Kriminalitätsbekämpfung
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Ist die Deutsche Bank eine kriminelle Vereinigung?

IV. Einzeltäter oder Kollektiv?


Die Deutsche Bank gibt sich trotz alledem weiter unverzagt und unbeeindruckt. Auch nach der Verhängung einer Geldbuße von immerhin 725 Millionen Euro bleibt sie bei ihrer „Einzeltäter-These“. Es bleibt abzuwarten, ob den Verantwortlichen der Deutschen Bank noch etwas anderes einfällt, wenn es um die Klärung des Verdachts geht, dass ihr Institut als größter Devisenhändler der Welt auch an der Manipulation von Devisenkursen beteiligt war. Alleine die Geschäftspraxis der Deutschen Bank ist jedenfalls Anlass genug, daran zu erinnern, dass es in Deutschland im Widerspruch zu zahlreichen europarechtlichen Vorgaben und anders als in den meisten europäischen und außereuropäischen Nachbarländern, immer noch kein echtes Unternehmensstrafrecht gibt.13 Deshalb kann man gegen die Deutsche Bank und andere juristische Personen hier allenfalls nach den Maßgaben des Ordnungswidrigkeitenrechts vorgehen. Das ist nur dann erträglich, wenn man glaubt, dass ein Mafioso nachhaltig zur Rechtstreue angehalten wird, weil er jeweils pünktlich sein Verwarnungsgeld zahlt, sollte er einmal falsch geparkt haben.
Das sind alles keine Einzelfälle mehr. Hier ist etwas ins Rutschen gekommen. Mit einer verniedlichenden Sprache („Einzelfälle“, „Skandale“, „lässliche Sünden“, etc.) ist nicht mehr zu verdecken, dass in vielen privaten und öffentlichen Banken eine Erosion der rechtlichen Gesinnung stattgefunden hat. So wurde der Boden dafür bereitet, dass sich Mafiosi und Banker zunächst und für kurze Zeit auf Augenhöhe begegnen konnten. Spätestens jetzt ist aber klar, dass der Capo dazu verurteilt ist, zum Finanzmanager aufzuschauen. Die Einsichtsfähigkeit der Führungseliten in Politik und Wirtschaft ist begrenzt. Nach pflichtschuldigen „mea culpa“-Erklärungen gehen sie in der Öffentlichkeit zur üblichen Selbstverteidigung über. Sie versuchen in kleinkrämerischer Weise ihre Positionen in der Regulierungsdebatte zu halten und auszubauen. Darin liegt das faszinierende Beispiel einer selbstgerechten und verächtlichen Kultivierung mafiotischer Methodik im Rahmen scheinbar unanfechtbarer Legalitätsbedingungen. Bei alledem geht es nicht um fahrlässige Ausrutscher. Immer wieder treten politisierende Banker an, um etwas wegzuwischen, das sich in kristalliner Klarheit allen darbietet, die ihre Augen aufmachen. Man mag sich zwar immer noch mit einer Gleichsetzung des Bankgeschäfts mit Organisierter Kriminalität schwer tun. Es ist aber außerhalb einer paranoiden Verschwörung gleichgerichteter Interessen in Wirtschaft und Politik nicht mehr erfolgreich zu leugnen, dass sich in großen Teilen des Finanzwesens eine organisierte Verantwortungslosigkeit verbreitet hat. Sie wird sich auf einem von politischen Fehlentscheidungen (z. B. Deregulierung der Finanzmärkte) bereiteten Boden in gemeinwohlschädlicher Weise noch weiter verbreiten. Dennoch sollte man sich keinen Illusionen hingeben und etwa erwarten, dass eine wie auch immer zusammengesetzte Bundesregierung die Deutsche Bank mit der gebotenen Härte in ihre Grenzen verweist. Es wird nur allzu leicht vergessen, dass die deutsche Politik Hand- und Spanndienste leistete, als die Führung dieses Geldhauses mit dem Kauf der britischen Investmentfirma Morgan Grenfell sich in die Sättel der internationalen Hochfinanz schwang, um über die Kapitalmärkte dieser Welt zu galoppieren. 
Es war ein Entschließungsantrag der rot/grünen Regierungsfraktion, die sich im Jahre 2003 die weitere Förderung des Finanzplatzes Deutschland zum Ziel gesetzt hatte. Ihr Antrag postulierte, dass die Belange der Finanzwelt stets im Fokus des wirtschaftspolitischen Geschehens bleiben müssten. Die damals politisch Verantwortlichen legten größten Wert darauf, „unnötige Belastungen“ der deutschen Finanzdienstleistungsindustrie zu vermeiden. 
