Kriminalität
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Grundlagen der kriminalistischen Tatortarbeit

3.2.5 Spuren

Eine weitere Kategorie materieller Veränderungen sind Spuren22. Für die Tatortarbeit von großer Bedeutung ist die Kenntnis von

  • Entstehungsprozessen von Spuren,
  • Spurenarten,
  • Einflussfaktoren auf Spuren,
  • Methoden der Suche und Sicherung von Spuren,
  • Aussage- und Interpretationsmöglichkeiten von Spuren im Beweisverfahren.

Die Analyse von Spuren lässt verschiedene Aussagemöglichkeiten23 zu.

  • Lokale Aussagen der Spur (z.B. durch Auswertung der Spur – Eingrenzung des Tatortes): Die lokalen Faktoren kennzeichnen sowohl die einzelne Veränderung als auch die Gesamtheit der Orte, an denen der Täter gehandelt hat (einschließlich der Zu- und Abgangswege). Daraus lassen sich Schlussfolgerungen ableiten, z.B.:
    • zum Täterverhalten,
    • zur Annäherung an den Tatort,
    • zur Fluchtrichtung und zu eventuellen Fluchtmitteln,
    • zum Charakter des Tatortes (z.B. als Fundort (z.B. einer Leiche), Tatort (im engeren Sinn), Feststellungsort (z.B. bei Ladungsdiebstählen)).
  • Personale Aussagen (z.B. Ableiten von Hinweisen auf den Spurenverursacher): Jede Spur steht in direktem (z.B. daktyloskopische Spuren, Handschriften) oder indirektem (z.B. Faserspuren) Bezug zu einer Person. Die Aussage, dass jede kriminalistische Spur einen Bezug zum Handeln einer Person besitzt, bedeutet jedoch nicht, dass auch jede Spur durch menschliches Handeln verursacht wird, z.B. Spuren von eingetretenen Witterungsereignissen (Blitzeinschlag), Tierfraß, technische Defekte (Materialermüdungen).
  • Aussagen zu genutzten Gegenständen (z.B. Tatwerkzeuge): Ähnlich wie bei den personalbezogenen Aspekten ist es möglich, bei Spuren, die durch Gegenstände (z.B. Tatwerkzeuge, Tatmittel) verursacht wurden, Aussagen zur Identität des verursachenden Werkzeuges zu gewinnen. Ziel der Auswertung ist es, Hinweise durch die Widerspiegelung der Merkmale des spurenverursachenden Werkzeugs auf die verwendeten Gegenstände zu erlangen. Steht das spurenverursachende bzw. spurentragende Objekt nur in mittelbarer Beziehung zu Personen, so muss die Beziehung des Objekts zum Täter, zum Geschädigten oder anderen interessierenden Personen eindeutig geklärt werden.
  • Zeitliche Aspekte: Durch die zeitlichen Aspekte der Entstehung von Spuren ist es möglich, zu erkennen, ob Spuren tatsächlich dem Ereignis zugeordnet werden können oder ihre Nichtrelevanz auf prä- bzw. postdeliktische Handlungen zurückzuführen ist (z.B. postmortale Verletzungen der Leiche ohne Tatbezug wie Rippenbrüche bei der Herzdruckmassage im Rahmen der Wiederbelebungsmaßnahmen). Veränderungen (z.B. durch biologische Prozesse oder Witterungseinflüsse) des Spurenmaterials ermöglichen eine u.U. eine zeitliche Eingrenzung der Tatzeit. Von Bedeutung sind hier Spurenüberlagerungen und Veränderungen des Spurenmaterials. Spurenüberlagerungen geben Hinweise auf die Reihenfolge der Entstehung der Spuren. Daraus ableitend lassen sich Handlungen bestimmten
    • Zeiten (zu einzelnen Begehungselementen der Straftat) oder
    • Personen (Täter, Opfer, Zeugen, Tatortberechtigte) zuordnen.
  • Modale Aussagemöglichkeiten: Die Auswertung der modalen Komponenten der Spuren dient dazu, Hinweise zur Tathandlung (Begehungsweise) insgesamt zu erhalten und eventuell Rückschlüsse auf spezifische Fertigkeiten des Täters (Nutzung von Gegenständen in einer bestimmten Art und Weise) zu erlangen. Eine Einschätzung der Entstehungsprozesse einer Spur lässt mitunter auch Schlussfolgerungen für das Beweisverfahren zur Schuld (Vorsatz oder Fahrlässigkeit) ableiten.
  • Motivbezogene Aussagemöglichkeiten: Motivbezogene Aspekte dienen dazu, die Spuren zu interpretieren. Die Auswertung von Spuren erlangt Wahrscheinlichkeitscharakter und hat ihre Bedeutung insbesondere bei der Versionsbildung. Hauptfrage ist: „Warum hat der Täter diese Spur in der gegebenen Situation verursacht?“ Motivbezogene Gesichtspunkte lassen Rückschlüsse auf
    • die Tathandlung und deren Motiv,
    • die Täterpersönlichkeit,
    • Handlungsweisen des Opfers,
    • die Durchsetzung des angestrebten Ziels zu.

Die Kriterien einzeln, aber auch in ihrer Komplexität werden genutzt, um den Tathergang zu rekonstruieren, Hinweise auf die Persönlichkeit des Straftäters zu gewinnen, das Opferverhalten zu analysieren und zu prüfen, ob das mit der Tat angestrebte Ziel (Motiv) erreicht wurde. Die Situation am Tatort wird somit als Summe der hervorgerufenen Veränderungen und Widerspiegelungen betrachtet. Die materiellen Veränderungen sind der Gegenstand der Aufnahme des objektiven Tatortbefundes und somit wesentlicher Bestandteil der Tatortarbeit. Darüber hinaus sind sie eine Grundlage für die Erschließung des Tatgeschehens und lassen vielfältige Interpretationsmöglichkeiten zum kriminalistisch relevanten Sachverhalt zu. Aus kriminal­taktischer Sicht ist es insbesondere von Bedeutung, gesicherte Spuren Personen oder spurenverursachenden Gegenständen zuzuordnen.

 

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