Die „Grauen Wölfe“
Von Dr. Udo Baron, Hannover¹
3 Struktur der „Grauen Wölfe“ in Deutschland
Die „Grauen Wölfe“ sind eine auf autoritäre Strukturen und bedingungslose Gefolgschaft ausgerichtete Bewegung. Ihr Gründer Alpaslan Türkeş wird auch heute noch als „Führer“ („Başbuğ“) verehrt.17 Der Verfassungsschutzverbund rechnet in Deutschland etwa 12.100 Personen der „Ülkücü“-Bewegung und ihrer Ideologie zu. Der überwiegende Teil – etwa 10.500 Anhänger – ist in Vereinen organisiert, die wiederum unter dem Dach größerer Verbände zusammengeschlossen sind.18 Mehrere Dachverbände vertreten in Deutschland in unterschiedlicher Ausprägung die „Ülkücü“-Ideologie. Nach Auffassung des Bundesamtes für Verfassungsschutz handelt es sich bei ihnen zum Teil um „Auslandsorganisationen extrem nationalistischer türkischen Parteien“.19
Der größte Dachverband ist die 1978 gegründete „Föderation der Türkisch-Demokratischen Idealistenvereine in Deutschland e.V.“ („Almanya Demokratik Ülkücü Türk Dernekleri Federasyonu“, ADÜTDF).20 Sie versteht sich als die Auslandsvertretung der extrem nationalistischen türkischen „Partei der Nationalistischen Bewegung“ („Milliyetçi Hareket Partisi“; MHP) und vertritt hierzulande deren Interessen. Sie gilt als die Urorganisation der rechtsextremistischen „Ülkücü“-Bewegung. Die ADÜTDF verehrt Türkes, pflegt eine Anti-EU-Rhetorik und agitiert vehement gegen die PKK.21
Die ADÜTDF mit Sitz in Frankfurt am Main teilt sich organisatorisch in Deutschland in mehrere Bölge (Gebiete) auf. Auf europäischer Ebene existiert der Dachverband „Türkische Konföderation in Europa“ („Avrupa Türk Konfederasyon“, ATK). Er besteht aus der ADÜTDF und neun weiteren nationalen Vereinigungen.22
Ein weiterer Dachverband der „Ükücü-Bewegung“ ist die „Union der Türkisch-Islamischen Kulturvereine in Europa“(„Avrupa Türk Islam Birligi“, ATIB) mit Sitz in Köln. Sie hat sich 1987 von der ADÜTDF abgespalten, ohne dass jedoch eine ideologische Neuausrichtung erfolgt wäre. Die ATIB steht für einen stärker islamisch-religiös orientierten Teil der „Ülkücü“-Bewegung und versteht sich als islamisch orientierter Flügel der „Grauen Wölfe“. Organisatorisch ist die ATİB an keine Partei in der Türkei direkt angebunden. Stattdessen sucht sie die Nähe zu deutschen wie auch türkischen Verbänden und Einrichtungen. Dabei zeigt sich die ATİB stark um gesellschaftliche Akzeptanz und Mitsprachemöglichkeiten bemüht und ist beispielsweise als Gründungsmitglied des „Zentralrats der Muslime in Deutschland e.V.“ auch mit einem Mitglied in dessen Vorstand vertreten.23
Die „Föderation der Weltordnung in Europa“ (ANF) versteht sich als die Europaorganisation der extrem nationalistischen türkischen „Partei der Großen Einheit“ (BBP). Bei ihr handelt es sich um eine noch stärker islamisch ausgerichtete Abspaltung der MHP.24 Ihre Ideologie eines extrem übersteigerten und islamisch geprägten Nationalismus mit rechtsextremistischen Ausprägungen richtet sich gleichermaßen gegen ethnische wie gegen religiöse Minderheiten.Der Gedanke der „türkisch-islamischen Synthese“ ist für die ANF primäres Identifikationsmerkmal und zugleich eine deutliche Abgrenzung gegenüber Andersgläubigen. Ein „wahres Türkentum“ sei demnach nur in Verbindung mit dem Islam möglich. Das Streben nach der Vereinigung aller Turkvölker in einem homogenen Staat „Turan“ gehört genauso zur politischen Agenda wie die Erschaffung einer neuen „Weltordnung“ („Nizâm-ı Âlem“) mit der Vision der Weltherrschaft des Islam unter türkischer Führung.25
Generell bemühen sich alle Dachverbände nach außen hin um ein gemäßigtes Auftreten. Ihre Mitglieder verzichten aus diesem Grunde ganz überwiegend auf öffentliche Hassreden oder sonstige Straf- und Gewalttaten. Zugleich sind sie bemüht, sich vom politischen Gegner nicht provozieren zu lassen.
