Messerangriffe
Die tödliche Gefahr
Von KHK a.D. Ralf Schmidt, Wiesbaden1

Immer mehr Menschen in Deutschland sehen es offensichtlich als völlig legitim an, zur Durchsetzung ihrer kriminellen Interessen Polizisten anzugreifen, sie schwer zu verletzten oder zu töten – Tendenz: steigend. Die Statistiken zeigen einen rasanten Anstieg bei den Angriffen auf Polizeibeamte. Jedes (!) polizeiliche Einschreiten birgt potenziell die Gefahr einer Hochrisikosituation in sich. Wenn der Angreifer Messer oder andere gefährliche Werkzeuge einsetzt, kann es in Bruchteilen von Sekunden lebensgefährlich werden. Körperlich und mental unvorbereitet, kommt es in diesen Einsatzlagen oft zu lähmendem Entsetzen, purer Angst und Panikreaktionen. Unvorbereitet geraten Polizisten schnell in nicht mehr kontrollierbare Extremsituationen und erleben ihr persönliches „Waterloo“.
1 Wenn der Gegner auf „Kill“ schaltet
Messergewalt steht zurzeit im Fokus der medialen und gesellschaftlichen Diskussion. Neben einigen (sicherheits-)politischen und kriminalpräventiven Maßnahmen, gibt es hierzulande allerdings wenig empirische Forschung, die speziell den Einsatz von Messern als Tatmittel in den Blick nimmt. Fest steht: Oft werden Polizisten selbst aus nichtigsten Anlässen in Ausübung ihres Dienstes angegriffen. Die Zahl der Angriffe mit Messern und anderen gefährlichen Gegenständen steigt. Hierzu gehören zum Beispiel: Schraubendreher, Teppichmesser, Brieföffner, Glasscherben, abgebrochene Gläser und Flaschen. Sie sind in polizeilichen Einsatzsituationen nicht immer sofort als Gefahr erkennbar und einsatzrelevante Distanzen werden häufig falsch eingeschätzt.2 Jeder Polizeibeamte kann mit solchen Angriffen konfrontiert werden, ob er das will oder nicht. Der Angreifer wird danach nicht fragen.
Zur professionellen Vorbereitung gehört auch das Wissen um die Denk- und Verhaltensmuster von Gewalttätern:12. Januar 2020, Münchener Hauptbahnhof, bei einer Personenkontrolle attackierte ein 23-jähriger Mann einen Polizisten feige und hinterhältig mit einem Messer. Der 30-jährige Polizist war mit einem brutal ausgeführten Messerstich im Schulter- und Nackenbereich verletzt worden. Die Attacke war so heftig, dass die Messerklinge abbrach und im Körper des Beamten stecken blieb. Nur durch eine Notoperation konnte der Polizist gerettet werden.
Herbert Reul, Innenminister im Land Nordrhein-Westfalen, zu den Entwicklungen:3„Ich glaube, dass wir es mit einer Verrohung unserer Gesellschaft zu tun haben. Früher flogen maximal die Fäuste, heute wird gleich das Messer gezückt […] Situationen eskalieren viel schneller“.
Sind die Hemmungen geringer geworden? Bernd Roggenwallner, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie in einem Interview in einer überregionalen Boulevardzeitung:4„Der verstärkte Einsatz von Messern als Waffe hat damit zu tun, dass die Hemmung, Aggressionen auszuleben, geringer geworden ist.“
2 Der vorläufige brutale Höhepunkt – Der tödliche Messerangriff auf Rouven Laur in Mannheim
Nicht nur für Polizisten bis heute unfassbar und an Brutalität und Hinterhältigkeit niederschmetternd. Die tödliche Messerattacke von Mannheim im Mai 2024. Knapp 40 Seiten umfasst die Anklageschrift, die der Generalbundesanwalt gegen den mutmaßlichen Täter vorlegte. Kernaussage ist nach Informationen des SWR:5 Der 25-jährige Sulaiman A aus dem südhessischen Heppenheim hat den Polizeibeamten Rouven Laur heimtückisch und aus niederen Beweggründen ermordet und die Ermordung von fünf anderen Menschen versucht haben. Die Tatwaffe des Messerstechers war ein Jagdmesser „Python“ mit einer 18 cm langen Klinge. Als „Backup-Waffe“ führte der Mann zusätzlich ein Klappmesser mit sich. Exemplarisch zeigt dieser Fall: Messerangreifer haben mit ihrem absoluten Vernichtungswillen und der Herrschaft über den Zeitpunkt der Attacke enorme Vorteile gegenüber dem plötzlich Angegriffenen.
