Wissenschaft  und Forschung

Psychologie der Messergewalt

Historisches Erbe und zeitgenössische Phänomene

 

6 Aktuelle Zunahme von Messerkriminalität in den letzten Jahren


Messergewalt als Phänomen hat in westlichen Ländern in den letzten Jahren zugenommen. Dies gilt für Deutschland ebenso wie für zahlreiche europäische Nachbarstaaten. Die offiziellen Daten des Bundeskriminalamts (BKA) aus der Polizeilichen Kriminalstatistik werden speziell zur Messerkriminalität erst seit 2021 systematisch erfasst und veröffentlicht. Im Bericht des BKA über das Jahr 2023 wurden 8.951 Messerangriffe im Kontext von gefährlicher und schwerer Körperverletzung gemeldet. Das waren 9,7% mehr als im Vorjahr 2022. Im Kontext von Raubdelikten war der Anstieg von Messerangriffen noch ausgeprägter. Sie stiegen um 16,6% auf 4.893 Fälle. Das BKA meldete also über 13.844 Messerangriffe im Jahr 2023 im Kontext mit Körperverletzung und Raubdelikten.4 Da diese Strafdelikte insgesamt zugenommen haben, liegt der relative Anstieg der messerspezifischen Fälle niedriger. Die absoluten Anstiege sind erschreckend genug.5

 

Bezüglich der Messerkriminalität sind einige Hotspots für die kriminologische Forschung von besonderer Bedeutung:

  • Messerangriffe auf Bahnhöfen, in Zügen und auf Flughäfen. Hier ist die Bundespolizei zuständig und veröffentlicht eigene Statistiken.
  • Im häuslichen Umfeld (häusliche Gewalt, Partnerschaftsgewalt, Intimizide) geschieht ein Großteil der Messerkriminalität. Der Anteil beträgt je nach Bundesland zwischen 30 und 50%.6
  • Ein heiß diskutiertes Thema ist die Herkunft oder die Staatsangehörigkeit der Tatverdächtigen. Etwa 50% der Tatverdächtigen bei Messerkriminalität haben keinen deutschen Pass.
  • Eine besondere Herausforderung ist die deutliche Zunahme von Messergewalt durch Kinder und Jugendliche. Der Tatort ist hier oft die Schule.


In der PKS für das Jahr 2024 wurden 29.014 Messerangriffe erfasst. Bildrechte: stock.adobe.com.

 

7 Das Messer als Mordwaffe bei Intimiziden


Bei Tötungsdelikten zwischen Liebespartnern oder zwischen Menschen, die sich kennen oder nahestehen, gehen dem Tötungsdelikt oft langjährige Partnerschaftsgewalt, heftige Streits, gewalttätige Auseinandersetzungen und Gewalt-Eskalationen voraus. Das Messer ist eine besonders leicht verfügbare Tatwaffe, weil in fast jeder Küche scharfe Messer sind, die als Mordwaffe fungieren können. Lange und kalt geplante Tötungsdelikte mit Schusswaffen haben eine deutlich andere Motiv- und Gewaltdynamik. Aktuell wird in zahlreichen Fachgebieten der Tatbestand Femizid diskutiert, der bislang im deutschen Strafrecht nicht verankert ist, in Politik und Gesellschaft jedoch intensiv diskutiert wird. Im Jahr 2024 hat das Bundeskriminalamt erstmals ein Lagebild „Geschlechtsspezifisch gegen Frauen gerichtete Straftaten“7 veröffentlicht. Das Lagebild umfasst 57 Seiten und ist der erste offizielle Bericht mit der „Fallgruppe Femizide“ (8 Seiten). Dort wurde folgende Definition verwendet: „Femizide werden allgemein verstanden als Tötungsdelikte an Frauen, weil sie Frauen sind, das heißt aufgrund einer von der Annahme geschlechtsbezogener Ungleichwertigkeit gegen Frauen geleiteten Tatmotivation.“ Es wurde aber betont, dass bislang eine bundeseinheitliche Definition von Femiziden fehlt und dass in der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) keine Erfassung der tatauslösenden Motive erfolgt.


