Wissenschaft  und Forschung

Diskriminierungsrisiken im polizeilichen Handeln

Teil 3: Menschen mit psychischen Auffälligkeiten

 

4 Diskriminierungsrisiken von psychisch auffälligen Polizistinnen und Polizisten in der Polizei


Polizistinnen und Polizisten, die in ihrem Berufsleben mit hohen psychischen beruflichen Belastungen konfrontiert werden und in der Folge an psychischen Störungen leiden, können selbst von Diskriminierung betroffen sein. Dies ist vor allem dann gegeben, wenn pauschal das Auftreten einer psychischen Störung mit einer dauerhaften psychischen Krankheit und eingeschränkten Belastbarkeit in Verbindung gebracht wird. In vielen Fällen kann aber durch ein unterstützendes Umfeld und bei Inanspruchnahme von therapeutischer Unterstützung die Krise überwunden werden. Die Person kann sogar zu einer höheren Stabilität finden als vor der Krise und die an sie gestellten Aufgaben mit hoher Kompetenz umsetzen. Viele Polizistinnen und Polizisten haben Angst, ihre psychische Störungen offen zu legen oder sich in die notwendige Behandlung zu begeben, weil sie eine Schlechterbehandlung durch Kolleginnen und Kollegen oder Führungskräfte befürchten. Beamtinnen und Beamten zur Anstellung haben z.B. Angst vor einer nichterfolgenden Übernahme in den Beamtenstatus. Bereits verbeamtete Polizistinnen und Polizisten befürchten Reputationsverluste und Karriereeinbußen. Ein vertieftes Verständnis der Entstehung und Veränderung von psychischen Störungen im Binnenverhältnis der Polizei könnte ebenfalls zu einem sensibleren und kompetenteren Umgang mit psychisch auffälligen Personen beitragen, mit denen Polizistinnen und Polizisten in ihrem Berufsleben Kontakt haben. Diejenigen, die erlebt haben, wie sich eine psychische Störung bei ihnen selbst ausgewirkt hat und wie sie diese Krise überwunden haben, könne sogar eine wichtige Rolle einnehmen, indem sie Fürsprecher für Menschen werden, die sich psychisch auffällig verhalten. Sie können aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen den Umgang mit diesen besonders ausgleichend und diskriminierungssensibel gestalten bzw. ihre Kolleginnen und Kollegen hierzu anleiten und durch ihr Verstehen die notwendige Geduld gerade in Situationen des polizeilichen Ermessens aufbringen und somit zum Erfolg der Maßnahmen beitragen13.

 

5 Zusammenfassung


Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass der Umgang mit psychisch auffälligen Personen für Polizistinnen und Polizisten eine besondere Herausforderung darstellt. Ein Verständnis der Entstehung und Veränderung von psychischen Störungen ist hilfreich, um stereotypen Wahrnehmungsmustern entgegenzuwirken, die sowohl bei der Schutz- als auch bei der Kriminalpolizei sowie im Binnenverhältnis der Polizei durch spezifische bereichsspezifische Handlungslogiken verstärkt werden und in der Folge mit Diskriminierungsrisiken verbunden sind. Diesem entgegenzuwirken, stellt vor allem eine Aufgabe für die Aus- und Weiterbildung dar, die in ein organisationales Selbstverständnis eingebettet werden muss.

 

Anmerkungen

 

 

