Psychologie der Messergewalt
Historisches Erbe und zeitgenössische Phänomene
9 Tötungsdelikte mit Messern durch Kinder und Jugendliche
Erhöhte Aggressionsbereitschaft, gestörte Emotionsregulation und reduzierte Impulshemmung können bei dissozialen Kindern und Jugendlichen zu Tötungsdelikten führen. Der Anteil von tatverdächtigen Kindern und Jugendlichen an der Gesamtheit der Kindstötungen ist jedoch relativ gering – das mediale Interesse daran aber riesig.
Im Jahr 2023 gab es nach der Freudenberger Bluttat noch weitere Tötungsdelikte durch Kinder und Jugendliche mit einem Messer als Mordwaffe, die in der Öffentlichkeit großes Aufsehen erregt haben. Im Sommer 2023 erstach im norddeutschen Pragsdorf ein 14-Jähriger einen sechsjährigen Jungen, den er kannte und der in seiner Nähe wohnte. Anfang April 2024 töteten zwei Kinder und zwei Jugendliche im Dortmunder Hafen einen Obdachlosen. Der mutmaßliche Haupttäter war 13 Jahre alt und hat das Opfer mit einem Messer erstochen. In einer Übersicht stellte der Autor9 acht Fälle von Messerattacken eines Jahres zusammen, die in Deutschland von Kindern oder Jugendlichen verübt wurden und über die ausführlich in allen großen Zeitungen berichtet wurde (Zeitraum März 2023 bis April 2024 – Fälle von Freudenberg, Bischofswerda, Harsewinkel, Pragsdorf, Cuxhaven, Pforzheim, Wuppertal, Dortmund). Die meisten dieser Messerangriffe fanden in Schulen statt. Drei Opfer dieser Messerattacken wurden dabei getötet, die anderen schwer verletzt.
Den besten Einblick in die Tatmotive und die Täterpersönlichkeiten haben die Forensischen Psychiater, die vom Gericht als Sachverständige bestellt werden. Helmut Remschmidt, der Nestor der deutschen Kinder- und Jugendpsychiatrie, hat sich jahrzehntelang als Sachverständiger und Forscher mit Tötungsdelikten von Kindern und Jugendlichen beschäftigt. Im Jahr 2012 veröffentlichte einen fast 500 Seiten umfassenden Forschungsbericht im Springer-Verlag über seine Begutachtungspraxis bei Tötungs- und Gewaltdelikten durch junge Menschen.10 Die Ergebnisse gingen als „Marburger Tötungs- und Gewaltdelinquenzstudie“ in die Forschungsliteratur ein. Remschmidt berichtet über 114 Fälle von Tötungs- und Gewaltdelikten aus den Jahren 1976 bis 2007. Darunter waren 42 Morde und 13 Fälle von Totschlag. Die Täter waren zwischen 14 und 21 Jahre alt, mit einem Durchschnittsalter von 17,9 Jahren. Neun Täter waren erst 14 Jahre alt. Nach der derzeitigen Gesetzeslage11 gibt es Strafverfahren und forensisch-psychiatrische Begutachtung erst ab dem 14. Lebensjahr. Fälle von Mord und Totschlag gibt es auch bei Kindern – wie bei den Messermorden von Freudenberg. Remschmidt analysiert in seinem umfangreichen Forschungsbericht sehr ausführlich die psychologischen Risikofaktoren (z.B. psychische Erkrankungen, Persönlichkeitsmerkmale, ungünstige familiäre Einflüsse, Schulversagen, Intelligenzminderung, negativer Einfluss sozialer Medien). Sieben Jahre später fasste er seine Fälle zu spezifischen Fallgruppen zusammen und verdeutlichte diese mit 23 ausführlichen Fallgeschichten. Darunter sind auch Messerdelikte mit tödlichem Ausgang, die von Jugendliche verübt wurden.12
10 Polizisten als Opfer von Messerangriffen
Die Tötung eines Polizisten bei einem Messerangriff in Mannheim am 31.5.2024 löste in Deutschland großes Entsetzen aus. Das Attentat galt Michael Stürzenberger, dem Vorsitzenden des bayerischen Landesverbandes der Bürgerbewegung Pax Europa. Der Politiker hatte mehrere Messerstiche im Gesicht und anderen Körperregionen. Er konnte durch eine Notoperation gerettet werden. Der 29 Jahre alte Polizeihauptkommissar Rouven Laur war einer der ersten herbeigeeilten Polizisten, die zur Hilfe kamen. Der Täter konnte dem Polizisten zwei Messerstiche im Kopfbereich zufügen, ehe ein weiterer Polizist den Täter mit einem Schuss niederstreckte. Das Geschehen dauerte lediglich 25 Sekunden. Der verletzte Polizist wurde notoperiert und ins künstliche Koma versetzt. Leider starb er zwei Tage später. Der mutmaßliche Täter war ein 25 Jahre alter Afghane, der seit 11 Jahren in Deutschland lebte und mit einer Deutsch-Türkin verheiratet war. Der Täter überlebte und wurde wegen Mordes angeklagt. Insgesamt hat er den Polizisten getötet und fünf weitere Personen schwer verletzt.
