Partnerschaftsgewalt und Intimizide in lesbischen Beziehungen
Von Prof. Dr. med. Herbert Csef, Würzburg¹
1 Der Mythos der friedfertigen Frau

Seit Jahrhunderten wird in psychologischen, forensischen und psychiatrischen Abhandlungen darüber diskutiert, ob und inwiefern Männer gewalttätiger sind als Frauen. Kriege wurden schon immer überwiegend von Männern geführt. Die Frau als Gewalttäterin bei häuslicher Gewalt oder Partnerschaftsgewalt wurde lange Zeit als eine absolute Rarität betrachtet. Bereits in der Bibel wurden Frauen beschrieben, die zu Mörderinnen wurden. Ihre Opfer waren aber nicht ihre Liebespartner oder Ehemänner. Salome, Jahel oder Judith töteten Fremde oder Feinde. Medea tötete ihre eigenen Kinder. Die gefürchtete Femme Fatale, die zu Aggression und Vernichtung neigt, war und blieb jedoch immer wieder Topos in der Literatur. Friedrich Schiller sorgte mit seinem Ausspruch „Da werden Weiber zu Hyänen“ für Impulse zu einer Sichtweise weiblicher Aggression. In den zahllosen Kriegen der Menschheitsgeschichte hatten Frauen im Krieg eine unterstützende oder dienende Funktion: Sie arbeiteten in der Feldküche, im Lazarett oder im Bordell. Sie zogen meist nicht mit schweren Waffen ins Gefecht. In der Gesamtbeurteilung waren die Frauen früher bevorzugt in der Opfer-Rolle. Sie wurden vergewaltigt, gequält, geschunden und ermordet. Seit dem Zweiten Weltkrieg tauchten Frauen aggressiver auf. In der Sowjetarmee gab es Frauen als Offiziere an der Front. Im Nazi-Regime gab es tausende von KZ-Wächterinnen, die in grausamster Weise KZ-Insassen folterten und ermordeten. Fast alle Täterinnen haben sich freiwillig für die mörderische Tätigkeit gemeldet. Mittlerweile gibt es in vielen Armeen Pilotinnen oder weibliche Generäle. Angeregt durch die Aufarbeitung des Zweiten Weltkriegs hat die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich eine umfassende Untersuchung zur weiblichen Aggression vorgelegt. Das Buch trägt den Titel: „Die friedfertige Frau“.2 Die Psychoanalytikerin sieht die Frau nicht a priori als „friedfertig“, vielmehr seien bei beiden Geschlechtern von Geburt an aggressive Potentiale vorhanden und können jederzeit geweckt werden. Die Frau sieht sie jedoch als wesentliches Gegenregulativ zur männlichen Aggression: „An der Frau liegt es, männlichem Imponier- und Selbstdarstellungsgehabe, diese Wurzel vieler Gewaltakte und kriegerischer Auseinandersetzungen, die zur Aufrechterhaltung solcher Mentalität notwendige Bewunderung zu Versagen“.3
2 Geschlechter-Stereotyp in der aktuellen Femizid-Diskussion
Partnerschaftsgewalt und die Tötung des Liebespartners (Intimizid) waren bis ins 20. Jahrhundert weitgehend tabu. Sie spielten weder im öffentlichen Bewusstsein noch in der Forschung eine große Rolle. Die Tötung des Liebespartners aus Eifersucht war schon Jahrhunderte zuvor ein beliebter Topos von Literatur und Oper. Das Shakespeare-Drama „Othello“ und zugehörige Oper oder „Carmen“ werden schon Jahrhunderte regelmäßig auf den Bühnen aufgeführt. Diese Intimizide folgten alle nach dem Muster: Der eifersüchtige Mann tötet seine Partnerin. Die Zuschreibung von Täter und Opfer blieb eindeutig in dieser Position. Eines der ersten Werke im 20. Jahrhundert war die literarische Aufarbeitung wahrer Mordfälle eines lesbischen Paares an ihren Ehemännern, die sich im Jahr 1922 in Berlin ereigneten und zu einer Verurteilung des lesbischen Paares führte. Der Nervenarzt und Schriftsteller Alfred Döblin verarbeitete diesen realen Fall zu einer Erzählung mit dem Titel „Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord“.4
In der aktuellen Femizid-Diskussion wird die Debatte über Intimizide einseitig mit dem Geschlechts-Stereotyp „männlicher Täter – weibliches Opfer“ geführt. Die Einseitigkeit der Debatte liegt darin begründet, dass wesentliche Phänomene ausgeblendet werden, die diesem Stereotyp widersprechen. Die drei wichtigsten Phänomene hierzu sind:
Je nach Studie werden 15 bis 20% aller Intimizide von Frauen an Männern verübt. Hier ist das Gegenteil des Stereotyps der Fall: „weibliche Täterin – männliches Opfer“.
