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Geld(un-)wesen

– Bedrohung der inneren und äußeren Sicherheit? –

Von Dr. Wolfgang Hetzer, Ministerialrat, Wien

 

I. Logik ohne Vernunft


Der Krieg wird nicht kommen. Er ist nämlich schon da, wenn die folgende Einschätzung zutrifft:
„Es herrscht Krieg. Rund um die Welt sterben Menschenmassen in militärischen und terroristischen Auseinandersetzungen. In vielen Ländern toben verheerende Bürgerkriege. Eine weltumspannende Kriminalität torpediert die legalen Systeme aus dem Untergrund. Gleichzeitig rütteln Staats- und Finanzkrisen an den Fundamenten der Gesellschaften und verursachen Leid und Verelendung. Im Vordergrund steht ein zersetzender Machtkampf zwischen Politik und Finanzwelt. Letztere betreibt eine neue Art der Kriegsführung, die eine vergleichbare Strategie verfolgt wie in der Vergangenheit die militärischen Eroberer. Sie zielt auf die Übernahme staatlicher Infrastruktur und die Aneignung von Land und Ressourcen. Sie erhebt ungeheure Tributzahlungen und erzwingt die Abtretung unkontrollierter Schuldenmengen.1

An die Stelle des radikalen Islamismus scheint als Hauptquelle kollektiver Angst für Europäer und Amerikaner seit 2008 in der Tat eine Krise gerückt zu sein, die von innen kommt. Im Schatten des „Krieges gegen den Terror“ hat sich in den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts die größte Finanzblase seit der Großen Depression der 1920er-Jahre aufgebaut. Exzessive Verschuldung westlicher Staaten und unreguliertes Spekulieren an den Finanzmärkten haben etwas bewirkt, was Osama bin Laden nie geschafft hatte: die Gefährdung des Wohlstands von Hunderten Millionen Menschen. Es breitet sich weiter eine generelle Verunsicherung aus, weil selbst berufene Institutionen wie Nachrichtendienste und Regierungsstrategen offensichtlich nicht einmal mehr ahnen, woher die nächsten Einschläge kommen werden. Im Gegenteil. Die Kurzatmigkeit in der Politik, die versucht, den Flächenbrand der Finanzkrise zu löschen, zeigt nur eines: Mit der (Schein-)Lösung alter Probleme werden sofort die nächsten verursacht. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob aus „heiterem Himmel“ sogar Kriege drohen, weil Regierungen und ihre Apparate sich auf das Falsche konzentrieren oder mit den Krisen der Gegenwart schlicht überfordert sind.2
Immerhin scheint die Erleichterung über das Ende des Kalten Krieges und die Freude über den Zusammenbruch der antagonistischen Blockstruktur im Jahre 1989 bereits verflogen zu sein. Das könnte auch daran liegen, dass sich die Psychologie jener Zeit in verwandelter Form erhalten hat. Sie definiert vielleicht nicht mehr das Vorgehen auf potentiellen Schlachtfeldern. Möglicherweise prägt sie aber das Verhalten auf den Finanzmärkten dieser Welt, auf denen jetzt die „ultimativen Spiele“ gespielt werden. Ihnen könnte immer noch die Angst zugrunde liegen, dass totalitäre Systeme Menschen dadurch entmündigten, dass sie vorgaben zu wissen, was für alle das Beste ist. Inzwischen wird behauptet, dass Ökonomen einen Gegenentwurf erdacht haben, wonach jeder nur das tut, was für ihn das Beste ist. Das sei einer der wichtigsten Waffen im Kalten Krieg gewesen. Damit habe der Westen das Spiel der Supermächte gewonnen. Der ewige Friede ist so jedoch keineswegs gesichert, wenn es denn stimmt, dass nach dem Ende des vertrauten Kalten Krieges ein neuer kalter Krieg im Herzen unserer Gesellschaft begonnen hat.
Es gibt Anzeichen dafür, dass die alten Denk- und Handlungsmuster tatsächlich nach wie vor die Bedingungen auf den potentiellen Gefechtsfeldern einer scheinbar friedlichen Welt prägen. Es gilt das überkommene Rationalitätspostulat. Nur derjenige, der ausschließlich an sich selbst denkt, ist vernünftig. Strategisch intelligent kann nur derjenige sein, der unterstellt, dass jeder vor dem anderen etwas verbirgt, um das „Spiel des Lebens“ zu gewinnen. Das war die „spieltheoretische“ Essenz des kalten Krieges.