3 Die Fakten
Die bundesdeutsche Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) 20236 gibt einen beunruhigen Einblick in die gesellschaftlichen Realitäten in Zeiten von Terrorgefahr, brutaler Gewalt, Amoklagen und schwerer allgemeiner Kriminalität. Sozialpsychologen melden Radikalisierungen hin zur „Gewalt in Hochgeschwindigkeit“. Links- und Rechtsextreme, „Gewalttäter Sport“ und Mitglieder von kriminellen Banden radikalisieren sich und sehen die Vertreter der staatlichen Strukturen grundsätzlich als Feind an. Alleine das islamistische Personenpotenzial wird auf 27.000 (!) Personen geschätzt. Hinterhalte und gezielte Inszenierungen von Krawallen gegen die Polizei sind keine Seltenheit mehr.
4 Die Kriminalität steigt deutlich an
Die Zahl der Straftaten ist im vergangenen Jahr um 5,5% auf fast 6 Millionen gestiegen.7 Die Gewaltkriminalität erreichte mit rund 214.099 den höchsten Stand seit 15 Jahren (plus 8,6%). Straftäter sind zu 41% Nichtdeutsche (bei 923.269 aller Tatverdächtigen). Von 190.605 Gewalttätern sind 79.088 Nichtdeutsche – ein Plus von 14,5%. 25.732 Flüchtlinge begingen Gewaltdelikte, auch hier ein Anstieg von 20,3%. Die Zahlen bei den gefährlichen und schweren Körperverletzungen stiegen um 6,8% auf 154.541 Fälle. Ein deutlicher Zuwachs auch bei den Raubdelikten. Sie stiegen um 17% auf 45.000 Fälle.
5 Besonders besorgniserregend: Messerattacken
Bei aller auch kriminologisch berechtigten Kritik, die Taten häufen sich: August 2024. Während die üblichen „Experten“ darüber diskutieren, ob es ein Amoklauf oder eine Terrorattacke war, kämpfen mehrere schwerverletzte Menschen um das Überleben – ihnen ist die „kriminologische Einordnung“ der hinterhältigen Tat völlig egal. Bei einer brutalen Messerattacke in Solingen, waren beim „Fest der Vielfalt“, im August 2024, drei Menschen bestialisch ermordet worden. Der Täter konnte im Chaos der Tat zunächst flüchten und stellte sich danach selbst. Die Zahl der Messerangriffe ist im vergangenen Jahr auf einen Höchstwert gestiegen: 13.844 Körperverletzungen und Raubdelikte mit Messern wurden in Deutschland registriert – 1.500 Fälle mehr als im Vorjahr. Für das erste Halbjahr 2024 meldet alleine die Bundespolizei 430 Messerangriffe.

Messer als Tatwaffe.
