Die „Grauen Wölfe“

Von Dr. Udo Baron, Hannover¹

 

1 Einleitung und Fragestellung

 

Es war das Achtelfinal-Spiel der Fußball Europameisterschaft 2024 in Deutschland. Die Türkei spielte gegen Österreich um den Einzug ins Viertelfinale des Turniers. Im Jubel nach seinem zweiten Treffer zum 2:1 formte der türkische Nationalspieler Merih Demiral plötzlich seine Hände so, dass Mittel- und Ringfinger dabei den Daumen berührten, während der Zeige- und der kleine Finger in Nachahmung von Wolfsohren nach oben zeigten. Demiral hatte mit seinen Fingern den Kopf eines Wolfes dargestellt. Es handelte sich dabei nicht um irgendeinen beliebigen Tierkopf, sondern um den „Bozkurt“, den „Grauen Wolf“. Demiral hatte den „Wolfsgruß“ geformt, das bekannteste Erkennungszeichen der rechtsextremistischen türkischen „Idealistenbewegung“ („Ülkücü“-Bewegung), besser bekannt als die „Grauen Wölfe“.2 Dieser aus einem alttürkischen Mythos stammende Wolf soll Stärke und Aggressivität der Bewegung, aber auch Tapferkeit, Radikalismus und Heroismus symbolisieren und steht symbolisch für die Militanz der Bewegung.3 Anhängerinnen und Anhängern der „Ülkücü“-Bewegung werden deshalb auch als „Graue Wölfe“ („Bozkurtlar“) bezeichnet. Dadurch, dass Demiral nach dem Spiel ein Bild mit seinem Torjubel in den Sozialen Medien einstellte, verdeutlichte er, dass er den „Wolfsgruß“ nicht zufällig gezeigt hatte. Die UEFA bewertete das Verwenden des „Wolfsgrußes“ als „unangemessenes Verhalten“ und sperrte daraufhin den türkischen Nationalspieler für zwei Länderspiele. Während einige türkische Fußballfans das Zeigen des „Wolfsgrußes“ kritisierten, provozierten vor allem im Viertelfinalspiel gegen die Niederlande zahlreiche türkische Fans gezielt mit diesem Symbol.4

Der Vorfall rund um Demiral reiht sich ein in eine Reihe von Provokationen rechtsextremer und ultranationalistischer Türkeistämmiger in Deutschland. So hat sich beispielsweise der ehemalige deutsche Fußballnationalspieler und Träger des Integrationspreises, Mesut Özil, die bekanntesten Symbole der „Grauen Wölfe“, den heulenden Wolf und eine Flagge mit drei Halbmonden, demonstrativ auf seine Brust tätowieren lassen.5 Wer aber sind die „Grauen Wölfe“? Welchen politisch-ideologischen Hintergrund haben sie? Wie sind sie organisatorisch aufgestellt? Welche Ziele verfolgen sie? Wie sind sie parteipolitisch angebunden? Diesen Fragen widmet sich der folgende Aufsatz.

 

