Messerangriffe
Die tödliche Gefahr
14 Das Gefahrenradar
Vorzeichen eskalierender Gewalt können sehr plakativ und laut, aber auch äußerst subtil und leise sein. Nur bei entsprechender spezifischer Aufmerksamkeit im Einsatz sind sie zu erkennen. Bei der Entwicklung eines Gefahrenradars geht es darum potenziell gefährliche Situationen frühzeitig sicher zu erkennen und rechtzeitig Gegenmaßnahmen einzuleiten. So sind etwa die Beobachtung der Hände des Gegenübers, Distanzunterschreitungen und Positionen der Akteure wesentliche Elemente der Trainings.
Dem Einschreiten im Team kommt eine besondere Bedeutung zu. Wie bei den körperlichen Aktionen, ist es in der Einsatzkommunikation von elementarer Bedeutung, dass interaktiv trainiert wird. Im Sinne von: Wer spricht (was!), wer sichert ab und wer hält Rückzugswege frei, muss dabei eine klare Rollenverteilung stattfinden. Erkenntnisse aus den Sportwissenschaften zeigen, dass erst durch intensives Training bis zur Belastungsgrenze und in engen Grenzen darüber hinaus, es zu einer positiven Verschiebung der maximal möglichen körperlichen Reserven (sog. autonom geschützte Reserven) kommt. Das spezielle Design des interaktiven Trainings ermöglicht diese, normalerweise nur unter Lebensgefahr abrufbaren, Potenziale zu entwickeln. Die Anzahl der Eingriffstechniken sind auf ein absolutes Mindestmaß beschränkt. Trainiert wird dynamisch-interaktiv in Szenarien und mit Körperschutzausstattungen. Den Trainierenden werden so nahezu sekündlich neue eigenständige Entscheidungen abverlangt. Das Trainerteam übernimmt die Verantwortung dafür, dass unabhängig von Alter, Geschlecht oder bereits vorhandener Kampfsporterfahrung niemand über- oder unterfordert wird. Das definieren und kennzeichnen der Trainingsbereiche und die Verteilung der detailliert beschriebenen Aufgaben im Trainerteam garantieren ein sicheres und verletzungsarmes repräsentatives (realistisches) Training. Ein gefährliches und unkalkulierbares Risiko für Trainingsteilnehmer ist ausgeschlossen. Eines der wichtigsten Trainingsziele ist die Steigerung des Selbstvertrauens der Teilnehmer. Das Ziel ist es im Team, den Gegner so schnell wie möglich zu überwältigen und die Kampfsituation sicher zu kontrollieren. Das sportliche Mindset spielt dabei keine Rolle! Überleben ist kein Zufall!
Reale Einsatzsituationen lassen sich nicht beliebig wiederholen. Sie sind oft gefährlich und können erhebliche Konsequenzen nach sich ziehen. Es gibt einsatztaktische, gesetzliche, moralische, ethische und psychologische Einflussgrößen. Damit umzugehen, unterscheidet das interaktive Einsatztraining von Kampfsport und Selbstverteidigung.
15 Fazit
Der polizeiliche Schusswaffengebrauch gegen Menschen ist die einschneidendste und gravierendste Eingriffsmaßnahme. Erfreulicherweise geben die meisten Angreifer bereits bei der Androhung des Schusswaffengebrauchs auf. Der Einsatz der Waffe ist daher glücklicherweise ein vergleichbar seltenes Vorkommnis. Einige Angreifer kämpfen jedoch trotz schwerer Verwundung entschlossen und bis zum Ende weiter. Schussabgaben in Deutschland werden, trotz der unumkehrbaren drastischen Konsequenzen für alle Beteiligten, nur wenig wissenschaftlich erforscht. Fundierte (!) wissenschaftliche Erkenntnisse, Einschätzungen und Theorien sind wichtig und dienen der Einordnung von Ereignissen und der polizeilichen Praxisfortentwicklung. Gibt es dabei Missstände, dann müssen diese exakt benannt und behoben werden. Nach diesen, für alle Beteiligten tragischen Einsätzen, wird häufig der Kontrast zwischen Wissenschaft und Praxis medial extrem einseitig inszeniert. Die Tatsache, dass die Hoheit über die Herausgabe von Informationen zunächst und ausschließlich bei der zuständigen Staatsanwaltschaft liegt, verstärkt zusätzlich den Eindruck, die Polizei wolle etwas vertuschen. Immer wieder werden Zweifel an korrekten Ermittlungen formuliert und unabhängige Untersuchungen gefordert. Die Berichterstattung vermittelt dann den Eindruck, dass die Behörden schlecht arbeiten. Eine oft zelebrierte Methode ist es, die ernsthaften Bemühungen der zuständigen Staatsanwaltschaft den Sachverhalt professionell aufzuklären in der Öffentlichkeit in Frage zu stellen. Immer wieder wird eine „Nähe“ oder „illegale Kumpanei“ mit der Polizei in den Raum gestellt. Es entbehrt jedoch jeglicher Lebenserfahrung zu denken, dass ein Staatsanwalt seine berufliche Karriere riskiert, um Polizisten, die er persönlich gar nicht kennt, zu schützen. Dagegen steht fest, dass für die betroffenen Beamten und ihre Familien diese dramatischen Einsätze immer eine schwere psychische Belastung bedeuten. Posttraumatische schwere Erkrankungen und Dienstunfähigkeit sind dabei keine Seltenheit. Bei der hektischen Berichterstattung nach tragischen Ereignissen wird das häufig vergessen. Bei allem Verständnis für eine notwendige und kritische Auseinandersetzung nach diesen dramatischen Polizeieinsätzen verbietet sich eine Vorverurteilung der Beteiligten. Und: wir leben in Deutschland nach wie vor in einem der sichersten und demokratischsten Länder der Welt. Und dies dank einer gut funktionierenden und das Grundgesetz achtenden sowie verteidigenden Polizei.