Den Medienkommentaren zufolge sind junge Männer aus Syrien, Afghanistan und dem Maghreb – gemessen an ihrem Anteil an der Bevölkerung – weit überdurchschnittlich „an Gewalttaten, an Mord, Totschlag und Raub beteiligt“. Im Rahmen der Vorstellung der PKS 2023 wurde bestätigt:8„Die Zahlen bei Gewalt und Diebstahl steigen durch das aktuelle Migrationsgeschehen und die umfangreiche Zuwanderung Geflüchteter“. Die deutsche Hauptstadt meldet in Sachen Messergewalt: Im vergangenen halben Jahr wurden so viele Stichverletzungen in der Berliner Charité behandelt wie sonst in einem Jahr. Mediziner beobachten dabei einen Anstieg der Brutalität. Es gebe mehrfache und tiefere Stichverletzungen, teilweise würden dabei lange Messer verwendet. Nahezu absurd: Potenzielle Messerstecher können zum Beispiel in Berlin-Neukölln im „Spätkauf“, neben Alkohol und Zigaretten, auch Macheten (60 Euro) und gefährliche Springmesser (39 Euro) kaufen.
6 Hollywood lässt grüßen
Bei der taktischen und rechtlichen Einordnung von Messerangriffen üben sogenannte „Hollywood Actionfilme“ einen besonders negativen Einfluss aus. Der „Hollywoodfaktor“ beschreibt als Begriff die Wahrnehmung der Wirklichkeit unter dem Einfluss der Dauerberieselung durch ausschließlich auf Effekt abzielende Hollywoodfilme und Krimi Serien. Fiktion und Realität können dann leicht zu einer Meinung verschmelzen, mit der reale polizeiliche Einsatzlagen nichts zu tun haben. Bedauerlicherweise beeinflusst das in der Folge die öffentliche Berichterstattung nach polizeilichen Einsätzen.
Filmisch hervorragend inszenierte Sequenzen, in denen laut Drehbuch „der Gute“ – völlig cool – den bösen Messerangreifer mitleidig anlächelt und mit wenigen Handgriffen souverän außer Gefecht setzt: Alle Polizeibeamten haben das entsprechende Training und müssen das lässig hinbekommen, so die weitverbreitete Meinung. Stich- oder Schnittwunden können allerdings in Sekunden zu massivem Blutverlust und zum Tod führen. Obwohl wesentlich mehr Menschen durch Messer zu Tode kommen, als durch Schusswaffen, wird hier deutlich, dass das Messer in seiner Gefährlichkeit als Tatmittel immer wieder falsch eingeordnet wird – als Tatmittel wird es häufig verniedlicht.
7 Filmeffekt: Die Superzeitlupe
Seit den 1970er-Jahren, als die Superzeitlupe als effektsteigerndes Mittel im Film erfunden wurde, ließen sich die Trickspezialisten etwas einfallen. Schwere Treffer darstellend, spritzte viel „Blut“ bei den Sequenzen und erweckte beim Zuschauer einen überzeugenden Eindruck der Realität. Davon beeinflusst erweckt dies den allgemeinen Eindruck, dass bei einem Schusswaffengebrauch durch Polizeibeamte, wegen der großen Blutflecken in Film und Fernsehen, immer sofort erkennbar sein muss, dass der Angreifer schwer getroffen und damit angriffsunfähig ist. Weitere Schussabgaben wären dann in der realen Welt nicht zulässig. Es wird erwartet, dass jeder Polizeibeamte das sofort erkennt, bewertet und die Entscheidung trifft nicht mehr zu schießen. Der Blutaustritt in der Realität ist aber oft viel geringer als in Film und Fernsehen reißerisch dargestellt. Insbesondere bei mehrlagiger Oberbekleidung ist Blutaustritt zunächst praktisch nicht wahrnehmbar.
