Wissenschaft  und Forschung

Diskriminierungsrisiken im polizeilichen Handeln

Teil 4: Risiken für LSBTIQ*

 

5 Diskriminierung von queeren Polizistinnen und Polizisten


Zur Diskriminierung von queeren Polizeibeamten/-innen im Rahmen ihrer Interaktionen mit Bürgern/-innen gibt es für Deutschland keine verallgemeinerbaren Erkenntnisse. Mehrfach erforscht wurde jedoch ihre Situation in der Polizei.


Studien belegen, dass insbesondere schwule Polizisten diskriminierende Praktiken wie homophobe Witze und Anspielungen, die Verweigerung gemeinsamer Streifenfahrten, Hindernisse bei Weiterbildung und Aufstieg usw. erleben (u.a. Zimenkova und Molitor 2024, Ellebrecht u.a. 2023). Generell haben queere Polizisten/-innen Hemmungen, sich zu outen. Der Ausschluss aus dienstlichen und gemeinsamen außerdienstlichen Aktivitäten wird – so die Einschätzung des Verbands lesbischer und schwuler Polizeibediensteter – von den Betroffenen als besonders belastend erlebt und sie reagieren häufig mit Rückzug aber auch mit starker Anpassung und Overperformance.


Dies sind erzwungene und damit durch Diskriminierung ausgelöste Anpassungen an die internen informellen Standards einer Organisation, die sich mit dem nach außen getragenem Anspruch auf Diversität, Individualität und Vielfalt nicht in Deckung bringen lassen.

 

6 „Außen hui innen pfui“?


Im Unterschied zu anderen diskriminierten Gruppen sind LSBTIQ* ökonomisch, sozial und politisch nicht marginalisiert. Sie finden mediale Beachtung und ihre Anliegen werden gesellschaftlich wahrgenommen. Ihre Beschwerdemacht ist vergleichsweise hoch. Daraus abzuleiten, dass Polizeibeamte/-innen in ihren Interaktionen mit queeren Bürgern und Bürgerinnen lediglich deshalb diskriminierungssensibel agieren, weil sie einem starken Compliance-Druck unterliegen, während sie intern herabsetzenden Stereotypen freien Lauf lassen, wäre jedoch zu kurz gegriffen.


Passender erscheint – soweit Interaktionen mit queeren Bürgerinnen und Bürgern betroffen sind – das Konstatieren einer guten Entwicklung. Die Zusammenarbeit mit LGBTQ*-Organisationen wurde systematisch entwickelt und verstetigt. In der Mehrzahl der Länder werden polizeiliche Ansprechpersonen für LSBTIQ* ausgewiesen. In urbanen Regionen bestehen auf die lokalen Bedingungen geeichte Kommunikationsschnittstellen zwischen LSBTIQ*-Community und Polizei. Offenheit für sexuelle und geschlechtliche Diversität, die auf der Ebene der Organisation als Leitbild etabliert und als Nachweis für die Fähigkeit zur Anpassung an gesellschaftlichen Wandel genommen wird, hat Eingang in das professionelle Rollenverständnis der Beamtinnen und Beamten gefunden. Dadurch bleiben sicherlich nach wie vor vorhandene individuelle Vorbehalte „im Privaten“ und ohne durchschlagende Wirkung auf das berufliche Handeln.


Weshalb haben die Organisationsziele nicht in gleicher Weise die „Polizistenkultur“ verändert? Die Kultur der (uniformierten) Polizei ist auf Anpassung und Gleichheit ausgelegt und weniger auf Vielfalt und Individualität. Eine wesentliche Facette ist hegemoniale Männlichkeit, die an Heteronormativität ausgerichtet ist (u.a. Staller et al. 2023). Zugehörigkeit und Integration entscheiden sich somit entlang der sozialen Kategorien männlich/weiblich und heterosexuell/homosexuell. Männlichkeit wird darüber hinaus mit einer gewissen Härte und Aggressivität verbunden. Lesbische Polizistinnen entsprechen zwar diesem normativen Raster nicht, aber das heteronormative Männlichkeitsbild gefährden sie nicht. Anders ist die Situation für männliche Polizisten, die die herkömmliche Geschlechtsidentität verlassen. Sie werden in den informellen Statushierarchie „unten“ einsortiert. Verstärkend wirkt ein im ersten Beitrag der Artikelserie über Diskriminierung behandelter Mechanismus. Wenn – wie im Fall der Polizei – die Zugehörigkeit zur eigenen Bezugsgruppe besonders wichtig ist, werden andere Gruppen abgewertet, um den Status der eigenen Gruppe zu erhöhen. Feindseligkeit gegenüber nicht-heteronormativen Kollegen kann daher als Ausdruck von Bedrohungen und als Versuch der Stabilisierung der eigenen sozialen Identität verstanden werden.

 

7 Fazit


Menschenrechtsorganisationen sehen weltweit eine bedrohliche Entwicklung. Angriffe auf LSBTIQ* nehmen zu. Dies geht einher mit der Ausbreitung rechtspopulistischen Gedankenguts und der Etablierung autokratischer Systeme, die Vielfalt und Gleichberechtigung nicht verteidigen, sondern bekämpfen.


