Wissenschaft  und Forschung

Psychologie der Messergewalt

Historisches Erbe und zeitgenössische Phänomene


Von Prof. Dr. Herbert Csef, Würzburg1

 

1 Das Messer als archaische Waffe

 

Das Messer hat in der Menschheitsentwicklung eine universale und archaische Bedeutung. Der Steinzeitmensch fertigte aus spitzen Steinen Messer und Speerspitzen für die Jagd. Ein weiterer wichtiger Entwicklungsschritt war die Herstellung von Messern und Schwertern aus Eisen. Das Messer hatte von Anfang an mehrere Funktionen: es diente bei der Jagd dem Töten von Tieren, es war wichtig für die eigene Verteidigung vor wilden angreifenden Tieren und es wurde bald zur Tatwaffe oder zum Mordinstrument bei Gewaltakten und in kriegerischen Auseinandersetzungen. Über Jahrtausende – bis zur Entwicklung von Schusswaffen – waren Messer und Schwerter die Werkzeuge für Verteidigung, Gewalt und Krieg. Diese lange Tradition und dieses historische Erbe wird in den letzten Jahren immer deutlicher „reaktiviert“: Messergewalt und Tötungsdelikte mit der Tatwaffe des Messers nehmen erschreckend zu. Die kriminologische Forschung hat ergeben, dass diese aktuelle Häufigkeitszunahme überwiegend auf psychische und soziale Faktoren zurückzuführen ist.

 

 

2 Messer und Schwert als Mordwaffe in der Bibel


Der erste Mord in der Bibel geschah nicht mit einem Schwert oder Messer, sondern mit einem Stein: Kain erschlug seinen Bruder Abel. Das Messer als Tatwaffe taucht in der Bibel erstmals bei der versuchten Opferung seines Sohnes Isaak durch Abraham. Im 1. Buch Mose, 22, wird diese Geschichte erzählt. Abraham hielt das Messer bereits in der Hand. Da geschah ein Wunder: eine erlösende Stimme vom Himmel forderte Abraham auf, innezuhalten und ein Tier als Ersatzopfer zu verbrennen. Bluttaten mit Messer oder Schwert erfolgten in der Bibel durch Judith, die den Feldherrn Holofernes mit einem Schwert tötete und bei der Ermordung von Johannes dem Täufer, dessen bluttriefendes Haupt der Auftraggeberin Salome auf einem silbernen Tablett serviert wurde. In der bildenden Kunst gibt es zahlreiche eindrucksvolle Darstellungen dieser biblischen Urszenen, in denen das Messer als Tatwaffe erscheint, z.B. die Gemälde des italienischen Malers Caravaggio. Nicht nur in der bildenden Kunst, sondern auch in der Literatur spielen Morde mit Messern eine große Rolle. Hier geht es oft um Morde zwischen Menschen, die sich kennen und bei schweren Konflikten oder Gewalt-Eskalationen den Partner töten. Intimizide (Tötung des Liebespartners), Femizide und familiäre Affektdelikte sind hier sowohl in der Literatur als auch im realen Leben häufig.

 

3 Das Messer als Mordwaffe im Roman „Der Fremde“ von Albert Camus


Es gibt zahlreiche Darstellungen von Tötungsdelikten mit Messern in der Literatur. In den Dramen von Shakespeare ging es besonders blutrünstig zu. Deshalb waren Schwerter und Messer bevorzugte Mordwaffen. Bei Albert Camus kommt im 20. Jahrhundert ein neues Phänomen ins Spiel: Der Mord eines Arabers nach einer Bedrohung mit einem Messer in Algerien. Die Faszination des Messers und das Dranghafte zum Vollzug der Tat wurden von Camus eindrucksvoll beschrieben. „Der Fremde“2 wurde sein erfolgreichster Roman und er erhielt dafür den Nobelpreis für Literatur im Jahr 1957. Mersault, der Protagonist des Romans, gerät am Meeresstrand in einen Streit mit zwei Arabern. Der eine zieht ein Messer. Das Messer funkelt in der Sonne. Er fühlt sich bedroht und erschießt den Araber. Das magische Funkeln der Messerschneide in der Sonne wird zu einem wichtigen Symbol. Der Täter sagt, die Sonne sei schuld gewesen an der Tat. Mersault wird schließlich zum Tode verurteilt und akzeptiert innerlich dieses Urteil.

 

4 Der Roman „Knife“ von Salman Rushdie3


Der indisch-britische Schriftsteller Salman Rushdie wurde in seinem 75. Lebensjahr Opfer eines Messerattentates. Bei einer Podiumsdiskussion stürmte ein islamistischer Attentäter auf die Bühne und stach wild mit einem Messer auf ihn ein. Er hatte schwere Verletzungen am Hals, im Gesicht, in der Leber und am Arm, war in einer lebensbedrohlichen Situation und konnte durch Notoperationen gerettet werden. Als Folgeschäden ist er auf dem rechten Auge blind und hat motorische Einschränkungen. Nach dem Attentat hatte er eine lange Reha und versuchte wieder, ins Leben zurückzukommen. Für ihn war Schreiben eine Art Therapie. Und so verarbeitete er in seinem Roman das erlittene Attentat. Dabei schildert er seine eigenen Erlebnisse, das Attentat selbst und die liebevolle Unterstützung seiner jüngeren Ehefrau Eliza. Er versuchte auch, die Perspektive des Attentäters einzunehmen und führte mit ihm ein imaginäres Gespräch. Das Buch wurde ein Bestseller wie viele seine Bücher zuvor. Mehrmals wurden seine Werke mit dem angesehen Booker Prize ausgezeichnet. Im Jahr 2008 erhielt er sogar den Titel „The Best of the Booker“, der sein Werk als das beste aller bisherigen Booker-Gewinner hervorhebt. Im Jahr 2023 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. In der vielfältigen Buchkritik und in den Rezensionen wurde sein autobiografischer Roman überschwänglich gelobt.

 

5 Politiker als Opfer von Messerattentaten


Politiker können ebenso wie Salman Rushdie Opfer von Messerattentaten werden. Diese geschehen meist in der Öffentlichkeit, bei besonderen Veranstaltungen, auf offener Bühne. In Deutschland wurde im April 1990 der ehemalige Ministerpräsident des Saarlandes, späterer Kanzlerkandidat, SPD-Vorsitzender und Finanzminister Oskar Lafontaine in Köln auf offener Bühne von einer psychisch kranken Frau mit einem Messer angegriffen und an der Halsschlagader lebensbedrohlich verletzt. Ebenfalls in Köln wurde 25 Jahre später die Oberbürgermeisterin bei einer Wahlveranstaltung Opfer eines Messerattentates. Der frühere Finanzminister und Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble wurde im selben Jahr wie Oskar Lafontaine (am 12.10.1990) Opfer eines Attentats. Er wurde mit einem Revolver niedergeschossen, erlitt eine Querschnittslähmung und saß von da an im Rollstuhl. In den USA, in denen Schusswaffen in der Gesamtbevölkerung stark verbreitet sind, wurden fast alle Politiker-Attentate mit Schusswaffen ausgeführt. Mehrere US-Präsidenten wurden Opfer von Attentaten – z.B. John F. Kennedy und zuletzt Donald Trump.

 

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