8 Ein Schuss – Lage gelöst?
Die Polizei soll im Idealfall, wenn überhaupt, immer nur einen Schuss benötigen, um das Gegenüber zu stoppen. Werden aber weder Teile des zentralen Nervensystems noch der knöcherne Bewegungsapparat getroffen, ist eine unmittelbare Reaktion nach Schusserhalt meist nicht zu erwarten. Die sog. „Einschusstheorie“ besagt sinngemäß, dass mit einem einzigen Schuss die gewünschte Wirkung erzielt werden muss. Denn der „Polizeidarsteller“ in Film und Fernsehen ist selbstverständlich auch ein perfekter Schütze. Die schnell sich bewegende, Messer führende Hand des bösen Angreifers wird mit dem ersten Schuss sicher getroffen – Fehlschüsse schaden nur der Reputation des Filmhelden. „Ein Schuss hätte doch genügt“, solche und ähnliche Überschriften in den Tageszeitungen führen dann beim vermeintlich gut informierten Leser zu Kopfschütteln und Vorverurteilung.
In einer tatsächlichen Bedrohungssituation hat der Angegriffene aber kaum die Zeit und die Möglichkeit, nach jeder Schussabgabe die Trefferlage exakt zu überprüfen. Grundsätzlich herrscht hinter einem Geschoss beim Eindringen in den Körper zunächst ein Unterdruck beziehungsweise durch die entstehende temporäre Wundhöhle ein Vakuum, so dass durch die hieraus resultierende Sogwirkung zunächst Blut eher dem Geschoss folgend nachgezogen wird, als dass es sofort nach außen treten kann.
Die Wahrnehmungs- und Entscheidungsfindungsfähigkeit eines Menschen kommt bei diesen hochdynamischen Einsatzsituationen schnell an ihre Grenzen. Eine Stellungnahme des NRW-Innenministeriums aus dem Sommer 2022: „Schusswaffen dürften gegen Menschen nur eingesetzt werden, um eine Gefahr für Leib oder Leben abzuwehren und […] andere Maßnahmen des unmittelbaren Zwanges erfolglos angewendet wurden oder offensichtlich keinen Erfolg versprechen […] geschossen werde […] dann so lange bis eine erkennbare Wirkung eintritt und die Angriffsbewegung unterbrochen wird. Das kann auch mehrere Treffer erfordern.“ Ob ein Schusswaffengebrauch gerechtfertigt war, ist darüber hinaus immer im Einzelfall (!) und je nach exakter Kampflage (standen andere Mittel wie etwa ein „Taser“ zur Verfügung?) zu prüfen.

Eine moderne und an die Herausforderungen angepasste Ausrüstung der Polizei.
9 „Mann-Stopp-Wirkung“
Nach wie vor hält sich bei Laien hartnäckig die Vorstellung, dass man aus Handfeuerwaffen Projektile verfeuern kann, die beim Auftreffen einen Angreifer sofort und allein aufgrund der mechanischen Wirkung aufhalten können. Dieses auch als „Aufhaltekraft“, „Stopping Power“ oder gar „Rückschleuderwirkung“ bezeichnetes Phänomen wird ebenfalls durch übertriebene filmische Darstellungen eindrucksvoll „belegt“. Es ist daher grundfalsch der heutigen Polizeimunition Wunderdinge anzudichten. Es gibt keine messbare und damit vorhersagbare Größe die mit „Mann-Stopp-Wirkung“ zu bezeichnen wäre.