  1. Prof. Dr. Birgitta Sticher ([email protected]) ist seit 1989 Professorin für Psychologie und Führungswissenschaft an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin. Sie ist Direktorin des Forschungsinstituts für Öffentliche und Private Sicherheit (FÖPS Berlin).
  2. Prof. Dr. Claudius Ohder ([email protected]) ist Professor für Kriminologie und hat bis 2022 am Fachbereich Polizei und Sicherheitsmanagement der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin gelehrt. Er forscht zu Themen mit Polizeibezug.
  3. Robert Koch-Institut (2024). Ergebnisse zur Entwicklung verschiedener Gesundheitsindikatoren in der erwachsenen Bevölkerung bei hochfrequenter Beobachtung, Stand Februar 2024. DOI: 10.25646/12492.
  4. Lorey, K., Fegert, J. M. (2021). Polizeilicher Kontakt zu psychisch erkrankten Menschen. Forensische Psychiatrie, Psychologie, Kriminologie 15(3): S. 239-247. doi.org/10.1007/s11757-021-00670-z.
  5. Maier, St. & Dittrich-Gessnitzer, K. (2023). Psychische Zustände erkennen, statt Störungsbilder identifizieren. Ein neuer Ansatz zum Umgang mit psychisch Erkrankten für die polizeiliche Praxis. Polizei & Wissenschaft, 3/2023, S. 36-45.
  6. Ibrahim, F. & Kattenberg, T. (2024). Die heuristische Gefährdungsbeurteilung – ein Fortbildungsansatz zur Verbesserung der Polizeiarbeit im Umgang mit Personen in psychischen Ausnahmezuständen. Forens Psychiatr Psychol Kriminol 18, 167–176 (2024). doi.org/10.1007/s11757-023-00818-z.
  7. Feltes, Th. & Alex, M. (2020). Polizeilicher Umgang mit psychisch gestörten Personen. In D. Hunold & A. Ruch (Hg).Polizeihandeln zwischen Praxishandeln und Rechtsordnung. Wiesbaden, Springer VS, S. 279 -299.
  8. Wittmann, L. & Posch, L. (2023). Zur Besonderheit von Polizeieinsätzen mit Menschen mit psychischen Erkrankungen. In: Staller, M.S., Zaiser, B. & Koerner, S. (Hrsg.): Handbuch Polizeipsychologie. Wissenschaftliche Perspektiven und praktische Anwendungen. S. 519-539.
  9. Staller, M.S; Koerner, S. & Zaiser, B. (2025): (Re-)Optionalisierung von Kommunikation: Theoriegeleitete Hinweise zur Vermeidung von Todesfällen in Interaktionen zwischen Polizei und Menschen in psychischen Ausnahmesituationen. Erscheint in Staller, M.S./Koerner, S./Zaiser, B. (2025). Polizei und Menschen in psychischen Krisen. Springer Gabler. 
  10. Staller, M., Koerner S. & Heil, V. (2022) Guardian oder Warrior? Überlegungen zu polizeilichen Grundeinstellungen. In. Staller, M. & Koerner, S. (Hrsg.). Handbuch polizeiliches Einsatztraining. Wiesbaden, Springer, S. 204-218.
  11. Biedermann, J. (2020): „Messer weg!“ – Polizeilicher Umgang mit psychisch erkrankten Personen im Spannungsfeld zwischen Kommunikation und Zwangsanwendung. In: Nettelnstroth, W. (Hrsg.). Erkenntnisse aus Wissenschaft und Praxis der Polizeipsychologie. Schriftenreihe Polizei & Wissenschaft. Frankfurt, Verlag für Polizeiwissenschaft, S. 5-32.
  12. Jacobsen, A & Bergmann, J. (2024). Diskriminierungsrisiken in der Polizeiarbeit. Ergebnisse des Forschungsprojektes „Polizeipraxis zwischen staatlichem Auftrag und öffentlicher Kritik. Herausforderungen, Bewältigungsstrategien, Risikokonstellationen“. Schriftenreihe des Instituts für Kriminalitäts- und Sicherheitsforschung. Bd.3. 
  13. Przyrembel, M., Sticher, B. (2024). Psychische Störungen – ein blinder Fleck von Diversität?. In: Staller, M.S., Koerner, S. (eds) Diversität und Polizei, p 239-262. Springer Gabler, Wiesbaden. doi.org/10.1007/978-3-658-42565-4_12, Text verfügbar unter: rdcu.be/dFR7w.

 

 

Seite: << zurück123