Wissenschaft  und Forschung

Die „Grauen Wölfe“

Von Dr. Udo Baron, Hannover¹

 

1 Einleitung und Fragestellung

 

Es war das Achtelfinal-Spiel der Fußball Europameisterschaft 2024 in Deutschland. Die Türkei spielte gegen Österreich um den Einzug ins Viertelfinale des Turniers. Im Jubel nach seinem zweiten Treffer zum 2:1 formte der türkische Nationalspieler Merih Demiral plötzlich seine Hände so, dass Mittel- und Ringfinger dabei den Daumen berührten, während der Zeige- und der kleine Finger in Nachahmung von Wolfsohren nach oben zeigten. Demiral hatte mit seinen Fingern den Kopf eines Wolfes dargestellt. Es handelte sich dabei nicht um irgendeinen beliebigen Tierkopf, sondern um den „Bozkurt“, den „Grauen Wolf“. Demiral hatte den „Wolfsgruß“ geformt, das bekannteste Erkennungszeichen der rechtsextremistischen türkischen „Idealistenbewegung“ („Ülkücü“-Bewegung), besser bekannt als die „Grauen Wölfe“.2 Dieser aus einem alttürkischen Mythos stammende Wolf soll Stärke und Aggressivität der Bewegung, aber auch Tapferkeit, Radikalismus und Heroismus symbolisieren und steht symbolisch für die Militanz der Bewegung.3 Anhängerinnen und Anhängern der „Ülkücü“-Bewegung werden deshalb auch als „Graue Wölfe“ („Bozkurtlar“) bezeichnet. Dadurch, dass Demiral nach dem Spiel ein Bild mit seinem Torjubel in den Sozialen Medien einstellte, verdeutlichte er, dass er den „Wolfsgruß“ nicht zufällig gezeigt hatte. Die UEFA bewertete das Verwenden des „Wolfsgrußes“ als „unangemessenes Verhalten“ und sperrte daraufhin den türkischen Nationalspieler für zwei Länderspiele. Während einige türkische Fußballfans das Zeigen des „Wolfsgrußes“ kritisierten, provozierten vor allem im Viertelfinalspiel gegen die Niederlande zahlreiche türkische Fans gezielt mit diesem Symbol.4

Der Vorfall rund um Demiral reiht sich ein in eine Reihe von Provokationen rechtsextremer und ultranationalistischer Türkeistämmiger in Deutschland. So hat sich beispielsweise der ehemalige deutsche Fußballnationalspieler und Träger des Integrationspreises, Mesut Özil, die bekanntesten Symbole der „Grauen Wölfe“, den heulenden Wolf und eine Flagge mit drei Halbmonden, demonstrativ auf seine Brust tätowieren lassen.5 Wer aber sind die „Grauen Wölfe“? Welchen politisch-ideologischen Hintergrund haben sie? Wie sind sie organisatorisch aufgestellt? Welche Ziele verfolgen sie? Wie sind sie parteipolitisch angebunden? Diesen Fragen widmet sich der folgende Aufsatz.

 

2 Ideologie der „Grauen Wölfe“


Die Ideologie der „Grauen Wölfe“ bzw. der „Ülkücü“-Bewegung bildete sich Mitte des 20. Jahrhunderts in der Türkei heraus. Sie ist historisch geprägt und basiert unter anderem auf den Erinnerungen an das zwischen 1299 und 1922 existierende Osmanische Reich. Ausgangspunkt der politischen Ideologie der türkischen Rechtsextremisten ist ein sog. „idealistischer Nationalismus“, welcher von einem ausgeprägten Nationalismus und Rassismus gegenüber allen nicht-türkischen Bevölkerungsteilen bestimmt wird.6 Das ideologische Fundament der „Ülkücü“-Lehre geht auf dem Gründer der Bewegung, Alparslan Türkes, und dessen Neun-Strahlen-bzw. Neun-Lichter-Doktrin aus dem Jahre 1965 zurück. Sie vereint extremen Nationalismus und islamische Frömmigkeit bei gleichzeitiger Ablehnung von Kommunismus und Kapitalismus. Die Strahlen symbolisieren die Theorien des Nationalismus, Idealismus, Moralismus, traditionelle Wissenschaftlichkeit, Soziabilität, Förderung der Landwirtschaft, Freiheit und Individualismus, Volksnähe, Förderung der nationalen Industrie und der Technik.7 Vor diesem Hintergrund kommt der Niedersächsische Verfassungsschutz zu dem Schluss, dass sich diese Doktrin als eine Lebensphilosophie versteht, nach der ihre Anhängerinnen und Anhänger zu leben haben.8 Die totale Identifikation mit der Nation, dem türkischen Staat sowie der Religion, dem Islam, wird als selbstverständlich vorausgesetzt. Eine rassistische Sichtweise bestärkt dabei das nationale Bewusstsein und führt zu einer türkisch-islamischen Synthese. Sie ist ein „Kernideologem des türkischen Rechtsnationalismus“, das den türkischen Nationalismus mit islamischen Werten verbindet und von der Vorstellung der Untrennbarkeit von türkisch-nationalen und islamischen Bestandteilen in der türkischen Geschichte ausgeht.9 Um die nationale Einheit zu stärken, bildete sie sich in den 1970er- und 1980er-Jahren heraus und betonte dabei vor allem die kulturelle und religiöse Identität der Türken10

