Psychologie der Messergewalt
Historisches Erbe und zeitgenössische Phänomene
Von Prof. Dr. Herbert Csef, Würzburg1
1 Das Messer als archaische Waffe

Das Messer hat in der Menschheitsentwicklung eine universale und archaische Bedeutung. Der Steinzeitmensch fertigte aus spitzen Steinen Messer und Speerspitzen für die Jagd. Ein weiterer wichtiger Entwicklungsschritt war die Herstellung von Messern und Schwertern aus Eisen. Das Messer hatte von Anfang an mehrere Funktionen: es diente bei der Jagd dem Töten von Tieren, es war wichtig für die eigene Verteidigung vor wilden angreifenden Tieren und es wurde bald zur Tatwaffe oder zum Mordinstrument bei Gewaltakten und in kriegerischen Auseinandersetzungen. Über Jahrtausende – bis zur Entwicklung von Schusswaffen – waren Messer und Schwerter die Werkzeuge für Verteidigung, Gewalt und Krieg. Diese lange Tradition und dieses historische Erbe wird in den letzten Jahren immer deutlicher „reaktiviert“: Messergewalt und Tötungsdelikte mit der Tatwaffe des Messers nehmen erschreckend zu. Die kriminologische Forschung hat ergeben, dass diese aktuelle Häufigkeitszunahme überwiegend auf psychische und soziale Faktoren zurückzuführen ist.
2 Messer und Schwert als Mordwaffe in der Bibel
Der erste Mord in der Bibel geschah nicht mit einem Schwert oder Messer, sondern mit einem Stein: Kain erschlug seinen Bruder Abel. Das Messer als Tatwaffe taucht in der Bibel erstmals bei der versuchten Opferung seines Sohnes Isaak durch Abraham. Im 1. Buch Mose, 22, wird diese Geschichte erzählt. Abraham hielt das Messer bereits in der Hand. Da geschah ein Wunder: eine erlösende Stimme vom Himmel forderte Abraham auf, innezuhalten und ein Tier als Ersatzopfer zu verbrennen. Bluttaten mit Messer oder Schwert erfolgten in der Bibel durch Judith, die den Feldherrn Holofernes mit einem Schwert tötete und bei der Ermordung von Johannes dem Täufer, dessen bluttriefendes Haupt der Auftraggeberin Salome auf einem silbernen Tablett serviert wurde. In der bildenden Kunst gibt es zahlreiche eindrucksvolle Darstellungen dieser biblischen Urszenen, in denen das Messer als Tatwaffe erscheint, z.B. die Gemälde des italienischen Malers Caravaggio. Nicht nur in der bildenden Kunst, sondern auch in der Literatur spielen Morde mit Messern eine große Rolle. Hier geht es oft um Morde zwischen Menschen, die sich kennen und bei schweren Konflikten oder Gewalt-Eskalationen den Partner töten. Intimizide (Tötung des Liebespartners), Femizide und familiäre Affektdelikte sind hier sowohl in der Literatur als auch im realen Leben häufig.
3 Das Messer als Mordwaffe im Roman „Der Fremde“ von Albert Camus
Es gibt zahlreiche Darstellungen von Tötungsdelikten mit Messern in der Literatur. In den Dramen von Shakespeare ging es besonders blutrünstig zu. Deshalb waren Schwerter und Messer bevorzugte Mordwaffen. Bei Albert Camus kommt im 20. Jahrhundert ein neues Phänomen ins Spiel: Der Mord eines Arabers nach einer Bedrohung mit einem Messer in Algerien. Die Faszination des Messers und das Dranghafte zum Vollzug der Tat wurden von Camus eindrucksvoll beschrieben. „Der Fremde“2 wurde sein erfolgreichster Roman und er erhielt dafür den Nobelpreis für Literatur im Jahr 1957. Mersault, der Protagonist des Romans, gerät am Meeresstrand in einen Streit mit zwei Arabern. Der eine zieht ein Messer. Das Messer funkelt in der Sonne. Er fühlt sich bedroht und erschießt den Araber. Das magische Funkeln der Messerschneide in der Sonne wird zu einem wichtigen Symbol. Der Täter sagt, die Sonne sei schuld gewesen an der Tat. Mersault wird schließlich zum Tode verurteilt und akzeptiert innerlich dieses Urteil.
