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„Vor dem Täter am Tatort“

Deliktkonzentrationen und Ruheintervalle in einer near repeat area


Das near-repeat-Phänomen lässt sich aber nicht nur in Großstädten beobachten, sondern auch in eher ländlich geprägten Gebieten wie den Kantonen Aargau und Basel-Landschaft, wo PRECOBS derzeit im Pilotbetrieb getestet wird.

 

Triggerkriterien


Bei der near-repeat-prediction-Methodik werden Triggerkriterien zu verschiedenen Delikt-merkmalen festgelegt. Die Vorgehensweise entspricht dem folgenden Prinzip: Ein Triggerfilter enthält eine Liste von gleichtypigen Merkmalen (z.B. Liste von Modus Operandi). Wird bei einem Delikt ein Element aus der Liste gefunden gilt der Trigger als positiv. Ein Triggerdelikt setzt sich aus verschiedenen Triggermerkmalen zusammen, sprich „Tatzeit“, „Beute“ und „Modus Operandi“.
Ein Triggerdelikt ist ein (auslösendes) Delikt, dem potentiell in kurzer Zeit weitere Delikte in der Nähe folgen. Es stellt das erste Delikt in einem near repeat dar. Triggerdelikte sind Delikte, die anhand ihrer Tatmerkmale eine überdurchschnittliche Wahrscheinlichkeit aufweisen, dass sie in „near repeats“ auftreten. Genau umgekehrt ist es bei den Antitriggern. Antitrigger sind Delikte, die anhand ihrer Tatmerkmale eine Wiederholungstat unwahr-scheinlich erscheinen lassen. Als Beispiel für einen Antitrigger seien Beziehungstaten genannt, die sich u.a. an der Begehungsweise identifizieren lassen. Modus Operandi wie „Stumpfe Gewalt“ oder die Benutzung von Schlüsseln weisen auf Täter hin, die aus dem sozialen Nahraum der Opfer kommen (Kawelovsli 2012: 647). In solchen Fällen wird davon ausgegangen, dass diese Tatmerkmale nicht zu einem klassischen Wiederholungsmuster passen. Antitrigger verhindern das Auslösen einer Prognose, auch wenn alle anderen Kriterien dem eines Triggerdeliktes entsprechen. Der Nachweis, dass Antitriggerdelikte weniger Folgetaten aufweisen, wurde in den bisherigen IfmPt-Projekten empirisch belegt.
Anhand ausgewählter Tatmerkmale wird also ein Delikt als Trigger- oder Antitriggerdelikt klassifiziert. In einer zur Prognose geeigneten near repeat area sollte der Anteil der als Triggerdelikte klassifizierten Taten signifikant hoch sein.
Die Verwendung von Triggern verdeutlicht, dass im Gegensatz zu anderen Systemen, bei denen zur Generierung einer Prognose alle Delikte einfließen, bei PRECOBS im Vorfeld mittels o.g. Filters nur solche Delikte für eine Prognose verwandt werden, bei denen man von einem Wiederholungstäter ausgehen kann. Ohne einen solchen „Filter“ würden zwangsläufig auch solche Delikte Eingang finden, bei denen dieser Hintergrund nicht besteht, was unmittelbar zu einer deutlichen Verschlechterung der Prognoseergebnisse führen würde.