In den letzten Jahren häufen sich Fälle, in denen Polizisten im Einsatz mit einem Messer angegriffen werden. Nicht selten kommt es dann zum Schusswaffeneinsatz der Polizeibeamten. Gewalttaten gegen Polizisten sind sukzessive von Jahr zu Jahr gestiegen und haben im Jahr 2023 einen Höchststand von 105.708 Fällen erreicht. Im Vergleich zum Vorjahr 2022 bedeutet dies einen Anstieg von 9,9%. Am 14.10.2024 veröffentlichte das BKA das Bundeslagebild „Gewalt gegen Polizeivollzugsbeamtinnen und Polizeivollzugsbeamte 2023“.13
11 Messer in der Schule – Psychologische Motive des Messerbesitzes bei Schülern
Die besorgniserregende Zunahme von Messerkriminalität durch Kinder und Jugendliche spielt sich bevorzugt am Tatort Schule ab. Eine wesentliche Voraussetzung hierfür ist das Mitführen von Messern durch Schüler. Umfragen haben ergeben, dass etwa 10% der Schüler regelmäßig und 30% gelegentlich ein Messer mit in die Schule nehmen.14 Es steckt verborgen in der Hosentasche, im Rucksack oder Schulranzen. Nur, wer ein Messer in die Schule mitnimmt, kann zum Täter von Messerkriminalität an diesem Ort werden. Deshalb sind Messerverbote für Schulen seit langem in der Diskussion. Die Grundfragen hierzu sind: Wer soll das wie kontrollieren und was sind die Konsequenzen bei Verstoß gegen das Messerverbot? Bislang fehlt es an einer einheitlichen Regelung zu diesem Thema.
Aufschlussreich erscheint die Frage, welche psychologischen Motive das Mitführen von Messern bei Schülern bedingen. Der Kriminologe Dirk Baier hat sich Jahrzehnte mit den Grundproblemen der Jugendgewalt und der Messerkriminalität beschäftigt. Er war lange stellvertretender Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) und ist heute Professor für Kriminologie an der Universität Zürich. In einem Interview gab er auf die Frage „Was macht ausgerechnet die Waffe Messer für sie so attraktiv?“ folgende Antwort:15 „Das Messer ist ein Symbol, das sehr schnell klarmacht: Ich bin gefährlich. Ich kann meine Männlichkeit, meine Gewaltbereitschaft sehr einfach zeigen. Ich bekomme als Jugendlicher in meiner Gruppe sehr schnell Anerkennung – und wenn ich mit jemandem im Konflikt bin, signalisiert das sofort: Vorsicht, ich bin ein gefährlicher Kerl. Dazu ist das Messer die am leichtesten zugängliche Waffe, die wir zurzeit haben.“
12 Nora Markwalder: „Messer bleiben selten in der Hosentasche“
Die St. Galler Strafrechtlerin und Kriminologin Nora Markwalder betont die Bedeutung der situativen Auslöser für Messerkriminalität durch Jugendliche. Es seien oft keine Einzeltäter, sondern mehrere Jugendliche oder junge Erwachsene treffen sich, hören laut Musik, trinken Alkohol, nehmen Drogen, provozieren Passanten – irgendwann kommt es zu Konflikten, die gewalttätig eskalieren. Dann wird oft das mitgeführte Messer gezückt und es kommt zu Körperverletzungen oder Tötungsdelikten. Die Messer bleiben also nicht in der Hosentasche.16 Aber es gilt auch: Nur, wer ein Messer mitführt, kann es im Konfliktfall einsetzen.