Es gibt auch Intimizide in lesbischen Paarbeziehungen. Hier sind Täterinnen und Opfer weiblich. Männer sind hier gar nicht beteiligt.
Beim Großteil der Intimizide sind im Vorfeld der Tat Partnerschaftsgewalt oder häusliche Gewalt bekannt. Sie belasteten oft jahrelang die Ehe oder Paarbeziehung. In Hellfeld-Analysen sind bei etwa 20% der Fälle von Partnerschaftsgewalt Frauen die Täterinnen. In Dunkelfeld-Analysen liegt der Frauen-Anteil sogar noch höher.
Aufschlussreich sind auch Söhne von alleinerziehenden Müttern, die von Geburt an ausschließlich von der Mutter aufgezogen werden. Wie kommt es bei derart sozialisierten Jungen und Männern zur Entstehung von späterer häuslicher Gewalt oder Partnerschaftsgewalt?
Partnerschaftsgewalt und Intimizide in lesbischen Beziehungen sind auf jeden Fall sehr aussagekräftig für die Diskussion von Gewalt in Paarbeziehungen.
3 Epidemiologischen Daten des BKA
Das Bundeskriminalamt (BKA) veröffentlicht jedes Jahr zwei relevante Berichte zum Thema von Partnerschaftsgewalt. Im Juli erscheint jeweils das „Bundeslagebild Häusliche Gewalt“, im November die Kriminalstatistische Auswertung „Partnerschaftsgewalt“. Hinsichtlich der Täter-Opfer-Beziehungen werden seit 2015 „eingetragene Lebenspartnerschaften“ getrennt ausgewiesen. In den letzten Jahren gab es in dieser Beziehungskategorie zwischen 400 und 500 angezeigte Fälle. Der Anteil an der Gesamtzahl ist offiziell lediglich 0,3% – was deutlich unter dem tatsächlichen Anteil der homosexuellen Beziehungen liegt. Bei den angezeigten Fällen dieser Gruppe sind etwa zwei Drittel lesbische Paare. Dies wird damit erklärt, dass homosexuelle Männer eine sehr geringe Anzeige-Bereitschaft zeigen. Die Hellfeld-Daten des BKA sind also für das Phänomen der Partnerschaftsgewalt bei lesbischen Paaren in Deutschland nur sehr bedingt aussagekräftig.
4 The National Intimate Partner and Sexual Violence Survey der USA
In den USA wird seit mehr als 10 Jahren ein nationaler Report über Partnerschaftsgewalt und sexuelle Gewalt veröffentlicht. Diese Reporte sind für das Thema dieses Beitrages von besonderem Interesse, weil sie bei den Opfer-Analysen Männer und Frauen nach der sexuellen Orientierung differenzieren. Sie vergleichen heterosexuelle, homosexuelle und bisexuelle Männer und Frauen. Beim ersten Report im Jahr 2010 wurden die Interviews von 9.970 Frauen und 7.421 Männer ausgewertet.5 Bei beiden Geschlechtern hatten Bisexuelle die höchste Opferquote für Partnerschaftsgewalt und sexuelle Gewalt, bei heterosexuellen Männern und Frauen war sie am niedrigsten. Für die befragten Frauen waren die Opferquoten wie folgt: 35% der heterosexuellen, 43,8% der lesbischen und 61,1% der bisexuellen Frauen berichteten über entsprechende Opfer-Erfahrungen. Im neueren Survey6, der 2016 und 2017 durchgeführt wurde, war die repräsentative Stichprobe größer (15.152 Frauen und 12.419 Männer). Die Opferquoten waren ähnlich wie 2010 (gobale Opferrate für Frauen von 47,3%).