4 Der Roman „Knife“ von Salman Rushdie3
Der indisch-britische Schriftsteller Salman Rushdie wurde in seinem 75. Lebensjahr Opfer eines Messerattentates. Bei einer Podiumsdiskussion stürmte ein islamistischer Attentäter auf die Bühne und stach wild mit einem Messer auf ihn ein. Er hatte schwere Verletzungen am Hals, im Gesicht, in der Leber und am Arm, war in einer lebensbedrohlichen Situation und konnte durch Notoperationen gerettet werden. Als Folgeschäden ist er auf dem rechten Auge blind und hat motorische Einschränkungen. Nach dem Attentat hatte er eine lange Reha und versuchte wieder, ins Leben zurückzukommen. Für ihn war Schreiben eine Art Therapie. Und so verarbeitete er in seinem Roman das erlittene Attentat. Dabei schildert er seine eigenen Erlebnisse, das Attentat selbst und die liebevolle Unterstützung seiner jüngeren Ehefrau Eliza. Er versuchte auch, die Perspektive des Attentäters einzunehmen und führte mit ihm ein imaginäres Gespräch. Das Buch wurde ein Bestseller wie viele seine Bücher zuvor. Mehrmals wurden seine Werke mit dem angesehen Booker Prize ausgezeichnet. Im Jahr 2008 erhielt er sogar den Titel „The Best of the Booker“, der sein Werk als das beste aller bisherigen Booker-Gewinner hervorhebt. Im Jahr 2023 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. In der vielfältigen Buchkritik und in den Rezensionen wurde sein autobiografischer Roman überschwänglich gelobt.
5 Politiker als Opfer von Messerattentaten
Politiker können ebenso wie Salman Rushdie Opfer von Messerattentaten werden. Diese geschehen meist in der Öffentlichkeit, bei besonderen Veranstaltungen, auf offener Bühne. In Deutschland wurde im April 1990 der ehemalige Ministerpräsident des Saarlandes, späterer Kanzlerkandidat, SPD-Vorsitzender und Finanzminister Oskar Lafontaine in Köln auf offener Bühne von einer psychisch kranken Frau mit einem Messer angegriffen und an der Halsschlagader lebensbedrohlich verletzt. Ebenfalls in Köln wurde 25 Jahre später die Oberbürgermeisterin bei einer Wahlveranstaltung Opfer eines Messerattentates. Der frühere Finanzminister und Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble wurde im selben Jahr wie Oskar Lafontaine (am 12.10.1990) Opfer eines Attentats. Er wurde mit einem Revolver niedergeschossen, erlitt eine Querschnittslähmung und saß von da an im Rollstuhl. In den USA, in denen Schusswaffen in der Gesamtbevölkerung stark verbreitet sind, wurden fast alle Politiker-Attentate mit Schusswaffen ausgeführt. Mehrere US-Präsidenten wurden Opfer von Attentaten – z.B. John F. Kennedy und zuletzt Donald Trump.
6 Aktuelle Zunahme von Messerkriminalität in den letzten Jahren
Messergewalt als Phänomen hat in westlichen Ländern in den letzten Jahren zugenommen. Dies gilt für Deutschland ebenso wie für zahlreiche europäische Nachbarstaaten. Die offiziellen Daten des Bundeskriminalamts (BKA) aus der Polizeilichen Kriminalstatistik werden speziell zur Messerkriminalität erst seit 2021 systematisch erfasst und veröffentlicht. Im Bericht des BKA über das Jahr 2023 wurden 8.951 Messerangriffe im Kontext von gefährlicher und schwerer Körperverletzung gemeldet. Das waren 9,7% mehr als im Vorjahr 2022. Im Kontext von Raubdelikten war der Anstieg von Messerangriffen noch ausgeprägter. Sie stiegen um 16,6% auf 4.893 Fälle. Das BKA meldete also über 13.844 Messerangriffe im Jahr 2023 im Kontext mit Körperverletzung und Raubdelikten.4 Da diese Strafdelikte insgesamt zugenommen haben, liegt der relative Anstieg der messerspezifischen Fälle niedriger. Die absoluten Anstiege sind erschreckend genug.5
Bezüglich der Messerkriminalität sind einige Hotspots für die kriminologische Forschung von besonderer Bedeutung:
- Messerangriffe auf Bahnhöfen, in Zügen und auf Flughäfen. Hier ist die Bundespolizei zuständig und veröffentlicht eigene Statistiken.
