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Gefahrenabwehr zwischen Geldsystem und Gangsterwirtschaft

III. Wer rettet die Mafia vor den Banken?


Insbesondere die in Italien beheimatete Organisierte Kriminalität (OK) firmiert bis heute gerne unter der Bezeichnung „Ehrenwerte Gesellschaft“. Etliche ihrer Vertreter halten sich für etwas Besonderes, proklamieren nicht nur einen eigenartigen Begriff der „Ehre“, sondern grenzen sich vom Rest der bürgerlichen Gesellschaft ab und machen „ihr eigenes Ding“ („Cosa Nostra“). Der Ausdruck „Mafia“ ist aber schon lange nicht mehr auf kriminelle Vereinigungen aus Italien beschränkt. Er ist in vielen Spielarten und Verknüpfungen zu einer fast magischen und häufig angsterzeugenden Formel geworden und unterliegt höchst unterschiedlichen Interpretationen. In der öffentlichen Debatte hat sich im Hinblick auf die klassische Mafia das Bild einer fast mythologischen „Unterwelt“ festgesetzt, in der fernab von der bürgerlichen Gesellschaft und den bekannten Machtzirkeln der Politik und den Zentren der Wirtschaft ein eigenes Leben nach geheimnisvollen Riten und Traditionen stattfindet und ein besonders strikter Ehrenkodex gilt. Das bewirkt in den noch vorhandenen Kreisen bürgerlicher Wohlanständigkeit eine Entlastung: Die „Mafia“, das sind immer nur die Anderen, Fremden, Fernen, eine unheimliche Bedrohung, die von außen kommt, die wohlgeordnete eigene Welt bedroht und mit brutaler Energie drangsaliert oder auch mit korruptiven Praktiken unbescholtene Bürger verführt. Das alles ist aber nur nostalgischer Unsinn.Die Finanzkrise provoziert heute Fragen, die sich vor kurzem niemand vorstellen konnte. Das haben wir auch Zeitgenossen wie dem ehemaligen Deutschland-Chef der schon erwähnten Investmentbank Goldman Sachs zu verdanken, die im Krisenjahr 2009 noch mehr als zehn Milliarden Dollar verdient hatte. Alexander Dibelius erklärte der geduldigen und nicht einmal blökenden riesigen Herde der Bankkunden, dass Banken und besonders private und börsennotierte Institute nicht zur Förderung des Gemeinwohls verpflichtet seien. Sie dienten der Gesellschaft am besten, wenn sie überzogene Risiken vermeiden und Geld verdienen. Bei den Angaben zum Gewinn der Bank Goldman Sachs war übrigens schon berücksichtigt, dass allein für die ersten neun Monate des Jahres 2009 fast 17 Milliarden Dollar für Manager-Boni zurückgelegt worden waren. Der Vorgesetzte von Dibelius, Lloyd Blankfein, hatte kurz zuvor überdies mitgeteilt, dass er doch nur Gottes Auftrag erfülle und die hohen Gewinne der Investmentbank für die Gesellschaft unproblematisch seien. Die zitierten Herrschaften haben sich jedoch nicht mit dem bei den Gewinnen von Banken wie Goldman Sachs, Deutsche Bank und JPMorgan vorliegenden Verdacht auseinandergesetzt, dass ein Marktversagen vorliegt. Tatsächlich beherrschen in besonders lukrativen Geschäftsbereichen wie etwa dem Derivatehandel wenige Investmentbanken den Markt. Deren Macht hat sich in der Krise sogar noch weiter konzentriert. Dabei liegt es auf der Hand, dass die hohen Bonuszahlungen für spezialisierte Banker nicht nur die Grenzen des guten Anstands sprengen. Sie helfen den Marktführern auch, sich gegen neue Wettbewerber abzuschotten. Vor diesem Hintergrund sind Banken durchaus dem Gemeinwohl verpflichtet. Angemessen strenge Regulierungen haben bis dahin nicht verhindern können, dass sich Finanzinstitute im Stile einer mafiotischen Verschwörung zusammentaten und auch gesellschaftliche Flurschäden unübersehbaren Ausmaßes verursachten. Wer glaubt, dies habe sich nur auf Hypothekenmärkten abgespielt, möge sich die neuesten Untersuchungsergebnisse über Manipulationen auf den Zins-, Devisen- und Goldmärkten anschauen.