Simulation


Sind die relevanten Trigger und Antitrigger sowie die near repeat areas ausgewählt, wird die Analysesoftware konfiguriert und eine retrospektive Simulation gestartet. Hierbei werden ein täglicher Prognosebetrieb über einen vorgebbaren Zeitraum in der Vergangenheit zu den ausgewählten areas durchgeführt und die Ergebnisse dokumentiert. Zur Optimierung können weitere Filter hinzugefügt, bestehende gelöscht und neue Konfigurationen im Simulationsmodus iterativ für die areas ausgetestet werden. So können Modelle sowohl für die Vergangenheit als auch für die Zukunft erstellt werden. Ziel ist es, für jede near repeat area die beste Konfiguration zu finden, um später im Echtbetrieb einen stabilen Prognoseerfolg zu gewährleisten. Es hat sich gezeigt, dass es sinnvoll ist, mit unterschiedlichen Konfigurationen und Gebieten für die Sommer- und die Wintermonate zu arbeiten, da das Täterverhalten jahreszeitlich variiert.
Erfolgsversprechende areas werden für den Tagesbetrieb freigeschaltet. Zentrales Kriterium für eine near repeat area ist die Vermeidung von Fehlprognosen, um operative Kräfte der Polizei nicht unnötig zu binden.
Eine near repeat area sollte insbesondere in den letzten drei Vergleichsperioden bzgl. der relevanten Kriterien (hohe Trefferquote, hoher Anteil an Triggerdelikten, hoher Anteil an (Trigger-) Delikten in near repeat pairs, wenige Einzeldelikte) gute bis sehr gute Ergebnisse erzielt haben. Areas, die über die analysierten Zeiträume nur mittelmäßige bis schlechte Resultate aufweisen, kommen für die near repeat prediction nicht in Frage. Eine area, die nur in einer Saison positive Prognoseergebnisse erzielt hat, muss aber nicht zwangsläufig für die Methode der near repeat prediction ungeeignet sein. Es gibt Gebiete, die nicht jedes Jahr von Wiederholungstätern heimgesucht werden (Wanderungsbewegungen). Diese areas produzieren in solchen Ruhephasen aber keine oder kaum Fehlprognosen, da die Deliktzahl – dies liegt in der Logik der Methodik – dann deutlich sinkt, weil Gelegenheits- und Spontantäter in diesen geografischen Räumen eher die Ausnahme als die Regel sind. In „kalten“ Phasen ist die Anzahl der Delikte also gering, was aber nicht ausschließt, dass alle anderen Kriterien für eine prediction area erfüllt sein können. Das Problem in „kalten“ Phasen besteht vornehmlich darin, dass im Extremfall keine Prognosen generiert werden, respektive unter Umständen die eine oder andere Fehlprognose ausgeworfen wird. Dieses Risiko wird aber dadurch minimiert, dass prediction areas ein geringes „Grundrauschen“ aufweisen, und zusätzlich die Konfiguration von Antitriggern hilft, Fehlprognosen zu vermeiden.
Die Bedeutung der richtigen Konfiguration, insbesondere was die Trigger- und Antitrigger anbelangt, zeigt sich darin, dass die Trefferquoten sinken, führt man die Simulation ohne aktive Konfiguration durch. Gerade bei Prognosen, die engen zeitlichen und geografischen Bedingungen genügen sollen, ist dieser Effekt signifikant.
Das System „PRECOBS“ arbeitet mit unterschiedlichen Einstellungen, zum einen mit einem Radius von 500 m und einem Zeitansatz von 168 Stunden, zum anderen mit einem Radius von 400 m und einem Zeitansatz von 72 Stunden. Erstgenannte Einstellung bewertet die Qualität der areas vornehmlich in Hinblick auf ihre Eignung für Streifenkräfte. Bei dieser Art von Einsätzen ist es das primäre Ziel, durch Präsenz den oder die Täter von ihrem Vorhaben abzuhalten. Eine solche Taktik muss nicht zwangsläufig zur Folge haben, dass die Kriminalität nur verdrängt wird. Studien belegen, dass solche Maßnahmen auch positiv Effekte auf Nachbargebiete haben können; Kriminalität sich also nicht zwangsläufig nur verlagert. Polizeiliche Präsenz zu zeigen steht somit im Vordergrund, weshalb auch in einem größeren operativen Raum agiert werden kann. Der Personaleinsatz ist nicht so intensiv wie bei Fahndungselementen, da die Bestreifung auch mit den üblichen Kräften durchgeführt werden kann, nur dass die Kräfte für das gefährdete Gebiet sensibilisiert sind.