- Im häuslichen Umfeld (häusliche Gewalt, Partnerschaftsgewalt, Intimizide) geschieht ein Großteil der Messerkriminalität. Der Anteil beträgt je nach Bundesland zwischen 30 und 50%.6
- Ein heiß diskutiertes Thema ist die Herkunft oder die Staatsangehörigkeit der Tatverdächtigen. Etwa 50% der Tatverdächtigen bei Messerkriminalität haben keinen deutschen Pass.
- Eine besondere Herausforderung ist die deutliche Zunahme von Messergewalt durch Kinder und Jugendliche. Der Tatort ist hier oft die Schule.

In der PKS für das Jahr 2024 wurden 29.014 Messerangriffe erfasst. Bildrechte: stock.adobe.com.
7 Das Messer als Mordwaffe bei Intimiziden
Bei Tötungsdelikten zwischen Liebespartnern oder zwischen Menschen, die sich kennen oder nahestehen, gehen dem Tötungsdelikt oft langjährige Partnerschaftsgewalt, heftige Streits, gewalttätige Auseinandersetzungen und Gewalt-Eskalationen voraus. Das Messer ist eine besonders leicht verfügbare Tatwaffe, weil in fast jeder Küche scharfe Messer sind, die als Mordwaffe fungieren können. Lange und kalt geplante Tötungsdelikte mit Schusswaffen haben eine deutlich andere Motiv- und Gewaltdynamik. Aktuell wird in zahlreichen Fachgebieten der Tatbestand Femizid diskutiert, der bislang im deutschen Strafrecht nicht verankert ist, in Politik und Gesellschaft jedoch intensiv diskutiert wird. Im Jahr 2024 hat das Bundeskriminalamt erstmals ein Lagebild „Geschlechtsspezifisch gegen Frauen gerichtete Straftaten“7 veröffentlicht. Das Lagebild umfasst 57 Seiten und ist der erste offizielle Bericht mit der „Fallgruppe Femizide“ (8 Seiten). Dort wurde folgende Definition verwendet: „Femizide werden allgemein verstanden als Tötungsdelikte an Frauen, weil sie Frauen sind, das heißt aufgrund einer von der Annahme geschlechtsbezogener Ungleichwertigkeit gegen Frauen geleiteten Tatmotivation.“ Es wurde aber betont, dass bislang eine bundeseinheitliche Definition von Femiziden fehlt und dass in der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) keine Erfassung der tatauslösenden Motive erfolgt.
Im genannten Lagebild wurden für das Jahr 2023 in Deutschland 938 Femizide gezählt. Bei Tötungsdelikten innerhalb von Partnerschaften liegt der Anteil weibliche Opfer bei 80%. Folglich werden 20% der Partnertötungen von Frauen an Männern verübt (weibliche Intimizide durch Täterinnen).
Wie in der PKS wurde auch im Lagebild hinsichtlich der weiblichen Opfer von Tötungsdelikten zwischen Partnerschaftsgewalt und Innerfamiliärer Gewalt differenziert. Bei innerfamiliärer Gewalt lag im Jahr 2023 der Anteil der weiblichen Opfer bei 51,2%.
