Aktuelle Herausforderungen in der Vor-Ort-Untersuchung und in der Laboranalytik von Drogen
Von Dr. Jürgen Bügler, München¹
1 Einleitung

Der Drogenhandel stellt eine der bedeutendsten Einnahmequellen der Organisierten Kriminalität dar. Drogenschmuggel erfolgt sowohl auf dem Land- als auch auf dem Seeweg und der letzte Schritt in der Handelskette findet zunehmend im Online-Handel statt. Tätergruppierungen agieren häufig grenzüberschreitend. Sie schrecken vor einer gezielten Einflussnahme auf Einzelpersonen, wie Staatsanwältinnen, Richter oder Journalisten, und auch vor der Anwendung von Gewalt bis hin zum Mord nicht zurück. Die immensen illegalen Gewinne werden über verschiedene Phasen der Geldwäsche dem legalen Wirtschaftskreislauf zugeführt. Insofern stellt dieser Deliktsbereich ein sehr großes und stetig zunehmendes Problem für die öffentliche Sicherheit dar. Für den Einzelnen wiederum kann der Konsum von Drogen mit schwerwiegenden gesundheitlichen Gefahren und Suchtproblemen sowie der Beschaffungskriminalität eine fatale Abwärtsspirale sein. Der Bekämpfung der Rauschgiftkriminalität wird in der Strafverfolgung somit aus vielerlei Hinsicht zurecht ein sehr hoher Stellenwert eingeräumt.
Verfolgt wird zum einen der Handel mit den klassischen Drogen2 Heroin, Cocain und Cannabis und zum anderen der Handel mit synthetischen Amfetamin-Derivaten (Amfetamin, Metamfetamin und 3,4-Methylendioxymetamfetamin (MDMA)) sowie mit den Neuen psychoaktiven Stoffen (NPS). Der Umgang mit Drogen ist im Betäubungsmittelgesetz (BtMG), im Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz (NpSG) und im Konsumcannabisgesetz (KCanG) reguliert. Darüber hinaus gibt es zum Umgang mit Chemikalien, die für eine illegale Herstellung von Betäubungsmitteln verwendet werden können, gesetzliche Regelungen im Grundstoffüberwachungsgesetz (GÜG). Die genannten gesetzlichen Regelungen, deren Fortschreibung sowie die Strafverfolgung und Rechtsprechung umfassen oder erfordern naturwissenschaftliche und toxikologische Definitionen, Festlegungen und Bewertungen, die von Sachverständigen kriminaltechnischer und forensischer Institute entwickelt werden. In dem vorliegenden Beitrag werden aktuelle Phänomene und Entwicklungen im Bereich der Rauschgiftkriminalität sowie die sich daraus ergebenden Herausforderungen, Problemstellungen und Lösungsmöglichkeiten aus Sicht der Sachverständigen dargestellt.
2 Lagebild
In einer Pressemitteilung der EU-Drogenbeobachtungsstelle EMCDDA zum Europäischen Drogenbericht für das Jahr 2023 wurde die aktuelle Lage kurz und sehr prägnant mit „Überall, alles und jeder“ beschrieben: „Etablierte illegale Drogen sind jetzt weithin zugänglich, und es kommen immer wieder neue potente Substanzen auf den Markt. Fast alles, was psychoaktive Eigenschaften hat, kann auf dem Drogenmarkt auftauchen, oft mit falscher Kennzeichnung oder in Mischungen. Aus diesem Grund kann jeder und jede von illegalen Drogen betroffen sein, sei es direkt durch den Konsum oder indirekt durch ihre Auswirkungen auf Familien, Gemeinden, Institutionen und Unternehmen. Außerdem werden unsere Bürgerinnen und Bürger durch diese Drogen zunehmend drogenbedingter Gewalt und deren Folgen ausgesetzt.“3Der Aspekt einer zunehmenden latenten Gefahr vor allem durch synthetische psychoaktive Stoffe, auch für die Allgemeinheit, soll im Folgenden an drei Beispielen aus der jüngsten Vergangenheit kurz dargestellt werden.