2 Ideologie der „Grauen Wölfe“


Die Ideologie der „Grauen Wölfe“ bzw. der „Ülkücü“-Bewegung bildete sich Mitte des 20. Jahrhunderts in der Türkei heraus. Sie ist historisch geprägt und basiert unter anderem auf den Erinnerungen an das zwischen 1299 und 1922 existierende Osmanische Reich. Ausgangspunkt der politischen Ideologie der türkischen Rechtsextremisten ist ein sog. „idealistischer Nationalismus“, welcher von einem ausgeprägten Nationalismus und Rassismus gegenüber allen nicht-türkischen Bevölkerungsteilen bestimmt wird.6 Das ideologische Fundament der „Ülkücü“-Lehre geht auf dem Gründer der Bewegung, Alparslan Türkes, und dessen Neun-Strahlen-bzw. Neun-Lichter-Doktrin aus dem Jahre 1965 zurück. Sie vereint extremen Nationalismus und islamische Frömmigkeit bei gleichzeitiger Ablehnung von Kommunismus und Kapitalismus. Die Strahlen symbolisieren die Theorien des Nationalismus, Idealismus, Moralismus, traditionelle Wissenschaftlichkeit, Soziabilität, Förderung der Landwirtschaft, Freiheit und Individualismus, Volksnähe, Förderung der nationalen Industrie und der Technik.7 Vor diesem Hintergrund kommt der Niedersächsische Verfassungsschutz zu dem Schluss, dass sich diese Doktrin als eine Lebensphilosophie versteht, nach der ihre Anhängerinnen und Anhänger zu leben haben.8 Die totale Identifikation mit der Nation, dem türkischen Staat sowie der Religion, dem Islam, wird als selbstverständlich vorausgesetzt. Eine rassistische Sichtweise bestärkt dabei das nationale Bewusstsein und führt zu einer türkisch-islamischen Synthese. Sie ist ein „Kernideologem des türkischen Rechtsnationalismus“, das den türkischen Nationalismus mit islamischen Werten verbindet und von der Vorstellung der Untrennbarkeit von türkisch-nationalen und islamischen Bestandteilen in der türkischen Geschichte ausgeht.9 Um die nationale Einheit zu stärken, bildete sie sich in den 1970er- und 1980er-Jahren heraus und betonte dabei vor allem die kulturelle und religiöse Identität der Türken10

Aus der Synthese von Nation und Religion leitet sich der Gedanke des Panturkismus und Turanismus ab, der ein ethnisch homogenes „Großtürkisches Reich“11für alle Turkvölker auf der Grundlage des Islam errichten möchte, den sog. „Turan“. Danach soll ein Volk, das Türkentum, mit einer Sprache, dem türkischen, unter den drei Halbmonden auf dem Territorium eines „Großtürkischen Reichs“ unter türkischer Vorherrschaft regieren. Zu den wichtigsten Elementen gehört dabei die Überhöhung des Türkentums, des türkischen Charakters und des Kampfes gegen Separatisten.

Dem Turanismus voraus ging im Zuge der Zerfallserscheinungen des Osmanischen Reiches der Panturkismus bzw. Turkismus. Diese Ideologie behauptet die rassistische, historische und moralische Einheit und Überlegenheit aller Turkvölker. Ihr Ziel war es, einen alle türkischen Völker umfassenden Nationalstaat zu gründen. Im Gegensatz zum Turkismus, der sich ausschließlich auf die Turkvölker beschränkte, umfasst der Turanismus auch die finno-ugrischen und mongolischen Völker. Geografisch zielt das ersehnte Reich „Turan“ auf das heutige Zentralasien, die Mongolei und Tatarstan.

Neben Nationalismus und Islamismus bildet der Antikommunismus die dritte Säule im Weltbild der Ülkücü-Bewegung. Er war und ist die Klammer zwischen ultranationalistischem Idealismus und der Staatsideologie.12

Die „Grauen Wölfe“ leben nach einem totalitären Normverständnis, nach dem das Türkentum allen anderen Nationalitäten und Kulturen übergeordnet sei. Menschen anderer Ethnien oder anderer Minderheiten werden daher weder akzeptiert noch respektiert. Ein ausgeprägtes „Freund-Feind-Denken“ führt dazu, dass Kurden, Juden, Christen, Armenier, Araber, Griechen, Kommunisten, Freimaurer, Israelis bzw. „Zionisten“, die EU, der Vatikan und die Vereinigten Staaten als Feinde betrachtet werden. Hass und Gewalt gegenüber diesen „fremden Gruppierungen“ gelten als legitim. In der Praxis folgt daraus eine ständige Gewaltbereitschaft gegenüber den „Feinden“, die insbesondere bei der jungen Anhängerschaft und im Internet zu Tage tritt.13