Es gibt begründete Zweifel daran, dass der Vertrag für eine „Große Koalition“ der Jahre 2013 bis 2017 einen nachhaltig wirksamen Neuanfang bewirkt. Das „bewährte Universalbankensystem“ soll jedenfalls erhalten bleiben. Darin steckt eine Bestandsgarantie für die Deutsche Bank, die mit Abstand die größte und wichtigste Universalbank in Deutschland ist. In den Aufsichtsräten darf man sich entspannt zurücklehnen. Aus den Reihen der Koalitionäre wird keiner hervortreten, der diesem Institut nachhaltig weh tun will (und kann). 
Die Vergangenheit zeigt, wie die Zukunft sein wird. Die Politik hatte dem Motto „Alles ist möglich“ schon vor vielen Jahren nichts entgegenzusetzen, obschon es genügend Indizien für unzulässige Absprachen unter Bankern gegeben hatte. Regierungen und Aufseher standen achselzuckend daneben und ergaben sich der Magie der Märkte. Zuvor hatten Margret Thatcher in Großbritannien und Ronal Reagan die Tore zum Paradies weit aufgestoßen. 
Es sind nicht nur die unbeaufsichtigten eleganten Zocker in den weltweit dislozierten Handelsräumen der Finanzzentren, die ihre primitiv-kriminellen Mitbewerber in schmierigen Wettbüros bei der Jagd auf die Margen weit hinter sich gelassen haben. Es gibt „Zweckgemeinschaften“, die sich mit krimineller Energie, überlegenem Sachverstand und asozialer Gesinnung zu einem Angriff auf ein ganzes Wirtschaftssystem zusammengeschlossen haben. Die Kapillaren dieses Systems sind auch mit teilweise kriminell infiziertem Geld schon so verstopft, dass es zusammenbrechen wird, wenn nicht bald eine radikale Remedur gelingt. 
Aus dieser Perspektive präsentieren sich die Banker als „Totengräber“ eines Wirtschaftssystems, das in den letzten Jahrzehnten unbestreitbar viel Wohlstand ermöglicht hat. Finanzexperten haben unterdessen etwas in den Bereich des Möglichen gerückt, was selbst der abgefeimteste Wirtschaftskrimininelle sicher nicht für möglich gehalten, geschweige denn angestrebt hätte: den Zusammenbruch der marktwirtschaftlichen Ordnung. Insoweit dürft die natürliche Intelligenz eines Gangsters der von vielen Bankern überlegen sein. Jeder Mafioso wird verstanden haben, dass er eine Ordnung nicht zerstören sollte, wenn er weiter Gewinne aus ihr ziehen möchte. Die von Politikern eingeleitete und von Bankern ins Werk gesetzte Degenerierung eines Wirtschaftssystems, das auf der Basis des Privateigentums an den Produktionsmitteln und über die Steuerung von Produktion und Konsum über den Preis lange Jahre erfolgreich war, ist indessen ein friedensgefährdender Prozess geworden. 
In der Geschichte der Mafia lässt sich nachweisen, dass sie sich immer als Ordnungsmacht verstanden hat, manchmal auch als Staat im Staate. Aber auch insoweit ist sie in der Konkurrenz mit den Organisationen der Finanzwelt chancenlos geworden. Dort haben sich manche Cliquen in besondere Arten krimineller Vereinigungen verwandelt. Sie stiften ein noch verdecktes Chaos, das früher oder später mit den herkömmlichen Mitteln politischer Führung in einem demokratischen System nicht mehr zu moderieren sein wird. Weder die Justiz noch die parlamentarische Demokratie scheinen über die Mittel zu verfügen, um den marodierenden Cliquen aus Finanzexperten, Rechtsberatern und sogenannten Wirtschaftsprüfern Einhalt zu gebieten. Trotz evidenten Schadens greifen Begrifflichkeiten wie „Untreue“ häufig nicht. Die Anforderungen der Beweisführung sind justizförmig kaum noch erfüllbar. Das Gesäusel über einen „Kulturwandel“ hat den Wirkungsgrad weißer Salbe und ist letztlich nur eine der vielen Formeln, mit denen der obszöne Verfall jeglichen Anstands in der Wirtschaft und in der Politik kaschiert werden soll. Die Bedrohungen der Marktwirtschaft kommen heute jedenfalls nicht mehr aus verdreckten Schafsställen, in die sich frühere Mafia-Bosse auf der Flucht in Sizilien zurückgezogen haben, oder aus den Hinterzimmern von Pizzerien im Ruhrgebiet. Die Gefahren brauen sich in Banktürmen aus Stahl und Glas zusammen. Dort muss sich einiges ändern, wenn nötig und zweckmäßig auch durch Verstaatlichung. 