Natürlich hat es keine honorige Bank verdient, als Teil einer „Finanzmafia“ diffamiert zu werden. Man kommt aber mit den konventionellen kriminalistischen Definitionsversuchen auch nicht weiter. Das ist angesichts der in der Finanzkrise zutage getretenen kriminellen Energie und der organisierten Vorgehensweise von Personen und Gruppierungen höchst bedauerlich. Es geht auch nicht um die Mafia als eine konkrete historische und leider auch aktuelle Variante der OK in Italien oder in den USA. Es handelt sich vielmehr um ein System unkontrollierter Macht. „Mafia“ ist nur eine Metapher, die für einen pathologischen und asozialen Machtmissbrauch steht. OK ist übrigens nicht nur ein Merkmal strukturschwacher Gesellschaften. Sie hat sich in unterschiedlichen Formen in allen politischen Formen ausgebreitet. Es stellt sich gar die Frage, ob sich die OK als Wirtschaftsform und als „politisches“ Prinzip etabliert hat. Das Postulat einer Unterscheidbarkeit von Gewinn und Beute hat mittlerweile die Überzeugungskraft eines Ammenmärchens. Steuerhinterziehung, Fehlallokation von Kapital zum Zwecke der Steuervermeidung, steuerlicher Gestaltungsmissbrauch von legalen Unternehmen und korruptive Praktiken in weltweit operierenden Konzernen und eben auch die Geschäfte der Finanzbranche haben zu einer strukturellen und funktionellen Überschneidung mit der OK geführt. Gegenüber den dort anzutreffenden Akteuren sind klassische Mafia-Bosse jedweder Herkunft völlig chancenlos. Man sollte sie als seltene Exemplare einer versinkenden und bedrohten Spezies eher in den Geltungsbereich des Washingtoner Artenschutzabkommens einbeziehen. Sie wären nie in der Lage gewesen, einen vergleichbaren Schaden zu stiften, wie dies den Tätern der Finanzindustrie gelungen ist. Diese haben mit ihrer Expertise dazu beigetragen, dass die Finanzkrise zu einem sicherheitspolitischen Problem erster Ordnung geworden ist. Die von ihnen vorangetriebene Globalisierung hat auf den Finanzmärkten eine Kasinokultur entstehen lassen, nach deren Maßstäben jede von der Mafia in Las Vegas oder sonst wo gegründete Spielhölle ohne weiteres als Müttergenesungsheim anerkennungswürdig ist.
Im Mittelpunkt der ganzen Entwicklung steht allerdings eine Korruption systemischer Qualität. Regierungen haben erlaubt, dass das Finanzsystem und seine wichtigsten Vertreter außer Kontrolle gerieten. Und wenn sie hätten scheitern müssen, wurden sie als „systemrelevant“ erklärt und gerettet. Finanziers und Wirtschaftsführer haben nach politisch verfügten Deregulierungen in maximaler Hemmungslosigkeit eine Bereicherungsorgie veranstaltet, wie sie die Welt noch nie zuvor gesehen hatte, von den Hochzeiten des spanischen und britischen Kolonialismus abgesehen. Banker, Fondsmanager und Vermögensverwalter haben ihre Dienstleistungen und ihre Seelen verkauft, um riesige Summen Geldes zu scheffeln. Sie haben es sich in die eigenen Taschen gesteckt, als dieses Finanzsystem kollabierte. Armeen von Rechnungsprüfern, Buchhaltern und Rechtsanwälten haben sich legalen und illegalen Industrien wie Söldner zur Verfügung gestellt, um schmutzige Geschäfte zu verdecken oder ihnen den Anschein der Rechtmäßigkeit zu verschaffen. Ratingagenturen und Beratungsgesellschaften haben Unternehmen innerhalb und außerhalb des Finanzsektors betrügerisches Verhalten gelehrt und ihnen anschließend Unbedenklichkeitstestate erteilt. Nicht nur die Offshore-Finanzzentren haben Geld jeder Herkunft akzeptiert und keine Fragen gestellt. Darin liegt insgesamt der korrupte Kern der Finanzkrise, die für die OK neuer Art geradezu ein Jungbrunnen war.
Wie bereits angedeutet, beruht die Bezeichnung „OK“ oder „Mafia“ allzu oft auf einer unreflektierten Übernahme des Postulats der Unterscheidbarkeit von Politik, Wirtschaft, Staatsbürokratie und organisierten kriminellen Strukturen. Die Verhütung und Verfolgung einer bestimmten Art von Kriminalität auch und besonders im Finanzsektor scheitert auch daran, dass sie in vielen Staaten „nur“ die radikale Ausprägung ökonomischer, militärischer und politischer Machtverhältnisse ist. In der Finanzkriminalität spiegeln sich noch mehr als in der überkommenen OK die moralischen und ethischen Widersprüche einer Gesellschaft. Sie enthüllt auch die Lebenslügen der bürgerlichen „Wohlanständigkeit“ und offenbart die Folgen politischer Täuschungen zum Zwecke des Machterwerbs. In der Bankenwelt werden die Wirkungen der egomanisch-gesellschaftsfeindlichen Energie potenziert, die Funktionsträger bei der Eroberung und Verteidigung ihrer Positionen in Politik, Wirtschaft und Verwaltung regelmäßig entwickeln, zum Schaden aller, die noch daran glauben, dass zwischen Arbeit und Erfolg ein Zusammenhang bestehen muss und die sich gegen eine Entkopplung von Herrschaft und Haftung wenden wollen.