Die danach entwickelten Modelle sind heute auch Teil des Werkzeugkastens von Hedgefonds. Investmentbanker versuchen ständig die Absichten konkurrierender Händler durch die automatisierte Analyse riesiger Datenmengen so schnell als möglich zu entschlüsseln, vorherzusagen und ihr eigenes Handeln darauf abzustimmen. Dabei ist daran zu erinnern, dass die Modelle des rationalen Selbstinteresses nicht von Psychologen für das Militär entwickelt wurden. Es waren Ökonomen, Physiker und Mathematiker, die ihre Rezepturen für eine Gesellschaft entwickelten, die ihre Überlebensfähigkeit durch Egoismus steigern sollte. Der Anspruch überstieg den Horizont von Soldaten im Kalten Krieg. Er war universal und auf die Entwicklung von Modellen gerichtet, die in jeder Entscheidungslage funktionieren sollten, beim Pokerspiel, im Geschäftsleben, an den Börsen und eben im Krieg.
Ungeachtet seiner Komplexität ist menschliches Verhalten aber nur dann in die Sprache der Mathematik zu übersetzen, wenn die Prämisse unangefochten ist, dass jeder nur aus Eigennutz handelt. In den gar nicht guten alten Zeiten des Kalten Krieges waren Computer Tag und Nacht damit beschäftigt, Signale auf den Radarschirmen zu analysieren. Wie auf einer militärischen Börse ging es darum, die nächsten Züge des potentiellen Gegners vorauszusehen. Die Paranoia war aber kein Privileg nur einer Seite. Also musste man irgendwann die Frage beantworten, was der Gegner tut, wenn er weiß, dass ich weiß, was er plant?
In dieser Lage reduzierte sich Vernunft auf ein Denken, dass immer nur vom Eigeninteresse aller ausgeht. Es überschritt aber irgendwann die Grenzen der Kriegsstrategien und stand am Anfang einer schleichenden Erziehung zum Egoismus, die nun seit Jahrzehnten stattfindet. Ein Menschenbild, das in den frostigen Fünfzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts entstand, versetzt auch nach dem Ende der Sowjetunion die Welt weiter in Angst und Schrecken. Die fundamentale Veränderung der sozialen Beziehungen ist jedoch nicht das Werk einiger egoistischer Hedgefonds-Manager oder Investmentbanker. Sie sind wohl nur ein Symptom. Vielleicht ist auch schon im Wettrüsten des Kalten Kriegs und nicht erst in den ökonomischen Krisen des 21. Jahrhunderts etwas entfesselt worden, dessen Karriere erst nach dem Ende dieses Krieges wirklich begann.3
Die Logik und die Technologie dieser Zeit haben von Anfang an in eine existentiell prekäre Lage geführt. Sie war und ist durch eine besondere Verbindung systematisierten Irrsinns mit glücklichen Zufällen charakterisiert. Es gibt konkrete Beispiele dafür, dass nur noch menschliche Vernunft und eine ethische Konditionierung die Welt vor ihrem Untergang bewahren konnten. Sie zeigen, dass halbwegs gesunder Menschenverstand jeder auch noch so komplexen Technologie überlegen ist. Mathematik kann vernünftiges Denken und Fühlen in bestimmten Situationen eben nicht ersetzen. Das hat der ehemalige russische Offizier Stanislaw Petrow im Jahr 1983 bewiesen. Er hatte damals den Auftrag, die Bereiche der USA zu beobachten, aus denen militärische Flugkörper gestartet werden könnten, um die damalige Sowjetunion zu erreichen. Petrow ist Ingenieur und hatte mit einer Gruppe von Mathematikern seinerzeit das System dafür mitentwickelt.
Die USA wurden damals aus der Sicht der Sowjetunion als Quelle möglicher Aggression sehr ernst genommen. Petrow bestreitet noch heute, dass die Sowjetunion aggressive Absichten gehegt hatte. Man habe sich nur selbst schützen wollen. Die Situation im Jahre 1983 wurde als angespannt empfunden, nicht zuletzt deshalb, weil der damalige Präsident Ronald Reagan die Sowjetunion als „Reich des Bösen“ tituliert hatte und die Amerikaner in Westeuropa Pershing-II-Raketen stationierten, die auch auf Moskau programmiert waren. Die Russen hatten im Gegenzug ihre Raketen in den „Volksdemokratien“ Osteuropas aufgebaut. Am 1. September 1983 erfolgte der Abschuss einer koreanischen Passagiermaschine mit 269 Menschen an Bord vor der Küste der Insel Sachalin durch sowjetische Luftstreitkräfte.
Vor diesem Hintergrund waren Petrow und seine Mannschaft zu besonderer Wachsamkeit aufgerufen, da jeder Fehler zu unabsehbaren Folgen führen konnte. Am 25. September 1983 trug er die Verantwortung im Gefechtsführungszentrum und saß vor dem berüchtigten „roten Knopf“. Dieser Knopf war aber nach seinen Angaben nirgends angeschlossen, weil die russischen Militärpsychologen entschieden hatten, dass man einem einzelnen Menschen nicht die Aufgabe übertragen kann, den Krieg gegen ein anderes Land per Knopfdruck zu beginnen. Petrow hatte den Auftrag, die Informationen, die die Computer lieferten, zu bewerten und weiterzuleiten.