V. Reue ohne Einsicht?


Die Bekundungen angeblicher Reue und das Versprechen zur Änderung reichen nicht. Eine bestimmte Sorte von Bankern ist nämlich in der Lage, Verhältnisse zu schaffen, die keine Organisierte Kriminalität jedweder Art bewirken könnte. Auch wenn und gerade weil sich die Intelligenz des qualifizierten Gangsters auf die Erhaltung der Strukturen konzentriert, von denen er profitiert, ist er jedem Banker mitsamt seiner gesamten bürgerlichen Wohlanständigkeit gleichzeitig überlegen und unterlegen. Diese kriminalpolitische und ordnungspolitische Paradoxie dürfte den Verständnishorizont der herkömmlichen Politik zwar übersteigen. Aber vielleicht ist dort noch so viel Alltagsverstand vorhanden, um zu begreifen, dass Geldstrafen alleine nicht reichen. Notwendig ist u. a. eine weitreichende Reform der manipulationsfähigen Preise an den Finanzmärkten. Referenzgrößen, die nur auf mehr oder weniger willkürlichen Schätzungen beruhen, sind nicht belastbar. Die Möglichkeit einer Staatsaufsicht ist deshalb unabdingbar. 
Hilfreich könnte auch die weltweite Beachtung der „Volcker-Regel“ sein. Danach ist es „normalen“ Banken verboten, spekulative Geschäfte auf eigene Rechnung („Eigenhandel“) abzuschließen und sich an Hedgefonds oder Private-Equity-Fonds zu beteiligen. Damit könnte sich das Spiel an der Wall Street grundlegend ändern. Der Eigenhandel, der bis zur Finanzkrise eine der wichtigsten Quellen von Gewinn und Risiko der Banken war, dürfte praktisch verschwinden. 
Die Vorstände der Deutschen Bank wollen nun durch den von ihnen angeordneten „Kulturwandel“ die Einsicht verbreiten, dass nicht alles legitim ist, was legal erscheint. Wollte man beurteilen, wie erfolgreich die Herren Jain und Fitschen mit ihrem Erneuerungswerk bisher waren, sollte man mindestens drei Dinge in Betracht ziehen:

  • Gehälter
  • Risikoappetit
  • Interne Kontrollen

Die genannten Verantwortlichen haben zwar auf Gehalt verzichtet. Sie erhalten jetzt „nur noch“ 4,8 Millionen Euro pro Jahr, während ihr Amtsvorgänger Ackermann immerhin noch das Doppelte einstrich. Es handelt sich jedoch bestenfalls um Symbolpolitik. Obschon das Boni-System jetzt an langfristige Erfolge und nicht mehr auf kurzfristige Zufallsergebnisse anknüpft, verdienen die Mitarbeiter unter dem Strich jetzt sogar mehr als zuvor. Die Gesamtausgaben für Personal sind bei der Deutschen Bank gestiegen, weil die Fixgehälter erhöht wurden. Zur Begründung wird pauschal auf das Erfordernis der Wettbewerbsfähigkeit hingewiesen. Dabei handelt es sich doch nur um ein Indiz dafür, dass sich die gesamte Branche einem Wandel entziehen will, der mit Verzichtsleistungen verbunden wäre. So wird aus dem Kulturwandel ein Kuhhandel. 

Es ist zwar nicht zu bestreiten, dass die Deutsche Bank bei der Effizienzsteigerung von Kontrollstrukturen Fortschritte erzielt hat. Dies geschah aber in Teilen nur aufgrund erheblichen Drucks der Aufsichtsbehörden. Die Deutsche Bank muss in diesem Bereich aus wohlverstandenem Eigeninteresse zukünftig erhebliche weitere Anstrengungen unternehmen.
