Aus- und Fortbildung

Messerangriffe

Die tödliche Gefahr

 

9 „Mann-Stopp-Wirkung“


Nach wie vor hält sich bei Laien hartnäckig die Vorstellung, dass man aus Handfeuerwaffen Projektile verfeuern kann, die beim Auftreffen einen Angreifer sofort und allein aufgrund der mechanischen Wirkung aufhalten können. Dieses auch als „Aufhaltekraft“, „Stopping Power“ oder gar „Rückschleuderwirkung“ bezeichnetes Phänomen wird ebenfalls durch übertriebene filmische Darstellungen eindrucksvoll „belegt“. Es ist daher grundfalsch der heutigen Polizeimunition Wunderdinge anzudichten. Es gibt keine messbare und damit vorhersagbare Größe die mit „Mann-Stopp-Wirkung“ zu bezeichnen wäre.


Bei einem polizeilichen Schusswaffengebrauch wird immer wieder auch die Klingenlänge eines Tatmessers thematisiert und bagatellisiert. Dabei reichen geringste Klingenlängen aus, um schwerste und tödliche Verletzungen hervorzurufen. Selbst in der Hand eines ungeübten Kämpfers, kann eine Messerattacke in Sekunden die Kräfteverhältnisse am Einsatzort völlig umkehren. Ein häufig in solchen Lagen geforderter Rückzug oder ein Ausweichen der Polizei, würde immer auch ein erhöhtes Risiko für alle anderen am Ort Zurückbleibenden bedeuten. Der Täter könnte sich dabei zusätzlich animiert fühlen Menschen anzugreifen und in einen nicht mehr zu kontrollierenden Blutrausch verfallen. „Die psychophysischen Wechselbeziehungen erstrecken sich nicht allein auf die Aktivierung von Bewusstseinszuständen […] Es sind tranceartige Zustände“.9

 

10 Kritischer Blutverlust in Sekunden


Bei einer rein körperlichen Abwehr eines Messerangriffes liegt das Verletzungsrisiko bei nahezu 100%. Werden dabei der Hals oder die großen blutführenden Gefäße im Beckenbereich verletzt wird es in Sekunden lebensgefährlich. Selbst ein Schusswaffengebrauch ist keine Garantie dafür, dass ein Angriff sicher und sofort gestoppt wird. Dem Angreifer das Messer aus der Hand zu schießen – das funktioniert nur im Actionfilm. Bei der hohen Dynamik dieser Lagen, ist es nahezu Zufall Arme oder Beine sicher zu treffen. Und es reicht nicht aus, die Extremitäten nur zu treffen. Ohne Zerstörung von Knochen oder Gelenken, bleiben die Schüsse unter Umständen nahezu wirkungslos. Eine Bewegungs- und Handlungsfähigkeit ist annähernd vollständig vorhanden. Ein beabsichtigter Knochentreffer in die Extremitäten eines aggressiven Angreifers ist schießtechnisch eher als Glückstreffer zu werten. Außer im absoluten Nahbereich, basiert eine solche gezielte Trefferleistung auf Wunschdenken.


Oft wird bei der Berichterstattung dieser tragischen Einsätze nicht berücksichtigt, dass nicht jeder Getroffene, selbst bei letztlich tödlichen Treffern im Torso Bereich (bei Lungen- und Herztreffern), sofort aufgibt. Gerichtsmedizinische Untersuchungen haben ergeben, dass selbst bei einem Herz- oder Kopftreffer durch Faustfeuerwaffenmunition, noch bis zu 15 Sekunden eine umfassende Handlungsfähigkeit bestehen bleiben kann („The dead man´s five seconds“). Zusätzlich können Alkohol, psychische Störungen oder Krankheiten, akute „psychosoziale“ Krisen oder Substanzmittelmissbrauch beim Angreifer zu einer veränderten Bewusstseinslage, Schmerzunempfindlichkeit, Entwicklung unerwarteter Kräfte, irrationalen Verhaltensweisen, aggressiven Impulsen und intensiven emotionalen Reaktionen führen. Bei allem Verständnis für eventuelle prekäre Lebensumstände eines Angreifers bleibt die Antwort auf eine ernsthafte Messerattacke ohne Rückzugsmöglichkeit: Einsatz der Schusswaffe. Selbst hierbei verbleibt ein hohes Risiko verletzt zu werden. Nur im absoluten Notfall – für die „Rücken zur Wand“ Situation – kommen körperliche Aktionen überhaupt in Frage. Dabei muss dann ein Zeitfenster erkämpft werden, die Dienstwaffe einzusetzen. Doch schon weit im Vorfeld ist es nötig im Einsatz hellwach zu sein.