13 Messerkriminalität durch Asylsuchende und Zuwanderer
Die Daten des BKA zur Messerkriminalität für das Jahr 202317 belegen, dass der Anteil der Nicht-Deutschen an der Messerkriminalität deutlich höher ist, als diese Gruppe in der Gesamtbevölkerung repräsentiert ist. In Deutschland leben nach dem Statistischen Bundesamt 12,3 Millionen Ausländer, das entspricht einem Anteil an der Gesamtbevölkerung von etwa 15%. Je nach Bundesland liegt der Anteil der Nicht-Deutschen bei der Messerkriminalität aber zwischen 40 und 50%.
Die Messerkriminalität von Migranten oder Asylanten und insbesondere die schweren Tötungsdelikte sind in den Medien sehr präsent. Die Berichterstattung in diesen Fällen ist ein Vielfaches umfangreicher im Vergleich dazu, dass ein deutscher Mann im Streit seine Frau ersticht. Die oben zitierten kriminologischen Experten für Messerkriminalität (Dirk Baier, Nora Markwalder) betonen beide, dass nicht die ethnische Herkunft oder Staatsangehörigkeit richtungsweisend sind, sondern die mit Flucht und Migration verbundenen Gewalterfahrungen, Traumata und Stressoren.
Service
Aktivitäten
Aktuelle Ausgabe

Mit ihrem aktuellen und vielfältigen Themenspektrum, einer Mischung aus Theorie und Praxis und einem Team von renommierten Autorinnen und Autoren hat „Die Kriminalpolizei“ sich in den vergangenen Jahren einen ausgezeichneten Ruf erworben.
Über die angestammte Leserschaft aus Polizei, Justiz, Verwaltung und Politik hinaus wächst inzwischen die Gruppe der an Sicherheitsfragen interessierten Leserinnen und Lesern. Darüber freuen wir uns sehr. [...mehr]
Meist gelesene Artikel
RSS Feed PolizeiDeinPartner.de
PolizeideinPartner.de - Newsfeed
-
Alkoholkonsum am Arbeitsplatz
Der auszubildende Handwerker, der schon in der Mittagspause das erste Bier öffnet, die Lehrerin, die ihre Probleme ...
-
Warum Baustellensicherheit vernetzt gedacht werden muss
Wenn die Polizei an eine Baustelle gerufen wird, ist der Schaden meist schon entstanden. Kabeltrommeln sind weg, der ...
-
Claude Mythos – Die nächste Evolutionsstufe der Cybersecurity-KI?
Mit „Claude Mythos“ hat das KI-Unternehmen „Anthropic“ ein KI-Modell vorgestellt, das speziell aufgrund seiner ...
-
Cyberkriminalität heute
Der „Hacker im dunklen Keller“, umgeben von Monitoren, leeren Pizzakartons und koffeinhaltigen Getränken, ist ein ...
-
Muskelaufbau um jeden Preis
Der Medikamentenmissbrauch in Fitnessstudios ist längst kein Randphänomen mehr. Experten beobachten seit Jahren, dass ...
-
Gefälschte Bankseiten
Phishing-Angriffe über gefälschte Bankseiten gehören seit Jahren zu den erfolgreichsten Methoden von Cyberbetrügern. ...
-
Selbstbedienungskassen im Einzelhandel
Wer heute im Supermarkt, im Baumarkt oder in der Drogerie einkauft, begegnet fast überall Selbstbedienungskassen, kurz ...





