Kriminalitätsbekämpfung

Aspekte von Verschwörungstheorien am Beispiel der „QAnon“-Bewegung

Von AR Marcel Auber, Ludwigsburg¹

 

5 Welt der Verschwörungstheoretiker


Die Urheber der Verschwörungstheorie verstanden es, die Anhänger davon zu überzeugen, eine neue, statische Perspektive einzunehmen. Das Hinterfragen von vermeintlichen Fakten, die Einnahme anderer Standpunkte und damit eines Perspektivenwechsels gehört zum Grundwerkzeug der wissenschaftlichen Arbeit, um Hypothesen zu überprüfen und aus Indizien beweissichere Fakten zu generieren. In der Welt der Verschwörungstheoretiker stehen diese vermeintlichen Fakten von Beginn an fest, da der Standpunkt der Perspektive festgelegt wurde. Entsprechend erfolgt die Beurteilung dieser „Fakten“ vom Standpunkt der eingenommenen Perspektive und damit einzig zu deren Erklärung. Ereignisse werden umgedeutet und als Bestätigung der Theorie herangezogen. Im Gegensatz zu einem Perspektivenwechsel oder einer interdisziplinären Betrachtung beharrt der Anhänger auf seiner Position und versucht, einzelne Fragmente mit seiner Theorie in Einklang zu bringen.


Michael Butter beschreibt diesen Aspekt in seinem Werk „Nichts ist, wie es scheint“ sehr plastisch mit zwei Fotografien. Auf einem ist die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel zu sehen, die mit ihren Händen die berühmte „Merkel-Raute“ formt, auf einem anderen die Pop-Sängerin Beyoncé, die mit ihren Händen während des Auftritts in der Halbzeitpause des Super Bowl ein Dreieck formt. Verschwörungstheoretiker deuten diese Gesten als geheime Zeichen, die einem kleinen Kreis von Verschwörern als Mitteilung dienen. Wahr und damit ein unumstößlicher Fakt ist, dass beide Personen diese Zeichen formten, es wurde auf Fotografien und unzähligen Videoaufnahmen festgehalten. Dass diese Gesten darauf zurückzuführen sein könnten, dass sie zur Kontrolle der Hände während eines öffentlichen Auftritts (Merkel) oder einfach Teil der ausgearbeiteten Choreografie (Beyoncé) sein könnten, wird in die Erwägung der Verschwörungstheoretiker nicht einbezogen. Deren Überlegung zielt darauf ab, die Gesten mit ihrer Theorie in Einklang zu bringen und sie damit als Bestätigung für die Richtigkeit ihrer Annahmen heranzuziehen.


Ein weiteres Beispiel für diese Vorgehensweise ist die Pseudo-Dokumentationsreihe, die von der niederländischen Autorin Janet Ossebaard unter dem Titel „Der Fall der Kabale“9 publiziert wurde. Innerhalb der „QAnon“-Bewegung scheint sie einen hohen Stellenwert zu genießen. Bereits in der ersten Folge „Das Ende der Welt wie wir sie kennen“ werden die Konsumenten dazu aufgefordert, alle in der Dokumentation aufgezeigten Fakten selbst zu überprüfen. Gleichzeitig wird darauf hingewiesen, dass die Dokumentation durch die Mitarbeit „unzähliger Anons“10 und durch „tausende Stunden“ Recherchen entstanden sei. Durch diesen Hinweis wird suggeriert, dass eigene Recherchen obsolet sind. In den einzelnen Folgen der „Dokumentation“ werden der geneigten Zuschauerschaft nun „Beweise“ präsentiert, die den „bösen“ und „umfassenden“ Plan der „Elite“ demonstrieren sollen. Es werden Superlative genutzt, um die Verschwörung als etwas Gigantisches darzustellen. So ist von einem Quantensprung die Rede, der erforderlich ist, um diesen Plan zu verstehen. „Glaube mir, du hast bis jetzt nicht die leiseste Ahnung. Das Böse, das ich erwähnt habe, hat hinter den Kulissen so intelligent und so brillant gearbeitet, dass kaum jemand je etwas bemerkt hat.11 Die Kommentatorin fordert den Zuschauer dazu auf, sich auf die Reise zu begeben, um schlussendlich die Wahrheit zu verstehen. Bereits in der ersten Folge wird dadurch klargestellt, dass die Fakten, die bislang öffentlich publiziert wurden, nicht der Wahrheit entsprechen. Die Perspektive, die der Zuschauer einnehmen soll, wird ebenso klar definiert. Das Ergebnis steht fest: Es gibt das Böse, das „hinter den Kulissen“ „intelligent“ und „brillant“ an der Umsetzung seines (bösen) Planes gearbeitet hat.