Vor diesem Hintergrund wird das Vorgehen der türkischen Armee in den kurdisch besiedelten Gebieten in Nordsyrien und im Nordirak von den „Grauen Wölfen“ generell unterstützt. Sie hoffen, dass dadurch die Autonomiegebiete an der türkischen Südgrenze beseitigt werden und somit keine Bedrohung mehr für die Souveränität und Integrität des türkischen Staates darstellen. Die Folge waren und sind stetige Spannungen zwischen „Grauen Wölfen“ und den Kurden der „Arbeiterpartei Kurdistans“ („Kurmandschi Partiya Karkerên Kurdistanê“; PKK).14Neben Nationalismus und Rassismus stößt man bei den „Grauen Wölfen“ auf einen vor allem israelbezogenen Antisemitismus, der sich u.a. in antisemitischen Verschwörungstheorien und antisemitischer Propaganda seine Bahnen bricht. Auch eine antidemokratische Grundhaltung mit gezielter Propaganda gegen „Linke“, Sozialisten, Kommunisten sowie demokratische Institutionen gehört zur typischen Denkweise der Ülkücü-Bewegung.15 In den meisten „Idealistenvereinen“ (Ülkücü Ocakları) wird ein Eid geleistet, der sog. Ülkücü-Schwur (Ülkücü Yemini) oder „Idealisten“-Schwur. Er fasst das Weltbild der „Grauen Wölfe“ wie folgt zusammen: „Bei Allah, dem Koran, dem Vaterland, der Fahne wird geschworen. Meine Märtyrer, meine Frontkämpfer [Veteranen] sollen sicher sein. Wir, die idealistische türkische Jugend, werden unseren Kampf gegen Kommunismus, Kapitalismus, Faschismus, Zionismus und jegliche Art von Imperialismus fortführen. Unser Kampf geht bis zum letzten Mann, bis zum letzten Atemzug, bis zum letzten Tropfen Blut. Unser Kampf geht weiter, bis die nationalistische Türkei, bis der Turan erreicht ist. Wir, die idealistische türkische Jugend, werden nicht zurückschrecken, nicht wanken [zusammenbrechen], (sondern wir werden unsere Ziele) erreichen, erreichen, erreichen. Möge Allah die Türken schützen und erhöhen. Amen.“16

 

 

3 Struktur der „Grauen Wölfe“ in Deutschland


Die „Grauen Wölfe“ sind eine auf autoritäre Strukturen und bedingungslose Gefolgschaft ausgerichtete Bewegung. Ihr Gründer Alpaslan Türkeş wird auch heute noch als „Führer“ („Başbuğ“) verehrt.17 Der Verfassungsschutzverbund rechnet in Deutschland etwa 12.100 Personen der „Ülkücü“-Bewegung und ihrer Ideologie zu. Der überwiegende Teil – etwa 10.500 Anhänger – ist in Vereinen organisiert, die wiederum unter dem Dach größerer Verbände zusammengeschlossen sind.18 Mehrere Dachverbände vertreten in Deutschland in unterschiedlicher Ausprägung die „Ülkücü“-Ideologie. Nach Auffassung des Bundesamtes für Verfassungsschutz handelt es sich bei ihnen zum Teil um „Auslandsorganisationen extrem nationalistischer türkischen Parteien“.19

Der größte Dachverband ist die 1978 gegründete „Föderation der Türkisch-Demokratischen Idealistenvereine in Deutschland e.V.“ („Almanya Demokratik Ülkücü Türk Dernekleri Federasyonu“, ADÜTDF).20 Sie versteht sich als die Auslandsvertretung der extrem nationalistischen türkischen „Partei der Nationalistischen Bewegung“ („Milliyetçi Hareket Partisi“; MHP) und vertritt hierzulande deren Interessen. Sie gilt als die Urorganisation der rechtsextremistischen „Ülkücü“-Bewegung. Die ADÜTDF verehrt Türkes, pflegt eine Anti-EU-Rhetorik und agitiert vehement gegen die PKK.21

Die ADÜTDF mit Sitz in Frankfurt am Main teilt sich organisatorisch in Deutschland in mehrere Bölge (Gebiete) auf. Auf europäischer Ebene existiert der Dachverband „Türkische Konföderation in Europa“ („Avrupa Türk Konfederasyon“, ATK). Er besteht aus der ADÜTDF und neun weiteren nationalen Vereinigungen.22