 

IV. Geld zwischen Vertrauen und Risiko


Sollte man den einen oder anderen der bisherigen Hinweise für nicht völlig absurd halten, dann stellt sich nicht nur die Frage, ob man Bankern eines bestimmten Zuschnitts trauen kann. Angesichts der zitierten Summen und des begrenzten Erfolgs der Bemühungen zur Eindämmung der Finanz- und Schuldenkrise in Europa mag sich der eine oder andere auch fragen, ob eine Währungsgemeinschaft, in der sich der Zweifel eingenistet hat, überhaupt funktionieren kann und ob der rationale Betrieb einer Geldwirtschaft denn noch möglich ist. Jenseits persönlicher Vermögensverhältnisse wird man anerkennen müssen, dass Geld ein „Klebstoff“ zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft ist. Im gemeinschaftlichen Europa hat dieser Umstand vielleicht sogar eine historische Wucht. Wenn dem so ist, wirkt Bereicherungssucht nicht nur als Motor ökonomischer, sondern auch sozialer Verwüstung. Es ist allerdings unklar geworden, ob wir derzeit zu wenig oder zu viel Geld, vielleicht auch Falschgeld in einer besonderen Ausprägung haben. Der Aufgabe des Goldstandards folgte der „Finanzkapitalismus“. Er ist das Phänomen „ausufernden“ Geldes. Es ist dort wie in der Politik: Die Akkumulation von Nullen löst Beklemmung vor dem Augenblick aus, in dem sich das Geld als genau das offenbaren könnte, was es ist: ein Anhäufung von Nullen. Geld wäre dann nur noch ein Zeichen. Dieser Abstraktionsgrad kann vielleicht auch die Raserei der Börsenhändler und Spekulanten erklären. Eine sich selbst nährende Begierde charakterisiert die hohe emotionale Energie des Geldes. Nur Religion und Sexualität können ähnliche Leidenschaften entfesseln, die sich mit krimineller Energie entladen und sich bis zur Gewalt steigern können. Die Triebstruktur des Geldes führt in eine Art Entrückung, die durch die irrsinnige Manipulation leerer Zeichen ausgelöst wird. Geld ist jedenfalls nicht durch seine Zweckrationaliät zu begreifen. Es handelt sich um eine der wirkungsmächtigsten Verführungen, die den Stil des Lebens prägen. Es ist empirisch gesichert, dass beim Umgang mit Geld die gleichen Gehirnregionen wie beim Genuss von Kokain und beim Sex aktiviert werden. Mit anderen Worten: Auch (und gerade) beim Geld bleibt der Verstand auf der Strecke. Dann wäre die Ahnungslosigkeit, mit der man im Vorfeld der gegenwärtigen und anhaltenden Finanzkrise agierte, auch nicht so verwunderlich. Jeder hätte doch seit Schaffung der monetären Seifenblase zu Beginn der 1970er Jahre und spätestens seit 1989, als das Verhältnis zwischen globalem Sozialprodukt und globaler Geldmenge auf ein Verhältnis von 1 : 300 anschwoll, mit einem Platzen dieser Blase rechnen können. Es ist auch keineswegs erstaunlich, dass es auf dem amerikanischen Hypothekenmarkt für Privatbauten losging. Hätte sich eine internationale Überwachungsbehörde die fragilsten Teile der globalen Geldstruktur vorgenommen, dann hätte ein solches Frühwarnsystem ohne weiteres Alarm schlagen können. Es ist gleichwohl