5 Der „Mantel des Schweigens“ und entsprechende Forschungsdefizite
Im deutschsprachigen Raum gibt es sehr wenig Forschungsliteratur zur Partnerschaftsgewalt in lesbischen Beziehungen. Die Soziologin und Psychotherapeutin Constanze Ohms war eine Pionierin auf diesem Gebiet. Als junge Erwachsene war sie selbst Gewaltopfer in einer lesbischen Beziehung und machte dieses Thema zum Hauptinhalt ihrer Forschung als Soziologin. Sie hat drei Bücher zu diesem Thema verfasst oder herausgegeben.7Für das „Handbuch häusliche Gewalt“ lieferte sie den Beitrag „Beratung und Therapie von cis-gleichgeschlechtlichen der trans*Personen“.8 In einem neueren Interview betonte sie die unbewusste Queerfeindlichkeit, verinnerlichten Selbsthass und Angst als wesentliche Faktoren der Gewaltdynamik in lesbischen Beziehungen. Abhängigkeiten und Angst davor, nach einer Trennung allein dazustehen und keine neue Partnerin mehr zu finden, führten dazu, in gewalttätigen Beziehungen zu verharren. Da nur etwa 1 bis 2% der Frauen eine lesbische Orientierung haben, sei der „Markt eng“ und die potenzielle Partnerinnenverfügbarkeit gering. Das schüre Verlust- und Verlassenheitsängste. Die institutionellen Unterstützungen für queere oder lesbische Frauen seien nur in einem viel zu geringen Umfang vorhanden. Es gäbe nur wenige queere Beratungsstellen und die meisten Frauenschutzhäuser nehmen überwiegend weibliche Gewaltopfer aus heterosexuellen Beziehungen auf. Es bestehe also ein großer Nachholbedarf. Angesichts der geschilderten Defizite werde aktuell über die ganze Problematik der Gewalt in lesbischen oder queeren Beziehungen „ein Mantel des Schweigens“ ausgebreitet.9
6 Die Berliner Giftmörderinnen – Intimizide eines lesbischen Paares
Am 1. April 1922 vergiftete die verheiratete Ella Klein in Berlin ihren Ehemann Willi Klein mit Arsen. Die Täterin hatte eine heimliche lesbische Beziehung mit ihrer Partnerin Margarete Nebbe, die als Mittäterin angeklagt wurde. Am 16. März 1923 verurteilte das Schwurgericht des Landgerichts Berlin das lesbische Paar wegen Totschlags. Die Haupttäterin Ella Klein wurde zu vier Jahren Gefängnis, ihre Mittäterin Margarete Nebbe zu eineinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt. Dieser reale Kriminalfall erregte in Berlin großes Aufsehen. Der deutsche Nervenarzt und Schriftsteller Alfred Döblin, der zu dieser Zeit ebenfalls in Berlin lebte, nahm dieses reale Tötungsdelikt als Vorlage für eine lange Erzählung mit dem Titel „Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord“. Sie erschien im Jahr 1924 in dem Sammelband „Außenseiter der Gesellschaft. Die Verbrechen der Gegenwart.“10 Bis in die Gegenwart gab es immer wieder Neuauflagen dieser Erzählung. Döblins Prosawerk enthält fiktionale und non-fiktionale Materialien die nebeneinanderstehen. Er analysierte die Gutachten der Psychologen und Sexualwissenschaftler sowie den Verlauf der Hauptverhandlung vor dem Schwurgericht. Als erfahrener Nervenarzt fragte er nach den Tatmotiven. Diese sah er darin, dass das lesbische Paar die Ehemänner loswerden wollte, um „freie Bahn“ für ihre Beziehung zu haben. In Döblins Erzählung wird später auch der Ehemann von Mararete Nebbe mit Arsen vergiftet. Döblins Erzählung wurde nicht nur mehrmals in Buchform als Neuauflage herausgebracht, sie erschien auch als Hörbuch und wurde verfilmt. Der österreichische Regisseur Alex Corti verfilmte im Jahr 1978 die Erzählung.
