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EASy

die zukunftsweisende Ermittlungssoftware

Von Gerald Eder, Erster Kriminalhauptkommissar,Bayerisches Landeskriminalamt

Immer mehr Bundesländer und europäische Nachbarstaaten verlassen sich bei der Bekämpfung von Terrorismus und Organisierte Kriminalität (OK) nicht ausschließlich auf das Geschick und den Sachverstand ihrer polizeilichen Ermittler.


Gerald Eder,
Bayerisches
Landeskriminalamt

Denn Delikte aus diesen Gebieten erreichen mittlerweile außerordentlich komplexe Dimensionen, die sich kaum durchblicken lassen. Kriminelle Gruppen der OK und des islamistischen Extremismus denken und operieren nicht lokal, sondern global, und sind technisch hoch spezialisiert.

Ebenso sollte auch die deutsche Polizei ausgerüstet sein und handeln können: Fortschrittlich, spezialisiert, grenzüberschreitend. Unerlässlich sind dabei die Vernetzung zumindest der deutschen Landeskriminalämter (LKÄ) und damit zusammenhängend einheitliche Prozessabläufe in der Ermittlung.
Den Anfang machte das Land Bayern vor zwei Jahren, vor Kurzem folgten unter anderem auch die beiden Bundesländer Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein sowie Deutschlands Nachbarstaat Luxemburg. Die Ermittlungs- und Analysesoftware EASy/rsCASE löst in Bayern veraltete EDV-Anwendungen und Accessanwendungen als Arbeits berhausener Herstellers rola Security Solutions GmbH entspricht weltweiten Kriminal-Analysestandards. Somit ermöglicht sie unter anderem mehrsprachige Arbeitsweisen und ebnet damit den Weg für die progres-sive, internationale polizeiliche Zusammenarbeit.

Rheinland-Pfalz nimmt EASy derzeit in seiner Polizeiarbeit in Betrieb. Dort ist vorgesehen, das System ab Juli in zwölf Dienststellen für zirka 250 Kriminalbeamte einzusetzen – mit der Option eines Ausbaus auf 1.000 Anwender. Mit dem modernen Computerprogramm nimmt auch Rheinland-Pfalz zukünftig eine Spitzenposition in Sachen moderner Polizeiarbeit ein.
Unter dem Namen „Merlin“ setzt man in Schleswig-Holstein ebenfalls auf die neueste Ermittlungstechnik. Den Auftrag vergab das nördlichste deutsche Bundesland kürzlich an rola Security Solutions. Der Spezialist für Ermittlungs- und Analysesoftware liefert seine IT-Lösung zur vernetzten Fallbearbeitung aus und arbeitet die Kriminalisten an 150 Arbeitsplätzen vor Ort ein. Die Oberhausener agieren seit über 20 Jahren im Polizeibereich, sind auf den Sicherheitssektor von Polizei und Behörden, dabei auf die Ermittlung und Analyse in der Strafverfolgung, spezialisiert.
Seit Mitte März läuft EASy auch bei der Luxemburger Polizei als Pilotsystem. Dort soll es in erster Linie effektivere Ermittlungen im Bereich der OK ermöglichen.

Bevor mit EASy in Bayern die Erfolgsgeschichte der Ermittlungssoftware rsCASE der Fa. rola anfing, hatte die Soko „Goldfisch“ ein europaweites Netz der Organisierten Kriminalität unter überwiegend asiatischen Kaufleuten enttarnt. Die Staatsanwaltschaft bezichtigte die Organisation der Geldwäsche, Bandenhehlerei, Urkundenfälschung, Steuer- und Zollvergehen sowie des Betrugs.
Der Fall „Goldfisch“ veranlasste den Bayerischen Landtag 2001, die LKA-Projektgruppe EASy ins Leben zu rufen. Das LKA sollte ein zukunftsweisendes, effektives Analysesystem unter mehreren Anbietern ausfindig machen. Die Bayerische Polizei wählte nach europaweiter Ausschreibung rsCASE aus.
Die Software überzeugte, weil sie exakt den Anforderungen des Polizeialltags angepasst war und sie so schnellere und wirkungsvollere Fallanalysen ermöglichte. Das LKA in München rüstete nach neunmonatiger Zusammenarbeit mit rola Security Solutions bereits im Juni 2003 damit alle landesweiten Dienststellen aus. Unter dem Namen EASy (Ermittlungs- und Analyseunterstützendes EDV-System) bewährte sich die Software seitdem als äußerst erfolgreicher Unterstützer in der Verbrechensbekämpfung. Ein Beispiel aus jüngster Zeit ist etwa die Lösung des Mordfalls Moshammer.
EASy wird in erster Linie bei ermittlungs-intensiven Verfahren wie der Terrorismusbekämpfung, in der Organisierten-, der Rauschgift- und der Wirtschaftskriminalität eingesetzt. Aber auch bei spurenintensiven Kapitalverbrechen mit Einzeltätern wie Mord und Vergewaltigung beschleunigt und vereinfacht EASy die Ermittlungen. Gerade bei solch brisanten Delikten erwartet die Öffentlichkeit zu Recht, dass die Kriminalbeamten bei der möglichst raschen Aufklärung der Fälle auch auf das modernste und wirkungsvollste „Arbeitsgerät“ zurückgreifen können.