In manchen empirischen Intimizid-Studien wurden auch die Tatwaffen oder Tötungsarten erfasst. Die Rechtspsychologin Luise Greuel forscht seit Jahrzehnten über Partnerschaftsgewalt und Intimizide. Sie wertete u.a. 266 Tötungsdelikte durch Männer in Nordrhein-Westfalen aus dem Jahr 2005 aus.8 Darunter waren 43 Fälle Intimizide mit weiblichen Opfern. Mit einem Anteil von 44,2% waren Messer die häufigste Tatwaffe. Im Vergleich dazu verwendeten 18,6% der Täter eine Schusswaffe. Andere häufige Tötungsarten waren Erwürgen und stumpfe Gewalt.
Systematische Untersuchungen zum Einsatz von Messern bei weiblichen Intimiziden liegen nicht vor. Bei Affektdelikten oder bei körperlicher Gewalteskalation greifen Frauen oft zu einem in der Küche herumliegenden Messer und stechen damit auf den gewalttätigen Mann ein. Bei manchen Intimiziden durch Frauen kam es in der Gerichtsverhandlung zu einem Freispruch wegen Notwehr, wenn die Frau zuvor lange Opfer massiver körperlicher Gewalt durch den männlichen Partner war und sie im Tatverlauf lebensbedrohlich gefährdet war.
8 Die Messerstecherinnen von Freudenberg im März 2023
In Freudenberg (NRW) wurde die 12 Jahre alte Luise von zwei anderen ihr bekannten Mädchen (12 und 13 Jahre alt) erstochen. Es war ein besonders grausames Tötungsdelikt mit „Übertöten“: das Opfer wurde mit 70 Stichen eines längeren Messers getötet. Vermutlich waren die ersten Stiche bereits tödlich. Die Täterinnen im Kindesalter müssen sich in einen regelrechten Blutrausch hineingesteigert haben, wie er teilweise von Kindersoldaten in Afrika beschrieben wird. Die Täterinnen haben ihre Mordtat gestanden. Wegen Strafunmündigkeit erfolgte keine Anklage und die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wurden eingestellt. Kein anderes Tötungsdelikt durch Kinder wurde deutschlandweit so intensiv und langdauernd diskutiert wie die Freudenberger Bluttat.
Der Landtag von Nordrhein-Westfalen hat sich mit der Freudenberger Bluttat beschäftigt und gab eine Studie zum Anstieg der Kinder- und Jugendgewalt in Auftrag. Ein Jahr nach der Tat erfolgten Gedenkfeiern und zahlreiche Medienberichte. Eine vergleichbare Tat gab es in der Nachkriegszeit in Deutschland nicht. Dass zwei Mädchen eine bekannte Schulkameradin so grausam und bestialisch erstechen, ist eine außergewöhnliche Ausnahme. Es gab jedoch in den Jahren 2023 und 2024 weitere Tötungsdelikte durch Kinder. In den letzten Jahren lagen insgesamt die Straftaten gegen das Leben (Mord und Totschlag) durch Kinder zwischen 5 und 15 Fällen pro Jahr. Im Jahr 2022 waren es 19. Es gab jedoch 206 Tötungsdelikte durch tatverdächtige Jugendliche.
9 Tötungsdelikte mit Messern durch Kinder und Jugendliche
Erhöhte Aggressionsbereitschaft, gestörte Emotionsregulation und reduzierte Impulshemmung können bei dissozialen Kindern und Jugendlichen zu Tötungsdelikten führen. Der Anteil von tatverdächtigen Kindern und Jugendlichen an der Gesamtheit der Kindstötungen ist jedoch relativ gering – das mediale Interesse daran aber riesig.
Im Jahr 2023 gab es nach der Freudenberger Bluttat noch weitere Tötungsdelikte durch Kinder und Jugendliche mit einem Messer als Mordwaffe, die in der Öffentlichkeit großes Aufsehen erregt haben. Im Sommer 2023 erstach im norddeutschen Pragsdorf ein 14-Jähriger einen sechsjährigen Jungen, den er kannte und der in seiner Nähe wohnte. Anfang April 2024 töteten zwei Kinder und zwei Jugendliche im Dortmunder Hafen einen Obdachlosen. Der mutmaßliche Haupttäter war 13 Jahre alt und hat das Opfer mit einem Messer erstochen. In einer Übersicht stellte der Autor9 acht Fälle von Messerattacken eines Jahres zusammen, die in Deutschland von Kindern oder Jugendlichen verübt wurden und über die ausführlich in allen großen Zeitungen berichtet wurde (Zeitraum März 2023 bis April 2024 – Fälle von Freudenberg, Bischofswerda, Harsewinkel, Pragsdorf, Cuxhaven, Pforzheim, Wuppertal, Dortmund). Die meisten dieser Messerangriffe fanden in Schulen statt. Drei Opfer dieser Messerattacken wurden dabei getötet, die anderen schwer verletzt.