Bei einem polizeilichen Schusswaffengebrauch wird immer wieder auch die Klingenlänge eines Tatmessers thematisiert und bagatellisiert. Dabei reichen geringste Klingenlängen aus, um schwerste und tödliche Verletzungen hervorzurufen. Selbst in der Hand eines ungeübten Kämpfers, kann eine Messerattacke in Sekunden die Kräfteverhältnisse am Einsatzort völlig umkehren. Ein häufig in solchen Lagen geforderter Rückzug oder ein Ausweichen der Polizei, würde immer auch ein erhöhtes Risiko für alle anderen am Ort Zurückbleibenden bedeuten. Der Täter könnte sich dabei zusätzlich animiert fühlen Menschen anzugreifen und in einen nicht mehr zu kontrollierenden Blutrausch verfallen. „Die psychophysischen Wechselbeziehungen erstrecken sich nicht allein auf die Aktivierung von Bewusstseinszuständen […] Es sind tranceartige Zustände“.9
10 Kritischer Blutverlust in Sekunden
Bei einer rein körperlichen Abwehr eines Messerangriffes liegt das Verletzungsrisiko bei nahezu 100%. Werden dabei der Hals oder die großen blutführenden Gefäße im Beckenbereich verletzt wird es in Sekunden lebensgefährlich. Selbst ein Schusswaffengebrauch ist keine Garantie dafür, dass ein Angriff sicher und sofort gestoppt wird. Dem Angreifer das Messer aus der Hand zu schießen – das funktioniert nur im Actionfilm. Bei der hohen Dynamik dieser Lagen, ist es nahezu Zufall Arme oder Beine sicher zu treffen. Und es reicht nicht aus, die Extremitäten nur zu treffen. Ohne Zerstörung von Knochen oder Gelenken, bleiben die Schüsse unter Umständen nahezu wirkungslos. Eine Bewegungs- und Handlungsfähigkeit ist annähernd vollständig vorhanden. Ein beabsichtigter Knochentreffer in die Extremitäten eines aggressiven Angreifers ist schießtechnisch eher als Glückstreffer zu werten. Außer im absoluten Nahbereich, basiert eine solche gezielte Trefferleistung auf Wunschdenken.
Oft wird bei der Berichterstattung dieser tragischen Einsätze nicht berücksichtigt, dass nicht jeder Getroffene, selbst bei letztlich tödlichen Treffern im Torso Bereich (bei Lungen- und Herztreffern), sofort aufgibt. Gerichtsmedizinische Untersuchungen haben ergeben, dass selbst bei einem Herz- oder Kopftreffer durch Faustfeuerwaffenmunition, noch bis zu 15 Sekunden eine umfassende Handlungsfähigkeit bestehen bleiben kann („The dead man´s five seconds“). Zusätzlich können Alkohol, psychische Störungen oder Krankheiten, akute „psychosoziale“ Krisen oder Substanzmittelmissbrauch beim Angreifer zu einer veränderten Bewusstseinslage, Schmerzunempfindlichkeit, Entwicklung unerwarteter Kräfte, irrationalen Verhaltensweisen, aggressiven Impulsen und intensiven emotionalen Reaktionen führen. Bei allem Verständnis für eventuelle prekäre Lebensumstände eines Angreifers bleibt die Antwort auf eine ernsthafte Messerattacke ohne Rückzugsmöglichkeit: Einsatz der Schusswaffe. Selbst hierbei verbleibt ein hohes Risiko verletzt zu werden. Nur im absoluten Notfall – für die „Rücken zur Wand“ Situation – kommen körperliche Aktionen überhaupt in Frage. Dabei muss dann ein Zeitfenster erkämpft werden, die Dienstwaffe einzusetzen. Doch schon weit im Vorfeld ist es nötig im Einsatz hellwach zu sein.
