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Gefahrenabwehr zwischen Geldsystem und Gangsterwirtschaft


Seit der Aufgabe der Golddeckung dreht sich die Schuldenspirale mit beängstigender Zwangsläufigkeit ins Unendliche. Ein unerlösbarer Schuldenzusammenhang stabilisiert sich. Die Schulden werden je nach politischen Vorlieben erhöht. Die Tilgung verlagert sich in eine immer fernere Zukunft. Die unbezahlbaren Schulden sind ihrerseits kreditfinanziert. Im modernen „Pumpkapitalismus“ sind Geldprobleme nicht mehr lösbar. Es geht nur noch um deren Management durch Regierungen und Geldinstitute. In der Trennung vom Geld dürfte der Kern der globalen Finanzwirtschaft und der gegenwärtigen Banken- und Schuldenkrise liegen. Angesichts zunehmenden Wohlstandsverzehrs (Rentenansprüche eines immer größer werdenden Bevölkerungsanteils) müssen die wachsenden Kreditrückstände quasi künstlich aufgeholt werden. Innovative Finanzprodukte lösen das Geld möglichst vollständig von den Fesseln der Realwirtschaft. Sie müssen sogar immer innovativer werden, damit sie das zunehmend labile „Perpetuum mobile“ der aneinander geketteten Kreditfiktionen ausbalancieren können. Moderne Kapitalmärkte sagen der Wirtschaft deshalb nicht mehr, wo sie steht. Sie dienen vielmehr der unbegrenzten Geldvermehrung. Die Börsen sind zur Geldmaschine geworden, die alle Verbindungsreste zur schwach wachsenden Realwirtschaft kappt.
Die Entkopplung der Finanzmärkte ist unbedingt gewollt. Andernfalls könnte das Wohlstandsversprechen nicht eingehalten werden. Die Wirtschaft ist zur weltweiten Wette geworden. Auf den modernen Tummel- und Rummelplätzen der elektronischen Bösen ist die Körperlosigkeit des Geldes natürlich von Vorteil. Es ist sogar zu einem geheimnisvollen, vielfach paradoxen Mysterium geworden. Als papiernes Nichts und binärer Code neigt es zur totalen Grenzen-, Maß- und Zügellosigkeit. Es wird vom Staat und seinen Notenbanken emittiert, von den Geschäftsbanken als Schuld und Vermögen zugleich vermehrt und verbreitet, gebunden nur an das Vertrauen derer, die es in der Hoffnung auf seine Vermehrung investieren, verleihen und weiterreichen. So ist es ständig darauf aus, sich selbst als Obligation zu befruchten und als Kredit zu bestäuben, als Anleihe zu vermehren und als Derivat fortzupflanzen, dabei triebhaft vagabundierend, ohne partnerschaftliche Protektion, ohne Moral, ohne Halt – und ohne Deckung. In einem Satz: Das promiske und wollüstige Geld schafft die Romantik der ökonomischen Unvernunft. Ein hexerisches Versprechen auf Selbstvermehrung erscheint als der esoterische Kern unserer Wachstumsdoktrin. Die quasi autosexuelle Libido ist schließlich die Triebkraft unserer Finanzmarktgläubigkeit. Es gilt nur eine immanente Logik ohne Ansehen der Moral. Die Finanzmärkte präsentieren sich als Venusberg des schwarzkünstlerischen Geldes, wo es den magisch-archaischen Menschheitstraum vom alchimistisch geschöpften Reichtum ausheckt. Die Wette gilt:

  • Wetten wir, dass ich aus der schieren Abwesenheit meiner Substanz (als Schuldtitel) ein Vermögen destillieren kann?
  • Wetten wir, dass ich aus dem Nichts meiner Negation (als unbesicherte Forderung) buchstäblich angereichertes Geld zu extrahieren vermag?
  • Wetten wir, dass ich mich sogar, von niemandem besessen, gegen den Ausfall meiner Antimaterie versichern kann (Credit Default Swap), um mich durch die Zahlungsunfähigkeit Dritter zu vermehren?

Unabhängig vom Ausgang dieser Wetten gilt: Heute sind Politiker, Finanzmarktakteure und Wohlstandsbürger im Börsenspiel zu einer tragischen Schicksalsgemeinschaft verschworen. Alle huldigen sie der wundersamen Geldvermehrung an den Finanzmärkten wie einer monetären Befreiungstheologie auf dem Weg ins Scheinparadies der Pumpwirtschaft. Dort handelt man aber nicht mehr wie zu idyllischen Zeiten mit Obligationen, Einstandsverpflichtungen und Haftungszusagen, sondern mit Eskalationskalkülen, Progressionserwartungen und Vermehrungsversprechen. Geld ist mithin weniger ein Zahlungsmittel als ein psychopolitischer Endzweck zur Aufrechterhaltung der nationalen Wohlstands- und Reichtumsillusion. Dahinter stehen allerdings mehrere Wahnvorstellungen:
Zu einen glaubt man, dass sich die ungebundenen Schulden von heute entweder durch das Wirtschaftswachstum von morgen oder durch eine spätere Selbstbescheidung des Staates einholen. Zum anderen hofft man, dass das promiske Geld sich an der Börse dauerhaft schneller vermehrt als die Wirtschaft, auf die es bezogen ist.