Beispiel 1: Im Februar 2022 wurde im Rahmen einer privaten Feier in einem Lokal in Weiden eine Flasche Champagner geöffnet und daraus getrunken. Acht der feiernden Personen kollabierten nach dem Konsum der Flüssigkeit, wurden in der Notaufnahme des nahegelegenen Klinikums behandelt und ein Gast verstarb. Es stellte sich heraus, dass in der Flasche eine konzentrierte Lösung sowie auch kristallines MDMA („Ecstasy“) enthalten war. Die Ermittlungen ergaben, dass die Flasche ein Schmuggelversteck für die illegale Droge war und über Umwege und unbeabsichtigt als vermeintlich gewöhnliche Champagnerflasche in den Handel gelangte. Es war für den Erwerber und in der Situation im Lokal nicht ohne weiteres erkennbar, dass sich große Mengen Rauschgift in der Champagnerflasche befanden.
Beispiel 2: Im Dezember 2023 wurde bei einer Personenkontrolle in München durch Polizeibeamte Rauschgift sichergestellt, bei dem es sich augenscheinlich um Heroin handelte. Die anschließende Laboranalyse ergab, dass in dem Rauschgift neben Heroin der Wirkstoff Carfentanil enthalten war, ein synthetisches Opioid mit einer 7.500-fach stärkeren Wirkung als Morphin. Für einen Konsumenten besteht aufgrund der Wirkstärke dieses Stoffes eine sehr hohe Gefahr der Überdosierung mit dem Risiko einer lebensbedrohlichen Atemlähmung.
Beispiel 3: Im April 2024 wurden in Automaten, unter anderem im Großraum München, Produkte der Marke „Canapuff“ angeboten, die gemäß Angaben auf der Verpackung den Stoff HHCP, ein damals nicht gesetzlich reguliertes synthetisches Derivat des Cannabis-Wirkstoffs THC, in hoher Konzentration frei verkäuflich enthalten. Es fanden sich keine deutlichen Warnhinweise auf den Verpackungen und es gab zu diesem Zeitpunkt keine belastbaren Untersuchungen zur Toxikologie und Wirkung des Stoffs. Der Verkauf von gleichartigen Produkten mit neuen, nicht gesetzlich regulierten Inhaltsstoffen im Internet und in Automaten hält an.
Diese Beispiele verdeutlichen die Überschrift des Europäischen Drogenberichts „Überall, alles und jeder“ und zeigen, dass der Markt für psychoaktive Substanzen vielfältiger und kleinteiliger wird und die potentiellen Gefahren für den Einzelnen zunehmend weniger erkennbar oder einschätzbar sind.
Weitere Entwicklungen im Bereich der Rauschgiftkriminalität ergeben sich aus dem aktuellen Bundeslagebild des BKA, das zusammenfassend dargestellt folgendes zeigt:4
- Die Gesamtzahl an Rauschgiftdelikten stieg leicht an (2023: 346.877, Entwicklung zum Vorjahr: +1,8%).
- Synthetische Drogen und NPS spielten weiterhin eine wichtige Rolle und es werden regelmäßig neue Trends, wie zum Beispiel der Missbrauch von Ketamin oder Lachgas, festgestellt.
- Die Zahl der polizeilich registrierten drogenbedingten Todesfälle stieg im Jahr 2023 um 12% auf 2.227 an. Die Zahl der Fälle mit Mischintoxikation nahm dabei um 34% auf 1.497 Todesfälle zu, d.h. es ist ein zunehmend letal verlaufender multipler Substanzgebrauch festzustellen.
- Es wurde ein deutlicher Anstieg der Cocaindelikte mit Rekordsicherstellungen, u.a. ein Fund von 35,5 t Cocain durch Zoll und Kriminalpolizei5, sowie eine gleichbleibend sehr hohe Qualität des sichergestellten Stoffes festgestellt.
- Cannabisdelikte stellten mit einem Anteil von etwa 2/3 aller Drogendelikte weiterhin die größte Gruppe dar.
