Recht und Justiz

Die Versammlungsfreiheit im Lichte der Entscheidung des BVerfG vom 1. Oktober 2025, 1 BvR 2428/20

Von Prof./LRD a.D. Hartmut Brenneisen, Preetz/Worms¹

2.4 Umfang und Grenzen des Grundrechtsschutzes

In der Entscheidung wird herausgestellt, dass auch eine demonstrative Blockadeaktion von der Gestaltungs- und Typenfreiheit des Art. 8 Abs. 1 GG umfasst und der Schutzbereich der Grundrechtsnorm damit eröffnet sein kann. Dies gilt allerdings nur dann, wenn sie über die damit verbundene Verhinderungsabsicht ein eigenständiges Element der Teilhabe an der öffentlichen Meinungsbildung aufweist.


Sofern die Aktion hingegen ausschließlich auf die Verhinderung einer anderen Versammlung gerichtet ist und nicht zugleich einen Beitrag zur öffentlichen Meinungsbildung leistet, kommt ihr keine Versammlungseigenschaft zu und der Schutzbereich des Art. 8 Abs. 1 GG ist nicht einschlägig.17 Es ist für ein demokratisches Gemeinwesen von zentraler Bedeutung, dass die Versammlungsfreiheit nicht zum Mittel wird, um Menschen mit anderen Überzeugungen an der Wahrnehmung desselben Rechts zu hindern.18


Dies gilt im Übrigen bereits dann, wenn gegen die Grundsätze der Friedlichkeit und Waffenlosigkeit als negative Schutzbereichs aussage verstoßen wird.19 Dabei ist es umstritten, ob in diesem Fall die allgemeine Handlungsfreiheit aus Art. 2 Abs. 1 GG als Auffangnorm Wirkung entfaltet und bei hoheitlichen Eingriffsakten im Rahmen der Verhältnismäßigkeit zu berücksichtigen ist.20

2.5 Zur Frage der Strafbarkeit

Der Erste Senat stellt klar, „dass ein allgemein verbotenes Handeln nicht allein dadurch rechtmäßig wird, dass es gemeinsam mit anderen in Form einer Versammlung erfolgt. […] Die Strafbarkeit eines dem Schutzbereich der Versammlungsfreiheit zuzuordnenden Verhaltens auf der Grundlage eines (allgemeinen) Straftatbestandes setzt damit nicht zwingend eine vorherige (rechtmäßige) Auflösung der jeweiligen Versammlung voraus, die den Schutz der Versammlungsfreiheit nach Art. 8 Abs. 1 GG entfallen lassen würde.“21 Eine ungeschriebene Form der Verwaltungsakzessorietät besteht damit nicht.


Zwar ist der wertsetzenden Bedeutung des Art. 8 GG bei allen Abwägungen besonders Rechnung zu tragen, die Argumentation über die systematische Normauslegung, frei nach dem Motto „was verfassungsrechtlich legitim ist, kann keinen Straftatbestand darstellen“, greift jedoch erkennbar zu kurz.22


Dieser Grundsatz gilt zunächstfür die Anwendung der hier relevanten Tatbestandsalternative der „groben Störung“ aus § 21 BVersG. Offen bleibt, ob die Bewertung auch für den Straftatbestand der Nötigung gilt, der nach § 240 Abs. 2 StGB ausdrücklich mit einer Verwerflichkeitsklausel verbunden ist.23 Dies ist zuletzt durch das OLG Karlsruhe bejaht worden.24 In der Entscheidung ging es um eine Straßenblockade, durch die u.a. die Forderung nach einem Tempolimit auf Bundesautobahnen unterstrichen werden sollte. Bei der Prüfung der Verwerflichkeit wurde dem bestehenden verfassungsrechtlichen Schutz aus Art. 8 Abs. 1 GG zumindest keine ausschlaggebende Bedeutung zugemessen.

 

3 Fazit


Mit der vorliegenden Entscheidung hat das BVerG in der schwierigen Materie des Versammlungsrechts erneut für Klarheit gesorgt.25 Obwohl Aussagen zum Nötigungstatbestand fehlen, sind die Leitsätze der Entscheidung auch auf andere Szenarien übertragbar. Dies gilt zum Beispiel für Klimaschutzaktionen, pro-palästinensische Versammlungen oder auch für Demonstrationen gegen Veranstaltungen der rechtsextremistischen Szene, wie die Neugründung einer AfD-Jugendorganisation Ende November in Gießen. Auch hier dürfen Blockadeaktionen nicht darauf ausgerichtet sein, eine gegenläufige Versammlung zu verhindern und Gewaltanwendung muss stets ein Tabu bleiben.26 Grundrechtspositionen stehen auch andersdenkenden Minderheiten oder politisch Missliebigen zu, denn die Achtung von Gegenpositionen ist ein Gradmesser der Demokratie.27 Berechtigt hat das BVerfG bereits in seiner „Wunsiedel-Entscheidung“28 herausgestellt, dass dieser Grundsatz auch für „Feinde der Freiheit“ gilt.


Bildrechte: Kay Herschelmann.

