Editorial
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Editorial

Liebe Leserinnen, lieber Leser,

 

im arabischen Raum reihen sich seit Jahren Konfliktherde aneinander und sie scheinen weiter um sich zu greifen. Zentralafrika, Irak, Libyen, Syrien und zuletzt Palästina beherrschen die Schlagzeilen. Als Motiv und wesentliche Triebfeder vermuten viele Experten eine islamistische Motivation der Aggressoren. Mehr als 400 Deutsche darunter auch Konvertiten sind nach den letzten Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden in den Krisengebieten aktiv, von denen nach ihrer Rückkehr eine nicht unerhebliche Gefahr ausgehen dürfte.

Die anzunehmende Fähigkeit im Umgang mit Schusswaffen und Sprengstoff, verknüpft mit einer tiefgreifenden Radikalisierung, stützt diese Bewertung. "Die anhaltende Ausreise von Islamisten aus Deutschland und aus ganz Europa nach Syrien und die Wiedereinreisen zeigen, dass wir es mit einem internationalen Phänomen zu tun haben,“ so Bundesinnenminister Thomas de Maizière bei der Vorstellung des Bundesverfassungsschutzberichts 2013. Der Islamwissenschaftler Dr. Marwan Abou Taam aus Mainz betrachtet in seinem Beitrag „Das autoritäre Syndrom in den arabischen Gesellschaften“, eine überaus interessante Ursache für die aktuellen Krisen und die Entstehung des Islamismus. Das zentrale Element, das ein Grundmuster im arabischen Denken nationenübergreifend darstellt, ist das Patriarchat, das auf Grundprinzipien des Glaubens aufbaut, stellt er einleitend fest. Die politischen Eliten und im besonderen Maße die Staatsführung verstehen sich ideologieunabhängig im Kontext der Weiterführung des patriarchalischen Gedankens als „Vater der Nation“, der alleine die volle Autorität beanspruchen darf, um seine Familie (Nation) zu schützen. Diese Beschreibung trifft auf weite Teile der derzeitigen arabischen Kultur zu. Repressives Verhalten, Gewalt und Ohnmacht sind demnach überall zu beobachten. Trotzreaktionen gegen die Autorität, selbst politische Umstürze, sind keineswegs Zeichen der Veränderung. Denn Ziel ist es die Macht zu bekommen, um mit denselben Instrumenten der Macht zu herrschen, stellt er fest. In einem derartigen Erziehungsklima misslingt der entscheidende Entwicklungsschritt hin zur kritischen Auseinandersetzung mit den politischen Werten und sozialen Normen. Gewalt ist ein weiteres zentrales Element, das der Grundstruktur des arabischen Patriarchats innewohnt. Arabische Staaten ohne Ausnahme sind bislang daran gescheitert, ihre Gesellschaften zu integrieren, so dass diese heute im Kontext neuer Herausforderungen entlang ethnischer, religiöser und politischer Bruchstellen auseinander zu brechen drohen. Aus der heutigen Perspektive kann man durchaus feststellen, dass das Modernisierungsprojekt in der arabischen Welt gewaltvoll gescheitert ist. Das Aufsteigen des Islamismus kann als unmittelbare Folge repressiver staatlicher Gewalt im Rahmen von Einheitsideologien verstanden werden. Das Verbieten politischer Parteien zwang die Menschen regelrecht, ihre Probleme in der einzig erlaubten Sprache, der Religion zu denken. Frau Dr. Bettina Goetze aus Magdeburg hat die Ergebnisse einer langjährigen wissenschaftlichen Untersuchung von Neonatizid und Infantizid unter dem Titel „Wenn Mütter ihre Kinder töten“ zusammengefasst. Die Forschungslandschaft konzentrierte sich im Bereich der Tötungsdelinquenz jahrzehntelang vorrangig auf männliche Täter. Frauen hingegen, die durchaus auch grausame Tötungsdelikte verüben, gerieten weitgehend aus dem Blickfeld. Vor diesem Hintergrund sind die Ergebnisse und Schlussfolgerungen von Dr. Goetze auch für die polizeiliche Praxis von besonderem Interesse. Tötungsdelikte an sich erscheinen häufig irrational. Schwerlich vorstellbar sind insbesondere Verbrechen, bei denen Frauen töten. Wenn Mütter ihre Kinder in einem aufgeklärten Zeitalter töten, erscheint die Situation nahezu paradox. Erst ab 2005 setzte in Deutschland eine öffentliche Diskussion um die Ursachen des Phänomens ein, als im brandenburgischen Brieskow-Finkenheerd Sabine H. wegen des dringenden Tatverdachts des Totschlags an ihren neun Kindern beschuldigt wird. Bettina Goetze kommt zu dem Ergebnis, dass es Erfolg versprechender erscheint, die Entstehungsbedingungen der Taten zu fokussieren. Sie regt eine Perspektivenerweiterung an, indem nicht nur die Schwangere selbst im Zentrum der Bedeutung steht, sondern ihr Umfeld einbezogen wird. Beispielsweise Programme an Schulen, Jobcentern und Jugendämtern erscheinen der Autorin zielführend.
Selbstredend ist in diesem Kontext auch die Polizei gefragt, die nicht selten in Fällen häuslicher Gewalt bei vergleichbaren Konstellationen intervenieren muss. Kinder die nicht leben durften, weil sie durch die Hand der eigenen Mutter gestorben sind, fordern deutlich eine Fortschreibung der Denkmodelle und Kontrollmechanismen, begleitet durch eine eigenständige wissenschaftliche Untersuchung.


Herbert Klein

 

 

 

 

 

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