
Fußballsport und Fangewalt
Erscheinungsformen, Präventionsmöglichkeiten und Gegenmaßnahmen
Der letztgenannte empirische Befund deckt sich mit den in Medien der Polizei berichteten Erkenntnissen, wonach sich hinsichtlich ihrer Selbstkonzepte und Motivationslagen durchaus eine bildungsstrukturelle und sozial bedingte Hierarchie gewaltbereiter Fußballfans findet: „Die einen (vornehmlich mit niedrigem Bildungsniveau) finden auf der Suche nach Macht und Selbstbehauptung in der Gewalt und der Gruppe der Hooligans ihre eigene Kraft, ihr Selbstwertgefühl. Die anderen (vornehmlich mit höherem Bildungsniveau) finden auf der Suche nach Selbstdurchsetzung durch die Auslebung der Gewalt ‚authentische Erfahrungen‘ von Spannung, Abenteuer und Lust, kurz: den ultimativen Kick“.8Weitere Forschung bestätigte zudem die besagten Tendenzen der Verlagerung gewalttätiger Handlungen aus den Stadien heraus bzw. eine Zunahme spieltagsunabhängiger Gewalt sowie intensivierte Gewaltakte. Beobachtet wurden dabei u.a. – teils verabredete – Schlägereien „verfeindeter“ Fangruppen, Zusammenrottungen in Innenstädten und Vandalismus, ferner in „gangtypischer“ Weise ausgetragene Konflikte, Überfälle auf Wohnungen oder aggressive Störungen von Zusammenkünften des „gegnerischen Lagers“.9
Betrachtet man das Erleben und Verhalten von Fußballfans in einer Gesamtschau, so handelt es sich zweifelslos um ein hochkomplexes Geschehen, das in facettenreiche situative, biographische und sozialstrukturelle Kontexte eingebettet ist.10 Bei der Erklärung von ausufernder Gewalt – hier von Fußballfans – sollten mithin auch neuropsychologische und dispositionelle Aspekte mitberücksichtigt werden. Relevant ist dabei insbesondere die sog. appetitive Aggression. Darunter ist eine verhaltensbiologische Anlage zu verstehen, die zu Aggressionsverhalten motiviert und Gewaltausübungen unter positiven Affekten zulässt. Anders als bei der primär reaktiven Aggression, die darauf abzielt, sich bei einer Bedrohung zu wehren und Ärger samt emotionaler Erregung möglichst zu neutralisieren, erlaubt die appetitive Aggression gleichsam die Übertragung einer regelrechten Jagdlust auch auf Situationen mit Menschen und kann bis hin zu Prügel- und Gewaltexzessen um ihrer selbst willen führen. Die Forschung konnte zeigen, dass die – ethisch gänzlich inakzeptable – appetitive Gewalt von Cortisol- und Endorphinausschüttungen begleitet wird, was auf der Ebene des individuellen Erlebens wie ein Belohnungssystem wirkt. Die Aktivierung solch eines Prozesses erfordert es, dass moralische und kulturelle Regulations- und Hemmfaktoren neutralisiert sind, wie es bei manchen bewaffneten Konflikten etwa durch eine Entmenschlichung des Gegners oder ihm zugerechneter Gruppen der Fall ist.11
Überträgt man diese Forschungserkenntnisse auf den Fußball, so könnten auch Hooligans in einen regelrechten „Rausch“ geraten. Der Unterschied zu Kriegshandlungen bestehe allerdings darin, dass es nicht zu Tötungen komme, sondern meist bei mehr oder minder schwer Verletzten bleibe. Das Ziel vieler gewalttätiger Handlungen von Fußballfans sei es eben nicht, „gegnerische“ Fans zu töten. Vielmehr bestehe es gerade darin, „den anderen zu erledigen, ihn niederzukämpfen“ – letztlich komme es „halt immer darauf an, welche Moral die jeweilige soziale Gruppe etabliert hat, in der man sich bewegt. Um wieder auf die Hooligans zu kommen: Moralisch ist es hier durchaus erlaubt, den anderen zusammenzuschlagen, ihn blutig zu prügeln. Aber es ist nicht erlaubt, ihn zu töten. Das ist die Grenze“.12
4 Möglichkeiten der Gewaltprävention und -sanktionierung
Im Zusammenhang mit Fußballspielen sowohl der 1. Bundesliga als auch unteren Ligen werden Möglichkeiten der Gewaltprävention auf der Ebene von Vereins- und Faninitiativen und der Polizei sowie u.a. auch von soziologischer Seite intensiv diskutiert. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf den sog. Ultras, hoch engagierten bis fanatischen Anhängern und Unterstützern ihres jeweiligen Fußballvereins. Gemäß der Charakterisierung der Polizeilichen Kriminalprävention der Länder und des Bundes (ProPK) verstehen sich Ultras gleichsam als die wirklichen Fans, die in ihren Vereinen einen besonderen Status innehaben. Viele Ultra-Gruppen weisen eine hierarchische Struktur auf und können beispielsweise Vertreter stellen, die im Namen ihrer Gruppe mit dem unterstützten Verein kommunizieren und denen dabei etwa Zugang zu Lagerräumen ermöglicht wird, um dort Fahnen und Banner für die Spiele ihrer Mannschaft vorzubereiten.13 Wichtig ist der Hinweis, dass Ultras nicht per se als Gewalttäter angesehen werden sollten. Vielmehr finden sich im Verhalten dieser Fans Überschneidungszonen zwischen überbordendem Enthusiasmus für ihre Vereine, Gewaltbereitschaft und offenen Gewaltakten.
Nach bisherigen Erfahrungen lassen sich bei Ultras drei Strategien ansetzen, um im Spannungsfeld von Prävention und Repression die Auftretenswahrscheinlichkeit von gewalttätigem Handeln zu reduzieren:
(1) Selbstregulierung: darunter sind Maßnahmen zu fassen, die Fans dazu befähigen und motivieren, für sich selbstbestimmt Grenzen zu ziehen und die eigene Ultraszene quasi von innen heraus zu befrieden.
(2) Prävention: Realisierung und Begleitung von Fanprojekten, insbesondere soziale Arbeit mit den Ultra-Fans und auch anderen als potentiell gewaltaffin einzustufenden Fans; aktive Mitwirkung von Fanbeauftragten in Vereinen und Verbänden (Fan-Betreuungsarbeit).
(3) Aber auch Repression: Durchsetzung ordnungspolitischer Regularien durch die Polizei und die Ordnungsdienste der Vereine (Setzen und Einhaltung von Grenzen).14
Wichtig sind im Hinblick auf die Unterbindung von Gewalthandlungen durch Fußballfans zudem Intensivtäterkonzepte, die einen Austausch von Informationen und Erkenntnissen von Polizei, Staatsanwaltschaften und Gerichten beinhalten (Vernetzung). Auf solch einer auch eine zentrale Datei umfassenden Basis lassen sich namentlich gewaltbereite Rädelsführer gezielt sowohl für unmittelbare Ansprachen als auch, sofern nicht anders gangbar, für Repressionsmaßnahmen ins Visier nehmen. Letztere Maßnahmen können auch kombiniert werden, etwa ein niederschwelliger Dialog von Fanbeauftragten mit Problemfans, einhergehend mit der unmissverständlichen Ankündigung, bei Uneinsichtigkeit und Fehlverhalten beispielsweise eine Streichung von der Dauerkartenliste der Heimspiele des betreffenden Vereins durchzusetzen.15
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