11 Frühzeitiges Erkennen eines Angriffes kann Leben retten
Gewalttaten erfolgen selten urplötzlich und gänzlich unerwartet. Im besten Fall ist eine Vielzahl von Vorboten erkennbar. Gewalttätiges Vorverhalten (gerade erst stattgefundene Gewalt), Körpersprache und Körperhaltung – wie etwa die Arm- und Beinstellung, oder das Verringern der Distanz, um eine günstigere Angriffsposition zu schaffen – sind Indikatoren und Vorboten eines Angriffes. Begegnungen mit gewaltbereiten Personen sind keineswegs nur einfache Interaktionen, sondern sehr oft Machtspiele. Eine Möglichkeit für deeskalierendes Einschreitverhalten zeigt die sog. „TIT-FOR-TAT“-Strategie auf, die „Strategie der bedingten Freundlichkeit“: Ich bin freundlich, geht der andere auf Konfrontation, zeige ich ihm sofort seine Grenzen auf. Lenkt der andere ein, kehre ich zur freundlichen Grundhaltung zurück.10
Die beschriebene Strategie umzusetzen bedingt, dass die mentale Einstellung, die Bereitschaft im Notfall auch Gewalt einzusetzen, zumindest auf Augenhöhe des Gegenübers sein muss. Die „Antennen“ eines erfahrenen Gewalttäters erkennen das und er kann schnell einschätzen wie stabil der Verteidigungswille ist. Binnen Sekunden wird er die Chancen in einer Auseinandersetzung abwägen und eine Erfolgsprognose erstellen. Im schlechtesten Fall hat der Angreifer eine um Einiges höhere Motivation zu kämpfen, denn er sieht den bewaffneten Polizisten als Gegner, den es etwa bei einer bevorstehenden Festnahme mit allen Mitteln zu bekämpfen gilt. Den Einsatz brutaler und tödlicher Gewalt inklusive.
12 Grenzen der Wahrnehmung
Viele im Einsatz Verletzte wähnten sich in einer sicheren, akzeptablen und kooperativen Situation. Um das zu verhindern muss eine Szenerie visuell durchmustert und möglichst schnell, die für die Aufgabenbewältigung wahrnehmbaren Reize entdeckt und wichtige von unwichtigen Informationen getrennt werden.11 Der Begriff der „Inattentional Blindness“12 beschreibt das Phänomen, dass Objekte selbst in der näheren Umgebung nur dann bewusst wahrgenommen werden, wenn die betreffende Person ihre ganze Aufmerksamkeit auf sie richtet. Welche Handlungen in einer kompromisslos körperlich ausgetragenen Konfrontation tatsächlich bewusstseinspflichtig sind, d.h. das Ergebnis eines gewollten und durchdachten Vorganges sind, ist weitgehend unerforscht. Viele Menschen haben eine Begabung, die man kaum trainieren kann. Sie resultiert u.a. aus den biographischen Lebenserfahrungen. Allgemein wird sie als Bauchgefühl oder Intuition bezeichnet. In lebensbedrohlichen Situationen vertraut man oft seinen Instinkten. Man erkennt Gefahrensignale in Momenten, in denen andere Menschen noch völlig arglos sind.13
13 Polizeiliche Verhaltenserkennung
Als theoretische Grundlage der Früherkennung von Angriffen gegen Polizeibeamte dienen unter anderem die Untersuchungen der Gehirnforscher Wolf Singer und William S. Condon (Mikrorhythmen), der Psychologen John Gottman (Gottmans Paper 2002-Regressionsanalyse), Paul Ekman und Wallace Friesen (Gesichtsausdrucksanalyse 1976 – Kodierungsschema FACS), Haggard und Isaacs (1966) sowie Prof. Dietmar Schmidtbleicher. Es handelt sich dabei um die zielgerichtete Beobachtung und Analyse von „gezeigtem Verhalten“, anschließender Bewertung und schließlich der eigenen Reaktionen. Ein ähnliches Verfahren („BOA“ – Behavial Observation Analysis) wird aktuell weltweit zur Erkennung von terroristischen Attentätern im Bereich von Bahnhöfen und Flughäfen genutzt. In der Entwicklung der Verhaltenserkennung, in Zusammenarbeit mit Polizeibehörden und Wissenschaftlern fiel auf, dass zum Beispiel Personenschützer und erfahrene Milieufahnder scheinbar eine besondere Fähigkeit, eine Art „Siebten Sinn“, bei der Erkennung von Menschen mit kriminellen Absichten haben. Durch weiterführende Forschung wurden diese Verhaltensweisen genauer untersucht.14Sog. Adaptoren (unbewusste Verhaltensweisen, die der Abfuhr von Erregung dienen und Emotionen ausdrücken) sind ein wesentliches Element zur Erkennung von Verhaltenstendenzen und emotionalen Zuständen. Weitere Offensichtlichkeiten stellen die konkreten beobachtbaren Verhaltensweisen dar. Etwa häufiges „sich-Umschauen“ oder „auf-die-Uhr-schauen“, ständige unmotivierte Richtungsänderungen oder ein wiederholendes Betasten einer versteckten Waffe.
