Wissenschaft  und Forschung

Diskriminierungsrisiken im polizeilichen Handeln

Teil 1: Diskriminierung ist ein Thema für die Polizei!

 

4 Wie kommt es zu Diskriminierung?


Handlungsfähigkeit in komplexen sozialen Situationen erfordert kontinuierliches Entscheiden, in das unterschiedliche Orientierungsleistungen, Priorisierungen und Bewertungen einfließen. Das alles muss unter hohem Zeitdruck gelingen. Hierfür greifen wir auf bestehende Kategorien zurück. Bildlich ausgedrückt ordnen wir Menschen auf der Grundlage wahrgenommener Eigenschaften, ihrer Verhaltensweisen und Handlungen einem bereits bestehenden Kästchen zu. Ohne vorausgehenden kritischen Prüfprozess greifen wir somit auf Verallgemeinerungen zurück. Wir aktivieren Stereotype.


Stereotype sind gedankliche Konstrukte, mit denen soziale Situationen strukturiert, vereinfacht und zugänglich gemacht werden. Sie speisen sich aus eigenen Erfahrungen, Alltagswissen, erworbenen Erkenntnissen und übernommenen Meinungen. Stets sind sie mit Bewertungen und Erwartungen verknüpft. Insofern transportieren sie Vor-Urteile. Herabsetzende Bewertungen werden unter Bezugnahmen auf Allport8 als Vorurteil bezeichnet. Er beschreibt folgenden Mechanismus: Konkrete Personen werden in einem ersten Schritt einer Gruppe zugeordnet, die man mit negativen Eigenschaften verbindet und diese werden in einem zweiten Schritt auf diese konkreten Personen übertragen. Ob die negative Bewertung der Gruppe begründet ist, die Zuordnung zutrifft und sich die betroffenen Personen überhaupt an dieser Gruppe orientieren, spielt dabei keine Rolle. Die betroffenen Personen oder Gruppen unterliegen der Wirkmacht des Stereotyps. Der Kreis zu Diskriminierung schließt sich, wenn diese negativen Bewertungen auf das Verhalten durchschlagen und sich in Herabsetzungen, Entwürdigungen und Benachteiligungen manifestieren.


Stereotype werden reflexhaft aktiviert, was jedoch nicht bedeutet, dass sie unveränderlich sind. Durch die bewusste Verarbeitung von neuen Informationen können sie modifiziert und korrigiert werden. Offenheit für neue Erfahrungen, die Bereitschaft die eigene Weltsicht zu hinterfragen und entsprechende Impulse aus dem sozialen Umfeld unterstützen ihre kritische Überprüfung und tragen dazu bei, dass sie nicht zum Ausgangspunkt für Diskriminierung werden. Überprüfungen und Veränderungen werden erschwert, wenn herabsetzende Stereotype im Selbstverständnis der eigenen sozialen Bezugsgruppe verankert sind, denn ihre Infragestellung wird als Distanzierung von oder sogar als Angriff auf diese Gruppe empfunden und zieht soziale Sanktionen bis hin zur völligen Isolation nach sich. Dass gerade Polizistinnen und Polizisten an solche Barrieren stoßen, erklärt sich dadurch, dass der Zusammenhalt der Gruppe in bedrohlichen Situationen existentiell wichtig werden kann. Polizistinnen und Polizisten sehen sich als Mitglied einer Gefahrengemeinschaft, die durch positive Selbststereotype („wir sind die Guten“) und negative Fremdstereotype („die anderen sind die Schlechten“) stabilisiert wird.

 

5 Vorschau


Das Thema Diskriminierung hat die Polizei erreicht. Dies ist eine lohnende Herausforderung, denn indem sie sich offensiv damit auseinandersetzt, legitimiert sie ihre herausgehobene Position und zeigt gesellschaftliche Verantwortung. Damit dies gelingt, müssen Polizistinnen und Polizisten informiert, diskursfähig und auch in der Lage sein, polizeiliches Handeln in Bezug auf Diskriminierungspraktiken und -risiken zu reflektieren. Hierzu sollen der vorliegende und vier weitere Artikel beitragen. Diese Beiträge setzen an folgenden Diskriminierungsmerkmalen bzw. -umständen an: psychische Auffälligkeit, sexuelle Identität, geringe Lese- und Schreibfähigkeit sowie Sexarbeit. Anhand dieser Merkmale werden Diskriminierungsrisiken exemplarisch erörtert, die in dem aktuellen Diskriminierungsdiskurs verwendeten Kategorien, Ebenen und Dimensionen erschlossen und Bezüge zu theoretischen Grundlagen hergestellt.


Bildrechte: HWR Berlin.

 

Anmerkungen

 

  1. Prof. Dr. Claudius Ohder ([email protected]) ist Professor für Kriminologie und hat bis 2020 am Fachbereich Polizei und Sicherheitsmanagement der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin gelehrt. Er ist am Forschungsinstitut für Öffentliche und Private Sicherheit (FÖPS Berlin) tätig.
  2. Prof. Dr. Birgitta Sticher ([email protected]) ist seit 1989 Professorin für Psychologie und Führungswissenschaft an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin. Sie ist Direktorin des Forschungsinstituts für Öffentliche und Private Sicherheit (FÖPS Berlin).
  3. Behr, R. (2019). Verdacht und Vorurteil. Die polizeiliche Konstruktion der „gefährlichen Fremden“. In: Howe, C., Ostermeier, L. (Hrsg.) Polizei und Gesellschaft. Wiesbaden. S. 17-45.
  4. Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Jahresbericht 2023. www.antidiskriminierungsstelle.de/SharedDocs/downloads/DE/publikationen/Jahresberichte/2023.html (9.7.2024).
  5. Scherr, A. (2016). Diskriminierung/ Antidiskriminierung – Begriffe und Grundlagen. www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/221573/diskriminierung-antidiskriminierung-begriffe-und-grundlagen/ (27.5.2024).
  6. Abdulsalam, M.K.: Land Berlin wegen Rassismus verurteilt. Wer nach der „wirklichen“ Herkunft fragt, fragt nicht nur. www.lto.de/recht/hintergruende/h/ag-berlin-mitte-21c25223-ladg-rassismus-rolizei-diskriminierung (16.5.2024).
  7. „Affengestik“ und „Sitzmachen“. Berliner Polizistin wegen Beleidigung und Volksverhetzung verurteilt. www.lto.de/recht/nachrichten/n/ag-tiergarten-berlin-polizei-rassismus/ (10.7.2024).
  8. Allport, G. W. (1954): The Nature of Prejudice. Reading, MA: Addison-Wesley.

 

 

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