Den besten Einblick in die Tatmotive und die Täterpersönlichkeiten haben die Forensischen Psychiater, die vom Gericht als Sachverständige bestellt werden. Helmut Remschmidt, der Nestor der deutschen Kinder- und Jugendpsychiatrie, hat sich jahrzehntelang als Sachverständiger und Forscher mit Tötungsdelikten von Kindern und Jugendlichen beschäftigt. Im Jahr 2012 veröffentlichte einen fast 500 Seiten umfassenden Forschungsbericht im Springer-Verlag über seine Begutachtungspraxis bei Tötungs- und Gewaltdelikten durch junge Menschen.10 Die Ergebnisse gingen als „Marburger Tötungs- und Gewaltdelinquenzstudie“ in die Forschungsliteratur ein. Remschmidt berichtet über 114 Fälle von Tötungs- und Gewaltdelikten aus den Jahren 1976 bis 2007. Darunter waren 42 Morde und 13 Fälle von Totschlag. Die Täter waren zwischen 14 und 21 Jahre alt, mit einem Durchschnittsalter von 17,9 Jahren. Neun Täter waren erst 14 Jahre alt. Nach der derzeitigen Gesetzeslage11 gibt es Strafverfahren und forensisch-psychiatrische Begutachtung erst ab dem 14. Lebensjahr. Fälle von Mord und Totschlag gibt es auch bei Kindern – wie bei den Messermorden von Freudenberg. Remschmidt analysiert in seinem umfangreichen Forschungsbericht sehr ausführlich die psychologischen Risikofaktoren (z.B. psychische Erkrankungen, Persönlichkeitsmerkmale, ungünstige familiäre Einflüsse, Schulversagen, Intelligenzminderung, negativer Einfluss sozialer Medien). Sieben Jahre später fasste er seine Fälle zu spezifischen Fallgruppen zusammen und verdeutlichte diese mit 23 ausführlichen Fallgeschichten. Darunter sind auch Messerdelikte mit tödlichem Ausgang, die von Jugendliche verübt wurden.12
10 Polizisten als Opfer von Messerangriffen
Die Tötung eines Polizisten bei einem Messerangriff in Mannheim am 31.5.2024 löste in Deutschland großes Entsetzen aus. Das Attentat galt Michael Stürzenberger, dem Vorsitzenden des bayerischen Landesverbandes der Bürgerbewegung Pax Europa. Der Politiker hatte mehrere Messerstiche im Gesicht und anderen Körperregionen. Er konnte durch eine Notoperation gerettet werden. Der 29 Jahre alte Polizeihauptkommissar Rouven Laur war einer der ersten herbeigeeilten Polizisten, die zur Hilfe kamen. Der Täter konnte dem Polizisten zwei Messerstiche im Kopfbereich zufügen, ehe ein weiterer Polizist den Täter mit einem Schuss niederstreckte. Das Geschehen dauerte lediglich 25 Sekunden. Der verletzte Polizist wurde notoperiert und ins künstliche Koma versetzt. Leider starb er zwei Tage später. Der mutmaßliche Täter war ein 25 Jahre alter Afghane, der seit 11 Jahren in Deutschland lebte und mit einer Deutsch-Türkin verheiratet war. Der Täter überlebte und wurde wegen Mordes angeklagt. Insgesamt hat er den Polizisten getötet und fünf weitere Personen schwer verletzt.
