Schnittpunkt von Wissenschaft und Praxis
Austauschprogramm des Masterstudienganges Kriminalistik
Von KHK Mario Rietig und KOK Alexander Lösch, Oranienburg1
1 Einführung

Die Komplexität moderner Kriminalitätsphänomene und die damit einhergehenden, stetig wachsenden Anforderungen an die polizeiliche Ermittlungsarbeit erfordern eine kontinuierliche Weiterentwicklung polizeilicher Kompetenzen und Ausbildungsstrukturen. Vor diesem Hintergrund wurde der Masterstudiengang Kriminalistik an der Hochschule der Polizei des Landes Brandenburg konzipiert. Dieser zeichnet sich durch einen klaren Fokus auf die praktische Anwendbarkeit kriminalwissenschaftlicher Erkenntnisse aus. Ziel ist es dabei insbesondere, Kriminalisten mit tiefgreifenden, direkt in der Praxis nutzbarem Wissen für anspruchsvolle kriminalistische Aufgaben zu qualifizieren. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf einer vertiefenden und fachübergreifenden Wissensvermittlung. Damit wird nicht nur den immer komplexeren Anforderungen an die kriminalpolizeiliche Arbeit Rechnung getragen, sondern auch die Integration aktueller Forschungsergebnisse aus den Kriminalwissenschaften in die polizeiliche Praxis gefördert. Im Rahmen des Moduls „Grundlagen des kriminalistischen Handelns“ dieses Studiengangs bot sich uns eine besondere Gelegenheit: Frau Mag. Dr. Nina Kaiser, Leiterin des Hans Gross Zentrums für interdisziplinäre Kriminalwissenschaften (ZiK) an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Graz, stellte ihre Einrichtung und deren innovativen Ansatz vor. Die Präsentation stieß, ganz im Sinne des wissenschaftlichen und interdisziplinären Anspruchs unseres Masterstudiums, auf großes Interesse. Die vorgestellten Ansätze zur Verknüpfung von Theorie und Praxis sowie die interdisziplinäre Ausrichtung des Zentrums weckten unseren Wunsch, diese international renommierte Institution näher kennenzulernen. Folgerichtig entschlossen wir uns, das Hans Gross Zentrum im Rahmen einer Erasmus-Mobilität zu besuchen, um vertiefte Einblicke zu gewinnen und den wissenschaftlichen Austausch zu suchen.
2 Hans Gross Zentrum als kriminalwissenschaftlicher „One-Stop-Shop“

Das ZiK positioniert sich als ein zentraler Knotenpunkt – ein kriminalwissenschaftlicher „One-Stop-Shop“ – an dem juristische Expertise mit Erkenntnissen aus Kriminologie, Kriminalistik und diversen forensischen Disziplinen systematisch verbunden wird.2 Diese Konzeption knüpft unmittelbar an das visionäre Erbe seines Namensgebers, Hans Gross, an. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts identifizierte Gross, einer der maßgeblichen Wegbereiter der wissenschaftlichen Kriminalistik, die Limitationen einer rein juristisch ausgerichteten Ausbildung im Kontext der Strafverfolgung. Er postulierte die Notwendigkeit einer erweiterten, interdisziplinären Qualifikation für alle Akteure im Strafrechtssystem, insbesondere für Juristinnen und Juristen sowie Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte. Diese sollte über dogmatische Rechtskenntnisse hinausgehen und auch Wissen aus angrenzenden Feldern wie Medizin, Psychologie und technischen Wissenschaften integrieren. Das von Gross 1912 an der Universität Graz etablierte „k.k. kriminalistisches Institut“, das Bibliothek, Museum, ein Laboratorium und eine Gutachtenstelle umfasste, stellte einen international beachteten institutionellen Vorreiter dar, der Forschung, Lehre und Praxis auf einzigartige Weise miteinander verwob.3
Unter der Leitung von Frau Mag. Dr. Nina Kaiser führt das ZiK diese Tradition fort und adaptiert sie an die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Es versteht sich als Brücke zwischen den verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen, die sich mit der Aufklärung, Erklärung, Verfolgung und Prävention von Kriminalität befassen, und etabliert eine dynamische Schnittstelle zwischen universitärer Forschung und praktischer Anwendung. Die fortwährende Relevanz eines solchen interdisziplinären Ansatzes manifestiert sich eindrücklich in den aktuellen Forschungsprojekten des Zentrums. So widmet sich bspw. das Projekt „Intuition im Strafverfahren?“ der Analyse jener oft unbewussten Faktoren, die spezialpräventive richterliche Entscheidungen beeinflussen.4 Im Rahmen von „COVIOCRIM“ wird, in Kooperation mit der New Vision University in Georgien und dem Institut für Gerichtliche Medizin der Medizinischen Universität Graz, eine Plattform zum Kompetenzaufbau gegen Gewaltkriminalität, insbesondere gegen Frauen und Mädchen, entwickelt. Ein weiteres Projekt, „Wohnraum – Haftraum“, untersucht mittels eines multidisziplinären Zugriffs aus Kriminologie, Architektur, Psychologie und Recht den Haftraum als gelebten Ort, um dessen Potenziale für das Anstaltsklima und die Entlassungsvorbereitung zu evaluieren.5 Diese Projekte illustrieren exemplarisch die thematische Bandbreite und den wissenschaftlichen Anspruch des ZiK, komplexe kriminologische und kriminalistische Fragestellungen ganzheitlich zu bearbeiten und innovative Lösungsansätze zu entwickeln.