Im genannten Lagebild wurden für das Jahr 2023 in Deutschland 938 Femizide gezählt. Bei Tötungsdelikten innerhalb von Partnerschaften liegt der Anteil weibliche Opfer bei 80%. Folglich werden 20% der Partnertötungen von Frauen an Männern verübt (weibliche Intimizide durch Täterinnen).


Wie in der PKS wurde auch im Lagebild hinsichtlich der weiblichen Opfer von Tötungsdelikten zwischen Partnerschaftsgewalt und Innerfamiliärer Gewalt differenziert. Bei innerfamiliärer Gewalt lag im Jahr 2023 der Anteil der weiblichen Opfer bei 51,2%.


In manchen empirischen Intimizid-Studien wurden auch die Tatwaffen oder Tötungsarten erfasst. Die Rechtspsychologin Luise Greuel forscht seit Jahrzehnten über Partnerschaftsgewalt und Intimizide. Sie wertete u.a. 266 Tötungsdelikte durch Männer in Nordrhein-Westfalen aus dem Jahr 2005 aus.8 Darunter waren 43 Fälle Intimizide mit weiblichen Opfern. Mit einem Anteil von 44,2% waren Messer die häufigste Tatwaffe. Im Vergleich dazu verwendeten 18,6% der Täter eine Schusswaffe. Andere häufige Tötungsarten waren Erwürgen und stumpfe Gewalt.


Systematische Untersuchungen zum Einsatz von Messern bei weiblichen Intimiziden liegen nicht vor. Bei Affektdelikten oder bei körperlicher Gewalteskalation greifen Frauen oft zu einem in der Küche herumliegenden Messer und stechen damit auf den gewalttätigen Mann ein. Bei manchen Intimiziden durch Frauen kam es in der Gerichtsverhandlung zu einem Freispruch wegen Notwehr, wenn die Frau zuvor lange Opfer massiver körperlicher Gewalt durch den männlichen Partner war und sie im Tatverlauf lebensbedrohlich gefährdet war.

 

8 Die Messerstecherinnen von Freudenberg im März 2023


In Freudenberg (NRW) wurde die 12 Jahre alte Luise von zwei anderen ihr bekannten Mädchen (12 und 13 Jahre alt) erstochen. Es war ein besonders grausames Tötungsdelikt mit „Übertöten“: das Opfer wurde mit 70 Stichen eines längeren Messers getötet. Vermutlich waren die ersten Stiche bereits tödlich. Die Täterinnen im Kindesalter müssen sich in einen regelrechten Blutrausch hineingesteigert haben, wie er teilweise von Kindersoldaten in Afrika beschrieben wird. Die Täterinnen haben ihre Mordtat gestanden. Wegen Strafunmündigkeit erfolgte keine Anklage und die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wurden eingestellt. Kein anderes Tötungsdelikt durch Kinder wurde deutschlandweit so intensiv und langdauernd diskutiert wie die Freudenberger Bluttat.


Der Landtag von Nordrhein-Westfalen hat sich mit der Freudenberger Bluttat beschäftigt und gab eine Studie zum Anstieg der Kinder- und Jugendgewalt in Auftrag. Ein Jahr nach der Tat erfolgten Gedenkfeiern und zahlreiche Medienberichte. Eine vergleichbare Tat gab es in der Nachkriegszeit in Deutschland nicht. Dass zwei Mädchen eine bekannte Schulkameradin so grausam und bestialisch erstechen, ist eine außergewöhnliche Ausnahme. Es gab jedoch in den Jahren 2023 und 2024 weitere Tötungsdelikte durch Kinder. In den letzten Jahren lagen insgesamt die Straftaten gegen das Leben (Mord und Totschlag) durch Kinder zwischen 5 und 15 Fällen pro Jahr. Im Jahr 2022 waren es 19. Es gab jedoch 206 Tötungsdelikte durch tatverdächtige Jugendliche.