Psychologie der Messergewalt
Historisches Erbe und zeitgenössische Phänomene
14 Psychologische und soziologische Risikofaktoren der Messerkriminalität
Die aussagekräftigsten deutschen Studien zur Messerkriminalität wurden durch Mitarbeiter der Kriminologischen Zentralstelle Wiesbaden durchgeführt. Diese gehen auch auf Risikofaktoren, Tätercharakteristika, Tatumstände und mögliche Ursachen ein. Untersucht wurden in einem Vergleich 519 bzw. 452 Fälle von Gewaltkriminalität der Jahre 2013 und 2018 im Bundesland Rheinland-Pfalz.18 Die Täter waren rechtskräftig verurteilt und es wurde Gewaltkriminalität mit oder ohne Messer verglichen. Die beiden Gruppen unterschieden sich nicht signifikant in soziodemographischen Daten, wohl aber in Risikofaktoren und möglichen Ursachen. Die Täter von Messerkriminalität hatten häufiger psychische Erkrankungen und eigene Viktimisierungs-Erfahrungen in der Vorgeschichte, d.h. die Täter waren früher selbst Gewaltopfer, meist von häuslicher Gewalt durch die Eltern. Unter den situativen Faktoren spielten Alkohol und Drogen eine große Rolle. Das Verhältnis von Tätern zu Täterinnen war in beiden Stichproben etwa 10 zu 1. Das Alter lag zwischen 14 und 90 Jahren mit einem Durchschnittsalter von 30,4 bzw. 32,4 Jahren. Es überwogen hinsichtlich Beziehungsstatus und Täter-Opfer-Beziehung eindeutig Intimizide von Männern an ihren Frauen. Für das Thema der Messerkriminalität durch Kinder und Jugendliche sind deshalb die beiden Studien nur bedingt aussagekräftig. Systematische Studien an dieser Altersgruppe zur Messerkriminalität gibt es im deutschen Sprachraum noch nicht. Hierin liegt eindeutig ein erhebliches Forschungsdefizit.
15 Präventionsmöglichkeiten
Die wichtigste Botschaft der beiden oben zitierten Messerkriminalitäts-Studien der Forschergruppe um Elena Rausch (Kriminologische Zentralstelle Wiesbaden) dient der Prävention. Risikokinder mit einem erhöhten Aggressionspotential stammen danach oft aus Gewaltfamilien. Durch häusliche Gewalt entsteht Gewalt bei Kindern. Hier sollte Prävention so früh wie möglich ansetzen. Es gibt bereits kriminalpräventive Ansätze der Polizei in Kitas.19 Hier liegt die größte Präventionschance bezüglich Messerkriminalität von Kindern und Jugendlichen. Weitere kriminalpräventive Maßnahmen wurden für Schulen entwickelt. Bewährt haben sich multiprofessionelle Schulteams zur Beratung, Gewaltprävention und Krisenintervention. In diesen sollten die Schulleitung, spezifische geschulte Lehrkräfte, Schulsozialarbeiter, Schulpsychologen, der Hausmeister und die Schulsekretärinnen vertreten sein.20 Ob generell Messerverbote an Schulen eingeführt werden sollen und wie diese kontrolliert werden, ist aktuell Gegenstand kontroverser Diskussionen.
Generell müssen die konkreten Maßnahmen zur Prävention von Messerkriminalität gruppenspezifisch und nach den bevorzugten Tatorten erfolgen. Die oben genannten Hotspots (Messerkriminalität an Bahnhöfen und öffentlichen Plätzen, durch Asylanten und Migranten, an Schulen und im Rahmen von häuslicher Gewalt) erfordern sehr spezifische und differenzierte Präventionsansätze. In Schulen sind andere Maßnahmen sinnvoll als in Flüchtlingsunterkünften oder auf Bahnhöfen. Die Messerkriminalität im Rahmen von häuslicher Gewalt erfordert wiederum noch andere Zugänge.
Insgesamt sind nach bisherigen kriminologischen Erkenntnissen die Ergebnisse von Gewaltprävention durchaus optimistisch zu bewerten. Sie erfordern jedoch entsprechende politische Vorgaben, Gesetze und Regelungen, sowie konsequentes Umsetzen im Handeln. Hier ist die Kooperation der beteiligten Institutionen21 von großer Bedeutung.
