REZENSION
Artkämper/Floren/Schilling, Vernehmungen. 6. Auflage 2021
Rund 3 Jahre nach der letzten Auflage erscheint dieses Werk neu – durchaus ungewöhnlich für ein Buch dieser Thematik, aber: angesichts der Qualität vollkommen zu Recht! Ein weiterer Grund liegt auf der Hand: Ein neuer Autor ist hinzugekommen – Thorsten Floren von der HSPV NRW wird sukzessive Karsten Schilling wegen dessen Ruhestandes ersetzen. Aber nicht nur das ist neu: Der Umfang wurde gegenüber der Vorauflage um 60 Seiten erweitert und Ausführungen zu „Vernehmungen von Kindern“ sowie „unternehmensinterne Befragungen und Vernehmungen“ neu aufgenommen.
Der (Haupt-)Grund, warum man dieses Buch kaufen sollte als einer, der mit Vernehmungen zu tun hat, ergibt sich bereits aus dem Vorwort: „Wer fragt, bekommt Antworten – wer richtig fragt, bekommt die richtigen.“ Vielleicht sollte man einen zweiten Satz ergänzen: „Wer fragt, der führt!“ Insofern ist es von grundlegender Wichtigkeit, nicht nur die rechtlichen Grundlagen für eine Vernehmung im jeweiligen Befragungskontext zu kennen, sondern auch die Wege, um eine möglichst zuverlässige Aussage zu bekommen. Und dazu leistet das Buch eine umfassende Hilfestellung.
Im Einzelnen: Das Buch startet lobenswerterweise mit den Grundzügen der Irrtumsproblematik – das aus gutem Grund: Eine Vernehmung beinhaltet vom Ergebnis her nichts anderes als das Abrufen von gespeicherten Informationen über Ereignisse, die länger zurückliegen. Hierbei ist es für jeden Vernehmenden wichtig zu wissen, wie Speichervorgänge vor sich gehen und das Abrufen von (gespeicherten) Informationen geschieht.
Positiv ist zu vermerken, dass anschließend breit aufgestellt gezeigt wird, wie eine gute Vernehmung vorbereitet wird und was es dabei zu bedenken gilt – denn: eine Vernehmung ist kein Selbstzweck, sondern dient der Informationsgewinnung im konkreten Fall. Dabei sticht ins Auge, wie ausführlich der Bereich Fragetechnik und -taktik angesprochen wird – aber: s.o., denn wer richtig fragt... Wünschenswert wäre es aus Sicht des Rezensenten gewesen, wenn das Kapitel zur Vernehmung von Personen, die der deutschen Sprache nicht hinreichend mächtig sind, angesichts seiner Bedeutung in der forensischen Praxis eine breitere Ausgestaltung erfahren hätte.
Großen Raum nimmt – nicht verwunderlich angesichts des Themas – die Vernehmung von Zeugen und Beschuldigten ein. Hierin befindet sich auch ein Kapitel bzgl. der Anhörung von Kindern, welches m.E. zu knapp gerät: Dies ist ein sehr komplexes Feld, das entweder gesondert oder breiter dargestellt gehört. Der hier gewählte Mittelweg eines Exkurses von ca. 20 Seiten überzeugt nicht.
Lob verdienen die Ausführungen zur Dokumentation einer Vernehmung – ein Punkt von ebenfalls großer praktischer Bedeutung. Wie oft wird im weiteren Verfahrensgang seitens der Beteiligten ein Vorhalt aus einer früheren Befragung gemacht. Erkenntnisgewinn hat dies (und die Antwort darauf) aber nur dann, wenn die vorherige Befragung sorgsam und inhaltlich richtig protokolliert wurde. Apropos „Dokumentation“: Wir leben in modernen Zeiten – deswegen darf auch folgerichtig ein Kapitel über die audiovisuelle Vernehmung nicht fehlen.
Eine kleine Kritik zum Schluss: Im Buch befinden sich etliche Schaubilder zur Verdeutlichung des eben Dargestellten – jedoch sind diese teilweise eng in den Text eingefügt, so dass es an Übersichtlichkeit mangelt. Hier sollte für die nächste Auflage Abhilfe geschaffen werden.
Quintessenz: Ein überzeugendes Werk – auch in der 6. Auflage! Das Buch ist jeden Cent wert und sollten bei den entsprechenden Mitarbeitern auf dem Schreibtisch stehen – oder zumindest in der Behördenbibliothek!
VRiLG Martin Hussels, Ravensburg
Autoren: Heiko Artkämper, Karsten Schilling, Thorsten Floren
Titel: Vernehmungen, Taktik – Psychologie – Recht
Auflage: 6. Auflage 2021
Format: 632 Seiten, DIN A 5, Broschur
Preis: 32,00 Euro
ISBN:978-3-8011-0879-3
Verlag: Verlag Deutsche Polizeiliteratur GmbH
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