 

11 Frühzeitiges Erkennen eines Angriffes kann Leben retten


Gewalttaten erfolgen selten urplötzlich und gänzlich unerwartet. Im besten Fall ist eine Vielzahl von Vorboten erkennbar. Gewalttätiges Vorverhalten (gerade erst stattgefundene Gewalt), Körpersprache und Körperhaltung – wie etwa die Arm- und Beinstellung, oder das Verringern der Distanz, um eine günstigere Angriffsposition zu schaffen – sind Indikatoren und Vorboten eines Angriffes. Begegnungen mit gewaltbereiten Personen sind keineswegs nur einfache Interaktionen, sondern sehr oft Machtspiele. Eine Möglichkeit für deeskalierendes Einschreitverhalten zeigt die sog. „TIT-FOR-TAT“-Strategie auf, die „Strategie der bedingten Freundlichkeit“: Ich bin freundlich, geht der andere auf Konfrontation, zeige ich ihm sofort seine Grenzen auf. Lenkt der andere ein, kehre ich zur freundlichen Grundhaltung zurück.10


Die beschriebene Strategie umzusetzen bedingt, dass die mentale Einstellung, die Bereitschaft im Notfall auch Gewalt einzusetzen, zumindest auf Augenhöhe des Gegenübers sein muss. Die „Antennen“ eines erfahrenen Gewalttäters erkennen das und er kann schnell einschätzen wie stabil der Verteidigungswille ist. Binnen Sekunden wird er die Chancen in einer Auseinandersetzung abwägen und eine Erfolgsprognose erstellen. Im schlechtesten Fall hat der Angreifer eine um Einiges höhere Motivation zu kämpfen, denn er sieht den bewaffneten Polizisten als Gegner, den es etwa bei einer bevorstehenden Festnahme mit allen Mitteln zu bekämpfen gilt. Den Einsatz brutaler und tödlicher Gewalt inklusive.

 

12 Grenzen der Wahrnehmung


Viele im Einsatz Verletzte wähnten sich in einer sicheren, akzeptablen und kooperativen Situation. Um das zu verhindern muss eine Szenerie visuell durchmustert und möglichst schnell, die für die Aufgabenbewältigung wahrnehmbaren Reize entdeckt und wichtige von unwichtigen Informationen getrennt werden.11 Der Begriff der „Inattentional Blindness“12 beschreibt das Phänomen, dass Objekte selbst in der näheren Umgebung nur dann bewusst wahrgenommen werden, wenn die betreffende Person ihre ganze Aufmerksamkeit auf sie richtet. Welche Handlungen in einer kompromisslos körperlich ausgetragenen Konfrontation tatsächlich bewusstseinspflichtig sind, d.h. das Ergebnis eines gewollten und durchdachten Vorganges sind, ist weitgehend unerforscht. Viele Menschen haben eine Begabung, die man kaum trainieren kann. Sie resultiert u.a. aus den biographischen Lebenserfahrungen. Allgemein wird sie als Bauchgefühl oder Intuition bezeichnet. In lebensbedrohlichen Situationen vertraut man oft seinen Instinkten. Man erkennt Gefahrensignale in Momenten, in denen andere Menschen noch völlig arglos sind.13

 

13 Polizeiliche Verhaltenserkennung


Als theoretische Grundlage der Früherkennung von Angriffen gegen Polizeibeamte dienen unter anderem die Untersuchungen der Gehirnforscher Wolf Singer und William S. Condon (Mikrorhythmen), der Psychologen John Gottman (Gottmans Paper 2002-Regressionsanalyse), Paul Ekman und Wallace Friesen (Gesichtsausdrucksanalyse 1976 – Kodierungsschema FACS), Haggard und Isaacs (1966) sowie Prof. Dietmar Schmidtbleicher. Es handelt sich dabei um die zielgerichtete Beobachtung und Analyse von „gezeigtem Verhalten“, anschließender Bewertung und schließlich der eigenen Reaktionen. Ein ähnliches Verfahren („BOA“ – Behavial Observation Analysis) wird aktuell weltweit zur Erkennung von terroristischen Attentätern im Bereich von Bahnhöfen und Flughäfen genutzt. In der Entwicklung der Verhaltenserkennung, in Zusammenarbeit mit Polizeibehörden und Wissenschaftlern fiel auf, dass zum Beispiel Personenschützer und erfahrene Milieufahnder scheinbar eine besondere Fähigkeit, eine Art „Siebten Sinn“, bei der Erkennung von Menschen mit kriminellen Absichten haben. Durch weiterführende Forschung wurden diese Verhaltensweisen genauer untersucht.14Sog. Adaptoren (unbewusste Verhaltensweisen, die der Abfuhr von Erregung dienen und Emotionen ausdrücken) sind ein wesentliches Element zur Erkennung von Verhaltenstendenzen und emotionalen Zuständen. Weitere Offensichtlichkeiten stellen die konkreten beobachtbaren Verhaltensweisen dar. Etwa häufiges „sich-Umschauen“ oder „auf-die-Uhr-schauen“, ständige unmotivierte Richtungsänderungen oder ein wiederholendes Betasten einer versteckten Waffe.