Wissenschaft  und Forschung

Die „Grauen Wölfe“

Von Dr. Udo Baron, Hannover¹

 

4 MHP – der parlamentarische Arm der „Grauen Wölfe“


Der parlamentsorientierte Teil der „Ülkücü“-Bewegung organisierte sich zunächst in der 1958 gegründeten national-konservativen „Republikanischen Bauern-Volkspartei“(„Cumhuriyetci Köylü Millet Partisi“; CKMP). Türkes und seine Anhängerschaft gewannen in der Partei schnell an Einfluss. 1969 setzten sie die Umbenennung in „Milliyetçi Hareket Partisi“ (MHP), türkisch für „Partei der Nationalistischen Bewegung“, durch. Die Fahne der Partei wurde in drei auf den Rücken gekehrte Halbmonde auf rotem Hintergrund und somit in die offizielle Flagge des Osmanischen Reiches geändert. Bald schon übernahm Türkes die Führung der MHP und gab ihr in kürzester Zeit eine turkistische und antikommunistische Stoßrichtung. Die MHP wurde so zum parlamentarischen Arm der „Ülkücü“-Bewegung.32 Die MHP ist somit quasi eine „Urorganisation“ der „Ülkücü“-Bewegung.

Mit dem Aufbau paramilitärischer Strukturen und militanter „Ülkücü“-Vereine begann die MHP bereits ab 1968. In den 1970er-Jahren unterhielt sie paramilitärische Strukturen und Organisationen, die sie auch in Form von Attentaten auf linksliberale Intellektuelle und Gewerkschafter einsetzte. In dieser Zeit orientierte sie sich ideologisch am Turkismus und am Turanismus und stellte sich militant antikommunistisch und antisozialistisch auf. Die MHP verfolgte dabei eine Strategie der sog. drei Stufen: die Eroberung der Straßen, die Eroberung des Staates und die Eroberung des Parlaments. Militante Jugendgruppen und paramilitärische Kommandos der „Grauen Wölfe“ versuchten seitdem mit Terror und Gewalt die Straße für die MHP mit dem Ziel zu erobern, in der Türkei einen Bürgerkriegszustand zu schaffen, der letztendlich die MHP an die Macht bringen sollte.33

Danach beteiligte sie sich an zwei Mitte-Rechts-Regierungen der sog. „Nationalistischen Front“. Nach dem Militärputsch 1980 wurde die MHP ebenso wie alle anderen Parteien verboten. Ihre Anhänger gingen in der als Ersatz für die MHP gegründeten „Nationalistischen Arbeitspartei“ („Milli Çalışma Partisi“; MÇP) auf. 1992 nahm die MÇP aber ihren alten Namen MHP wieder an und unterstützte die konservativ-sozialdemokratischen Regierungen Demirel und Ciller. 1993 spaltete sich die „Große Einheitspartei“ („Büyük Birlik Partis“; BBP) als extrem nationalistische und zugleich stark am Islam ausgerichtete Partei von der MHP ab. Zugleich rückte Türkes in seiner Partei immer mehr den Islam in den Mittelpunkt seiner Agitation, so dass sich die Islamisierung der Bewegung in den 1980er-Jahren verstärkt fortsetzte. Weltanschaulich wandelte sich die MHP dadurch von einer ultranationalistischen zu einer globalisierungsskeptischen, nationalistischen Partei. Nach dem Tod Türkeş 1997 entschied sich die MHP unter ihrem neuen Vorsitzenden Devlet Bahçeli für ein etwas moderateres Auftreten. Straßengewalt wurde von der Partei nun nicht mehr offen propagiert. Seit 2018 befindet sich die MHP mit ihren heutzutage knapp 490.000 Mitgliedern im Wahlbündnis „Volksallianz“ mit der regierenden neoosmanischen „Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung“ („Adalet ve Kalkınma Partisi“; AKP). Mit der MHP stellt die AKP unter Präsident Recep Tayyip Erdoğan die Mehrheit in der Großen Nationalversammlung.34