An dem genannten Tag ging um 0.15 Uhr vollkommen unerwartet ein Alarm los. Ein Raketenstart in den USA wurde mit „maximaler Wahrscheinlichkeit“ angezeigt. Die Soldaten im Gefechtsführungszentrum warteten auf die Entscheidung ihres Vorgesetzten Petrow, ob die russischen Raketen jetzt scharf gemacht werden. Er zweifelte jedoch an der Information, weil der Computer nur den Anflug einer einzelnen Rakete meldete. Tatsächlich hatte man erwartet, dass die USA im Falle des Falles als Erste massiv zuschlagen würden und dadurch die Hälfte der sowjetischen Bevölkerung und wichtige Infrastruktur vernichten würden.
Bei einem russischen „Gegenschlag“ wurde seitens der USA mit 20 Millionen getöteten Amerikanern gerechnet. Diese Kalkulation kann Petrow nicht nachvollziehen, weil die Reaktion der Russen mindestens genauso massiv erfolgt wäre. Bei einem Erstschlag der Amerikaner hätten diese länger leben können als die Russen, aber nur 20 bis 30 Minuten.
Nach zwei Minuten der Analyse erklärte Petrow den Alarm telefonisch zum Fehlalarm. Noch während dieses Gesprächs meldete der Computer allerdings einen zweiten, einen dritten, vierten und fünften Raketenstart. Die akustischen Alarmsignale setzten wieder ein. Petrow blieb aber bei seiner Einschätzung, dass es sich um einen Fehlalarm handelte. Er unternahm gleichwohl weitere Klärungsversuche. Hätte er einen Massenstart in den USA festgestellt, wären in den verbleibenden wenigen Minuten die Kreiselkompanden der Raketen aktiviert und die Zielkoordinaten bestätigt worden. Die Fortsetzung menschlichen Lebens auf dem Planeten Erde wäre sehr unwahrscheinlich geworden.Petrow war indessen bewusst, dass sich die amerikanische Raketenbasis zum Zeitpunkt des Alarms genau an der Tag-Nacht-Grenze befand. Deswegen hätte das System nicht von einer maximalen Wahrscheinlichkeit der fünf Einzelstarts ausgehen dürfen. Er bezweifelte auch deshalb die Richtigkeit des Alarms. Zudem wollte Petrow nach seinen eigenen Angaben nicht schuld an einem Dritten Weltkrieg sein.
Nach insgesamt 17 Minuten meldeten die Radaranlagen, dass in jener Nacht keine Raketen im Anflug waren. Nach dreieinhalb Monaten kam man zu dem Schluss, dass die Beobachtungs-Satelliten wohl Sonnenstrahlen, die von der Erdoberfläche reflektiert wurden, als Raketenstart interpretiert hatten, ausgerechnet über einer amerikanischen Militärbasis. Eine derartige Blendung aller Satelliten durch die Sonne galt zwar als extrem unwahrscheinlich. Sie war aber nicht unmöglich.
Petrow wurde für seine Handlungsweise von seinen damaligen Vorgesetzten nicht belobigt. Die Fehlerlosigkeit des Überwachungssystems sollte anscheinend nicht angezweifelt werden. Er würde sich heute anders verhalten. Nach der veränderten Weltlage und der entsprechenden militärischen Strategie würde man jetzt wohl versuchen, mit einzelnen Raketen zuerst die wichtigen Kommunikationsanlagen des Gegners auszuschalten und erst dann massiv zuschlagen.4
Wie auch immer: Sollte diese Kombination von technischer Intelligenz, Angstneurosen und ideologischer Verblendung bis heute in andere Hochrisikozonen ausstrahlen, besteht kein Anlass zu Entwarnung, wie insbesondere die Entwicklung auf den Finanzmärkten zeigt. Dort könnten durch bestimmte Verknüpfungen Brandherde entstehen, mit potentiell flächendeckenden Verheerungen:
„Die westlichen Demokratien stehen vor dem Kollaps ihres Finanzsystems – gemessen an den nie mehr zu begleichenden Schuldenbergen hat der Kollaps eigentlich schon stattgefunden. Funktioniert aber die wesentliche narzisstische Regulation über Geld nicht mehr, ist mit wachsenden gewalttätigen Auseinandersetzungen zu rechnen, wie sie in den europäischen Großstädten bereits stattfinden. Wird die zugrunde liegende narzisstische Problematik nicht verstanden und werden keine zivilisierten Formen zu ihrer Regulation gefunden, drohen uns zunehmend blutige Krawalle oder neue Kriege.“5

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