Vor diesem Hintergrund sind die Geldkrisen der Gegenwart vielleicht doch kein Ausdruck von Marktversagen, keine Krise des Kapitalismus, kein Argument gegen die Gier und schon gar kein Beweis für den Unsinn von Managergehältern und Renditezielen. Sie belegen vielmehr staatskapitalistisches Systemversagen. Das freie Geld steckt in der Krise, mit ihm die Theorie der Pumpwirtschaft – und damit der Staat als Emissionär des Geldes, als Hüter seines Wertes und Letztinstanz unseres Vermögens. Das führt zur entscheidenden Frage:
Können wir unserem Staat noch vertrauen?
Womöglich hängt alles davon ab, ob der Staat die Kreditschöpfung der Geschäftsbanken auf ein gesundes Maß beschränken kann, ob er die Fruchtbarkeit des autosexuellen Geldes an den Finanzmärkten von sich selbst weg und wieder zurück auf Güter und Dienstleistungen hinzulenken vermag, auf eine Realwirtschaft, die im Geld ihren Ausdruck findet.
Kann der Staat also die satanische Frivolität des Geldes zügeln, sich als Antigeld (Schuld, Kredit) zu verbreiten, bevor es sich und uns selbstvermehrend aufzehrt?
Von der Antwort auf diese Fragen hängt der Bestand des Staates ab. Bei ihm allein ist unser Geld aufgehoben, seiner Protektion ist es ausgeliefert. Wir haben ihm unsere Schätze anvertraut. Der Staat ist ein Tresor, in dem unsere Einlagen und Reserven gesichert sind und unser Geld-Welt-Vertrauen verwahrt ist.
Was aber passiert, wenn er genau dieses Vertrauen verliert?
Derartige Überlegungen werden nicht nur von Kulturhistorikern wie Schnaas in weltfernen Gelehrtenstuben angestellt. Sie finden mittlerweile auch in gesellschaftlichen Foren und politischen Zirkeln statt. Das ist auch nicht verwunderlich, denn die Finanzkrise war so gewaltig, dass sie nicht als einfacher „Betriebsunfall“ durchgehen kann. Immerhin wurden Banken mit Milliarden gerettet und Teile der Weltwirtschaft gerieten in eine Rezession. Auch wenn der offene Protest (z. B. die „Occupy“-Bewegung) abgeebbt ist, wächst bei vielen Bürgern das Interesse an einer Reform des Geldsystems. Eine Geldwende verlangt jedoch einen langen Atem. Immerhin ist es einigen schon längst zu wenig, nur das Bankkonto zu wechseln. Man beschäftigt sich mit grundlegenden Änderungen des Geldsystems. Das geschieht unter der Annahme, dass es sich dabei um ein öffentliches Gut handelt, über dessen Gestaltung nach demokratischen Regeln entschieden werden sollte.
Im derzeitigen Diskussionsspektrum sind mehrere Ansätze zu finden. Da gibt es die Vorstellung einer „Vollgeldreform“. Dabei geht es um die Forderung, dass künftig nur noch der Staat Geld herstellen darf. Solch eine Lage gab es schon im 19. Jahrhundert, als Staaten den Geschäftsbanken das Recht des Banknotendrucks entzogen, weil die Institute zu viel Geld hergestellt und damit Krisen ausgelöst hatten. Jetzt gibt es das Empfinden, dass der Staat der Schöpfung elektronischen Buchgeldes durch die Geschäftsbanken einen Riegel vorschieben sollte. Daneben hat man die Vorstellung, dass die Geldschöpfung statt beim Staat lieber bei einer unabhängigen Zentralbank liegen sollte. In beiden Varianten könnte jede Geschäftsbank Kredite nur noch in dem Umfang vergeben, in dem sie tatsächlich über Zentralbankgeld verfügt. Sie könnte eben kein eigenes Buchgeld schaffen. Manche (Thomas Mayer/Roman Huber, Vollgeld – Das Geldsystem der Zukunft –, Marburg 2014) vertreten sogar die Ansicht, dass die Umstellung auf „Vollgeld“ die Euro-Krise schlagartig lösen würde, weil das Geld bei Bankenpleiten sicher wäre, die Finanzmärkte weniger Treibstoff für Spekulationsblasen hätten und die Schulden der Euro-Staaten zu 60 Prozent getilgt werden könnten, zumal die Zentralbanken anders als heute tatsächlich die Geldmenge kontrollieren könnten. Andererseits wird die These einiger Reformer hinterfragt, die den Quell des Übels in der Kreditschöpfung der Banken sehen und vermuten, dass die entscheidende Gefahrenquelle und der Grund für die Instabilität die Deregulierung der Finanzmärkte gewesen sei. Deshalb müsse man mit der Kur dort und nicht so sehr bei den Kreditvergabemöglichkeiten der Banken ansetzen. Mittlerweile wird auch die Idee einer „Gemeinwohlökonomie“ propagiert. In Österreich bemühen