 

Anmerkungen

 

  1. Hartmut Brenneisen ist Professor, Ltd. Regierungsdirektor und Polizeidirektor a.D. Er ist heute u.a. als Verantwortlicher Redakteur der Zeitschriften DIE KRIMINALPOLIZEI und POLIZEIPRAXIS sowie Herausgeber und Autor von Fachpublikationen tätig.
  2. Vgl. nur: BVerfGE 69, 315 („Brokdorf“); 85, 69 („Eilversammlungen“); 104, 92 („Sitzblockade III“); 122, 342 („BayVersG“); 124, 300 („Wunsiedel“); 128, 226 („Fraport“).
  3. BVerfG v. 1.10.2025, 1 BvR 2428/20 („Störende Gegendemonstration“), LS 3.
  4. BVerfG v. 1.10.2025, 1 BvR 2428/20, Rn. 110.
  5. OLG Karlsruhe v. 1.9.2020, 2 Rv 35 Ss 981/19.
  6. AG Freiburg im Breisgau v. 5.9.2019, 24 Cs 281 Js 40842/17.
  7. Vgl. nur BVerfGE 69, 315; 104, 92; 128, 226.
  8. BVerfG v. 1.10.2025, 1 BvR 2428/20, LS 4.
  9. BVerfG v. 1.10.2025, 1 BvR 2428/20, Rn. 72.
  10. BGBl. 2006 I, S. 2034; vgl. dazu Kniesel/Poscher, in: Bäcker, 2026, Handbuch des Polizei- und Sicherheitsrechts, 8. Aufl., Kap. 9, Rn. 20; Kniesel/Braun, in: Kniesel/Braun/Ullrich, 2025, Versammlungsgesetze, 19. Aufl., Teil I, Rn. 1 ff.; von Coelln, in: Ullrich/von Coelln/Heusch, 2025, Handbuch Versammlungsrecht, 2. Aufl., Rn. 40; Brenneisen/Wilksen/Staack/Martins, 2020, Versammlungsrecht, 5. Aufl., S. 55.
  11. BVerfG v. 1.10.2025, 1 BvR 2428/20, Rn. 110.
  12. BVerfG v. 1.10.2025, 1 BvR 2428/20, Rn. 113; vgl. auch BVerfGE 113, 348; 120, 274; 129, 208.
  13. BVerfG v. 1.10.2025, 1 BvR 2428/20, Rn. 129; vgl. dazu Kniesel/Braun, in: Kniesel/Braun/Ullrich, a.a.O., Teil II, § 20, Rn. 3 und Dürig-Friedl, in: Dürig-Friedl/Enders, 2022, Versammlungsrecht, 2. Aufl., § 20, Rn. 2.
  14. Vgl. auch Kerkemeyer, in: Kämmerer/Kotzur, 2025, Grundgesetz-Kommentar (Band 1), 8. Aufl., Art. 19, Rn. 35; Jarass, in: Jarass/Kment, 2024, Grundgesetz-Kommentar, 18. Aufl., Art. 19, Rn. 7; Kaufhold, in: Brosius-Gersdorf, 2023, Grundgesetz-Kommentar, 4. Aufl., Art. 19, Rn. 39.
  15. BVerfG v. 1.10.2025, 1 BvR 2428/20, Rn. 127.
  16. BVerfG v. 1.10.2025, 1 BvR 2428/20, Rn. 122.
  17. BVerfG v. 1.10.2025, 1 BvR 2428/20, LS 5a.
  18. BVerfG v. 1.10.2025, 1 BvR 2428/20, LS 5b.
  19. BVerfG v. 1.10.2025, 1 BvR 2428/20, Rn. 88, 133; vgl. dazu auch Ernst, in: Kämmerer/Kotzur, a.a.O., Art. 8, Rn. 53; Jarass, in: Jarass/Kment, a.a.O., Art. 8, Rn. 7; Kaiser, in: Brosius-Gersdorf, a.a.O., Art. 8, Rn. 42.
  20. Dafür z.B. Ernst, in: Kämmerer/Kotzur, a.a.O., Art. 8, Rn. 54; Jarass, in: Jarass/Kment, a.a.O., Art. 8, Rn. 7; dagegen z.B.: Kaiser, in: Brosius-Gersdorf,  a.a.O., Art. 8, Rn. 95; von Coelln, in: Ullrich/von Coelln/Heusch, a.a.O., Art. 8, Rn. 78; wohl unentschieden: Kniesel/Braun, in: Kniesel/Braun/Ullrich, a.a.O., Teil I, Rn. 205, 322.
  21. BVerfG v. 1.10.2025, 1 BvR 2428/20, Rn. 105 (unter Hinweis auf BVerfGE 104, 92).
  22. Die Theorie der „StPO-Festigkeit“ der Versammlungsfreiheit ist damit zurückzuweisen; vgl. dazu Hecker, NVwZ 2026, S. 33 (48); Brenneisen/Wilksen/Staack/Martins, a.a.O., S. 294 (m.w.N.).
  23. Zur Wirkung der Verwerflichkeitsklausel bei „demonstrativen Blockaden“ vgl. Fischer/Anstötz, in: Fischer, 2026, Strafgesetzbuch, 73. Aufl., § 240, Rn. 46 und Heger, 2025, Strafgesetzbuch, 31. Aufl., § 240, Rn. 22.
  24. OLG Karlsruhe v. 20.3.2024, 2 ORs 35 Ss 120/23.
  25. Zum BVerfG als „Hüter der Verfassung“ vgl. Brenneisen, DIE KRIMINALPOLIZEI 4/2024, S. 20 (m.w.N.).
  26. Zur Gewalt gegen Einsatzkräfte der Polizei siehe: „Poseck zieht Bilanz zu Gewalt bei Protesten“, Presseerklärung Hessisches Ministerium des Innern, für Sicherheit und Heimatschutz v. 1.12.2025; „Kopelke: widerliche Gewalt und Hass gegen Polizisten“, Presseerklärung Bundesvorstand der GdP v. 29.11.2025; zu den Versammlungslagen in Gießen siehe auch VGH Kassel v. 1.12.2025, 8 B 2659/25.
  27. Vgl. dazu Brenneisen/Wilksen/Staack/Martins, a.a.O., S. 51.
  28. BVerfGE 124, 300 (unter Hinweis auf BVerfGE 5, 85); dazu Kaiser, in: Brosius-Gersdorf, a.a.O., Art. 8, Rn. 41.

 

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