7 Intimizid in einer lesbischen Beziehung – der Mord in Senden bei Münster – Urteil Landgericht Münster 2016
Am 7. Oktober 2015 tötete die 18-jährige Megi B. ihre 17-jährige Liebespartnerin Melina R. Es war eine entsetzliche und brutale Tat im Blutrausch. Der zuständige Staatsanwalt Ralph Hinkelmann sagte dazu bei seinem Schlussplädoyer: „Es ist ein zutiefst erschütterndes Verbrechen, was in der Geschichte des Strafverfahrens in Münster so ohne Beispiel ist.“ Mit einem Keramikmesser, dessen Klinge zehn Zentimeter lang war, fügte Megi ihrer Ex-Geliebten 49 Stiche zu, die ersten in den Rücken, schließlich 41 Stiche ins Gesicht. Vor allem das Gesicht sollte wohl entstellt und zerstört sein. Dieses blutige Ende einer gescheiterten Liebe, ein Drama zwischen zwei Jugendlichen, erregte großes Aufsehen in der gesamten Bundesrepublik und wurde auch in überregionalen Medien ausführlich diskutiert. Megi und Melina waren Klassenkameradinnen in der Edith-Stein-Hauptschule in Senden bei Münster. Melina war bereits Schülerin dieser Schule und Maggie ist im Jahr 2010 nach einem Wohnortwechsel neu in ihre Klasse gekommen. Sie freundeten sich schnell an und wurden bald ein Liebespaar. Die Mutter Melinas wusste von dieser Beziehung und sagte: „Als Melina dann vierzehn war, hat sie mir gesagt, sie seien jetzt zusammen.“ Die neue Schülerin ist ein Jahr älter und einen Kopf größer als die meisten Schülerinnen der Klasse. Megi wurde bald zur Meinungsführerin und zum „Leitwolf“ der Klasse. Beide Jugendlichen hatten Migrationshintergrund. Melinas Eltern kamen 1992 aus Kirgisien nach Deutschland, Megis Eltern kamen 1996 aus Polen hierher. Die Beziehung zwischen Melina und Megi wurde immer enger und sie schmiedeten sogar Hochzeitspläne. Megi hatte seit dem 11. Lebensjahr fast keinen Kontakt mehr zu ihren Eltern, war Heimkind und unter Betreuung des zuständigen Jugendamtes. Die Eltern Melinas hatten das Gefühl, dass ihre Tochter der sehr dominant auftretenden Megi hörig sei. Die Beziehung war wohl stark geprägt von Abhängigkeit und Manipulation. Sehr ambivalent und zunehmend aggressiv wurde die Beziehung zwischen Megi und Melina, als Melinas Schwester schwanger wurde und Melina immer begeisterter von deren Baby erzählte. Sie sprach nun manchmal davon, dass sie vielleicht doch mal später eine Familie mit einem Mann und Kindern haben möchte. Bei Megi lösten solche Äußerungen massive Wut und Aggression aus. Es kam schließlich am Valentinstag im Jahr 2015 zu einer Trennung. Megi war äußerst empfindlich und verletzlich durch Trennungen. Denn gerade schmerzhafte Trennungen hat sie in ihrem Leben wiederholt hinnehmen müssen. Ihre Eltern hatten in ihrer frühen Kindheit schon wiederholte Trennungen und versöhnten sich dann wieder. Der Vater war Alkoholiker und verprügelte die Mutter oft. Die Mutter ging regelmäßig fremd und verprügelte Megi. In ihrem elften Lebensjahr trennten sich die Eltern endgültig und Megi kam in ein Heim. Die Schwester von Megi sagte im Gerichtssaal: „Megi war nie in ihrem Leben so glücklich wie mit Melina.“ Doch gerade dieses Glück ist für sie zerbrochen und sie konnte damit nur destruktiv umgehen. Zuerst überwog die autodestruktive Seite: Sie hatte Suizidgedanken – wie schon so oft in ihrem Leben – sie wurde depressiv, nahm Medikamente und fügte sich intensiv Selbstverletzungen mit brennenden Zigaretten zu. Der ganze Körper sah aus wie ein Schlachtfeld durch Brandnarben. Die autodestruktiven Tendenzen wurden zunehmend durchsetzt von Rachegedanken und Mordphantasien. Kurz, bevor sie schließlich getötet hat, schrieb Megi an eine Bekannte: „Ich bin so psycho wegen der, ich bring die um und fertig.“
