Kriminalitätsbekämpfung

Aspekte von Verschwörungstheorien am Beispiel der „QAnon“-Bewegung

Von AR Marcel Auber, Ludwigsburg¹

 

2 Die Corona-Pandemie und ihre Folgen


Als am letzten Tag des Jahres 2019 in der chinesischen Stadt Wuhan eine neue Lungenentzündung entdeckt wurde, sollte kein Vierteljahr später deren Erreger als SARS-CoV2 Virus identifiziert werden. In unserer globalisierten Welt verbreitete sich der aggressive Virus rasant über die gesamte Erdkugel. Während in manchen Ländern die Menschen aufgrund des dort bestehenden schlechten Gesundheitssystems jämmerlich an der Krankheit sterben mussten, führte es in den privilegierten Ländern zu einer extremen Einschränkung der Grundrechte, die von den jeweiligen Regierungen zum Schutz der Bevölkerung getroffen wurde. In Deutschland erfolgten entsprechende Regulierungen nach engen Absprachen zwischen Bund und Ländern. Dass die Maßnahmen aufgrund der massiven Einschnitte kritisch analysiert und beobachtet werden, stand meiner Ansicht nach nicht nur zu erwarten; eine freiheitlich-demokratische Gesellschaft ist verpflichtet, solche Entwicklungen kritisch zu bewerten. Über das Virus gab es nahezu keine validen Informationen. Wie sollte man diesem „unsichtbaren Feind“ begegnen? Retrospektiv kann man heute die eine oder andere Maßnahme als übertrieben bewerten. Die Bilder von Menschen, die in Indien auf den Straßen vegetierten und vor den Krankenhäusern auf rettenden Sauerstoff warteten, werden mir trotz dieser Erkenntnis lange im Gedächtnis bleiben.


Wie oft in solchen Situationen musste eine Abwägung zwischen Sicherheit und Freiheit getroffen werden. Für viele Bürger entstand ein Gefühl der Machtlosigkeit gegenüber einem übermächtig wirkenden Staat. Bei Betrachtung der Auswirkungen der Krankheit auf unsere Gesellschaft, die sich anfangs noch relativ in Grenzen hielten, schienen die Maßnahmen für viele unverhältnismäßig zu sein. Dass diese Bilanz eventuell, zumindest zu einem Teil, auf die getroffenen Schutzmaßnahmen zurückzuführen war, fand keine Beachtung. Schnell verbreiteten sich die ersten Gerüchte, Parteien4 wurden gegründet. Eine Bewegung, die in den USA bereits über eine große Anhängerzahl verfügte, fand auch in Deutschland zunehmend mehr Anhänger. Die „QAnon“-Bewegung und deren völkischen, antisemitischen Narrative breiteten sich über die sog. Corona-Leugner-Szene aus. Diese ging (und geht immer noch) davon aus, dass die Pandemie Teil eines „großen Plans“ einer „Elite“ sei, welche die Weltbevölkerung zu dezimieren und zu kontrollieren beabsichtigte. Schuldige waren schnell ausgemacht. Neue Protagonisten wie Bill Gates, George Soros, Hillary Clinton oder „alte Bekannte“ wie die Rothschilds, die bereits in der Vergangenheit als antisemitisches Feindbild dienten, wurden als Gegner identifiziert. Diese „Feinde“ wurden von der „QAnon“-Bewegung fortan als Teil des „Deep State“5 bezeichnet. Die „QAnon“-Ideologie vermischte sich mit den Verschwörungserzählungen der „Querdenker“-, der „Reichsbürger- und Selbstverwalter“-, der „Corona-Leugner“- und nicht zuletzt der rechtsextremistischen Szene, wobei die einzelnen Szenen in diesem Kontext nicht mehr trennscharf betrachtet werden können.

 

3 Die „QAnon“-Bewegung


Mit welcher Bewegung haben wir es bei „QAnon“ zu tun? Wie andere extremistische Bewegungen verdankt sie ihre schnelle Verbreitung, wahrscheinlich sogar die Entstehung, der Digitalisierung. Im Grunde gehen die Anhänger der Bewegung davon aus, dass es eine global agierende Elite gäbe, die in dunklen Kellern Kinder gefangen hält, dies quält und aus deren Blut ein Verjüngungsserum gewinnt.


Der Ursprung von „QAnon“ lässt sich auf anonyme Nachrichten eines Internetnutzers,6 der sich als „Q“ bezeichnete, zurückführen. Dieser postete zu Beginn auf dem Imageboard7„4Chan“ kryptische Botschaften. Diese erinnern an die „Quatrains“ des französischen Astrologen, Arzt und Apothekers Michel de Nostradam, besser bekannt unter seinem lateinischen Namen „Nostradamus“. Auch dieser nutzte einen kryptischen Stil, der immer neue Interpretationen seiner Prophezeiungen – eben der „Quatrains“ – zuließ. Bei dem Buchstaben „Q“ soll es sich um den höchsten US-Geheimhaltungsgrad außerhalb des Militärs handeln. Interessierte schlossen daraus, dass es sich bei „Q“ um eine Person handeln musste, die in der Hierarchie einer der US-Geheimdienste oder der Regierung einen hohen Rang einnahm. Die Botschaften von „Q“ wurden fortan als „Q-Drops“ bezeichnet. Die Anhänger der Bewegung bezeichneten sich als „QAnons“.

 

4 Instrumentalisierung durch das rechtsextremistische Spektrum


Akteure aus dem rechtsextremistischen Spektrum verstanden es, diese im Aufwind befindliche Bewegung zu instrumentalisieren und durch das Einbringen eigener Ideologiefragmente Zuspruch aus der Bevölkerung zu generieren. So konnte man beispielsweise das in der rechtsextremistischen Szene verbreitete Narrativ des „Großen Austauschs“ mit dem in der „QAnon“-Szene propagierten „Great Reset“8 in Einklang bringen. Durch die Bildung einer Mischszene, bestehend aus Zugehörigen extremistischer Phänomenbereiche sowie Menschen aus der politischen „Mitte“ der Gesellschaft, und durch die Schaffung einer gemeinsamen Identität wurden die in der Szene verbreiteten Narrative in die eigenen Argumentationsmuster übernommen. Den Agitatoren gelang es so, mittels irrationaler Erzählungen, eine eigene Identität zu schaffen, die es nunmehr zu schützen galt. Der Kampf gegen die „äußeren Feinde“, gegen die „Elite“, den „Deep State“ hatte eine identitätsstiftende Wirkung, die zeitgleich das Zugehörigkeits- und Überlegenheitsgefühl potenzierte. Schließlich war man Teil der „erwachten“ Bevölkerung, Teil der „Guten“, bereit, den Kampf gegen das „Böse“ aufzunehmen und weitere Teile der Bevölkerung zu wecken. Das „Q“ wurde mit Stolz und als Zeichen der Gemeinschaft von vielen Akteuren getragen.