weitere Tötungsdelikte durch 14-Jährige. In Lohr am Main tötete ein 14-jähriger Schüler einen ihm bekannten Gleichaltrigen mit einem Kopfschuss. Einige Wochen später erstach im norddeutschen Pragsdorf ein 14-Jähriger einen sechsjährigen Jungen, den er kannte und in seiner Nähe wohnte. Im November 2023 hat in Darmstadt ein 15-Jähriger einen Obdachlosen mit etwa 80 Fußtritten totgetreten. Anfang April 2024 töteten zwei Kinder und zwei Jugendliche im Dortmunder Hafen ebenfalls einen Obdachlosen. Der mutmaßliche Haupttäter war 13 Jahre alt und hat das Opfer erstochen. Diese Tötungsdelikte haben die Öffentlichkeit sehr beschäftigt. Wegen noch nicht gegebener Strafmündigkeit werden einige der Täterinnen und Täter nicht vor ein Gericht gestellt. Bei den anderen aktuellen Fällen stehen die Gerichtsprozesse noch aus.
Den besten Einblick in die Tatmotive und die Täterpersönlichkeiten haben die Forensischen Psychiater, die vom Gericht als Sachverständige bestellt werden. Helmut Remschmidt, der Nestor der deutschen Kinder- und Jugendpsychiatrie, hat sich jahrzehntelang als Sachverständiger und Forscher mit Tötungsdelikten von Kindern und Jugendlichen beschäftigt. Seine Studien hierzu sind die mit der größten Stichprobe. Sie sollen deshalb ausführlicher dargestellt werden.

Gewalt durch Kinder und Jugendliche (1016140926_Lucyj, stock.adobe.com)
4 Das Forschungsprojekt „Tötungs- und Gewaltdelikte junger Menschen“ von Helmut Remschmidt
Helmut Remschmidt war von 1980 bis 2006 Ordinarius für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universität Marburg. Er führte in Deutschland die größte Studie zu Tötungs- und Gewaltdelikten von Kindern und Jugendlichen durch. Die Ergebnisse sind in einer umfassenden Monografie von 462 Seiten ausführlich dargestellt.3 Er blickt auch auf eine jahrzehntelange Erfahrung als forensischer Psychiater bei kindlichen und jugendlichen Gewaltdelikten zurück. In der Marburger Tötungs- und Gewaltdelinquenz-Studie wurden die Daten von 114 Tätern (103 männliche und 11 weibliche) ausgewertet, die in einem Zeitraum von fast 31 Jahren in Marburg begutachtet wurden. Die Taten erfolgten in den Jahren 1976 bis 2007. Darunter waren 44 Morde, 13 Fälle von versuchtem Mord, 30 Fälle von durchgeführtem oder versuchten Totschlag, 28 Fälle von gefährlicher Körperverletzung oder Körperverletzung mit Todesfolge. Das Durchschnittsalter war 17,6 Jahre und die Täter waren zum Tatzeitpunkt zwischen 14 und 21 Jahre alt. Neun Täter waren 14 Jahre alt. Die Studie enthält also keine kindlichen Täter von Mord oder Totschlag. Die Studie ist dennoch für das vorliegende Thema wertvoll, weil die kriminelle Vorgeschichte der jugendlichen Täter in ihrer Kindheit sehr differenziert mit untersucht wurde. Gerichtsverhandlungen und Forensische Gutachten werden bei kindlichen Tätern in Deutschland wegen Strafunmündigkeit gar nicht durchgeführt.
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