An diesem Abend trafen sich Melina, eine ihrer Freundinnen und Megi. Sie gingen zuerst in ein Mac Donald-Restaurant essen und dann in die Wohnung von Melinas Freundin. Dort tranken sie einiges an Alkohol. Morgens um 6.00 Uhr verließen Melina und Megi die Wohnung der Freundin. Auf dem Weg zum Busbahnhof fragte Megi Melina plötzlich: „Warum hast du mich verlassen, warum stehst du plötzlich auf Männer? Warum bist du so gemein zu mir?“ Dann stach sie mit voller Wucht Melina mit dem Keramikmesser in den Rücken. Die folgende Raserei und den Blutrausch beschrieb Daniel Müller in seinem Dossier wie folgt: „Megi schleift ihre große Liebe vom Rasen eine Kellertreppe hinunter, trampelt auf dem noch lebenden Körper herum, die Leber reißt. Mit einer rostigen Zange schlägt sie ihr mehrere Zähne aus dem Kiefer. Megi setzt sich auf Melina, legt beide Hände fest um ihren Hals und würgt sie, mindestens drei, wahrscheinlich fünf Minuten lang. Zum Schluss rammt sie ihr das Messer immer und immer wieder ins Gesicht. Es ist ein Overkill. Ein Schlachtfest.“11
Der forensische Psychiater Norbert Leygraf und die Psychologin Christina Kruse sprachen elf Stunden mit der Täterin Megi. Sie fanden eine „geschundene Seele“, eine traumatisierte Jugendliche, die überwiegend durch Gewalt, Trennungen, Verlassenwerden und zahlreiche Umzüge „beschädigt“ wurde. Bei diesen „desaströsen Entwicklungsbedingungen“ gab es keine Liebe und keine Zuwendungen. Die Gutachter diagnostizierten eine Borderline-Persönlichkeitsstörung (emotionale instabile Persönlichkeitsstörung) mit ausgeprägten dissozialen Zügen und erheblichen Gewalttendenzen. Im Mai 2016 fand die Gerichtsverhandlung an der Jugendstrafkammer des Landgerichtes Münster statt. In der Anklageschrift wurde Megi Mord aus niedrigen Beweggründen vorgeworden. Im Laufe des Prozesses und nach Anhörung der forensischen Gutachter verstärkte sich die Einschätzung des Gerichts, dass nicht die niedrigen Beweggründe eines Mordes vorlagen. Vielmehr habe eine traumatisierte und geschädigte Jugendliche keinen anderen Ausweg mehr gefunden. Selbst der Staatsanwalt plädierte auf Totschlag. Megi wurde schließlich zu sieben Jahren Jugendhaft verurteilt, verbunden mit der Auflage einer Unterbringung in der Psychiatrie.
8 Extremer Sadomasochismus mit gefährlicher Körperverletzung und versuchtem Totschlag in einer lesbischen Beziehung (13 Straftaten) – Urteil Landgericht Braunschweig 2022
In Salzgitter und Goslar wurde eine junge Frau von der Kindheit an durch sexuellen Missbrauch und andere Strafdelikte traumatisiert. Während eines Aufenthaltes in einer psychiatrischen Fachklinik lernte sie eine vier Jahre ältere Mitpatientin kennen, mit der sie eine lesbische Beziehung einging und zeitweise mit ihr zusammenwohnte. In der komplexen Missbrauchsgeschichte gab es ein zweites Gerichtsverfahren, in dem die Mutter und der Stiefvater verurteilt wurden.