Anmerkungen
- Der Autor war bis zu seiner Pensionierung Schwerpunktleiter für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Zentrum für Innere Medizin, Medizinische Klinik und Poliklinik II, Universitätsklinikum Würzburg. Aktuelle Korrespondenzadresse: [email protected].
- Albert Camus, Der Fremde. Rororo 22189, Rowohlt, Reinbek 1999 (Frz. Original 1942, Verlag Gallimard, Paris).
- Salman Rushdie, Knife. Gedanken nach einem Mordversuch. Penguin Verlag, München 2024.
- Fabio Ghelli, Messerangriffe: Statistik und Berichterstattung. Mediendienst Integration v. 1.7.2023.
- In der Polizeilichen Kriminalstatistik für das Jahr 2024 wurden insgesamt 29.014 Messerangriffe erfasst, von denen 54,3% auf Fälle der Gewaltkriminalität entfielen (BKA, 2025).
- Elisabeth Winkler, Messerangriffe in Deutschland. MDR Aktuell v. 26.8.2024.
- BKA, Lagebild „Geschlechtsspezifisch gegen Frauen gerichtete Straftaten“. Bundeskriminalamt, Wiesbaden 2024.
- Luise Greuel, Tötungsdelikte im Kontext von Paarbeziehungen. Hochschule für Öffentliche Verwaltung Bremen. Vortrag bei der Deutschen Richterakademie Trier 13.-16.10.2014.
- Herbert Csef, Gewaltkriminalität bei Kindern und Jugendlichen. Prävalenz, Opfer-Täter-Transition, Prävention. Die Kriminalpolizei 4/2024, S. 25-27.
- Helmut Remschmidt, Tötungs- und Gewaltdelikte junger Menschen. Ursachen, Begutachtung, Prognose. Springer Verlag, Berlin 2012.
- § 19 StGB: Schuldunfähigkeit des Kindes.
- Helmut Remschmidt, Wenn junge Menschen töten. Ein Kinder- und Jugendpsychiater berichtet. C.H. Beck, München 2019.
- BKA, Bundeslagebild Gewalt gegen Polizeivollzugsbeamtinnen und Polizeivollzugsbeamte 2023. Bundeskriminalamt, Wiesbaden 2024.
- Jens Luedtke, „Jeder Fünfte nimmt ein Messer mit in die Schule“. Interview mit Anant Agarwala, Zeit 11/2024 v. 11.3.2024.
- Dirk Baier, Messerangriffe durch Migranten. Interview mit Jutta Rinas, Hannoversche Allgemeine Zeitung v. 28.10.2024.
- Nora Markwalder, „Messer bleiben selten in der Hosentasche“. Interview mit Christina Neuhaus. Neue Züricher Zeitung v. 10.1.2022.
- Siehe Kapitel 6.
- Rausch, Elena, Hatton, Whitney, Brettel, Hauke, Rettenberger, Martin (2022): Ausmaß und Entwicklung der Messerkriminalität in Deutschland: Empirische Erkenntnisse und kriminalpolitische Implikationen. Forensische Psychiatrie Psychologie Kriminologie 16: 42-50; Rausch, Elena, Hatton, Whitney, Brettel, Hauke, Rettenberger, Martin (2023): Messergewalt in Deutschland: Eine empirische Untersuchung zu Risikofaktoren sowie Täter- und Tatcharakteristika. Forensische Psychiatrie Psychologie Kriminologie 17: 327-337.
- Wagner, Teresa, Simon-Erhardt, Franziska, Pfeffer, Simone, Storck, Christina (2023): Resilienz und Sicherheit als Ressourcen gegen Gewalt – Prävention von häuslicher und sexualisierter Gewalt in Kindertageseinrichtungen mit dem Projekt ReSi+. Forum Kriminalprävention 3, 8-10.
- Ebd.
- Z.B. Polizei, Jugendämter, Frauenhäuser, Schulbehörden, Lehrer und Eltern.
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