Ein weiterer Dachverband der „Ükücü-Bewegung“ ist die „Union der Türkisch-Islamischen Kulturvereine in Europa“(„Avrupa Türk Islam Birligi“, ATIB) mit Sitz in Köln. Sie hat sich 1987 von der ADÜTDF abgespalten, ohne dass jedoch eine ideologische Neuausrichtung erfolgt wäre. Die ATIB steht für einen stärker islamisch-religiös orientierten Teil der „Ülkücü“-Bewegung und versteht sich als islamisch orientierter Flügel der „Grauen Wölfe“. Organisatorisch ist die ATİB an keine Partei in der Türkei direkt angebunden. Stattdessen sucht sie die Nähe zu deutschen wie auch türkischen Verbänden und Einrichtungen. Dabei zeigt sich die ATİB stark um gesellschaftliche Akzeptanz und Mitsprachemöglichkeiten bemüht und ist beispielsweise als Gründungsmitglied des „Zentralrats der Muslime in Deutschland e.V.“ auch mit einem Mitglied in dessen Vorstand vertreten.23

Die „Föderation der Weltordnung in Europa“ (ANF) versteht sich als die Europaorganisation der extrem nationalistischen türkischen „Partei der Großen Einheit“ (BBP). Bei ihr handelt es sich um eine noch stärker islamisch ausgerichtete Abspaltung der MHP.24 Ihre Ideologie eines extrem übersteigerten und islamisch geprägten Nationalismus mit rechtsextremistischen Ausprägungen richtet sich gleichermaßen gegen ethnische wie gegen religiöse Minderheiten.Der Gedanke der „türkisch-islamischen Synthese“ ist für die ANF primäres Identifikationsmerkmal und zugleich eine deutliche Abgrenzung gegenüber Andersgläubigen. Ein „wahres Türkentum“ sei demnach nur in Verbindung mit dem Islam möglich. Das Streben nach der Vereinigung aller Turkvölker in einem homogenen Staat „Turan“ gehört genauso zur politischen Agenda wie die Erschaffung einer neuen „Weltordnung“ („Nizâm-ı Âlem“) mit der Vision der Weltherrschaft des Islam unter türkischer Führung.25

Generell bemühen sich alle Dachverbände nach außen hin um ein gemäßigtes Auftreten. Ihre Mitglieder verzichten aus diesem Grunde ganz überwiegend auf öffentliche Hassreden oder sonstige Straf- und Gewalttaten. Zugleich sind sie bemüht, sich vom politischen Gegner nicht provozieren zu lassen.

Neben den Dachverbänden gibt es zudem noch eine aus vorwiegend jüngeren Aktivisten bestehende unorganisierte Szene der „Grauen Wölfe“. Sie vermitteln ihre rechtsextremistische Ideologie überwiegend über die sozialen Medien und leben dort ihre meist rassistischen oder antisemitischen Feindbilder offen aus. Häufig sind auch Selbstinszenierungen mit Waffen oder andere Drohgebärden festzustellen, die Stärke, Überlegenheit und Wehrhaftigkeit ausdrücken sollen. Beim Aufeinandertreffen mit politischen Gegnern, etwa im Rahmen von Demonstrationen, zeigt sich vor allem das hohe Gewaltpotenzial der unorganisierten Szene.26

Immer wieder kommt es darüber hinaus seitens türkischer Rechtsextremisten zu Versuchen, ultra-nationalistische Rockerclubs ins Leben zu rufen. So hatte sich etwa der 2018 durch das Bundesministerium des Innern und für Heimat (BMI) verbotene Boxclub „Osmanen Germania“ 2015 in Deutschland als türkisch-nationalistische Rockergruppe gegründet. Anhänger der Osmanen Germania waren u.a. auch als Ordner auf Demonstrationen der „Grauen Wölfe“ und bei Pro-Erdoğan-Demonstrationen aufgetreten.27 Standen bei diesen meistens allgemeinkriminelle Aktivitäten im Vordergrund, so propagierte die rockerähnliche Vereinigung „Turan e.V.“ bis zu ihrer Selbstauflösung im Jahr 2018 primär die rechtsextremistische „Ülkücü“-Ideologie. Dabei handelte es sich um Aktivistinnen und Aktivisten, die einzeln oder in kleinen Strukturen rechtsextremistische Bestrebungen entfalten. Insbesondere im Internet und den sozialen Netzwerken sind rechtsextreme Symbolik, Mobilisierung und Hetze festzustellen. Die Sozialen Medien sind hier „allen voran für in Deutschland geborene und aufgewachsene türkischsprachige Jugendliche eine wichtige Plattform. In dieser Szene steht nicht die Anbindung an eine Partei im Vordergrund, sondern lediglich eine loyale Grundeinstellung gegenüber nationalistischen, rassistischen Denkmustern und Parteiarbeit in der Türkei. Aktuelle Ereignisse in der Türkei werden über die Sozialen Medien wie Instagram, Facebook oder TikTok thematisiert. Dabei wird insbesondere mit kurdischstämmigen Türken über reale, aber auch Fake-Accounts kommuniziert, beleidigt und gestritten“, schreibt der Niedersächsische Verfassungsschutz in seinem Jahresbericht 2023.28

