Fußballsport und Fangewalt
Erscheinungsformen, Präventionsmöglichkeiten und Gegenmaßnahmen
Erfahrungen in anderen Ländern unterstreichen, dass die drei genannten Strategien sowie entsprechende Einzelmaßnahmen einen substantiellen Beitrag zur Verringerung von Gewaltvorkommnissen in Fußballstadien und deren Umfeld leisten können. Darüber hinaus sind, wie Beispiele aus der Schweiz (wo u.a. in Zürich eine problematische Hooligan-Szene existiert) zeigen, weitere Handlungsansätze empfehlenswert oder zumindest diskussionswürdig. Zu nennen ist dabei die Ausbildung respektive berufliche Weiterbildung von Spezialisten bei den Strafverfolgungsbehörden, die sich mit der gewaltaffinen Szene auskennen und dann möglichst frühzeitig Hinweise auf geplante Aktionen bestimmter Ultras geben. Solche Spezialisten mit profunden „Innenansichten“ der Szene können bei der Überführung der Gewaltfans entscheidend mitwirken. Das sog. Kaskadenmodell, das bei gravierenden Ausschreitungen die Schließung eines Fansektors oder sogar „Geisterspiele“ vorsieht, ist hingegen ambivalent. Schlimmstenfalls führen solche Kollektivstrafen dazu, dass sich die harmlosen Fußballfans mit den gewaltbereiten Ultras solidarisieren und auf diese Weise Probleme zusätzlich verschärfen. Sinnvoller kann es sein, personalisierte Tickets für den Stadionzugang zu vergeben, um ganz gezielt jene Hooligans „außen vor“ zu halten, die sich für gewalttätige Handlungen zu verantworten haben. Diskutiert werden in der Schweiz auch Meldeauflagen, bei denen sich solche Gewalttäter während der Zeit des Spiels auf einer Polizeidienststelle zu melden haben. Kommen sie dieser Auflage nicht nach, sind sie zu belangen. Zwar könnte man so Gewaltfans effektiv von Stadien fernhalten, jedoch würden diese Meldemaßnahmen viele personelle Ressourcen binden.16
Bedauerlicherweise gibt es Fußballhooligans, die diesen Sport – im Sinne des weiter vorn beschriebenen „Gewaltrausches“ und möglicherweise noch verstärkt durch Alkohol-/Drogenkonsum – gezielt für Exzesse nutzen und denen weder mit Anstößen zur Selbstregulierung noch mit vorbeugenden Strategien wirksam beizukommen ist.17 Solche Hooligans „fühlen sich großartig, wie in einer Art Rausch“ und gehören „deswegen auch nicht wie Kriminelle ins Gefängnis gesperrt, sondern in eine Art Suchtklinik eingeliefert“.18 Entsprechende Repressionsmaßnahmen lassen sich also als finales Mittel nicht immer vermeiden. Mithin ist es konstruktiv, wenn mittels geeigneter Präventionsmaßnahmen Gewaltrisiken bei Fußballspielen neutralisiert werden können. Erfahrungsberichte zeigen jedenfalls, dass es gerade in den unteren Ligen und im Amateurfußball sinnvoll ist, mikro- und makrosozialen Gewaltursachen durch niederschwellige und zielgruppenorientierte Präventionsstrategien zu begegnen. Die Umsetzung einer qualifizierten Sportsozialarbeit kann sich hierbei bewähren, zumal das Fan- und ebenso Spielerverhalten auch außerhalb der Profiligen wiederum nicht isoliert von gesamtgesellschaftlichen Zusammenhängen (Sozialisation, Bildungsstand, Zukunftsperspektiven) zu betrachten ist. Dabei sollte grundsätzlich angestrebt werden, die unterschiedlichen Bausteine der Gewaltprävention systematisch zu evaluieren und weiterzuentwickeln.19
5 Fazit und Ausblick
Immer wieder kommt es zu gewalttätigen Ausschreitungen von Fußballfans in den Stadien sowie auch außerhalb der Spielstätten. Ein besonderes Eskalationspotential weisen offenbar Konflikte auf, an denen Teile der sog. Ultras beteiligt sind. Nach allen bislang gewonnenen Erfahrungen gibt es nicht „die eine“ Maßnahme zur Eindämmung der entsprechenden Gewaltbereitschaft und zur Unterbindung von Hooliganismus. Vielmehr gilt es, mehrere Strategien, darunter Impulse zur Selbstregulierung von Problemfans und Präventionsarbeit unter Einbindung und aktiver Mitwirkung von Fanbeauftragten, zu berücksichtigen und miteinander zu verzahnen. Die Notwendigkeit von Polizeieinsätzen insbesondere bei Hochrisikospielen, bestimmten Derbys und dergleichen ist unstrittig. Neben der Sinnhaftigkeit von Präventionsmaßnahmen ist es ebenso unstrittig, dass es Konstellationen gibt, in denen repressive Maßnahmen umgesetzt werden sollten. Mit anderen Worten: „Je konsequenter Straftäter verfolgt werden und Prävention bei den vielen anderen angewendet wird, desto besser“.20 Zugleich sollte zukünftig die Kommunikation zwischen organisierten Fans – darunter auch Ultras – und der Polizei, unter Vermittlung erfahrener Kräfte aus der Fanbegleitung, wieder mehr intensiviert werden. Hierbei gilt es also auf eine differenziertere und qualitative Vorgehensweise abzustellen, die auf eine Aufrechterhaltung der Kommunikation setzt.21
Anmerkungen
- Thomas Nern ist an der Fakultät Management, Soziale Arbeit, Bauen der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst – Hildesheim/Holzminden/Göttingen als Hochschullehrer tätig. Er wurde 2011 an der Freien Universität Berlin mit einer Arbeit zur Rezeption von Sportveranstaltungen (Spiele der Fußball-Bundesliga und Fanerleben) promoviert.