Aus der Synthese von Nation und Religion leitet sich der Gedanke des Panturkismus und Turanismus ab, der ein ethnisch homogenes „Großtürkisches Reich“11für alle Turkvölker auf der Grundlage des Islam errichten möchte, den sog. „Turan“. Danach soll ein Volk, das Türkentum, mit einer Sprache, dem türkischen, unter den drei Halbmonden auf dem Territorium eines „Großtürkischen Reichs“ unter türkischer Vorherrschaft regieren. Zu den wichtigsten Elementen gehört dabei die Überhöhung des Türkentums, des türkischen Charakters und des Kampfes gegen Separatisten.

Dem Turanismus voraus ging im Zuge der Zerfallserscheinungen des Osmanischen Reiches der Panturkismus bzw. Turkismus. Diese Ideologie behauptet die rassistische, historische und moralische Einheit und Überlegenheit aller Turkvölker. Ihr Ziel war es, einen alle türkischen Völker umfassenden Nationalstaat zu gründen. Im Gegensatz zum Turkismus, der sich ausschließlich auf die Turkvölker beschränkte, umfasst der Turanismus auch die finno-ugrischen und mongolischen Völker. Geografisch zielt das ersehnte Reich „Turan“ auf das heutige Zentralasien, die Mongolei und Tatarstan.

Neben Nationalismus und Islamismus bildet der Antikommunismus die dritte Säule im Weltbild der Ülkücü-Bewegung. Er war und ist die Klammer zwischen ultranationalistischem Idealismus und der Staatsideologie.12

Die „Grauen Wölfe“ leben nach einem totalitären Normverständnis, nach dem das Türkentum allen anderen Nationalitäten und Kulturen übergeordnet sei. Menschen anderer Ethnien oder anderer Minderheiten werden daher weder akzeptiert noch respektiert. Ein ausgeprägtes „Freund-Feind-Denken“ führt dazu, dass Kurden, Juden, Christen, Armenier, Araber, Griechen, Kommunisten, Freimaurer, Israelis bzw. „Zionisten“, die EU, der Vatikan und die Vereinigten Staaten als Feinde betrachtet werden. Hass und Gewalt gegenüber diesen „fremden Gruppierungen“ gelten als legitim. In der Praxis folgt daraus eine ständige Gewaltbereitschaft gegenüber den „Feinden“, die insbesondere bei der jungen Anhängerschaft und im Internet zu Tage tritt.13

Vor diesem Hintergrund wird das Vorgehen der türkischen Armee in den kurdisch besiedelten Gebieten in Nordsyrien und im Nordirak von den „Grauen Wölfen“ generell unterstützt. Sie hoffen, dass dadurch die Autonomiegebiete an der türkischen Südgrenze beseitigt werden und somit keine Bedrohung mehr für die Souveränität und Integrität des türkischen Staates darstellen. Die Folge waren und sind stetige Spannungen zwischen „Grauen Wölfen“ und den Kurden der „Arbeiterpartei Kurdistans“ („Kurmandschi Partiya Karkerên Kurdistanê“; PKK).14Neben Nationalismus und Rassismus stößt man bei den „Grauen Wölfen“ auf einen vor allem israelbezogenen Antisemitismus, der sich u.a. in antisemitischen Verschwörungstheorien und antisemitischer Propaganda seine Bahnen bricht. Auch eine antidemokratische Grundhaltung mit gezielter Propaganda gegen „Linke“, Sozialisten, Kommunisten sowie demokratische Institutionen gehört zur typischen Denkweise der Ülkücü-Bewegung.15 In den meisten „Idealistenvereinen“ (Ülkücü Ocakları) wird ein Eid geleistet, der sog. Ülkücü-Schwur (Ülkücü Yemini) oder „Idealisten“-Schwur. Er fasst das Weltbild der „Grauen Wölfe“ wie folgt zusammen: „Bei Allah, dem Koran, dem Vaterland, der Fahne wird geschworen. Meine Märtyrer, meine Frontkämpfer [Veteranen] sollen sicher sein. Wir, die idealistische türkische Jugend, werden unseren Kampf gegen Kommunismus, Kapitalismus, Faschismus, Zionismus und jegliche Art von Imperialismus fortführen. Unser Kampf geht bis zum letzten Mann, bis zum letzten Atemzug, bis zum letzten Tropfen Blut. Unser Kampf geht weiter, bis die nationalistische Türkei, bis der Turan erreicht ist. Wir, die idealistische türkische Jugend, werden nicht zurückschrecken, nicht wanken [zusammenbrechen], (sondern wir werden unsere Ziele) erreichen, erreichen, erreichen. Möge Allah die Türken schützen und erhöhen. Amen.“16

 

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