Um den patriotischen Zusammenhalt der Gemeinschaft zu fördern, organisieren die regionalen Vereine der „Ülkücü“-Bewegung regelmäßige Treffen zu bestimmten Anlässen. Kulturelle und familiäre Feste sowie nationale oder religiöse Feierlichkeiten stehen dabei im Mittelpinkt. So werden z. B. seit Jahren Gedenkveranstaltungen für Türkes ausgerichtet29, insbesondere sein Todestag am 4. April wird in den Vereinen entsprechend gewürdigt. Mit solchen Veranstaltungen soll nach innen das ideologische Gedankengut gefestigt und das Gemeinschaftsgefühl gestärkt werden. Zu bedeutenden Festtagen, wie z.B. dem religiösen Fastenbrechen oder zum Zuckerfest, werden Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens eingeladen. Damit soll ein vermeintlich enges soziokulturelles Zusammenleben suggeriert und ein Eindruck von Normalität nach außen erzeugt werden.30Im Niedersächsischen Verfassungsschutzbericht 2024 heißt es hierzu: „Seit Jahren wird deutlich, dass der beschriebene Aktionismus zwar vordergründig kulturell und religiös geprägt ist; es schwingt in der Regel aber eine Überhöhung des türkischen Nationalismus mit, z.B. durch die Ausgestaltung der Räumlichkeiten mit Flaggen und Symbolen sowie durch die ausgewählte Musik. Veranstaltungen dieser Art zeigen, dass die Vereine zwar bemüht sind, sich nach außen als sozial und engagiert darzustellen. Sie versuchen aber auch, unter Außerachtlassung demokratischer Grundprinzipien, das Wohl und den Schutz der kulturellen und religiösen Werte beizubehalten, nationalistische Werte hervorzuheben und die Anhänger, insbesondere die Jugendlichen, an sich zu binden und im Sinne der ‚Ülkücü‘-Ideologie zu sozialisieren.“31

 

 

4 MHP – der parlamentarische Arm der „Grauen Wölfe“


Der parlamentsorientierte Teil der „Ülkücü“-Bewegung organisierte sich zunächst in der 1958 gegründeten national-konservativen „Republikanischen Bauern-Volkspartei“(„Cumhuriyetci Köylü Millet Partisi“; CKMP). Türkes und seine Anhängerschaft gewannen in der Partei schnell an Einfluss. 1969 setzten sie die Umbenennung in „Milliyetçi Hareket Partisi“ (MHP), türkisch für „Partei der Nationalistischen Bewegung“, durch. Die Fahne der Partei wurde in drei auf den Rücken gekehrte Halbmonde auf rotem Hintergrund und somit in die offizielle Flagge des Osmanischen Reiches geändert. Bald schon übernahm Türkes die Führung der MHP und gab ihr in kürzester Zeit eine turkistische und antikommunistische Stoßrichtung. Die MHP wurde so zum parlamentarischen Arm der „Ülkücü“-Bewegung.32 Die MHP ist somit quasi eine „Urorganisation“ der „Ülkücü“-Bewegung.