Das Missbrauchsopfer – in den Medien Josefine R. genannt – ist die Tochter von Ramona R. (Mutter) und die Stieftochter von Thorsten R. Josefine R. ist jetzt 25 Jahre alt, die Mutter 53 Jahre, der Stiefvater 57 Jahre. Als Mittäterin ist Miriam A. (heute 29 Jahre alt), eine lesbische Freundin von Josefine R. bekannt. Sie wurde im Juli 2022 vom Landgericht Braunschweig zu sechseinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Etwa ein Jahr später wurden von demselben Gericht die Mutter zu dreizehneinhalb Jahren und der Stiefvater zu neuneinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Der Mutter wurden für 18 Straftaten, der Freundin für 13 Straftaten und der Stiefvater für sechs Taten bestraft. Hauptdelikt war jeweils schwere Vergewaltigung. Das Opfer war zum Zeitpunkt der sexuellen Gewalt bereits volljährig. Das Opfer war durch frühere kindliche sexuelle Traumatisierungen und durch schwere psychische Erkrankungen extrem abhängig, gehorsam und hörig. Die drei sadistischen Täter nutzten dies schamlos aus. Josefine wurde bereits im vierten Lebensjahr von ihrem leiblichen Vater sexuell missbraucht. Die Eltern trennten sich und Josefine blieb bei ihrer Mutter. Diese war lieblos, gewalttätig und dressierte über die Jahre ihre Tochter zu einer gehorsamen Untergebenen. Die Mutter heiratete später Thorsten R., der als Stiefvater Josefine ebenfalls als Objekt degradierte. Josefine entwickelte Angstzustände, Depressionen und eine Posttraumatische Belastungsstörung. Wegen ihrer psychischen Erkrankungen war sie mehrmals in stationärer psychiatrischer Behandlung in der Fachklinik Liebenburg im Landkreis Goslar. Dort lernte sie im Dezember 2020 die spätere Täterin Miriam A. aus Salzgitter kennen, die mit ihr in der Klinik als Mitpatientin ein Zimmer teilte. Miriam A. hatte die Diagnosen Borderline-Persönlichkeitsstörung und Essstörungen. Sie hatte ausgeprägte sadistische Züge und erhebliche manipulative Fähigkeiten. Bald war es ihr Ziel, die gefügige und hilflose Josefine zu ihrem Objekt und Besitz zu machen. Nach der Klinikentlassung ist Miriam in Josefines Wohnung mit eingezogen und präsentierte sich nach außen als hilfreiche Freundin. Sie entwarf aber heimlich ein sadistisches Programm zur totalen Unterwerfung von Josefine. Ihre Schritte – wie ein Drehbuch – protokollierte sie in einem Tagebuch, auf dem eine Peitsche und Handschellen den Buchdeckel markierten. Es kam zu Gewalttaten und Vergewaltigungen. Ob dritte Personen dabei beteiligt waren, ist bis heute unklar. Einen Teil der Verbrechen hat Miriam auf Videos aufgenommen. Irgendwann tauchte Josefine in einem bedauernswert schlechten Zustand bei dem Psychiater der Klinik auf, zu dem sie Vertrauen hatte. Sie war vollkommen abgemagert, hatte eine Glatze und sogar die Augenbrauen waren abrasiert. Auf dem Rücken waren mit Rasierklingen die Worte „Hure“,„Unfall“ und „Fehler“ eingeritzt. Zweimal hat die Polizei sie befreit – einmal fanden sie die Polizisten mit Handschellen an den Heizkörper gefesselt vor. Im Herbst 2021 befahl Miriam ihrem Opfer Josefine, alle Briefe, Dokumente und Beweismittel zu vernichten. Josefine jedoch brachte alle Beweismittel zu ihrem