 

5 Ausblick


Welche Wirkung Demirals Wolfsgruß in manchen Teilen der Türkei erzielte, wird am Beispiel der westtürkischen Stadt Bolu deutlich. Sie ist die Heimat von Merih Demiral. Der dortige Bürgermeister hat Demiral zu Ehren kürzlich eine Statue des Nationalspielers im Nationaltrikot und den Wolfsgruß zeigend eingeweiht. Der türkische Nationalspieler hatte zuvor der Aktion zugestimmt, so der Bürgermeister.35 Demiral rechtfertigte bei dieser Gelegenheit zudem seine Wolfsgruß-Geste auch im Nachhinein. Zugleich hofft er, „dass es noch mehr Gelegenheit gibt, diese Geste zu zeigen“36.

Diese Entwicklung zeigt, dass Demirals Wolfsgruß bei der EM ebenso wenig dem Zufall geschuldet war wie der einiger türkischer Fans im darauffolgenden Spiel. Vielmehr handelte es sich in beiden Fällen um ein bewusstes Statement türkischer Nationalisten und eine gezielte Provokation. Zugleich lässt der Fall Demiral erkennen, dass die Prinzipien des „Übervaters“ Türkes auch viele Jahre nach seinem Tod nicht nur weiterhin gelten, sondern auch befolgt werden.

Der Fall Demiral und die Reaktion der „Ülkücü“-Bewegung darauf lassen erahnen, wie groß diese Bewegung auch in migrantischen Kreisen in Deutschland geworden zu sein scheint. Mittlerweile ist sie die größte rechtsextremistische Organisation in der Bundesrepublik. Die politischen Entwicklungen in der Türkei waren und sind für ihre Mitglieder ein wichtiger Impulsgeber. Die rassistische und nationalistische Ausrichtung der Vereine in Deutschland, die gerade seit der politischen Allianz zwischen AKP und MHP bei der Anhängerschaft zugenommen haben, verstärkt dabei eine Abkehr von jeglicher Integration. Die „Grauen Wölfe“ nutzen die Bundesrepublik weniger als Agitationsplattform, sondern vorwiegend als Rückzugsgebiet. Um diesen Status nicht zu gefährden, verzichten sie weitgehend auf die Anwendung von Gewalt. Aus diesem Grunde zeigen die Appelle der Vereine, Provokationen nicht in Gewalt ausarten zu lassen, bislang überwiegend ihre Wirkung. Die „Grauen Wölfe“ sind aber bemüht, Einfluss auf Politik und Gesellschaft zu nehmen. Als Träger der extremistischen Ideologie fördern die Vereine zudem die grundsätzliche Bereitschaft einzelner Anhängerinnen und Anhänger, Gewalt und Provokationen gegen die vermeintlichen Feinde spontan auszuleben. Über die sozialen Medien versucht darüber hinaus insbesondere die freie Szene der „Ülkücü“-Bewegung Einfluss auf vor allem auf junge Menschen zu nehmen.

Seit dem 1.3.2019 sind in Österreich sowohl Zeichen der „Grauen Wölfe“ als auch der Wolfsgruß verboten. Ende 2020 kam es in Frankreich sogar zu einem Verbot der „Ülkücü“-Bewegung. Am 18.11.2020 verabschiedete der Deutsche Bundestag einen von den Fraktionen von CDU/ CSU, SPD, FDP und Bündnis 90/ DIE GRÜNEN getragenen Antrag unter der Überschrift „Nationalismus und Rassismus die Stirn bieten – Einfluss der Ülkücü-Bewegung zurückdrängen“. Der Antrag spricht sich für dafür aus, ein Verbot der Vereine der „Ülkücü“-Bewegung in Deutschland aufgrund ihrer militanten, gewaltbereiten Aktivitäten in Europa und Deutschland zu prüfen. Die Entscheidung der Bundesregierung steht bis heute aus.37


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