Zu den wichtigsten Fragen gehört im Interesse des Gemeinwohls die Frage, ob dieses Geldhaus immer noch eine „Wettbude“ ist. Im Investmentbereich hat sie jetzt zwar ca. 2000 Mitarbeiter weniger als zuvor. Es wurden auch die Abteilungen aufgelöst, die früher auf eigene Rechnung der Bank spekulierten und damit bis zu 20 Prozent der Erträge buchstäblich einspielten. Mangels erkennbarer außergewöhnlicher Gewinne oder Verluste lässt sich derzeit nicht nachvollziehen, ob gleichwohl immer noch eine haltlose Zockerei stattfindet. Das heißt aber nicht, dass neben den Kundengeschäften nicht immer noch Geschäfte auf eigene Rechnung abgewickelt werden – wenn auch versteckter und in kleinerem Umfang als früher. Die Intransparenz des Investmentbanking ist unverändert hoch.14 Es bleibt also noch viel zu tun, um dem Vorwurf zu begegnen, dass vor allem eine „Kulturwandel-Rhetorik“ stattfindet, also ein selbstbegünstigendes und unverbindliches Geschwätz, das eher Orwell’schem „Neu-Sprech“ ähnelt und dem in der Politik verbreiteten Kommunikationsstil sowie den Verlautbarungsritualen von Regierungssprechern und Wahlkämpfern entspricht.
Unabhängig von der Erfolgsträchtigkeit dieser und anderer Maßnahmen ist besonders bemerkenswert, wie mittlerweile selbst aus eher konservativer Sicht die Entwicklung der letzten Jahre gewürdigt wird. Man erkennt, dass Banken die Weltwirtschaft in den Abgrund geführt und unglaubliche Verluste auf den Steuerzahler abgewälzt haben. Eine Sozialisierung ihrer Billionenverluste hat die Staatsschulden in die Höhe und ganze Länder in den Bankrott getrieben. Banken haben zudem den wichtigsten Zins der Welt sowie den Goldpreis und Devisenkurse manipuliert. Viele von ihnen dürften zuerst ihre Kunden und danach die Allgemeinheit missbraucht, also getäuscht haben. Die „Kumpanei“ zwischen Banken und der Politik gehe aber weiter, obschon Politiker nach der Finanzkrise geschworen hatten, sich nie wieder von Banken erpressen zu lassen. 
Das Gerede vom Kulturwandel in der Deutschen Bank gilt als so glaubwürdig wie die „Wir haben verstanden“-Werbung der Commerzbank. Die Krisenländer in der Eurozone sind zur Finanzierung ihrer zu hohen Staatsschulden mehr denn je auf ihre heimischen Banken angewiesen. Sie werden von der EZB mit Liquidität vollgepumpt, damit sie mit dem geschenkten Geld noch mehr Staatsanleihen kaufen können. 
Sechs Jahre nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers zittern Staaten weiter vor Banken. Die verstehen nur die Sprache des Geldes. Das Eigenkapital dürfte der einzige Hebel sein, um das Risiko für das Finanzsystem nachhaltig zu begrenzen. Banken müssten also viel mehr Eigenkapital und Liquidität vorhalten, um die Gefahr „systemrelevanter“ Banken zu verkleinern und den Drang nach Größe zu begrenzen. Während in der Industrie eine hohe Eigenkapitalquote als Ausweis hoher Solidität gilt und Banken von ihren Kunden bei Kreditgeschäften ein Fünftel Eigenkapital verlangen, will die Deutsche Bank dem Rest der Welt weismachen, sie müsse mit etwa 97 Prozent Fremdkapital arbeiten, weil sie in einer besonderen Branche besonders gut sei. Das wird nicht nur als „Unsinn“ bezeichnet, sondern eben als „Kumpanei“ zwischen Banken und Politik, der ein Ende bereitet werden müsse.15 
Die zitierten Überlegungen sind nicht auslegungsbedürftig. Sie bedürfen nur an einer Stelle der Korrektur: Es geht nicht um „Kumpanei“, sondern um „Komplizenschaft“. Bei einer strafrechtlichen Würdigung müsste man eher von einer „Mittäterschaft“ zwischen etlichen Finanzmanagern und manchen Politikern ausgehen. 
