Wissenschaft  und Forschung

Gewaltkriminalität durch Kinder und Jugendliche

Prävalenz, Opfer-Täter-Transition, Prävention


 

6 Das Spektrum der Gewaltkriminalität bei Kindern und Jugendlichen


Nach den Definitionen der Polizeilichen Kriminalstatistik des Bundeskriminalamtes zählen folgende bei Kindern und Jugendlichen relevanten Strafdelikte zur Gewaltkriminalität: Mord, Totschlag, Tötung auf Verlangen, Körperverletzung mit Todesfolge, gefährliche und schwere Körperverletzung, Raub, Vergewaltigung und sexuelle Nötigung. Körperverletzung und Raub sind bei Kindern und Jugendlichen in absoluten Zahlen am häufigsten. Die Medienberichterstattung, die Sozialen Medien und das öffentliche Bewusstsein bezüglich Jugendgewalt ist stark durch die spektakulären Einzelfälle geprägt. In der Polizeilichen Kriminalstatistik zeigt sich im Vergleich von 2022 und 2023 ein deutlicher Anstieg der Gewaltkriminalität von Kindern und Jugendlichen. 12.377 tatverdächtige Kinder (Anstieg 17%) und 30.224 tatverdächtige Jugendliche (Anstieg 14%) sind die besorgniserregende Bilanz.7

 

7 Tim Kretschmer – der 17-jährige Amoktäter von Winnenden


Von den schweren Amokläufen und Schulmassakern Deutschlands im 21. Jahrhundert war Tim Kretschmer mit seinen 17 Jahren der Jüngste. Am 11. März 2009 verübte er an den Albertville-Realschule in Winnenden eine fürchterliche Mordserie. Er erschoss mit den Waffen seines Vater 15 Menschen und verletzte 11 weitere Personen schwer. Nach mehrstündiger Flucht vor der Polizei erschoss er sich selbst. Tim war in kinder- und jugendpsychiatrischer Behandlung, in der Schule jedoch nicht auffällig. Der Vater von Tim wurde vier Jahre nach der Tat vom Landgericht Stuttgart wegen fahrlässiger Tötung zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten auf Bewährung verurteilt, weil er Waffen und Munition nicht ordnungsgemäß verwahrt hatte. Wie immer, wenn der Täter tot ist, bleiben oft die Tatmotive rätselhaft. Gerade das Nicht-Wissen und fehlende Erklärungen führen oft zu Spekulationen und sehr kontroversen Diskussionen. Dies war auch im Fall von Tim Kretschmer so. Im deutschen Fernsehen wurden vier Dokumentarfilme über diesen Amoklauf gezeigt. Mehr als zehn Bücher wurden über diesen Fall geschrieben.8

 

8 Tatort Schule und Tatort Internet


Gewaltkriminalität von Kindern und Jugendlichen wird oft in der Schule verübt. Dies spiegeln die in Kapitel 2 genannten Zahlen über Polizeieinsätze an Schulen. Die Schule ist oft auch der Ort der Gewaltprävention, weil dort polizeiliche Präventionsprojekte durchgeführt werden können.9 Der „Tatort Internet“ spielt eine große Rolle bei den Risikofaktoren für Gewaltkriminalität bei Kindern und Jugendlichen. Der Einfluss von gewaltverherrlichenden Computerspielen, Netflix-Serien oder Tiktok-Beiträgen können Kinder und Jugendliche zur Nachahmung stimulieren. Die Relevanz dieser Risikofaktoren wird zwischen Medienexperten und Kriminologen meist sehr kontrovers diskutiert. Die ersteren beschwichtigen dieses Gewaltpotential, die letzteren betonen das Risiko der Nachahmung, der Verrohung oder der Erhöhung der Gewaltbereitschaft. Eine besondere Bedeutung hat das Internet bei der Cyberkriminalität, insbesondere beim Cyber-mobbing und Cybergrooming. Hier sind Kinder und Jugendliche sowohl in der Täter- als auch in der Opferrolle verstrickt.10 Die Cyberkriminalität bildet sich noch nicht adäquat in der Polizeilichen Kriminalstatistik ab, weil es noch keinen klar definierten Straftatbestand dafür gibt. Aussagekräftige Analysen gibt es hier über Dunkelfeld-Analysen (Befragung spezifischer Altersgruppen mit hohen repräsentativen Stichproben). Nur wenige Fälle von Cybermobbing werden bei der Polizei angezeigt und tauchen – wenn überhaupt – in der PKS in verschiedenen Deliktarten auf.

