Kriminalität
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Sicherheit in einer offenen und digitalen Gesellschaft

6.2 Lebzeitverbeamtung vs. modernes Personalmanagement?

Prof. Dr. Jürgen Weibler, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Fernuniversität Hagen, hob hervor, dass erfolgreiche Unternehmen und Institutionen nicht nur die eigene Organisation digital „aufstellten“. Die erfolgreichen wüssten auch, dass sie auf eine jüngere Generationen träfen, deren Zuspruch sie benötigten und deren Erwartungen sie gleichzeitig zu berücksichtigen hätten. Diese hätten also erkannt, dass sie attraktive Arbeits- und Lebensbedingungen schaffen müssten. Hier hätte sich nicht nur der Verfasser gewünscht, dass der Saal mit Leitern von Personalbereichen in den Polizeien gefüllt gewesen wäre. Wenn in einigen Amtsstuben die Innovationsbereitschaft beim Verweis auf die hergebrachten Grundsätze des Berufsbeamtentums endet und die Lebzeitverbeamtung als das „Non plus ultra“ der Motivation postuliert wird, fällt der optimistische Blick in die Zukunft bisweilen schwer.
Elmar Vaher, Leiter der estnischen Polizei- und Grenzschutzbehörde, stellte in seinem Vortrag die Herausforderungen und Chancen des Technikeinsatzes bei der Polizeiarbeit und die dabei in Bezug auf das Management gesammelten Erfahrungen der estnischen Polizei und des Grenzschutzes dar.
Fast zum Abschluss der Tagung stellte Thomas Model, Leiter der Akademie der Polizei Hamburg, tradierten Mustern der Personalgewinnung erfrischend neue Ideen gegenüber. Er kritisierte, dass es den Polizeien gegenwärtig an validen Anforderungs- und Kompetenzprofilen fehle. Hier müsse schnell nachgearbeitet werden, um diese in die Auswahlverfahren einzubringen. In diesen wiederum müsse, so Model, neben der fachlichen und persönlichen Eignung der angehenden Nachwuchskraft vor allem die Frage beantwortet werden, wie die Passung der Person zum Unternehmen festzustellen sei.

 

7 Fazit


Auch die 2018-er Ausgabe der BKA-Herbsttagung griff wieder hochaktuelle Themen der gesellschaftlichen Entwicklung und deren Konsequenzen für die innere Sicherheit auf. Erneut gelang es dem BKA, renommierte Rednerinnen und Redner aus Politik, Polizei, Wissenschaft und Wirtschaft zu gewinnen, die eine Vielzahl von Perspektiven auf das Leitthema einbrachten und neben den Diskussionsbeiträgen und Fragen aus dem Auditorium für zwei interessante und sehr lebendige Tage in Wiesbaden sorgten.

 