Psychiater, der diese der Polizei übergab. Es waren das Tagebuch (Drehbuch der Verbrechen), Kabelbinder, ein blutverschmierter Slip und Videos, die die Vergewaltigungen von Miriam an Josefine zeigten. Um in Sicherheit zu sein, flüchtete Josefine in die Psychiatrische Klinik Liebenburg. Dort hatte Miriam Hausverbot. Diese hielt sich aber nicht daran, verkleidete sich, trug eine Perücke und drang heimlich in die Klinik ein. Sie versuchte, Josefine im Patientenzimmer mit einer Weinflasche zu erschlagen und würgte sie. Mitpatienten hörten die Schreie und retteten sie. Miriam wurde verhaftet und kam in Untersuchungshaft. Im Prozess wurde sie mit den Beweismitteln konfrontiert und ihr wurde im Einvernehmen mit der Staatsanwaltschaft ein Deal angeboten. Wenn sie die Taten gestehe, blieben Josefine die peinlichen Aussagen und Befragungen vor Gericht erspart. Sie bekäme dafür eine niedrigere Strafe von maximal sechseinhalb Jahren. Miriam legte ein Geständnis ab und erhielt im Urteil dieses Strafmaß.
Im Rahmen der Ermittlungen kamen immer mehr die Eltern von Josefine in den Focus. Sie wurden ebenfalls angeklagt und im Juni 2023 verurteilt. Die Eltern wurden wegen gemeinschaftlicher Vergewaltigung und gefährlicher Körperverletzung verurteilt. Die Verteidigung ging gegen dieses Urteil in Revision. Der Bundesgerichtshof äußerte schließlich Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Opfers und forderte eine neue Gerichtsverhandlung. Diese erfolgte mittlerweile und die Eltern wurden im Jahr 2024 freigesprochen.
In der Kriminalserie „Tatort Niedersachsen“ sind die Straftaten zwischen Miriam A. und Josefine R. ausführlich dokumentiert.12 Ihr Fall erschien in der Buchform als Episode 45 mit dem Titel „Sklavin, Hure, Nutztier“. Eine Zusammenfassung erschien in der Salzgitter Zeitung unter demselben Titel.13
Die beiden dargestellten Fallbeispiele sind sicherlich extreme und insgesamt seltene Fälle von Mord oder intensiver Gewalt. Die Partnerschaftsgewalt durch psychische Gewalt oder leichte Körperverletzung sind viel häufiger und noch zu wenig untersucht. Dieses Forschungsdefizit sollte dringend behoben werden.
9 Kriminologische Forschungsdesiderate und zu erwartende Aufschlüsse über geschlechtsspezifische Gewalt
Partnerschaftsgewalt und Intimizide in lesbischen Beziehungen sind bislang in der Forschung deutlich unterrepräsentiert. Sie werden noch nicht einmal in den Statistiken des BKA adäquat aufgeführt, da die sexuelle Orientierung von Tatverdächtigen und Opfern nicht erfasst wird, sondern der offizielle Beziehungsstatus. In den jährlichen Lagebildern zur häuslichen Gewalt werden die LSBTIQ-Personen ebenfalls nicht differenziert untersucht. Dies erschwert Studien zu diesem Thema. Der oben dargestellte „National Intimate Partner and Sexual Violence Survey“wäre ein gutes Vorbild, um dieses Forschungsdefizit teilweise auszugleichen. In Deutschland fehlen auch weitgehend spezifische Beratungsstellen und entsprechende Schutzeinrichtungen, die LSBTIQ-Personen aufnehmen und unterstützen. Die oben zitierte engagierte Expertin Constance Ohms gründete und leitet in Frankfurt eine entsprechende Beratungsstelle mit dem Namen„Broken Rainbow“.