Mit dem Aufbau paramilitärischer Strukturen und militanter „Ülkücü“-Vereine begann die MHP bereits ab 1968. In den 1970er-Jahren unterhielt sie paramilitärische Strukturen und Organisationen, die sie auch in Form von Attentaten auf linksliberale Intellektuelle und Gewerkschafter einsetzte. In dieser Zeit orientierte sie sich ideologisch am Turkismus und am Turanismus und stellte sich militant antikommunistisch und antisozialistisch auf. Die MHP verfolgte dabei eine Strategie der sog. drei Stufen: die Eroberung der Straßen, die Eroberung des Staates und die Eroberung des Parlaments. Militante Jugendgruppen und paramilitärische Kommandos der „Grauen Wölfe“ versuchten seitdem mit Terror und Gewalt die Straße für die MHP mit dem Ziel zu erobern, in der Türkei einen Bürgerkriegszustand zu schaffen, der letztendlich die MHP an die Macht bringen sollte.33

Danach beteiligte sie sich an zwei Mitte-Rechts-Regierungen der sog. „Nationalistischen Front“. Nach dem Militärputsch 1980 wurde die MHP ebenso wie alle anderen Parteien verboten. Ihre Anhänger gingen in der als Ersatz für die MHP gegründeten „Nationalistischen Arbeitspartei“ („Milli Çalışma Partisi“; MÇP) auf. 1992 nahm die MÇP aber ihren alten Namen MHP wieder an und unterstützte die konservativ-sozialdemokratischen Regierungen Demirel und Ciller. 1993 spaltete sich die „Große Einheitspartei“ („Büyük Birlik Partis“; BBP) als extrem nationalistische und zugleich stark am Islam ausgerichtete Partei von der MHP ab. Zugleich rückte Türkes in seiner Partei immer mehr den Islam in den Mittelpunkt seiner Agitation, so dass sich die Islamisierung der Bewegung in den 1980er-Jahren verstärkt fortsetzte. Weltanschaulich wandelte sich die MHP dadurch von einer ultranationalistischen zu einer globalisierungsskeptischen, nationalistischen Partei. Nach dem Tod Türkeş 1997 entschied sich die MHP unter ihrem neuen Vorsitzenden Devlet Bahçeli für ein etwas moderateres Auftreten. Straßengewalt wurde von der Partei nun nicht mehr offen propagiert. Seit 2018 befindet sich die MHP mit ihren heutzutage knapp 490.000 Mitgliedern im Wahlbündnis „Volksallianz“ mit der regierenden neoosmanischen „Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung“ („Adalet ve Kalkınma Partisi“; AKP). Mit der MHP stellt die AKP unter Präsident Recep Tayyip Erdoğan die Mehrheit in der Großen Nationalversammlung.34

 

5 Ausblick


Welche Wirkung Demirals Wolfsgruß in manchen Teilen der Türkei erzielte, wird am Beispiel der westtürkischen Stadt Bolu deutlich. Sie ist die Heimat von Merih Demiral. Der dortige Bürgermeister hat Demiral zu Ehren kürzlich eine Statue des Nationalspielers im Nationaltrikot und den Wolfsgruß zeigend eingeweiht. Der türkische Nationalspieler hatte zuvor der Aktion zugestimmt, so der Bürgermeister.35 Demiral rechtfertigte bei dieser Gelegenheit zudem seine Wolfsgruß-Geste auch im Nachhinein. Zugleich hofft er, „dass es noch mehr Gelegenheit gibt, diese Geste zu zeigen“36.

Diese Entwicklung zeigt, dass Demirals Wolfsgruß bei der EM ebenso wenig dem Zufall geschuldet war wie der einiger türkischer Fans im darauffolgenden Spiel. Vielmehr handelte es sich in beiden Fällen um ein bewusstes Statement türkischer Nationalisten und eine gezielte Provokation. Zugleich lässt der Fall Demiral erkennen, dass die Prinzipien des „Übervaters“ Türkes auch viele Jahre nach seinem Tod nicht nur weiterhin gelten, sondern auch befolgt werden.