14 Das Gefahrenradar
Vorzeichen eskalierender Gewalt können sehr plakativ und laut, aber auch äußerst subtil und leise sein. Nur bei entsprechender spezifischer Aufmerksamkeit im Einsatz sind sie zu erkennen. Bei der Entwicklung eines Gefahrenradars geht es darum potenziell gefährliche Situationen frühzeitig sicher zu erkennen und rechtzeitig Gegenmaßnahmen einzuleiten. So sind etwa die Beobachtung der Hände des Gegenübers, Distanzunterschreitungen und Positionen der Akteure wesentliche Elemente der Trainings.
Dem Einschreiten im Team kommt eine besondere Bedeutung zu. Wie bei den körperlichen Aktionen, ist es in der Einsatzkommunikation von elementarer Bedeutung, dass interaktiv trainiert wird. Im Sinne von: Wer spricht (was!), wer sichert ab und wer hält Rückzugswege frei, muss dabei eine klare Rollenverteilung stattfinden. Erkenntnisse aus den Sportwissenschaften zeigen, dass erst durch intensives Training bis zur Belastungsgrenze und in engen Grenzen darüber hinaus, es zu einer positiven Verschiebung der maximal möglichen körperlichen Reserven (sog. autonom geschützte Reserven) kommt. Das spezielle Design des interaktiven Trainings ermöglicht diese, normalerweise nur unter Lebensgefahr abrufbaren, Potenziale zu entwickeln. Die Anzahl der Eingriffstechniken sind auf ein absolutes Mindestmaß beschränkt. Trainiert wird dynamisch-interaktiv in Szenarien und mit Körperschutzausstattungen. Den Trainierenden werden so nahezu sekündlich neue eigenständige Entscheidungen abverlangt. Das Trainerteam übernimmt die Verantwortung dafür, dass unabhängig von Alter, Geschlecht oder bereits vorhandener Kampfsporterfahrung niemand über- oder unterfordert wird. Das definieren und kennzeichnen der Trainingsbereiche und die Verteilung der detailliert beschriebenen Aufgaben im Trainerteam garantieren ein sicheres und verletzungsarmes repräsentatives (realistisches) Training. Ein gefährliches und unkalkulierbares Risiko für Trainingsteilnehmer ist ausgeschlossen. Eines der wichtigsten Trainingsziele ist die Steigerung des Selbstvertrauens der Teilnehmer. Das Ziel ist es im Team, den Gegner so schnell wie möglich zu überwältigen und die Kampfsituation sicher zu kontrollieren. Das sportliche Mindset spielt dabei keine Rolle! Überleben ist kein Zufall!
Reale Einsatzsituationen lassen sich nicht beliebig wiederholen. Sie sind oft gefährlich und können erhebliche Konsequenzen nach sich ziehen. Es gibt einsatztaktische, gesetzliche, moralische, ethische und psychologische Einflussgrößen. Damit umzugehen, unterscheidet das interaktive Einsatztraining von Kampfsport und Selbstverteidigung.