Durch die „Identifizierung“ der „Elite“ als Verschwörer, als „das Böse“, nimmt man als Anhänger der Theorie gleichzeitig die Gegenposition ein. Ist also Teil „der Guten“. Bei den „Bösen“ handelt es sich allesamt um wichtige Persönlichkeiten der Weltgeschichte. Bill Gates beispielsweise ist einer der Tech-Pioniere unserer Zeit, der es durch seine Fähigkeiten geschafft hat, ein Unternehmen aufzubauen, das weltweit über 200.000 Mitarbeiter beschäftigt12 und im Jahr 2023 einen Jahresumsatz von über 72 Mrd. US-Dollar generiert.13 Die Anhänger der „QAnon“-Bewegung stellen sich mit ihm auf dieselbe Stufe, da sie sich als direkten Gegner gerieren. Schließlich waren sie in der Lage, den „intelligenten“ und „brillanten“ Plan dieses Genies zu erkennen und nun gegen diesen zu agieren. So schaffen die Anhänger ein Selbstbild, das intrinsisch positiv konnotiert ist und sie sich so über die große Allgemeinheit hervorhebt, die den „brillanten“ Plan noch nicht erkennen konnte. Dieses Gefühl der Überlegenheit wird durch die Resonanz aus der verschwörungstheoretischen Gemeinschaft verstärkt. Wie bereits erwähnt, müssen die zum Teil schlüssigen Argumente, die gegen die Theorie sprechen, daher umgedeutet oder negiert werden, da die selbst geschaffene Identität innerhalb der Gemeinschaft sonst hinterfragt werden müsste. Zusätzlich gelingt es so, eigene Denkmuster und Handlungen zu rechtfertigen, schließlich bekämpft man „das Böse“. Michael Butter überträgt diesen Aspekt in seinem Werk „Nichts ist, wie es scheint“ auf deutsche Verschwörungstheorien: „Wenn die Migranten nicht aus purer Not nach Deutschland kommen, sondern Teil eines perfiden Plans sind, ist Widerstand gegen ihre Anwesenheit kein Ausdruck von Vorurteilen, sondern wohlmotiviert.“14

 

6 Profiteure


Der letzte Aspekt, den ich anführen möchte, ist der der Profiteure. Wer profitiert von den Verschwörungstheorien oder wer könnte davon profitieren? Diese Fragestellung wirft zwangsläufig die Frage nach den Zielen auf. Aus meiner Sicht nehmen hierbei die Ziele Geld und Macht, die sich zum Teil gegenseitig bedingen, eine entscheidende Rolle ein. Es gibt Menschen, die mit der Verbreitung von Verschwörungstheorien ihren Lebensunterhalt verdienen. Dem Moderator Alex Jones beispielsweise, der wie die „QAnon“-Bewegung u.a. die Theorie der „Neuen Weltordnung“ verbreitet, gelang es auf der Grundlage der Verbreitung einer Theorie, die eine globale Verschwörung beinhaltet, ein Medienimperium aufzubauen. In Deutschland stand der Gründer der „Querdenken 711“-Bewegung, Michael Ballweg, unter dem Verdacht, durch Spendenaufrufe eine nicht unerhebliche Menge an Geld „eingenommen“ zu haben. Die Anklage der Staatsanwaltschaft wegen Betrug und Geldwäsche wurde seitens des Landgerichts Stuttgart mangels eines hinreichenden Tatverdachts nicht zugelassen und auf den Vorwurf der Steuerhinterziehung reduziert. Ein Urteil steht noch aus.


Im Rahmen der Auseinandersetzung mit der „QAnon“-Bewegung rücken zwei Männer der Weltgeschichte in den Fokus: Donald John Trump und Wladimir Wladimirowitsch Putin. Beim 45. Präsident der USA dürfte es sich um den Profiteur schlechthin handeln. Bereits bei den Überlegungen, wer sich hinter dem Buchstaben „Q“ verbergen könnte, sollen die Anhänger der Bewegung davon ausgegangen sein, dass es sich um einen Mitarbeiter von Trump handelt, der die Menschen auf den bevorstehenden Sturm auf den „Deep State“ vorbereiten wollte.15 Trump selbst wurde als selbstloser Kämpfer stilisiert, der den Kampf gegen den „Deep State“ aufgenommen hatte. Im Wahlkampf um die Präsidentschaft kokettierte Trump mit der Bewegung. Bei Hillary Clinton handelte es sich um die Gegenkandidatin der Demokraten. Clinton wurde von den „QAnons“ als eine der Protagonistinnen des „Deep State“ angesehen. Beim sog. Pizzagate16 wurde Clinton u.a. vorgeworfen, Teil eines Kinderporno-Rings zu sein, der im Keller einer Pizzeria in Washington D.C. Kinder gefangen hält und quält. Eine offensichtliche Parallele zu den Annahmen der „QAnon“-Anhänger, die ebenfalls davon ausgehen, dass Kinder in Kellern gefangen gehalten werden.


Putin, der seit Ende 1999, mit einer kurzen vierjährigen Unterbrechung, Präsident von Russland ist, profitiert ebenfalls vom Erstarken der „QAnon“-Bewegung. Bis heute besteht der Verdacht, dass Putin u.a. durch den Einsatz von Hackern den Wahlkampf 2016 zugunsten Trumps beeinflusst haben soll. Dadurch gewann er nicht nur einen starken Verbündeten, sondern konnte durch die Diffamierung „westlicher“ Medien gezielt „Fake News“ lancieren. Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine verdeutlicht den Stellenwert von Information und Desinformation als Teil der regulären strategischen Vorgehensweise.

 

7 Schluss


Eine intellektuelle Auseinandersetzung mit (Verschwörungs-)Theorien ist aus meiner Sicht positiv, sofern man ergebnisoffen agiert. Tatsächliche Verschwörungen waren und sind ein Bestandteil unserer Geschichte und wahrscheinlich auch der Gegenwart. Die Ermordung Julius Caesars oder die sog. Watergate-Affäre sind nur zwei historische Beispiele. Daher sollte man nicht jede Theorie ignorieren oder sofort als Unsinn abtun. Entscheidend ist vielmehr der Umgang mit ihr auf Grundlage eines wissenschaftlichen Ansatzes.