zur schlimmsten Wirtschaftskrise aller Zeit gekommen. Daher sind Fragen nach dem Umfang der vor diesen Ereignissen verbreiteten geldinduzierten Naivität oder aber nach der Intensität der vorhandenen kriminellen Energie durchaus berechtigt. Solche und andere Fragen sind aber nicht zu beantworten, wenn man nicht verstanden hat, was Geld seiner Bedeutung und Herkunft nach ist. Die „Geld-Welt-Moderne“ bleibt ansonsten gerade in Krisenzeiten unzugänglich. Man muss also für kurze Zeit in die „Alchimie der Geldschöpfung“ eintauchen. Früher oder später gewinnt man dabei grundsätzliche Erkenntnisse, vorausgesetzt man vertraut sich nicht der Führung von Betriebswirten an, sondern folgt der Gedankenführung des einen oder anderen Kulturhistorikers, hier insbesondere Dieter Schnaas:Alle kapitalistische Wirtschaft ist Staatswirtschaft, stimuliert von der unsichtbaren Hand des Geldes, beseelt von seiner schöpferischen Kraft, geheiligt durch den Glauben aller an seinen amtlich garantierten Wert. Im Anfang ist also ein Staatsakt, der Geld als Geschöpf der Rechtsordnung konstituiert. Ungebundene Autorität macht Geld, indem sie „etwas“ zu Geld erklärt. Erforderlich ist nur ein Testat oder eine zwischenstaatliche Vereinbarung, und schon haben sich D-Mark und Schilling in den Euro verwandelt. Dabei muss Geld rein gar nichts an „Wert“ beinhalten. Papiergeld, Kreditkarten und Buchgeld sind ohne Bürgen gleichermaßen wertlos. Modernes Geld speichert auch keinen Wert. Es repräsentiert und behauptet ihn nur. Der klassischen Wirtschaftstheorie ist daher die entscheidende Pointe der modernen Geldwirtschaft entgangen. Geld ist heute nicht mehr vom Metallwert des Goldes akkreditiert. Jetzt geht es um „Fiatgeld“ (fiat pecunia“ – es werde Geld). Mit einem Wort: Gold ist ohne Geld nichts – und Geld ist ohne Gold alles. Verantwortlich für den endgültigen Bruch zwischen dem Geld und dem Gold sind übrigens (wieder einmal) die Amerikaner. Sie haben zur Finanzierung ihres Vietnamkrieges die Dollarproduktion angeheizt und so den Goldstandard überschritten. Die D-Mark war bekanntlich bis 1973 über den „Goldstandard“ des Dollars an das Gold gebunden. Das Geld wurde quasi substanzlos. Gold degenerierte seit diesen Zeiten zu Tand, Talmi, Kitsch, Kram, Firlefanz. Und nun treten die Zentralbanken auf den Plan. Sie stellen den Geschäftsbanken „Als-ob Geld“ zur Verfügung. Diese geben es dann an ihre Kunden weiter. Dabei handelt es sich nicht um vorhandenes und verliehenes Geld, das auf irgendeine Weise gedeckt ist, sondern um neues und frischgeschöpftes Geld, das als „Geld“ in der Welt ist und gleichzeitig eine Schuld repräsentiert. Der Staat und die Banken leihen sich dieses Geld selbst. Sie stellen sich selbst damit quasi „Antigeld“ für ihre jeweiligen Zwecke zur Verfügung. Auf diese Weise verwandeln sich Banken in „Schuldfabriken“, wo es ständig produziert wird. Die jeweiligen Beträge sind zugleich Geld und Schulden.

Foto: A. Lemberger

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