3 Vorstellung moderner Ermittlungsansätze
Den Auftakt unseres Aufenthalts am Hans Gross Zentrum bildete – nach einer herzlichen persönlichen Begrüßung von Frau Mag. Dr. Nina Kaiser – eine Vertiefung in das Feld der Open Source Intelligence (OSINT) – ein Bereich von zentraler Bedeutung für moderne Ermittlungsansätze angesichts ubiquitärer digitaler Spuren. Prof. Jeff Walker von der University of Alabama at Birmingham demonstrierte eindrücklich, wie durch die systematische Analyse offen zugänglicher Informationsquellen – von sozialen Netzwerken über Geodaten bis hin zu Webarchiven – kriminelle Netzwerke aufgeklärt und Tathintergründe erhellt werden können. Besonders prägnant war ein US-amerikanisches Fallbeispiel zur Analyse von Waffengewalt im urbanen Raum, welches das Phänomen des „Internet Banging“ beleuchtete – die Verlagerung von Gangkriminalität und -konflikten in den digitalen Raum. Eine hierzu referierte Studie6 zeigt, dass jugendliche Gewalttäter soziale Medien gezielt nutzen, um Gewalt anzukündigen, Konflikte auszutragen und sich gewaltverherrlichend zu inszenieren. Dies verdeutlicht, dass Gewalthandlungen zunehmend im digitalen Raum vorbereitet, sichtbar gemacht und eskaliert werden. Der für eine fundierte kriminalwissenschaftliche Betrachtung unerlässliche „Blick über den Tellerrand“ manifestierte sich in besonderer Weise im Austausch mit einer Studierendendelegation der Montclair State University (US). Diese Gruppe besuchte im Rahmen einer Summer School die Universität Graz, um Einblicke in das österreichische Justizsystem zu gewinnen. Wir hatten dadurch die Gelegenheit, an weiten Teilen ihres Programms teilzuhaben. Nach einer Begrüßung durch Prof. Dr. Gabriele Schmölzer, Dekanin der Rechtswissenschaftlichen Fakultät, entwickelte sich eine intensive rechtsvergleichende Diskussion über die Strafverfolgungssysteme Österreichs, Deutschlands und der USA. Dabei wurden strukturelle Gemeinsamkeiten, wie die institutionelle Trennung von Polizei, Staatsanwaltschaft und Gericht sowie vergleichbare Beschuldigten- und Opferrechte in der Ermittlungsphase, ebenso deutlich wie grundlegende Unterschiede. So wurzelt das amerikanische Jury-System tief in der angelsächsischen Rechtstradition, während das österreichische Schöffen- und Geschworenensystem spezifische kontinentaleuropäische, historisch gewachsene Entwicklungen widerspiegelt, etwa im Kontext der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus durch das Verbotsgesetz. Differenzen zeigten sich auch in der Gewichtung der Strafzwecke, wobei in der österreichischen und deutschen Strafrechtsdogmatik die Prävention – sowohl spezial- als auch generalpräventiv – eine zentralere Rolle als Legitimationsgrundlage des Strafens einnimmt als in Teilen des US-amerikanischen Sanktionssystems, was sich bspw. in der Debatte um die Todesstrafe oder sehr lange Freiheitsstrafen äußert. Die fundamentale Bedeutung der Europäischen Menschenrechtskonvention für das österreichische Rechtssystem wurde in diesem Kontext ebenfalls hervorgehoben. Dieser interkulturelle und rechtsvergleichende Austausch verdeutlichte, dass trotz unterschiedlicher rechtlicher Ausgestaltungen das übergeordnete Ziel der Gewährleistung von Rechtsstaatlichkeit ein universelles Anliegen bleibt. Den Abschluss dieses erkenntnisreichen Tages markierte eine gemeinsame Stadtführung durch das historische Graz.
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