Bildrechte: Kay Herschelmann / Autor.
Anmerkungen
- Der Autor war bis zum Eintritt in den Ruhestand im Jahr 2024 Einsatztrainer, Ausbilder für operative Einheiten und Schießausbilder für Spezialeinheiten an der Hochschule für öffentliches Management und Sicherheit in Wiesbaden (HöMS).
- Ralf Schmidt, 2017, Das Phänomen Zweikampf.
- ZDF am 12.05.2024 u.a.
- BILD am 15.01.2020.
- SWR Aktuell am 11.02.2025.
- BMI, Polizeiliche Kriminalstatistik 2023 (Stand: März 2024).
- BMI, Polizeiliche Kriminalstatistik 2023 (Stand: März 2024).
- BMI, Polizeiliche Kriminalstatistik 2023 (Stand: März 2024).
- P. Clarkson, 1999, Transaktionsanalytische Psychotherapie.
- Uwe Füllgrabe, Psychologie der Eigensicherung, 10.Auflage 2023 (ursprünglich Robert Axelrod in: Die Evolution der Kooperation).
- Hans Peter Schmalzl, 2008, Einsatzkompetenz.
- Wörtlich übersetzt = Aufmerksamkeitsblindheit, 1907 erstmalig wissenschaftlich erwähnt.
- Ben Sherwood, Wer überlebt? ( „Warum manche Menschen in Grenzsituationen überleben, andere nicht“).
- Uwe Füllgrabe, 2023, a.a,O.
Service
Aktivitäten
Aktuelle Ausgabe

Mit ihrem aktuellen und vielfältigen Themenspektrum, einer Mischung aus Theorie und Praxis und einem Team von renommierten Autorinnen und Autoren hat „Die Kriminalpolizei“ sich in den vergangenen Jahren einen ausgezeichneten Ruf erworben.
Über die angestammte Leserschaft aus Polizei, Justiz, Verwaltung und Politik hinaus wächst inzwischen die Gruppe der an Sicherheitsfragen interessierten Leserinnen und Lesern. Darüber freuen wir uns sehr. [...mehr]
Meist gelesene Artikel
RSS Feed PolizeiDeinPartner.de
PolizeideinPartner.de - Newsfeed
-
Alkoholkonsum am Arbeitsplatz
Der auszubildende Handwerker, der schon in der Mittagspause das erste Bier öffnet, die Lehrerin, die ihre Probleme ...
-
Warum Baustellensicherheit vernetzt gedacht werden muss
Wenn die Polizei an eine Baustelle gerufen wird, ist der Schaden meist schon entstanden. Kabeltrommeln sind weg, der ...
-
Claude Mythos – Die nächste Evolutionsstufe der Cybersecurity-KI?
Mit „Claude Mythos“ hat das KI-Unternehmen „Anthropic“ ein KI-Modell vorgestellt, das speziell aufgrund seiner ...
-
Cyberkriminalität heute
Der „Hacker im dunklen Keller“, umgeben von Monitoren, leeren Pizzakartons und koffeinhaltigen Getränken, ist ein ...
-
Muskelaufbau um jeden Preis
Der Medikamentenmissbrauch in Fitnessstudios ist längst kein Randphänomen mehr. Experten beobachten seit Jahren, dass ...
-
Gefälschte Bankseiten
Phishing-Angriffe über gefälschte Bankseiten gehören seit Jahren zu den erfolgreichsten Methoden von Cyberbetrügern. ...
-
Selbstbedienungskassen im Einzelhandel
Wer heute im Supermarkt, im Baumarkt oder in der Drogerie einkauft, begegnet fast überall Selbstbedienungskassen, kurz ...