Anmerkungen


  1. Leitender Kriminaldirektor a.D. Ralph Berthel studierte Rechtswissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin. Von 2001 bis 2005 war er Dozent für Kriminalistik an der damaligen PFA in Münster-Hiltrup (heute: DHPol). Von 2005 bis 2013 leitete er die Hochschule der Sächsischen Polizei (FH) in Rothenburg/O.L. und unterrichtete Kriminalistik im Masterstudiengang „Öffentliche Verwaltung – Polizeimanagement“. Von 2013 bis 2015 leitete er das Projekt „Die sächsische Polizei im digitalen Zeitalter - Die Nutzung von sozialen Netzwerken und von Mobilfunk-Applikationen (Polizei-App) durch die sächsische Polizei (DigiPol)“. Von 2015 bis Anfang 2019 war Ralph Berthel Abteilungsleiter im LKA Sachsen. Er ist Ehrenprofessor (Pocetnyi Professor) der Belgoroder Juristischen Hochschule des Ministeriums des Innern Russlands und Dozent im Masterstudiengang Kriminologie, Kriminalpolitik und Polizeiwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum. Der Autor ist Gründungsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Kriminalistik e.V. Erreichbarkeit: ralph-berthel@web.de.
  2. Die Herbsttagung 2018 fand in dem im April 2018 neu eröffneten RheinMain-CongressCenter in Wiesbaden statt. Damit stand ein Haus mit exzellenten logistischen Voraussetzungen für die Veranstaltung zur Verfügung.
  3. Das Programm der Herbsttagung, alle verfügbaren Redebeiträge sowie Kurzstatements („Interviews“) der Referenten sind abrufbar (Stand: 22.12.2018) auf der Homepage des BKA (https://www.bka.de/DE/AktuelleInformationen /Publikationen/BKA-Herbsttagungen/2018/bka-herbsttagungen2018_node.html).
  4. Im Bericht wird die Gefährdungslage der IT-Sicherheit in Deutschland im Zeitraum 1. Juli 2017 bis 31. Mai 2018 beschrieben.
  5. Kritische Infrastrukturen (KRITIS) sind Organisationen und Einrichtungen mit wichtiger Bedeutung für das Gemeinwesen. Ihre Systeme und Dienstleistungen, wie die Versorgung mit Wasser oder Wärme, ihre Infrastruktur und Logistik sind immer stärker von einer reibungslos funktionierenden Informationstechnik abhängig. Eine Störung, Beeinträchtigung oder gar ein Ausfall durch einen Cyber-Angriff oder IT-Sicherheitsvorfall kann zu nachhaltig wirkenden Versorgungsengpässen, erheblichen Störungen der öffentlichen Sicherheit oder anderen dramatischen Folgen führen.“ BSI, Die Lage der IT-Sicherheit in Deutschland 2018, S. 10.
  6. BSI, a.a.O., S. 3.
  7. BSI, a.a.O., S. 91ff.
  8. https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Attacken-auf-deutsche-Industrie-verursachten-43-Milliarden-Euro-Schaden.html, Abruf: 22.12.2018.
  9. Vgl. etwa Ausführungen von Y. Hofstetter sowie S. Vosoughi, D. Roy, S. Aral, The spread of true and false news online, Science 09 Mar 2018, science.sciencemag.org/content/359/6380/1146, Abruf: 9.12.2018. Die Autoren stellen darin die Ergebnisse von Untersuchungen zu „Gerüchtkaskaden“ auf Twitter im Zeitraum von 2006 bis 2017 dar. Folgende Feststellungen konnten sie treffen:
    • Etwa 126.000 Gerüchte wurden von 3 Millionen Menschen verbreitet.
    • Falsche Nachrichten erreichten mehr Menschen als die Wahrheit.
    • Die obersten 1% der falschen Nachrichtenkaskaden verbreiteten sich zwischen 1.000 und 100.000 Menschen, während die Wahrheit selten bei mehr als 1.000 Menschen verbreitet wurde.
    • Die Studie kommt auch zu dem Schluss, dass die Falschheit nicht nur mehr Menschen erreiche, sie verbreitete sich auch schneller als die Wahrheit.
    • Verantwortlich dafür machten die Autoren sowohl die Emotionalität der Menschen auch deren Drang nach Neuem.
    • „Der Grad der Neuheit und die emotionalen Reaktionen der Empfänger können für die beobachteten Unterschiede verantwortlich sein“, so die Hypothese der Forscher.
  10. Die These von Frau Hofstetter wird durch die Ergebnisse aktueller Untersuchungen zum Sicherheitsempfinden der Deutschen nicht bzw. nur sehr eingeschränkt gestützt. Vgl. www.lebendige-stadt.de/pdf/Forsa-Umfrage.pdf. Danach fühlen sich knapp 90 % der Befragten sicher. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt die Kriminologische Forschung und Statistik (KFS) des LKA Niedersachsen in der Befragung zu Sicherheit und Kriminalität in Niedersachsen 2017. Vgl. https://www.lka.polizei-nds.de/forschung/dunkelfeldstudie/dunkelfeldstudie---befragung-zu-sicherheit-und-kriminalitaet-in-niedersachsen-109236.html, Abruf: jeweils am 9.12.2018.
  11. BVerfG v. 27.2.2008, 1 BvR 370/07, 1 BvR 595/07-juris.
  12. Vgl. dazu Gesetz zu dem Übereinkommen des Europarats vom 23. November 2001 über Computerkriminalität vom 5. November 2008, BGBl. 2008, II S. 1254f., https://www.bgbl.de/xaver/bgbl/start.xav?start=%2. F%2F*%5B%40attr_id%3D%27bgbl208s1242.pdf%27%5D#__bgbl__%2F%2F*%5B%40attr_id%3D%27bgbl208s1242.pdf%27%5D__1544693879769, Abruf: 13. Dezember 2018.
  13. H. Augustin, TRANSFER, Online Magazin des Steinbeis-Verbundes, https://transfermagazin. steinbeis.de/? p=2836, Abruf: 13.12.2018.
  14. Unter dem Begriff „Menschlicher Faktor“, „Faktor Mensch“ oder „Human Factor“ versteht man Interaktionen zwischen Menschen, technischen Komponenten, Umwelten und organisationalen Bedingungen in aufgabenbezogenen sozio-technischen Systemen. Das Wissen darum schließt Erkenntnisse der Psychologie, der Arbeitswissenschaft und der Bewegungswissenschaft einschließlich ihrer experimentellen, diagnostischen und sozialwissenschaftlichen Methoden sowie ausgewählter Gebiete der Ingenieurwissenschaften und der Informatik ein. Mittlerweile existieren Studiengänge (Etwa Master of Science [M.Sc.] Human Factors an der Technischen Universität Chemnitz), die sich den Fragen der Mensch-Technik-Interaktionen widmen. (Vgl. https://www.tu-chemnitz.de /hsw/studium/humanfactors/studieninhalte/index.php, Abruf: 23.12.2018).
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