Nun mag man der Auffassung sein, dass Geldbußen nicht den Bestand der Geldinstitute gefährden sollten. Gleichwohl ist zu berücksichtigen, dass derartige Sanktionen angesichts des Unrechtsgehalts auch nicht das letzte Wort sein dürfen. Die Manipulation von Marktpreisen ist alles andere als ein „Kavaliersdelikt“. Bei vielen der inkriminierten Handlungen dürfte es sich um organisierten Betrug handeln, der personelle und strafrechtliche Folgen haben muss, wenn er beweiskräftig nachgewiesen wird. Die bisherige Sanktionspraxis ist dagegen unbefriedigend. Sie erlaubt es den Aufsichtsbehörden vom eigenen Versagen abzulenken und das öffentliche Vergeltungsbedürfnis scheinbar zu stillen. Dabei sind die Bemessungskriterien für die bisherigen Sanktionen diffus. Im Rahmen von „Vergleichsverhandlungen“ ist in den USA der Umfang der fraglichen Geschäfte ein Anhaltspunkt. Das erklärt (aber nur teilweise), dass JP Morgan wegen falscher Angaben zu verlustreichen Hypothekenanleihen 2,9 Milliarden Euro zahlen muss und die Deutsche Bank nur 1,4 Milliarden Euro. Damit ist jedoch nicht indiziert, wie stark die Mitarbeiter (und die Führungscliquen!) der einzelnen Banken getäuscht haben oder ob auch die Käufer nachlässig gehandelt haben. 
Bei den neuen Vorwürfen gegen die Deutsche Bank geht es möglicherweise um noch weiterreichende Manipulationen und um tatsächliche Geschäfte, die gegen das Interesse von Kunden getätigt sein sollen, Verdachtsgründe, die noch schwerer wiegen als die „Zinsaffäre“. Auch der deutsche Gesetzgeber könnte irgendwann einmal verstehen, dass nicht nur in der Deutschen Bank alle zur Verantwortung gezogen werden müssen, die an betrügerischen Manipulationen beteiligt waren oder sie durch unterlassene Kontrollen nicht verhindert bzw. geduldet haben. Andernfalls ist absehbar, dass der von der Deutschen Bank ausgerufene „Kulturwandel“ dem Wettbewerbsdruck geopfert wird und die partiell schon etablierte „Mafiakultur“ noch weiter aufblüht.16
Natürlich sind zum jetzigen Zeitpunkt nur Spekulationen über die Einsichtsfähigkeit und Strafempfindlichkeit der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Deutschen Bank und ihrer noch amtierenden Vorgesetzten möglich. Aber vielleicht hat die neuere Geschäftsentwicklung in diesem Hause doch eine „pädagogische“ Wirkung. Für das vierte Quartal 2013 gab die Deutsche Bank einen Verlust von 1,15 Milliarden Euro vor Steuern bekannt. Zu diesem Ergebnis trug vor allem das Investmentbanking durch Geschäfte mit festverzinslichen Papieren bei. Der größte Teil der Verluste ist allerdings der internen „Bad Bank“ zuzuschreiben. Dort lagern vor allem „toxische“ Wertpapiere der Investmentbank. Hinzuzurechnen sind die höheren Kosten für Rechtsstreitigkeiten, die im Dezember 2013 beigelegt wurden. Zwar erwirtschaftete die Deutsche Bank im Gesamtjahr 2013 unter dem Strich noch rund ein Milliarde Euro nach Steuern. Das ist jedoch nur halb so viel, wie „Experten“ erwartet hatten. Die „Reputationsthemen“ werden also durch Probleme mit den laufenden Geschäften ergänzt. Nach Bekanntgabe der zitierten Zahlen brach der Aktienkurs der Deutschen Bank übrigens um über fünf Prozent ein und zog den deutschen Leitindex Dax mit nach unten. In der Gesamtbank ist die Bilanzsumme um 14 Prozent auf 1,5 Billionen Euro geschrumpft. Einer der amtierenden Vorstandsvorsitzenden, Anshu Jain, behauptete zu jener Zeit dennoch unverzagt, dass die Deutsche Bank sicherer geworden sei und verwies darauf, dass sein Institut das Kernkapital-Polster auf 9,7 Prozent verbessert und sich auch die absolute Verschuldungsquote („Leverage Ratio“) im Jahre 2013 auf 3,1 Prozent verbessert habe. In diesem Zusammenhang muss man wissen, dass ab 2005 in Europa eine Quote von drei Prozent obligatorisch ist. Die (bisherigen) „Nachwehen“ der Finanzkrise