- Deutschland spielt eine bedeutende Rolle als Transitstaat für Designer-Grundstoffe, d.h. für Ausgangstoffe zur Herstellung von NPS.
- Das Internet hat sich als Vertriebsmöglichkeit für Rauschgift fest etabliert.
Noch nicht im Bundeslagebild dargestellt sind die signifikanten Änderungen, die sich durch das im April 2024 in Kraft getretene Konsumcannabisgesetz (KCanG) ergeben haben.
Aus der hier skizzierten Lage entstehen für die Arbeit in den forensischen Laboren vor allem drei Herausforderungen, und zwar erstens die zeitnahe Untersuchung von umfangreichen Asservatenkomplexen, insbesondere bei Großsicherstellungen, zweitens die Fortentwicklung analytischer Verfahren für die Analytik neuer psychoaktiver Stoffe und drittens die toxikologische Bewertung dieser neuen Stoffe. Die genannten Herausforderungen führen im forensischen Labor zu einem höheren durchschnittlichen Arbeitsaufwand je Vorgang und können letztendlich in einer längeren Bearbeitungszeit von Untersuchungsaufträgen resultieren.
Aus diesem Grunde sind einerseits Maßnahmen zur Steigerung der Effizienz in den Arbeitsabläufen für die Untersuchung von polizeilich sichergestellten Rauschgiftasservaten zu entwickeln und umzusetzen. Eine dieser Maßnahmen kann die Verbesserung von Verfahren zur Voruntersuchung von sichergestelltem Material auf den Dienststellen durch Polizeivollzugskräfte sein. Andererseits sind in den forensischen Laboren Arbeitsprozesse einzurichten, die das Monitoring des sich rasch ändernden Rauschgiftmarktes durch zuverlässige chemische Analyse und Detektion der neu auftretenden psychoaktiven Stoffe ermöglichen.
Service
Aktivitäten
Aktuelle Ausgabe

Mit ihrem aktuellen und vielfältigen Themenspektrum, einer Mischung aus Theorie und Praxis und einem Team von renommierten Autorinnen und Autoren hat „Die Kriminalpolizei“ sich in den vergangenen Jahren einen ausgezeichneten Ruf erworben.
Über die angestammte Leserschaft aus Polizei, Justiz, Verwaltung und Politik hinaus wächst inzwischen die Gruppe der an Sicherheitsfragen interessierten Leserinnen und Lesern. Darüber freuen wir uns sehr. [...mehr]
Meist gelesene Artikel
RSS Feed PolizeiDeinPartner.de
PolizeideinPartner.de - Newsfeed
-
Alkoholkonsum am Arbeitsplatz
Der auszubildende Handwerker, der schon in der Mittagspause das erste Bier öffnet, die Lehrerin, die ihre Probleme ...
-
Warum Baustellensicherheit vernetzt gedacht werden muss
Wenn die Polizei an eine Baustelle gerufen wird, ist der Schaden meist schon entstanden. Kabeltrommeln sind weg, der ...
-
Claude Mythos – Die nächste Evolutionsstufe der Cybersecurity-KI?
Mit „Claude Mythos“ hat das KI-Unternehmen „Anthropic“ ein KI-Modell vorgestellt, das speziell aufgrund seiner ...
-
Cyberkriminalität heute
Der „Hacker im dunklen Keller“, umgeben von Monitoren, leeren Pizzakartons und koffeinhaltigen Getränken, ist ein ...
-
Muskelaufbau um jeden Preis
Der Medikamentenmissbrauch in Fitnessstudios ist längst kein Randphänomen mehr. Experten beobachten seit Jahren, dass ...
-
Gefälschte Bankseiten
Phishing-Angriffe über gefälschte Bankseiten gehören seit Jahren zu den erfolgreichsten Methoden von Cyberbetrügern. ...
-
Selbstbedienungskassen im Einzelhandel
Wer heute im Supermarkt, im Baumarkt oder in der Drogerie einkauft, begegnet fast überall Selbstbedienungskassen, kurz ...