 

9 Aus Opfern werden Täter – das Problem der Opfer-Täter-Transition


Gewalttätige Kinder und Jugendliche haben oft selbst gravierende Erfahrungen als Gewaltopfer gemacht. Aktuell sind hier zwei Hauptgruppen zu betrachten: Kinder und Jugendliche aus Familien mit häuslicher Gewalt sowie minderjährige Flüchtlinge, Migranten oder Asylanten, die vor der Einreise im Heimatland oder auf der Flucht Opfer von Gewalt, Krieg und Terror waren. Beide Risikogruppen sind mehr oder weniger traumatisierte Menschen, die nicht selten unbehandelte Posttraumatische Belastungsstörungen haben. Sie können im weiteren Verlauf in Krisensituationen selbst eine erhöhte Gewaltbereitschaft entwickeln: Aus Opfern werden Täter. Die kriminologische Forschung spricht hier von Opfer-Täter-Transition. Ein hoher Prozentsatz von Sexualstraftätern wurde in der Kindheit selbst sexuell missbraucht oder war Gewaltopfer.11 Opfer von häuslicher Gewalt werden häufig Täter oder Täterinnen bei der Partnerschaftsgewalt.

 

10 Kriminal- und Gewaltprävention


Die Gewalt- und Kriminalprävention ist bei Kindern und Jugendlichen, die bereits wegen Gewaltkriminalität angezeigt wurden, besonders wichtig. Denn hier schlummert ein erhebliches Risikopotential für spätere Tötungsdelikte. Wer schon als Kind oder Jugendlicher wegen Gewaltkriminalität angezeigt wurde, verübt oft später weitere und schwerere Gewaltdelikte, im Extremfall Mord und Totschlag. Die Kriminalprävention muss beiderlei im Blick haben: bereits wegen Gewalt angezeigte Kinder und Jugendliche präventiv zu begleiten (orientiert an den Risikogruppen) und an den Hotspots der Gewaltentstehung flächendeckend präventiv zu arbeiten – z.B. an Schulen, internetbezogen oder in Problemfamilien. Jugendämter und Polizei erfahren oft von Fällen häuslicher Gewalt. Die Ressourcen der relevanten Institutionen reichen in der aktuellen Situation nicht aus, um die bereits bekannten Fälle präventiv zu unterstützen. Vielversprechend ist die polizeiliche Präventionsarbeit an Schulen. Bei häuslicher Gewalt sind institutionenübergreifende Fallkonferenzen von Jugendämtern, Polizei und Justiz wichtig, um bedrohte Personen vor einer Gewalteskalation zu schützen.

 

Anmerkungen

 

  1. Der Autor war bis zu seiner Pensionierung Schwerpunktleiter für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Zentrum für Innere Medizin, Medizinische Klinik und Poliklinik II, Universitätsklinikum  Würzburg. Aktuelle Korrespondenzadresse: [email protected].
  2. BMI (Hrsg.), Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) 2023, download v. 9.4.2024.
  3. Zahlen tatverdächtiger Kinder steigen. Tagesschau v. 17.3.2023.
  4. Sarah Ritschel, Hilfe gegen Gewalt an Schulen, Mainpost v. 28.3.2024.
  5. BMI, PKS, S 42.
  6. Helmut Remschmidt, Wenn junge Menschen töten. Ein Kinder- und Jugendpsychiater berichtet. C.H.Beck, München 2019.
  7. Sebastian Huld, Gewalttaten nehmen drastisch zu. ntv v. 9.4.2024.
  8. Jochen Kalka, Winnenden – Ein Amoklauf und seine Folgen. Deutsche Verlagsanstalt, München 2011; Marcus Otto, Amok und School Shooting – Ursachen, Hintergründe, Auslöser am Beispiel Winnenden 2009, Grin Publishing, München 2012.
  9. Christiane Honer, Renate Schwarz-Saage, „Herausforderung Gewalt“ – (Jugend)Gewalt am Präventionsort Schule wirksam begegnen, in: Erich Marks, Claudia Heinzelmann, Gina Rosa Wollinger (Hrsg.), Kinder im Fokus der Prävention. Ausgewählte Beiträge des 27. Deutschen Präventionstages. Forum Verlag, Godesberg 2023, S. 510-524.
  10. Herbert Csef, Cybermobbing. Erscheinungsformen, Epidemiologie, Folgen, Prävention, Die Kriminalpolizei 4/2019, S. 4-7.
  11. Herbert Csef, Sexuelle Gewalt gegen Jungen und Männer – Epidemiologie, Spätfolgen, Opfer-Täter-Transition, Die Kriminalpolizei 1/2019, S. 24-27.

 

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