Neben den Dachverbänden gibt es zudem noch eine aus vorwiegend jüngeren Aktivisten bestehende unorganisierte Szene der „Grauen Wölfe“. Sie vermitteln ihre rechtsextremistische Ideologie überwiegend über die sozialen Medien und leben dort ihre meist rassistischen oder antisemitischen Feindbilder offen aus. Häufig sind auch Selbstinszenierungen mit Waffen oder andere Drohgebärden festzustellen, die Stärke, Überlegenheit und Wehrhaftigkeit ausdrücken sollen. Beim Aufeinandertreffen mit politischen Gegnern, etwa im Rahmen von Demonstrationen, zeigt sich vor allem das hohe Gewaltpotenzial der unorganisierten Szene.26
Immer wieder kommt es darüber hinaus seitens türkischer Rechtsextremisten zu Versuchen, ultra-nationalistische Rockerclubs ins Leben zu rufen. So hatte sich etwa der 2018 durch das Bundesministerium des Innern und für Heimat (BMI) verbotene Boxclub „Osmanen Germania“ 2015 in Deutschland als türkisch-nationalistische Rockergruppe gegründet. Anhänger der Osmanen Germania waren u.a. auch als Ordner auf Demonstrationen der „Grauen Wölfe“ und bei Pro-Erdoğan-Demonstrationen aufgetreten.27 Standen bei diesen meistens allgemeinkriminelle Aktivitäten im Vordergrund, so propagierte die rockerähnliche Vereinigung „Turan e.V.“ bis zu ihrer Selbstauflösung im Jahr 2018 primär die rechtsextremistische „Ülkücü“-Ideologie. Dabei handelte es sich um Aktivistinnen und Aktivisten, die einzeln oder in kleinen Strukturen rechtsextremistische Bestrebungen entfalten. Insbesondere im Internet und den sozialen Netzwerken sind rechtsextreme Symbolik, Mobilisierung und Hetze festzustellen. Die Sozialen Medien sind hier „allen voran für in Deutschland geborene und aufgewachsene türkischsprachige Jugendliche eine wichtige Plattform. In dieser Szene steht nicht die Anbindung an eine Partei im Vordergrund, sondern lediglich eine loyale Grundeinstellung gegenüber nationalistischen, rassistischen Denkmustern und Parteiarbeit in der Türkei. Aktuelle Ereignisse in der Türkei werden über die Sozialen Medien wie Instagram, Facebook oder TikTok thematisiert. Dabei wird insbesondere mit kurdischstämmigen Türken über reale, aber auch Fake-Accounts kommuniziert, beleidigt und gestritten“, schreibt der Niedersächsische Verfassungsschutz in seinem Jahresbericht 2023.28
Um den patriotischen Zusammenhalt der Gemeinschaft zu fördern, organisieren die regionalen Vereine der „Ülkücü“-Bewegung regelmäßige Treffen zu bestimmten Anlässen. Kulturelle und familiäre Feste sowie nationale oder religiöse Feierlichkeiten stehen dabei im Mittelpinkt. So werden z. B. seit Jahren Gedenkveranstaltungen für Türkes ausgerichtet29, insbesondere sein Todestag am 4. April wird in den Vereinen entsprechend gewürdigt. Mit solchen Veranstaltungen soll nach innen das ideologische Gedankengut gefestigt und das Gemeinschaftsgefühl gestärkt werden. Zu bedeutenden Festtagen, wie z.B. dem religiösen Fastenbrechen oder zum Zuckerfest, werden Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens eingeladen. Damit soll ein vermeintlich enges soziokulturelles Zusammenleben suggeriert und ein Eindruck von Normalität nach außen erzeugt werden.30Im Niedersächsischen Verfassungsschutzbericht 2024 heißt es hierzu: „Seit Jahren wird deutlich, dass der beschriebene Aktionismus zwar vordergründig kulturell und religiös geprägt ist; es schwingt in der Regel aber eine Überhöhung des türkischen Nationalismus mit, z.B. durch die Ausgestaltung der Räumlichkeiten mit Flaggen und Symbolen sowie durch die ausgewählte Musik. Veranstaltungen dieser Art zeigen, dass die Vereine zwar bemüht sind, sich nach außen als sozial und engagiert darzustellen. Sie versuchen aber auch, unter Außerachtlassung demokratischer Grundprinzipien, das Wohl und den Schutz der kulturellen und religiösen Werte beizubehalten, nationalistische Werte hervorzuheben und die Anhänger, insbesondere die Jugendlichen, an sich zu binden und im Sinne der ‚Ülkücü‘-Ideologie zu sozialisieren.“31
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