- 49. Sportministerkonferenz (2024): Gewalt in Fußballstadien. 49. SMK-BV05/2024.
- Gestraffte und leicht modifizierte Wiedergabe der sechs Punkte in Anlehnung an: Ruedi Josuran (2024): Faszination Fussball: mehr als ein Spiel. ERF Medien Magazin, 07/2024, S. 31.
- Thomas Nern (2011): Rezeption von Sportveranstaltungen durch Fans. Eine empirische Exploration erlebnis- und verhaltensbezogener Faktoren und ihrer soziologischen Rahmenbedingungen am Beispiel von Spielen der Fußball-Bundesliga. Frankfurt am Main: Peter Lang Internat. Verl. der Wissenschaften, S. 198 ff.
- Gunter A. Pilz & Franciska Wölki (2005): Vom Schlachtenbummler zum postmodernen Ultra: Wandlungen des Zuschauerverhaltens im Profi-Fußball. Magazin der Universität Hannover/ Beiheft, 1/2, S. 8 (8-12).
- Hans-Jörg Albrecht (2006): Fußball und Gewalt. Entwicklungen, Erklärungsansätze und Prävention. Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform, 89(3), S. 158 (158-174).
- Friedrich Lösel & Thomas Bliesener (2006): Hooliganismus in Deutschland: Verbreitung, Ursachen und Prävention. Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform, 89(3), 2006, S. 229 (229-245).
- Gunter A. Pilz (o.J./Stand 2024): Hooligans und Ultras – Gewalt als Selbstbehauptung. Internetpublikationen, Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes (ProPK), www.polizei-beratung.de/themen-und-tipps/jugendkriminalitaet/gewalt-auf-der-strasse/hooligans (aufgerufen im Sept. 2024); Gunter A. Pilz (2012): Von der Fankultur zum Gewalt-Event: Wandlungen des Zuschauerverhaltens im Fußball. SIAK-Journal − Zeitschrift für Polizeiwissenschaft und polizeiliche Praxis, 4, S. 61 ff. (60-71).
- Ebd., sowie Alexander Leistner (2008): Zwischen Entgrenzung und Inszenierung – Eine Fallstudie zu Formen fußballbezogener Zuschauergewalt. Sport und Gesellschaft, 5(2), S. 129 (111-133).
- Alexander Leistner (2017): Fans und Gewalt. In: Jochen Roose, Mike S. Schäfer & Thomas Schmidt-Lux (Hrsg.): Fans. Soziologische Perspektiven (Erlebniswelten). 2. Aufl. Wiesbaden: Springer VS, S. 251 (219-246).
- Thomas Elbert, James K. Moran & Maggie Schauer (2017): Lust an Gewalt: appetitive Aggression als Teil der menschlichen Natur. Neuroforum, 23(2), S. 96 f. (96-104).
- Thomas Elbert (2015): Aussagen im Interview mit Christoph Cöln zum Thema Gewaltforschung/ Hooligans. Welt, 23.7.2015, www.welt.de/sport/fussball/article144324610/Hooligans-funktionieren-wie-Kindersoldaten.html (aufgerufen im Sept. 2024).
- Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes (ProPK) (o.J./Stand 2024): Ultras. www.polizeifuerdich.de/deine-themen/gewalt/ultras/ (aufgerufen im Sept. 2024).
- Pilz, Hooligans und Ultras, siehe Anm. 8.
- Polizei Dein Partner – Gewerkschaft der Polizei (Präventionsportal): Gewalt beim Fußball. Beitrags-Verlinkungen (Stand 2024), www.polizei-dein-partner.de/themen/gewalt/fussball.html (aufgerufen im Sept. 2024).
- Fabian Baumgartner (2024): Im Kampf gegen militante Fußball-Ultras herrscht kollektive Ratlosigkeit. Dabei gäbe es Instrumente. Neue Zürcher Zeitung, 8.2.2024, www.nzz.ch/meinung/im-kampf-gegen-fanatische-fussball-ultras-herrscht-kollektive-ratlosigkeit-ld.1777513 (aufgerufen im Sept. 2024).
- Nern , siehe Anm. 4, S. 201.
- Elbert, siehe Anm. 12.
- Fatih Kaya, Helmuth Schweitzer & HacI-Halil Uslucan (2024): Mit Sportsozialarbeit gegen Gewalt im Amateurfußball!? Sozial Extra, 48, S. 248 (244–249).
- Baumgartner, siehe Anm. 16.
- Thorsten Poppe (2024): Gewalt im Fußball. Mangelnde Kommunikation verschärft den Konflikt. Experteninterviews (Jochen Kopelke, Gewerkschaft der Polizei; Harald Lange, Oliver Wiebe, Fanforschung/ Fanbegleitung). Deutschlandfunk, 14.1.2024, www.deutschlandfunk.de/gewalt-fussball-stadion-polizei-fans-100.html (aufgerufen im Sept. 2024).
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