sich Bürgerinitiativen um die Gründung einer Alternativbank. Der Bundespräsident a. D. Horst Köhler hatte noch in seiner Amtszeit seinen Unmut über die Entwicklung der Finanzgeschäfte ausgedrückt und erst kürzlich wieder die aufkeimende Selbstgerechtigkeit und das „Geschrei“ über eine angebliche Überregulierung als peinlich empfunden. Nach jahrzehntelangen Fehlentwicklungen widersprächen die Banken krass dem Idealbild von Banken im Dienste der Privatkunden, Unternehmen und der Volkswirtschaft. Für ihn ist die entscheidende Frage, woran der Erfolg einer Bank gemessen wird. Den Preis, also möglichst geringe Kreditzinsen für den Kreditnehmer und möglichst hohe Guthabenzinsen für den Sparer, hält er als Indikator für zu eng, weil es in dieser Logik egal sei, ob eine Bank Projekte wie „generationsübergreifendes Wohnen“ oder „intelligente Landminen“ finanziert. Köhler sieht in der Wirtschaft im Übrigen keinen Selbstzweck. Sie solle Verhältnisse schaffen, in denen sich der Einzelne wohlfühlt. Der ehemalige Bundespräsident macht sich jedoch keine Illusionen darüber, dass die notwendigen Veränderungen noch Zeit brauchen, hat die „Gegenreformation“ gegen die Deregulierungsexzesse der vergangenen Jahrzehnte doch gerade erst begonnen. Unterdessen wächst die Überzeugung, dass es auch nur eine Frage der Zeit ist, bis die nächsten Blasen platzen und eine neue Krise auslösen (vgl. insgesamt: Caspar Dohmen, Wir sind das Geld, in: Süddeutsche Zeitung vom 29. August 2014, S. 11).In einer von dem Abgeordneten des Europäischen Parlaments Sven Giegold, Fraktion der Grünen, herausgegebenen und von Thomas Fricke verfassten Kurzstudie vom 30. April 2014 („Hochzeit für Geldverbesserer – Vollgeld, Freigeld, Free Banking und andere Radikalvorschläge – brauchen wir nach der großen Finanzkrise eine völlig neue Geldodnung?“ –) wird betont, dass die Finanzkrise, die im Jahre 2007 begann, weder als eine Art Betriebsunfall des Bankensystems noch als moralische Verfehlung einzelner zu verstehen ist. Immerhin hat sie eine Diskussion losgetreten, die von einer Debatte über Reformen des Bank- und Finanzwesens reicht bis zur Frage, ob man eine ganz neue Geldordnung samt neuer Regeln zur Kreditvergabe schaffen sollte.
Dabei scheint zunächst Einigkeit zu bestehen, dass die Krise von einer zunächst exzessiven und dann kollabierenden Kreditvergabe (Verschuldung) geprägt wurde. Uneins ist man aber schon bei der Frage, ob es sich dabei um einen Kausalfaktor oder einen Verstärker von Fehlentwicklungen handelt. Verbreitet ist die Auffassung, dass die Kreditexzesse auf fahrlässig niedrige Zinsen und entsprechend billiges Geld zurückzuführen sind. Damit wird auch die Rolle der Notenbanker zum Thema.
Andere sehen die Kreditexzesse als Begleitphänomen inhärent instabiler, wankelmütiger Finanzmärkte mit starkem Hang zur Vermögenskonzentration. Im Zuge des Herdentriebs wächst die Bereitschaft zur Kreditvergabe. Eine prozyklische Eigendynamik der Märkte erzeugt Kreditblasen.
Manche sehen die Kreditexzesse allerdings als zwingende Folge der bestehenden Geldordnung, in der Banken durch fast grenzenlose und durch sich ständig steigernde Kreditgewährung Geld aus dem Nichts schaffen, ein Prozess, der möglicherweise nur dadurch zu stoppen ist, dass nur noch der Staat Geld schaffen darf, eben „Vollgeld“. Im Zusammenhang damit steht natürlich auch die Kritik am Zins, der sowohl für einen zweifelhaften Wachstumszwang als auch für das Horten von Geld verantwortlich gemacht wird.
Während die Vertreter des Vollgelds der Weisheit einer öffentlichen Instanz vertrauen, setzten die Anhänger des „Free Banking“ auf die Effizienz des Marktes. Der Theorienstreit wird immer lebhafter. Es ist aber zweifelhaft, ob eine neue Geldordnung die „manisch-depressiven“ Schwankungen der Finanzmärkte beheben könnte und ob nicht die Ausstattung der Realwirtschaft mit Kredit und Geld leiden würde. Gegebenenfalls müsste man weniger radikale Reformen innerhalb der bestehenden Geldordnung anstreben. Gegenwärtig lässt sich noch nicht mit hinreichender Sicherheit sagen, welchen Verlauf der noch recht junge Diskussionsprozess nehmen wird.

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