Der Fall Demiral und die Reaktion der „Ülkücü“-Bewegung darauf lassen erahnen, wie groß diese Bewegung auch in migrantischen Kreisen in Deutschland geworden zu sein scheint. Mittlerweile ist sie die größte rechtsextremistische Organisation in der Bundesrepublik. Die politischen Entwicklungen in der Türkei waren und sind für ihre Mitglieder ein wichtiger Impulsgeber. Die rassistische und nationalistische Ausrichtung der Vereine in Deutschland, die gerade seit der politischen Allianz zwischen AKP und MHP bei der Anhängerschaft zugenommen haben, verstärkt dabei eine Abkehr von jeglicher Integration. Die „Grauen Wölfe“ nutzen die Bundesrepublik weniger als Agitationsplattform, sondern vorwiegend als Rückzugsgebiet. Um diesen Status nicht zu gefährden, verzichten sie weitgehend auf die Anwendung von Gewalt. Aus diesem Grunde zeigen die Appelle der Vereine, Provokationen nicht in Gewalt ausarten zu lassen, bislang überwiegend ihre Wirkung. Die „Grauen Wölfe“ sind aber bemüht, Einfluss auf Politik und Gesellschaft zu nehmen. Als Träger der extremistischen Ideologie fördern die Vereine zudem die grundsätzliche Bereitschaft einzelner Anhängerinnen und Anhänger, Gewalt und Provokationen gegen die vermeintlichen Feinde spontan auszuleben. Über die sozialen Medien versucht darüber hinaus insbesondere die freie Szene der „Ülkücü“-Bewegung Einfluss auf vor allem auf junge Menschen zu nehmen.

Seit dem 1.3.2019 sind in Österreich sowohl Zeichen der „Grauen Wölfe“ als auch der Wolfsgruß verboten. Ende 2020 kam es in Frankreich sogar zu einem Verbot der „Ülkücü“-Bewegung. Am 18.11.2020 verabschiedete der Deutsche Bundestag einen von den Fraktionen von CDU/ CSU, SPD, FDP und Bündnis 90/ DIE GRÜNEN getragenen Antrag unter der Überschrift „Nationalismus und Rassismus die Stirn bieten – Einfluss der Ülkücü-Bewegung zurückdrängen“. Der Antrag spricht sich für dafür aus, ein Verbot der Vereine der „Ülkücü“-Bewegung in Deutschland aufgrund ihrer militanten, gewaltbereiten Aktivitäten in Europa und Deutschland zu prüfen. Die Entscheidung der Bundesregierung steht bis heute aus.37


Bildrechte: Kay Herschelmann.

 

 

Anmerkungen

 