Dringend wünschenswert ist psychologische Forschung zur Entstehung der Gewaltdynamik in lesbischen Beziehungen. Da hier keine männlichen Akteure im Spiel sind, dürften alternative Erklärungsmuster auftauchen. Das einseitige und simplifizierende Deutungsmuster der Femizid-Diskussion, Männer würden ihre Partnerinnen umbringen, „weil sie Frauen sind“ und der Rückgriff auf patriarchale Gewalt dürfte zu kurz greifen. Im Perspektivenwechsel auf zugrunde liegende Konflikte oder Streitszenarien taucht sicherlich ein vielgestaltigeres Motivbündel auf. Paare streiten oft über ganz alltägliche Dinge, über Unterschiede bezüglich Pünktlichkeit, Ordnung, Kindererziehungsstil, Reiseziele, sexuelle Bedürfnisse oder finanzielle Probleme. Ungelöste Konflikte führen oft zu Streit und Streit-Eskalationen führen nicht selten zu Partnerschaftsgewalt. Die Psychologie der Gewaltdynamik in lesbischen Beziehungen dürfte wesentliche Beiträge zum Verständnis von Partnerschaftsgewalt und Intimiziden liefern.
Anmerkungen
- Der Autor war bis zu seiner Pensionierung Schwerpunktleiter für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Zentrum Innere Medizin der Medizinischen Klinik und Poliklinik II an der Universität Würzburg. Aktuelle Korrespondenzadresse: [email protected].
- Margarete Mitscherlich, Die friedfertige Frau. Eine psychoanalytische Untersuchung zur Aggression der Geschlechter. S. Fischer, Frankfurt am Main 1985.
- A.a.O., (EN 2), S. 183.
- Alfred Döblin, Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord. In Sammelband „Außenseiter der Gesellschaft. Die Verbrechen der Gegenwart“. Die Schmiede, Berlin 1924.
- Black, M.C., Basile, K.C. Breiding, M.J. Smith, S.G., Waters, M.L., Merrick, M.T., Chen, J., Stevens, M.R., The National Intimate Partner und Sexual Violence Survey (NISVS): 2010 Summary Report, Atlanta, GA: National Center for Injury Prevention and Control, Centers for Disease Control and Prevention. 2011.
- Jennifer Benner, New Research: The National Intimate Partner and Sexual Violence Survey 2016/2017 Report on Intimate Partner Violence. National Sexual Violence Resource Center NSVRC , October 11, 2022.
- Constanze Ohms (Hrsg.), Mehr als das Herz gebrochen – Gewalt in lesbischen Beziehungen. Orlanda Frauenverlag, Berlin 1993; dies., Macht und Ohnmacht: Gewalt in lesbischen Beziehungen. Querverlag, Berlin 2004; dies., Das Fremde in mir. Gewaltdynamiken in Liebesbeziehungen zwischen Frauen. Soziologische Perspektiven auf ein Tabuthema. Transcript Verlag, Bielefeld 2008.
- Constanze Ohms, Beratung und Therapie bei Gewalt in Beziehungen von cis-gleichgeschlechtlichen der trans*Personen. In: M. Büttner (Hrsg.) Handbuch häusliche Gewalt. Schattauer Verlag, Stuttgart, 2020, S. 292-301.
- Constanze Ohms, „Ein Mantel des Schweigens“. Gewalt in Queer-Beziehungen. Interview mit Fides Schopp. Taz vom 6.10.2023.
- Alfred Döblin, Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord. S. Fischer, Frankfurt 2013.
- Daniel Müller, Megi und Mel. Zwei pubertierende Mädchen werden ein Paar. Die Beziehung endet im Blutrausch. Chronik einer fürchterlichen Liebe. Die Zeit vom 25. Mai 2016; Julia Jüttner, Ein Fall von Übertöten. Der Spiegel 20/2016, S. 50-51.
- Erik Westermann, Katrin Schiebold, Sklavin, Hure, Nutztier. Die grausame Geschichte von Miriam und Johanna. Magazin „Tatort Niedersachsen“, Episode 45, Crime Podcast der Braunschweiger Zeitung, Ausgabe vom 30.12.2022.
- Erik Westermann, Sklavin, Nutztier, Hure: Salzgitteranerin missbrauchte 24-Jährige. Salzgitter Zeitung vom 5.4.2023.
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