Kriminalität

Wenn Kinder töten

Ursachen, Tatmotive, Prävention

 

5 Hoher Anteil von „chronisch Kriminellen“ und Mehrfachintensivtätern


Helmut Remschmidt und seine Marburger Forschergruppe untersuchten sehr gründlich die kriminelle Vorgeschichte der Täter. Sie differenzierten dabei drei Gruppen. Einmaltäter (n = 34), Passagere Täter (n = 36) und Chronische Täter (n = 44). Unter den „chronisch Kriminellen“ waren 13 Mehrfachintensivtäter, die mehr als 30 Straftaten und/oder mehr als 10 Einträge im Bundeszentralregister hatten. Diese Gruppe beging besonders schwere Straftaten: 9 dieser 13 Mehrfachintensivtäter hatten ein Tötungsdelikt begangen, darunter 6 Morde. Die passageren und die chronischen Täter machen in der Studie von Remschmidt mehr als 70% der Gesamtstichprobe aus. Sie haben im langen Beobachtungszeitraum vor und nach der Indextat weitere Straftaten begangen.

 

6 Langer Prozess der Kriminalitätsentwicklung


Eine aussagekräftige Besonderheit der Marburger Tötungs- und Gewaltdelinquenz-Studie ist der lange Beobachtungszeitraum. Es wurde der Zeitraum vor der Index-Tat nach früheren Straftaten untersucht und eine Verlaufsstudie zur Legalbewährung von durchschnittlich 12,8 Jahren nach der Verurteilung durchgeführt. Dies zeigt, dass sich die Kriminalentwicklung meistens über 20 bis 30 Jahre hinzog – von der belasteten Kindheitsentwicklung bis zur Index-Tat und fast 13 Jahre darüber hinaus. Weniger als 30% waren Einmaltäter. Diese Gruppe wurde nach der Verbüßung der Strafe meist nicht mehr straffällig mit Gewaltdelikten. 38,6% jedoch waren Wiederholungstäter, die auch nach der Strafe wieder straffällig wurden. Der von Remschmidt beschriebene Fall Nr. 114 betrifft einen Heranwachsenden, der wegen gemeinschaftlichem Mord und schwerem Raub, versuchtem Mord und versuchtem Raub zu 9 Jahren Jugendstrafe verurteilt wurde. Er war bereits in den Jahren zuvor wiederholt straffällig gewesen und hatte nach der Index-Tat und Haftstrafe 17 weitere Einträge im Bundeszentralregister, wegen Bedrohung, Beleidigung und schwerer Körperverletzung.4

 

7 Ursachen und Tatmotive


Hinsichtlich der Genese von Gewalthandlungen bei Kindern und Jugendlichen spricht Remschmidt von Einflussfaktoren und Risikofaktoren. Die Gesamtursache ist meist ein Ursachenbündel aus 25 Faktoren, die der Forscher identifiziert hat. Er differenziert dabei neubiologische, psychosoziale und situative Risikofaktoren.


Bei den neurobiologischen Risikofaktoren sind die folgenden Merkmale relevant:5

  • Männliches Geschlecht und Lebensalter
  • Angeborene Auffälligkeiten der vegetativen Reaktionen
  • Prä- und perinatale Risikofaktoren
  • Geringfügige körperliche Anomalien
  • Neuroendokrinologische Auffälligkeiten
  • Reifungsbedingte Risikofaktoren
  • Strukturelle und funktionelle Beeinträchtigungen der Hirnfunktion
  • Psychische Störungen und Entwicklungsstörungen
  • Genetische Einflüsse
  • Intelligenzminderung
  • Schulversagen und Schulabbruch
  • Umschriebene Entwicklungsstörungen
  • Defizite der moralisch-ethischen Entwicklung
  • Neuropsychologische Auffälligkeiten
  • Psychische Störungen
  • Persönlichkeitsmerkmale
  • Ungünstige familiäre Einflüsse
  • Ungünstige Umfeldbedingungen
  • Einfluss der Medien
  • Affektiv aufgeladene und provokative Situationen
  • Alkohol- und Drogenkonsum
  • Waffenzugang und Waffenbesitz (Messer, Schlagstock, Schusswaffen)
  • Gruppendruck und Gruppendynamik
  • Tatgelegenheit
  • Ideologische und politische Einstellungen gewaltbereiter Täter


Helmut Remschmidt hat sieben Jahre nach seinem ausführlichen Forschungsbericht in einem weiteren Buch noch einmal seine Fälle aufgearbeitet und in einer kürzeren und lesbareren Version dargestellt.7 Neu in diesem Buch ist eine Auswahl von 23 prägnanten Fallbeispielen, die nach Motivkomplexen zusammengefasst wurden. Remschmidt differenziert 9 Motivkomplexe, die das breite Spektrum kindlicher und jugendlicher Tötungsdelikte abbilden. Je nach Tatmotiven und situativen Auslösern unterscheidet er folgende Formen von Tötungsdelikten:

  • Geplante Mord- und Totschlagsdelikte
  • Tötungsdelikte als Resultat eines Gruppengeschehens
  • Kindstötung
  • Tötungsversuche im Rahmen einer manifesten psychiatrischen Erkrankung
  • Beziehungs- und Affekttaten mit tödlichem Ausgang
  • Tötung auf Verlangen
  • Tötungsdelikte aus sexuellen Motiven
  • Tötungsdelikte im Zusammenhang mit Alkohol- und Drogenmissbrauch
  • Junge Mehrfachintensivtäter

Einige dieser genannten Tötungsdelikte sind sehr selten (Kindstötungen durch Jugendliche, Tötungsdelikte aus sexuellen Motiven, Tötung auf Verlangen oder geplante Tötungsdelikte). Affektdelikte, Tötung im Zusammenhang mit Alkohol- und Drogenmissbrauch sowie junge Mehrfachintensivtäter sind häufig. Tötungsdelikte durch Kinder und Jugendliche sind meist nicht geplant und haben situative Auslöser. Tötungsdelikte, als Gruppengeschehen sind für das Jugendalter typisch: Eine oft alkoholisierte und gewaltbereite Clique sucht sich beliebig ein unbekanntes Opfer. In den letzten Jahren wurden wiederholt Obdachlose in dieser Konstellation von einer Gruppe von Jugendlichen getötet. Im April 2024 tötete eine Clique aus vier Kindern und Jugendlichen in Dortmund einen Obdachlosen. Der mutmaßliche Haupttäter war ein Kind von 13 Jahren, das das Opfer mit einem Messer erstochen hat.