Patrouillenstreifen basieren auf zeitlich und örtlich relativ eng eingegrenzten Risikoprognosen, d.h. für die Polizei besteht die Chance, schon vor der Begehung der Tat im Zielgebiet unterwegs zu sein und somit schnell an den potentiellen Tatort zu gelangen. Gerade bei Einsätzen mit „Tätern am Ort“ erhöhen Patrouillenstreifen die Chancen für die Beamten, Einbrecher inflagranti zu erwischen.
Polizeipatrouillen gehören einerseits zu den Standardpolizeipraktiken, andererseits lassen sie sich auch den brennpunktorientierten Praktiken zuordnen, da sie aufgrund eines Anstiegs von Einbruchsdelikten in einem bestimmten Raum angeordnet werden. In diesem Zusammenhang ist hervorzuheben, dass Festnahmen von Wohnungseinbrechern auf frischer Tat im oder unmittelbar am Objekt die Wahrscheinlichkeit einer späteren Verurteilung der Täter deutlich erhöhen. So konstatiert Kawelovski (2013:12): „In Bezug auf die Wahrscheinlichkeit einer Verurteilung der Täter dominierten ... eindeutig die Festnahmen, die auf frischer Tat erfolgt waren ... Bei den Verurteilungen folgten mit deutlichem Abstand die Festnahmen im Rahmen von Nahbereichsfahndungen und noch seltener kamen Tatverdächtige zur Verurteilung , die unter anderen Umständen festgenommen worden waren.“ Des Weiteren führt Kawelovski aus, „dass die operative Maßnahme ‚vorläufige Festnahme‘ mit den daraus resultierenden Beweisführungschancen für eine spätere Verurteilung von Wohnungseinbrechern eine deutlich größere Bedeutung ... (haben) als sämtliche Arten von Tatortspuren“ (Kawelovski 2013:13).
Die Aussagen von Kawelovski verdeutlichen, wie wichtig es ist, vor dem Täter am (potenziellen) Tatort zu sein. Systeme wie PRECOBS sind ein Hilfsmittel zur Optimierung einer zielgerichteten Einsatzplanung und helfen dabei, die Chance zu erhöhen, Täter inflagranti zu fassen – nicht mehr, aber auch nicht weniger!
Eine zweite Einstellung verwendet einen Radius von 400 m und einem Zeitansatz von 72 Stunden, ist also zeitlich deutlich enger und auch kleinräumiger konfiguriert. Damit werden Bereiche identifiziert, die systematisch von Zivilkräften observiert werden können (z.B. Einsatztrupps). Da solche polizeilichen Maßnahmen häufig mit einem nicht unerheblichen Personaleinsatz verbunden sind, sollte die Einsatzdauer nicht länger als drei Tage betragen.
Primäres Ziel solcher Aktionen ist es, den oder die Täter auf frischer Tat zu fassen. Aufgrund des hohen Personalaufwandes sollte die Erfolgswahrscheinlichkeit hoch sein. Demzufolge werden für solche Einsätze nur Prognosen ausgewählt, bei denen

  1. von einer hohen Eintrittswahrscheinlichkeit ausgegangen werden kann,
  2. Trigger- und Folgedelikt nicht mehr als 400 m entfernt liegen sollten, um so den operativen Raum überschaubar zu halten,
  3. Konkrete Hinweise auf Täter vorliegen, die als professionell agierende Einbrecher einzustufen sind.

Prediction areas, die primär für Fahndungselemente vorgesehen sind, produzieren pro Saison nicht zwangsläufig viele Prognosen. Nichtsdestotrotz bieten sie Chancen, Tätern und Tätergruppierungen habhaft zu werden, die für eine Vielzahl von Einbrüchen verantwortlich sind.
 

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