Deutschland ist keine Ausnahme. Diffuse homo- und transphobe Einstellungen und die Abwehr von nicht binären Geschlechtsidentitäten verlassen derzeit den Bereich des Privaten. Sie werden politisiert und Heteronormativität avanciert zu einem Kernelement der Programmatik rechter Parteien und fundamentalistischer Kreise. Hass auf LSBTIQ* und die Bereitschaft, diesen in psychischen und physischen Terror umzusetzen, sind zu einer Erkennungsmelodie rechter Schläger geworden.


Wie gesichert ist der beschriebene Status quo vor diesem Hintergrund? Wie gut ist Polizei aufgestellt, um ihre Schutzfunktion auch in einer veränderten Lage glaubwürdig wahrzunehmen? Die Polizei ist dem Grundgesetz verpflichtet, insbesondere Artikel 3 GG, der Gleichheit vor dem Gesetz garantiert. Das bedeutet: Niemand darf wegen seiner sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität benachteiligt werden – auch nicht im Kontakt mit der Polizei.


Eine Änderung des gesellschaftlichen Klimas bleibt nicht ohne Wirkung auf die Organisation Polizei. Man muss nicht rechte Unterwanderung an die Wand malen. Aber sobald Polizeiführungen durch politische Funktionsträger unter Druck gesetzt werden, die Schutzfunktion für LSBTIQ* herunterzufahren, könnte sich das Rollenverständnis von Polizeibeamten/-innen verändern und polizeiliches Handeln erneut durch Homophobie vergiftet werden.


Insofern bleibt die Diskriminierung von LSBTIQ* ein wichtiges Thema für die Polizei. Es muss durch die Fortsetzung und Weiterentwicklung bisheriger Maßnahmen (Staller und Koerner 2024), die Sensibilisierung für die Belange queerer Beamter/-innen und auch in Bezug auf den Umgang mit queeren Bürgerinnen und Bürger weiterhin aktiv angegangen werden.

 

Quellen:

 

  • Abdul-Rahman, L. et al. (2023). Gewalt im Amt. Campus.
  • Beigang, S. et al. (2018). Diskriminierungserfahrungen in Deutschland: Ergebnisse einer Repräsentativ- und einer Betroffenenbefragung. Nomos.
  • BMI (Bundesministerium des Innern und für Heimat) (2024). Lagebericht zur Kriminalitätsbezogenen Sicherheit von LSBTIQ*
  • Ellebrecht, S. et al. (2023). Dominanzkultur und Diversitätsträger* innen in der Polizei. Diversitäts-und Organisationsforschung, 473-496.
  • FRA - European Union Agency for Fundamental Rights (2020). A long way to go for LGBTI equality.
  • FRA - European Union Agency for Fundamental Rights (2024). LGBTQI Equality at a Crossroads: Progress and Challenges: EU LGBTQI Survey III.
  • Hunold, D. et al. (2025). Polizei und Diskriminierung. Risiken, Forschungslücken, Handlungsempfehlungen. Hrsg. Antidiskriminierungsstelle des Bundes.
  • Ipsos (2023). A 30-Country Ipsos Global Advisor Survey LGBT+ PRIDE 2023.
  • Küpper, B. et al. (2017). Einstellungen gegenüber lesbischen, schwulen und bisexuellen Menschen in Deutschland: Ergebnisse einer bevölkerungsrepräsentativen Umfrage. Nomos.
  • MKJFGFI (Ministerium für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen ) (2024). Queer durch NRW. Studie zu Lebenslagen und Erfahrungen von LSBTIQ*
  • Ohder, C. und Tausendteufel, H. (2017). Gewalt gegen Homosexuelle: eine präventionsorientierte Analyse. Verlag für Polizeiwissenschaft.
  • Staller, M. et al. (2023). The (in-)visibility of difference: Gay and lesbian identities and the German police. SN Social Sciences, 3(9), 144.
  • Zick, A. et al. (2011). Die Abwertung der anderen: Eine europäische Zustandsbeschreibung zu Intoleranz, Vorurteilen und Diskriminierung. Friedrich-Ebert-Stiftung, Forum Berlin.
  • Zimenkova, T. und Molitor, V. (2024). Queerness als Herausforderung? Institutionelle Notwendigkeiten und Exklusionen in der Polizeiarbeit. In M. S. Staller & S. Koerner (Hrsg.), Diversität und Polizei (S. 133–148). Springer.

 

Anmerkungen

 

  1. Dr. Claudius Ohder ([email protected]) ist Professor für Kriminologie und hat bis 2022 am Fachbereich Polizei und Sicherheitsmanagement der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin gelehrt. Er ist am Forschungsinstitut für Öffentliche und Private Sicherheit (FÖPS Berlin) tätig.
  2. Dr. Birgitta Sticher ([email protected]) ist seit 1998 Professorin für Psychologie und Führungswissenschaft an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin. Sie ist Direktorin des Forschungsinstituts für Öffentliche und Private Sicherheit (FÖPS Berlin).
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