Wissenschaft  und Forschung

Diskriminierungsrisiken im polizeilichen Handeln

Teil 2 : Risiken für Menschen mit geringen Lese- und Schreibfähigkeiten

3.4 Kontroll- und Beschwerdebarrieren

Interaktionen zwischen Polizistinnen und Polizisten auf der einen und Bürgerinnen und Bürgern auf der anderen Seite unterliegen generell einem Machtgefälle. Ohne Spezialkenntnisse lässt sich „aus dem Stand“ kaum nachvollziehen, ob sich Polizeibeamtinnen und -beamte innerhalb des bindenden normativen Rahmens bewegen, ob sie „überziehen“ oder ungerechtfertigt untätig bleiben. Aber die Bürgerinnen und Bürger haben die Möglichkeit, sich vorzuinformieren, nachzufragen und das polizeiliche Verhalten im Nachhinein zu prüfen.


Für gering Literalisierte ist diese Machtasymmetrie deutlich größer. Sie können Polizei-Schriftliches nicht erschließen und das gezielte Erkennen, Zusammentragen und Bewerten relevanter Informationen – etwa durch die Nutzung des Internets – kann sie leicht überfordern. Die Folge ist eine eingeschränkte Kontrollkompetenz.


Beschwerden gegen polizeiliche Handlungen und Entscheidungen sind ein wichtiges Mittel, um diese im Hinblick auf ihre Rechtmäßigkeit und Angemessenheit zu überprüfen. Es liegt auf der Hand, dass die Beschwerdemacht gering Literalisierter vergleichsweise klein ist.

 

„Wenn sich Klienten herablassend behandelt fühlen, frage ich nach: ‚Habt ihr euch die Dienstnummer geben lassen?‘ Nein, das haben sie sich natürlich nicht getraut, und dann verläuft es letztendlich im Sande. Für sie sind Polizisten massive Respektspersonen.“

 

 

4  Lösungsansätze

 

Für gering Literalisierte, das sind in Deutschland über 6 Millionen Menschen, bestehen in erster Linie mittelbare Diskriminierungsrisiken aufgrund institutioneller Gegebenheiten, Routinen im polizeilichen Handeln wie auch rechtlicher Vorgaben, die für deren Einschränkungen und Bedarfe „blind“ sind. Es gilt, ihren Zugang zu polizeilichen Leistungen wie die Gewährung von Schutz etwa bei häuslicher Gewalt oder bei der Aufnahme von Strafanzeigen und -anträgen auf persönlicher und institutioneller Ebene zu erleichtern.

 

  • Gute Ansatzpunkte bieten die Verwendung leichter Sprache, durchgehende Alternativen zu schrift(sprach)licher Kommunikation und das Bereitstellen zielgruppenspezifischer Informationen.9 In der Praxis werden die Möglichkeiten bisher nicht ausgeschöpft. Einige Landespolizeien, die Bundespolizei und das BKA bieten auf ihren Homepages die Wahlmöglichkeit „leichte Sprache“. Wo dies der Fall ist, fehlt jedoch die erforderliche Tiefe, da man nach wenigen weiterführenden Links auf die regulären Seiten zurückgeführt wird.
  • Für gering Literalisierte sollten Möglichkeiten eröffnet werden, ihre unzureichende Lese- und Schreibkompetenz in Interaktionen mit der Polizei offen zu legen. Das vermeidet Missverständnisse und kann auch auf Seiten der Beamtinnen und Beamten Frustrationen verhindern. Dies wird aber nur gelingen, wenn gering Literalisierte keine unmittelbaren Diskriminierungen befürchten müssen und tatsächlich angemessene Unterstützung in Form von verständlichen mündlichen Erklärungen und Hinweisen erhalten.
  • Voraussetzungen für einen akzeptierenden, unterstützenden Modus auf Seiten der beteiligten Polizeibeamtinnen und -beamten ist Wissen um die Hintergründe geringer Literalisierung und den damit zusammenhängenden Verhaltensweisen, Ängsten und Nöten.10

 

 

Anmerkungen

 

  1. Prof. Dr. Claudius Ohder ([email protected]) ist Professor für Kriminologie und hat bis 2022 am Fachbereich Polizei und Sicherheitsmanagement der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin gelehrt. Er forscht zu Themen mit Polizeibezug.
  2. Prof. Dr. Birgitta Sticher ([email protected]) ist seit 1989 Professorin für Psychologie und Führungswissenschaft an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin. Sie ist Direktorin des Forschungsinstituts für Öffentliche und Private Sicherheit (FÖPS Berlin).
  3. Grotlüschen, A.; Riekmann, W. (Hg.) (2012): Funktionaler Analphabetismus in Deutschland. Ergebnisse der ersten leo. - Level-One Studie. Münster.
  4. Grotlüschen, A.; Buddeberg, K. (Hg.) (2020): LEO 2018: Leben mit geringer Literalität. Bielefeld.
  5. Vgl. Grotlüschen, A. et al. (Hg.) (2023): Interdisziplinäre Analysen zur LEO Studie 2018 – Leben mit geringer Literalität: vertiefende Erkenntnisse zur Rolle des Lesens und Schreibens im Erwachsenenalter. in Edition ZfE, Band 14. Wiesbaden.
  6. Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V.: „Woran erkennen Sie das?“ (https://alphabetisierung.de/informieren/institutionen-behoerden-aerzte-etc/woran-erkennen-sie-das/). Abgerufen 11.12.2024.
  7. Grund-Bildungs-Zentrum Berlin: Barrieren im Alltag, Vermeidungsstrategien und eingeschränkte Teilhabe. (https://grundbildung-berlin.de/auswirkungen-von-analphabetismus/). Abgerufen 11.12.2024.
  8. S. Anmerkung 6.
  9. Vgl. Antener, G. et al. (Hg.) (2024): Leichte Sprache. Grundlagen, Diskussionen und Praxisfelder, Stuttgart.
  10. Vgl. Canadian Association of Chiefs of Police (Hg.) (2008): Literacy Awareness Resource Manual for Police. Ottawa.

 

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