  1. Dr. Udo Baron ist seit 2008 als Referent für den Bereich Linksextremismus und seit 2021 auch für den Bereich Extremismus mit Auslandsbezug im Niedersächsischen Verfassungsschutz zuständig.
  2. Vgl. Norddeutscher Rundfunk, Wolfsgruß: UEFA ermittelt gegen türkischen Spieler Demiral vom 3.7.2024, in: www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/braunschweig_harz_goettingen/Wolfsgruss-UEFA-ermittelt-gegen-tuerkischen-Spieler-Demiral,wolfsgruss106.html (gel. am 7.11.2024).
  3. Vgl. Yasar Aydin, Die Geschichte und Gegenwart der Ülkücü-Bewegung. Zwischen Ultranationalismus und Staatsräson, säkularem Turkismus und Islamismus, in: „Graue Wölfe“. Türkischer Ultranationalismus in Deutschland, hrsg. v. Lobna Jamal/Yasar Aydin, Bonn 2022, S.15-36, S. 15.
  4. Vgl. Deutschlandfunk, Türkische Fans zeigen den „Wolfsgruß“ während der Hymne vom 6.7.2024, in: www.deutschlandfunk.de/tuerkische-fans-zeigen-wolfsgruss-waehrend-der-hymne-102.html (gel. am 7.11.2024).
  5. Vgl. tagesschau, Warum Özils Tattoo ein Problem ist vom 25.7.2023, in: www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/graue-woelfe-112.html (gel. am 7.11 2024).
  6. Kemal Bozay, Graue Wölfe – eine der größten rechtsextremen Organisationen in Deutschland vom 19.8.2024, in: www.bpb.de/themen/rechtsextremismus/dossier-rechtsextremismus/260333/graue-woelfe-eine-der-groessten-rechtsextremen-organisationen-in-deutschland/ (gel. am 26.8.2024).
  7. Vgl. Aydin (Anm. 3), S. 24.
  8. Vgl. Niedersächsisches Ministerium für Inneres und Sport (Hrsg.), Verfassungsschutzbericht 2023, Hannover 2024, S. 310f.
  9. Bozay (Anm. 6).
  10. Ebenda.
  11. Das „Großtürkische Reich Turan“ soll folgende Regionen umfassen: Altai, Aserbaidschan, Baschkortostan, Chakassien, Dagestan, Gagausien, Kabardino-Balkarien, Karakalpakstan, Karatschai, Kasachstan, Kirgistan, Krim, Nordzypern, Ostturkistan, Tataristan, Tschuwaschien, Turkmenistan, Tuwa, Türkei, Usbekistan und Yakutistan.
  12. Vgl. Aydin (Anm. 3), S. 24.
  13. Vgl. Niedersächsisches Ministerium für Inneres und Sport (Anm.8), S. 311.
  14. Vgl. ebenda, S. 315f.
  15. Vgl. ebenda, S. 310f.
  16. Ülkücü-Schwur, abgedruckt bei: Kemal Bozay, Graue Wölfe – eine der größten rechtsextremen Organisationen in Deutschland vom 19. August 2024, in: www.bpb.de/themen/rechtsextremismus/dossier-rechtsextremismus/260333/graue-woelfe-eine-der-groessten-rechtsextremen-organisationen-in-deutschland/ (gel. am 26.8.2024).
  17. Bozay (Anm. 6).
  18. Vgl. Bundesamt für Verfassungsschutz, Türkischer Rechtsextremismus - Die „Grauen Wölfe“ in Deutschland vom September 2023, in: www.verfassungsschutz.de/SharedDocs/hintergruende/DE/auslandsbezogener-extremismus/tuerkischer-rechtsextremismus-in-deutschland.html (gel. am 26.8.2024).
  19. Vgl. Bundesministerium des Innern und für Heimat (Hrsg.), Verfassungsschutzbericht 2023, Berlin Juni 2024, S. 280.
  20. Vgl. Niedersächsisches Ministerium für Inneres und Sport (Anm. 8), S. 311f.
  21. Vgl. Bundesministerium des Innern und für Heimat (Anm. 19), S. 279f.
  22. Vgl. Niedersächsisches Ministerium für Inneres und Sport (Anm. 8), S. 312f.
  23. Vgl. Bundesministerium des Innern und für Heimat (Anm. 19), S. 281.
  24. Weitergehende Informationen zur MHP siehe Kapitel 4.
  25. Vgl. Bundesministerium des Innern und für Heimat (Anm.19), S. 282.
  26. Vgl. Niedersächsisches Ministerium für Inneres und Sport (Anm. 8), S. 312f.
  27. Bozay (Anm. 6).
  28. Vgl. Niedersächsisches Ministerium für Inneres und Sport (Anm. 8), S. 313f.
  29. Bozay (Anm. 6).
  30. Vgl. Niedersächsisches Ministerium für Inneres und Sport (Anm. 8), S. 314f.
  31. Vgl. ebenda, S. 315.
  32. Vgl. Aydin (Anm. 3), S. 19ff.
  33. Vgl. Bozay (Anm. 6).
  34. Vgl. Aydin (Anm. 3.), S. 29f.
  35. Vgl. tagesschau, Wolfsgruß-Statue von Fußballer Demiral aufgestellt vom 4.10.2024, in: www.tagesschau.de/ausland/tuerkei-wolfsgruss-demiral-100.html (gel. am 14.10.2024.
  36. Ohne Autor, »Hoffe auf noch mehr Gelegenheiten, diese Geste zu zeigen« vom 3.7.2024, in: www.spiegel.de/sport/fussball/em-2024-tuerkei-torschuetze-merih-demiral-rechtfertigt-umstrittenen-wolfsgruss-a-71d7ad36-3985-4426-b8e5-Ob7e7cdfa198 (gel. am 5.11.2024).
  37. Bozey (Anm. 6).