15 Fazit
Der polizeiliche Schusswaffengebrauch gegen Menschen ist die einschneidendste und gravierendste Eingriffsmaßnahme. Erfreulicherweise geben die meisten Angreifer bereits bei der Androhung des Schusswaffengebrauchs auf. Der Einsatz der Waffe ist daher glücklicherweise ein vergleichbar seltenes Vorkommnis. Einige Angreifer kämpfen jedoch trotz schwerer Verwundung entschlossen und bis zum Ende weiter. Schussabgaben in Deutschland werden, trotz der unumkehrbaren drastischen Konsequenzen für alle Beteiligten, nur wenig wissenschaftlich erforscht. Fundierte (!) wissenschaftliche Erkenntnisse, Einschätzungen und Theorien sind wichtig und dienen der Einordnung von Ereignissen und der polizeilichen Praxisfortentwicklung. Gibt es dabei Missstände, dann müssen diese exakt benannt und behoben werden. Nach diesen, für alle Beteiligten tragischen Einsätzen, wird häufig der Kontrast zwischen Wissenschaft und Praxis medial extrem einseitig inszeniert. Die Tatsache, dass die Hoheit über die Herausgabe von Informationen zunächst und ausschließlich bei der zuständigen Staatsanwaltschaft liegt, verstärkt zusätzlich den Eindruck, die Polizei wolle etwas vertuschen. Immer wieder werden Zweifel an korrekten Ermittlungen formuliert und unabhängige Untersuchungen gefordert. Die Berichterstattung vermittelt dann den Eindruck, dass die Behörden schlecht arbeiten. Eine oft zelebrierte Methode ist es, die ernsthaften Bemühungen der zuständigen Staatsanwaltschaft den Sachverhalt professionell aufzuklären in der Öffentlichkeit in Frage zu stellen. Immer wieder wird eine „Nähe“ oder „illegale Kumpanei“ mit der Polizei in den Raum gestellt. Es entbehrt jedoch jeglicher Lebenserfahrung zu denken, dass ein Staatsanwalt seine berufliche Karriere riskiert, um Polizisten, die er persönlich gar nicht kennt, zu schützen. Dagegen steht fest, dass für die betroffenen Beamten und ihre Familien diese dramatischen Einsätze immer eine schwere psychische Belastung bedeuten. Posttraumatische schwere Erkrankungen und Dienstunfähigkeit sind dabei keine Seltenheit. Bei der hektischen Berichterstattung nach tragischen Ereignissen wird das häufig vergessen. Bei allem Verständnis für eine notwendige und kritische Auseinandersetzung nach diesen dramatischen Polizeieinsätzen verbietet sich eine Vorverurteilung der Beteiligten. Und: wir leben in Deutschland nach wie vor in einem der sichersten und demokratischsten Länder der Welt. Und dies dank einer gut funktionierenden und das Grundgesetz achtenden sowie verteidigenden Polizei.
Bildrechte: Kay Herschelmann / Autor.
Anmerkungen
- Der Autor war bis zum Eintritt in den Ruhestand im Jahr 2024 Einsatztrainer, Ausbilder für operative Einheiten und Schießausbilder für Spezialeinheiten an der Hochschule für öffentliches Management und Sicherheit in Wiesbaden (HöMS).
- Ralf Schmidt, 2017, Das Phänomen Zweikampf.
- ZDF am 12.05.2024 u.a.
- BILD am 15.01.2020.
- SWR Aktuell am 11.02.2025.
- BMI, Polizeiliche Kriminalstatistik 2023 (Stand: März 2024).
- BMI, Polizeiliche Kriminalstatistik 2023 (Stand: März 2024).
- BMI, Polizeiliche Kriminalstatistik 2023 (Stand: März 2024).
- P. Clarkson, 1999, Transaktionsanalytische Psychotherapie.
- Uwe Füllgrabe, Psychologie der Eigensicherung, 10.Auflage 2023 (ursprünglich Robert Axelrod in: Die Evolution der Kooperation).
- Hans Peter Schmalzl, 2008, Einsatzkompetenz.
- Wörtlich übersetzt = Aufmerksamkeitsblindheit, 1907 erstmalig wissenschaftlich erwähnt.
- Ben Sherwood, Wer überlebt? ( „Warum manche Menschen in Grenzsituationen überleben, andere nicht“).
- Uwe Füllgrabe, 2023, a.a,O.