Ermittlungen wie beim Mordfall Moshammer, einer der schillerndsten und sehr beliebten Münchner Persönlichkeiten, ziehen das Interesse der Öffentlichkeit und der
Medien auf sich. Gerade hier muss sich die Polizei um eine möglichst schnelle Aufklärung bemühen, um nicht selbst unter Druck zu geraten. In EASy liefen in diesem Fall alle Informationen zusammen, so dass die Polizei den Täter schnell dingfest machen konnte.

Etwa 4.000 bayerische Kriminalbeamte bei zirka 50 Dienststellen nutzen die Ermittlungs- und Analysesoftware derzeit. Mit seinen vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten werden aktuell über 1.700 komplexe Ermittlungs- und Strukturverfahren bearbeitet. So sind knapp 400.000 erfasste Personen, rund 400.000 registrierte Ereignisse, über 30.000 Straftaten und mehr als 600.000 Kommunikationsmittel im System hinterlegt.

Insgesamt sind dort sieben Millionen Datenobjekte sowie über 30 Millionen Datensätze inklusive Verknüpfungen eingegeben.
Mittlerweile ist EASy bei der bayerischen Polizei als erfolgreicher Partner in Sachen Verbrechensbekämpfung und bei komplexen Ermittlungsverfahren nicht mehr wegzudenken.
Als einen „Meilenstein bei der Verbrechensbekämpfung“ beschrieb Bayerns Innenminister Günther Beckstein das System auf dem
8. Europäischen Polizeikongress in Berlin Anfang April.
Auch das Bundesinnenministerium zeigt
Interesse an EASy. Das Bundeskriminalamt prüfte im Januar, inwieweit sich EASy und die Ermittlungssoftware INPOL-Fall gegenseitig unterstützen können. Dabei überwogen die Vorteile von EASy in der Fallbearbeitung eindeutig.
Inzwischen entschieden sich neben Bayern, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein und Luxemburg auch die Ermittler des Landes Sachsen in der internationalen Arbeitsgruppe BASKE (Binationales Auswertungs- und Strafverfolgungsprojekt zur Bekämpfung von OK-Gruppierungen) mit der Tschechischen Republik für die Software.
Durch die Mehrsprachigkeit der Software laufen die Kooperationsprozesse auf beiden Seiten der Grenze problemlos und vor allem zügiger ab. Eben dieser Punkt, die äußerst komfortable Bedienung sowie der überzeugende, flächendeckende Einsatz von EASy in Bayern überzeugte die Behörden, das Programm selbst einzusetzen.
Seit Mai 2004 läuft EASy zudem im Pilotbetrieb bei einer österreichischen Sicherheitsbehörde.
Im Juli 2004 nahm die Ermittlungs- und Analysesoftware auch bei der slowakischen Polizei den Pilotbetrieb auf – in beiden Ländern startete die Software nur wenige Monate nach Auftragsvergabe.
Zur Handhabung:
Im Fall Moshammer nahm die Hinweisaufnahme eine gewichtige Rolle ein.
Die meist telefonisch eingehenden Hinweise gaben die Hinweisaufnehmer ohne Schwierigkeiten unmittelbar in EASy ein.
Dies können in einem derartigen Fall Informationen über das Opfer, den Tatort, einen Tatverdächtigen, Zeugen, Beteiligten oder den Tathergang sein.
Diese Daten werden anschließend an den Hauptsachbearbeiter weitergegeben, der sie in der Hinweisbearbeitung bewertet und gegebenenfalls weitere Maßnahmen einleitet.
Hinweise, die für das Verfahren bedeutsam sein können, werden als Spuren angelegt und anschließend schnell als Ermittlungsaufträge herausgegeben. Desweiteren stellt der Hauptsachbearbeiter per Mausklick Beziehungen zum Beispiel zwischen Personen, Objekten und Kommunikationsmitteln her.
Daneben können virtuell vorhandene Schriftstücke, Fotos, Audio- und sogar Videodateien zur Systemakte hinzugeladen werden. Auch die Telekommunikations-Überwachung (TKÜ) findet direkt in EASy statt. Die Gesprächsdaten, die gleichzeitig schriftlich fixiert sind, stehen dem Sachbearbeiter live zur Verfügung, werden im System gespeichert und können anschließend ausgewertet und bearbeitet werden. Durch die integrierte automatisierte Anschlussinhaberfeststellung können die Inhaber unbekannter Telefonnummern per Mausklick sofort ermittelt werden. Die entsprechenden Bedienmasken wurden zusammen mit TKÜ-Spezialisten entwickelt.