schlugen im gleichen Zeitraum mit 2,45 Millairden Euro zu Buche. Obschon die Deutsche Bank behauptet hatte, dass sie anfallende Sanktionskosten aus den bestehenden Rückstellungen decken könnte, hat sie im vierten Quartal 2013 erneut 500 Millionen Euro für Rechtsstreitigkeiten reserviert. Insgesamt hat sie derzeit angeblich 2,3 Milliarden Euro auf der hohen Kante, um „juristische Konflikte“ zu lösen. Dazu gehören u. a. der Streit mit den „Kirsch-Erben“ und noch ausstehende Vergleiche mit den Behörden in den USA und Großbritannien im Zusammenhang mit dem Libor-Zinssatz. Ihre derzeitige Führung erwartet, dass 2014 ein Jahr mit weiteren Herausforderungen und ihrer disziplinierten Bewältigung sein wird. Im Hinblick auf den angekündigten „Kulturwandel“ wird wieder einmal auf dessen Zeitaufwendigkeit verwiesen und gleichzeitig behauptet, dass man sich „in höchsten Maße“ verpflichtet fühle, die hierfür aufgestellten Ziele zu erreichen.17
Diese Rhetorik passt fast perfekt zu den Geräuschen, die man aus dem Mund von Politikern hört, wenn wirklich niemand mehr bestreiten kann, dass sich in bestimmten Phasen Ambition, Inkompetenz und kriminelle Energie harmonisch verbunden haben. Einer von ihnen soll anlässlich des Neujahrsempfangs der Deutschen Bank 2014 während einer Rede des Vorstandsvorsitzenden Fitschen über den angeblichen Fortschritt des Kulturwandels allerdings erklärt haben, er hielte es schon für einen Fortschritt, wenn sich die Deutsche Bank an die Gesetze halten würde. 
Immerhin bringt es einen gewissen Unterhaltungswert mit sich, wenn die derzeit noch amtierende Führungsclique, bestehend aus mehreren Tatverdächtigen, sich etwa in feierlicher Umgebung (Hotel Belvedere, Davos im Januar 2014) einem exquisiten Teil des Volkes präsentieren.18 Dann entsteht sogar eine gewisse Heiterkeit, wenn der Amtsvorgänger der Herren Jain und Fitschen, Josef Ackermann, sich gutgelaunt und abgespeckt illustren Gästen präsentiert, aber jeden Kommentar über den Werdegang der von ihm viele Jahre geführten Bank mit der Bemerkung ablehnt, dass er ein „alter Mann“ sei. Aus denen Tiefen seines ehemaligen Arbeitsplatzes quillt unterdessen eine eindrucksvolle Melange aus Einsicht und Trotz hervor. Einerseits wird eingeräumt, dass man in der Deutschen Bank „viel Mist“ gemacht hat. Andererseits stellt man sich die Frage, ob es nicht irgendwann genug ist und die „Attacken“ maßlos werden und ob man der Deutschen Bank ausgerechnet in ihrem „Heimatmarkt“ gar die Existenzberechtigung absprechen will. Das alles erinnert in der Tat an die Firma Siemens, die sich nach jahrzehntelanger korrupter Geschäftspraxis völlig überraschend von einer Welt von Feinden in Gestalt von Medien und Staatsanwälten umzingelt sah. Das hielt selbst die eine oder andere Illustrierte ("Der Stern") anlässlich der Eröffnung des Weltwirtschaftsforums in Davos 2014 nicht davon ab, nun die Deutsche Bank mit einer „mafiösen Vereinigung“ zu vergleichen. Das passt offensichtlich nicht zum Weltbild des Co-Vorsitzenden Fitschen, der im Durchstecken mancher Schreiben der BaFin einen „kriminellen Vorgang“ sieht. Auch mit diesen etwas paradoxen Anleihen würde Fitschen gut in die mehr oder minder große Politik passen. Aber vielleicht sollte er seine entwicklungsbedürftige gerechtliche Expertise zunächst vor allem dafür einsetzen, um den Verdacht zu klären, dass er sich mit anderen hochrangigen Kollegen verschworen habe, das Gericht in dem „Kirsch-Verfahren“ zu belügen und zu betrügen. Die ehemalige „Einheitsfront“ der Deutschen Bank scheint allmählich zu zerbrechen. Die Herren Breuer, Ackermann und Fitschen verfolgen höchst eigene Wege, um davonzukommen, ein Verhalten, das symptomatisch für das zu sein scheint, was in der Bank gerade passiert. 

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