Philosophie der islamischen Welt im schulischen Unterricht – Teil 1
Von Dr. Erdmann Görg und Prof. Dr. Helen Schneider, Trier/Frankfurt/M.¹
1 Einleitung

In einer heterogen geprägten Gesellschaft kommt Fragen des kulturellen Selbstverständnisses, normativen Positionen und – im schulischen Kontext – auch dem mit solchen Fragen verknüpften Philosophieunterricht eine besondere Bedeutung zu.2 Hier können sich Schüler und Schülerinnen in der Auseinandersetzung mit verschiedenen Denkern und Weltanschauungen, eigene Haltungen und Kritikfähigkeit entwickeln (in der Folge wird die vereinfachte Form „Schüler“ usw. gewählt; dies dient ausschließlich der Vereinfachung des Leseflusses und stellt keinerlei Wertung oder inhaltliche Präferenz dar). Der interkulturellen Philosophiedidaktik kann dabei eine Schlüsselrolle zukommen. Indem sie versucht, ein wechselseitiges Verstehen zu fördern, kann sie zudem als wichtiger Beitrag zur Extremismus- und Gewaltprävention gesehen werden. Sie zielt unter anderem darauf ab, den bestehenden Unterrichtskanon um die Beschäftigung mit Denkmodellen und besonderen Charakteristika aus anderen Kulturen zu erweitern. Zwar besteht bereits ein breites Instrumentarium interkultureller Philosophiedidaktik, wie bspw. Franz Wimmers „Polylog“ als Konzept eines interkulturellen Philosophierens3, es fehlt jedoch noch an einer entsprechenden Erweiterung des „didaktischen Kanons“.4

Im vorliegenden Beitrag wird zunächst erläutert, inwieweit eine Öffnung des Kanons durch Positionen der Philosophie der islamischen Welt inhaltlich lohnend ist (Abschnitt 2). Anschließend soll am Beispiel einer Unterrichtsreihe zur Gottesfrage konkret gezeigt werden, wie Positionen der Philosophie der islamischen Welt problemorientiert über den Randkanon eingeführt werden können (Abschnitt 3). Darauf aufbauend werden wir5 auf unterrichtspraktische Erfahrungen eingehen und anhand einer explorativen Erhebung einen ersten Einblick in das empirisch bisher kaum erforschte Feld der interkulturellen Didaktik vermitteln (Abschnitt 4). Im abschließenden Abschnitt 5 wird ein Fazit zu den gewonnenen empirischen Ergebnissen gezogen, das selbstkritisch auch auf Limitationen des eigenen Vorgehens eingeht. Vor allem dieser finale Abschnitt widmet sich, mit Bezugnahme auf die polizeiliche Präventionsarbeit, zudem möglichen Impulsen der eigenen empirischen Erkenntnisse für die entsprechende Extremismus- und Gewaltvorbeugung.
2 Öffnung des didaktischen Kanons: Warum überhaupt Philosophie der islamischen Welt im Unterricht?
Eine Erweiterung des Unterrichtskanons um Positionen der islamischen Welt kann inhaltlich gewinnbringend sein. Mithin sind vorliegend Positionen der Philosophie in der islamischen Welt gemeint. Es wird also nicht zwingend auf die Philosophie von Muslimen abgezielt, sondern vielmehr auf philosophische Traditionen, in welchen der Islam kulturell prägend ist.6 Dies wird z.B. an Standpunkten von Sadik Jalal al-Azm (geb. 1934 in Damaskus, gest. 2016 in Berlin) deutlich, die später noch angerissen werden: Dieser aus Syrien stammende Philosoph, Hochschullehrer und Menschenrechtsaktivist war zwar ein Denker der islamischen Welt, aber als Religionskritiker kein Moslem. Die Philosophie der islamischen Welt ist aus mehreren Gründen für die fragliche Kanonerweiterung geeignet: Viele Schüler mit Migrationshintergrund stammen aus islamischen Ländern. Im schulischen Kontext dient Philosophie dann oft als Ersatzfach. In nicht wenigen Schulen wird der Philosophieunterricht sogar mehrheitlich von muslimischen Schülern besucht. In einem Gespräch zwischen der an der Philosophiedidaktikerin Vanessa Albus (Univ. Paderborn) und dem Islamwissenschaftler Ulrich Rudolph aus Zürich nannte dieser sechs Gründe, die Philosophie der islamischen Welt im Philosophieunterricht zu behandeln:7 Muslimische Schüler können ihr kulturelles Erbe näher kennenlernen und reflektieren (I.). Weiter wird mit der Philosophie der islamischen Welt eine rationale Tradition thematisiert, die in der öffentlichen Wahrnehmung zumeist nicht das Gewicht bekommt, welches ihr durchaus zustehen würde (II.). Die Lebenswelt muslimischer Schüler kann im Unterricht thematisiert (III.), aber auch das Philosophieverständnis der Schülerschaft insgesamt erweitert werden, denn Philosophie sollte nicht primär als durch europäische Kultur dominiert betrachtet werden (IV.). Zudem können Parallelen (V.) und historische Verbindungen (VI.) zwischen der europäischen und der islamischen Kultur deutlich werden.
An solche Überlegungen anknüpfend lassen sich weitere Gründe thematisieren. So hatte etwa der Philosoph und Fachdidaktiker Volker Steenblock (1958-2018) hervorgehoben, dass hinreichend differenzierte Bildung für die gesamte Schülerschaft offen sein müsse.8 Auch muslimischen Schülern sollten daher Möglichkeiten eingeräumt werden, die Grundkonzeption ihrer Kultur kritisch reflektieren zu können. Ferner sei darauf hingewiesen, dass man es bei der Philosophie der islamischen Welt mit Denkschulen, Traditionen und Folgerungen zu tun hat, die in ähnlicher Weise auch seitens des griechischen Denkens namentlich der Antike sowie später in der europäischen Philosophie aufgegriffen wurden. Griechische und europäische Philosophie sowie jene der islamischen Welt kamen in vielen Punkten, auch unabhängig voneinander, zu vergleichbaren Ergebnissen. Diese Feststellung wiederum kann bei der Schülerschaft zu der wichtigen Erkenntnis führen, dass es am Ende doch nur eine Vernunft ist, die hinter allen Kulturen steht und sich, trotz aller bei einer oberflächlichen Betrachtung hervorstechenden Unterschiede, in ähnlicher Weise in unterschiedlichen Weltregionen entfaltet hat. Indem Gemeinsamkeiten zwischen den verschiedenen Traditionslinien herausgearbeitet werden, kann eine Gegenüberstellung von Positionen der Philosophie der islamischen Welt auf der einen Seite und andererseits der griechischen bzw. europäischen Philosophie im schulischen Unterricht zu einem gegenseitigen Wertschätzen und Verstehen führen. Damit kann die Auseinandersetzung mit Standpunkten der islamischen Welt im Philosophieunterricht auch als Impuls zur Prävention von politischem und religiösem Extremismus und damit zur Gewaltprävention dienen.
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