Die komplette Anwendung erscheint auf einer modernen, benutzerfreundlichen und einheitlichen Windows-Bedienoberfläche, so dass auch ungeschulte Beamte schnell eingeführt werden können. Die umständliche Suche nach und in der Papierakte entfällt somit.
Die erfassten Informationen können aber nicht nur abgefragt werden, sondern bilden nach der Bearbeitung per Tastendruck grafisch aufzeigbare Relationen zueinander. Jeder Sachbearbeiter hat den Chart Viewer „VLV“ zur Verfügung, der alle Objekte und Verknüpfungen visuell darstellen kann.
Die für Analysten und Auswerter verfügbare, in EASy integrierte und weltweit anerkannte Kriminalanalysesoftware „Analyst’s Notebook“ legt die abgelegten Informationen mit Hilfe der „Struktur- und Beziehungsanalyse“ inklusive zeitlicher Dimensionen grafisch übersichtlich dar. So werden Beziehungen unter anderem zwischen Opfern, Tätern, ihren Konten, ihren Waren- und Geldflüssen, zwischen Wohn- und Tatorten sowie eingegebenen komplexen Indizien deutlich. Kriminelle Organisationen können so erkannt, die Ermittlungsergebnisse durch die Beziehungs-, Fluss- und Falldiagramme, durch Stammbäume und Organigramme verständlicher gemacht werden. Die so genannte „Zeitstrahlanalyse“ stellt zeitliche Zusammenhänge und Abfolgen von Ereignissen dar. Sie verdeutlicht Waren- und Geldtransfers und legt jederzeit den aktuellsten Stand der Ermittlungen als Diagramm vor.

Ein Geo-Informationssystem (GIS) zeigt die Objekt- und TKÜ-Daten per Mausklick online auf zoombaren Straßenkarten an.
Diese Visualisierungen beschleunigen und vereinfachen die Recherche deutlich und machen die Informationen überschaubar.
Doch EASy fällt durch weitere besondere Funktionen positiv auf: Das Computerprogramm sendet Meldungen, wenn zwei Systemnutzer unabhängig voneinander gleiche Datensätze eingeben. Seit Einführung der Software registrierte die bayerische Polizei über 100.000 solcher Meldungen. EASy bietet alle erdenklichen Möglichkeiten von Suchfunktionen an: Die Suche zum Beispiel nach Verdächtigen erfolgt über die phonetische Suche nach ähnlich klingenden Namen. Weiter existieren die Suche über mehrere Attributsfelder nach prägnanten Merkmalen zu einem Fall, die Ähnlichkeitssuche, Komplexsuche und kombinierte Suche. Die Volltextrecherche durchsucht sogar in
EASy hineingeladene Dokumente oder Schriftstücke mit. Mehrere Attributarten bzw. Eingabefelder (Pflicht-, Text-, Datums-, Katalog- und numerische Felder, Abgleichattribute) sowie verschiedene Katalogfelder ermöglichen eine äußerst umfangreiche Bestandsaufnahme zu einem Fall. Durch das so genannte „Tackern“, also das computergesteuerte Zusammenführen von Quellen, lassen sich diese arbeitssparend und sinnvoll verbinden. EASy kann mehrere Datensätze zu Gruppen (Sets) zusammenfügen und sie mit anderen Gruppen vergleichen. Die Anwendung lässt sich durch flexible Schnittstellen an andere Systeme anbinden. Anwender können Formulare und Listen ganz nach ihren Vorstellungen anlegen.

Eine zukünftige Erweiterung des Funktionsumfangs um eine Komponente zur biometrischen Gesichtserkennung ist geplant.
Außerdem werden noch dieses Jahr ein Asservatenbearbeitungsprogramm sowie ein Bearbeitungstool für die Erfassung von DNA bei Massen-screenings eingeführt.

Trotz seiner Anwenderfreundlichkeit und vielfältigen Möglichkeiten entspricht EASy höchsten Sicherheitsstandards, den Ansprüchen des Datenschutzes und der Datensicherheit sowie den gesetzlichen Vorgaben. Es notiert alle Zugriffe auf das System und den jeweiligen Nutzer. So kann es die zeitliche Abfolge jedes eingegebenen Hinweises und jede Änderung darstellen. Zudem kontrolliert es die Löschfristen der Daten automatisch und meldet diese.
Grundsätzlich stellen die Landeskriminalämter ähnliche Bedingungen in ihre Software. Aufgrund der föderalen Struktur Deutschlands und historisch gewachsener Strukturen, Gesetzesvorgaben und Arbeitsweisen sind die Detailanforderungen jedoch unterschiedlich. Die Fa. rola passt das Ermittlungs- und Analysesystem an die individuellen fachlichen Ansprüche seiner Nutzer an. Nicht die Beamten richten sich also nach einer bestehenden Software, sondern das flexible System nach seinen Nutzern.


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