In den letzten Jahren häufen sich Fälle, in denen Polizisten im Einsatz mit einem Messer angegriffen werden. Nicht selten kommt es dann zum Schusswaffeneinsatz der Polizeibeamten. Gewalttaten gegen Polizisten sind sukzessive von Jahr zu Jahr gestiegen und haben im Jahr 2023 einen Höchststand von 105.708 Fällen erreicht. Im Vergleich zum Vorjahr 2022 bedeutet dies einen Anstieg von 9,9%. Am 14.10.2024 veröffentlichte das BKA das Bundeslagebild „Gewalt gegen Polizeivollzugsbeamtinnen und Polizeivollzugsbeamte 2023“.13
11 Messer in der Schule – Psychologische Motive des Messerbesitzes bei Schülern
Die besorgniserregende Zunahme von Messerkriminalität durch Kinder und Jugendliche spielt sich bevorzugt am Tatort Schule ab. Eine wesentliche Voraussetzung hierfür ist das Mitführen von Messern durch Schüler. Umfragen haben ergeben, dass etwa 10% der Schüler regelmäßig und 30% gelegentlich ein Messer mit in die Schule nehmen.14 Es steckt verborgen in der Hosentasche, im Rucksack oder Schulranzen. Nur, wer ein Messer in die Schule mitnimmt, kann zum Täter von Messerkriminalität an diesem Ort werden. Deshalb sind Messerverbote für Schulen seit langem in der Diskussion. Die Grundfragen hierzu sind: Wer soll das wie kontrollieren und was sind die Konsequenzen bei Verstoß gegen das Messerverbot? Bislang fehlt es an einer einheitlichen Regelung zu diesem Thema.
Aufschlussreich erscheint die Frage, welche psychologischen Motive das Mitführen von Messern bei Schülern bedingen. Der Kriminologe Dirk Baier hat sich Jahrzehnte mit den Grundproblemen der Jugendgewalt und der Messerkriminalität beschäftigt. Er war lange stellvertretender Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) und ist heute Professor für Kriminologie an der Universität Zürich. In einem Interview gab er auf die Frage „Was macht ausgerechnet die Waffe Messer für sie so attraktiv?“ folgende Antwort:15 „Das Messer ist ein Symbol, das sehr schnell klarmacht: Ich bin gefährlich. Ich kann meine Männlichkeit, meine Gewaltbereitschaft sehr einfach zeigen. Ich bekomme als Jugendlicher in meiner Gruppe sehr schnell Anerkennung – und wenn ich mit jemandem im Konflikt bin, signalisiert das sofort: Vorsicht, ich bin ein gefährlicher Kerl. Dazu ist das Messer die am leichtesten zugängliche Waffe, die wir zurzeit haben.“
12 Nora Markwalder: „Messer bleiben selten in der Hosentasche“
Die St. Galler Strafrechtlerin und Kriminologin Nora Markwalder betont die Bedeutung der situativen Auslöser für Messerkriminalität durch Jugendliche. Es seien oft keine Einzeltäter, sondern mehrere Jugendliche oder junge Erwachsene treffen sich, hören laut Musik, trinken Alkohol, nehmen Drogen, provozieren Passanten – irgendwann kommt es zu Konflikten, die gewalttätig eskalieren. Dann wird oft das mitgeführte Messer gezückt und es kommt zu Körperverletzungen oder Tötungsdelikten. Die Messer bleiben also nicht in der Hosentasche.16 Aber es gilt auch: Nur, wer ein Messer mitführt, kann es im Konfliktfall einsetzen.
13 Messerkriminalität durch Asylsuchende und Zuwanderer
Die Daten des BKA zur Messerkriminalität für das Jahr 202317 belegen, dass der Anteil der Nicht-Deutschen an der Messerkriminalität deutlich höher ist, als diese Gruppe in der Gesamtbevölkerung repräsentiert ist. In Deutschland leben nach dem Statistischen Bundesamt 12,3 Millionen Ausländer, das entspricht einem Anteil an der Gesamtbevölkerung von etwa 15%. Je nach Bundesland liegt der Anteil der Nicht-Deutschen bei der Messerkriminalität aber zwischen 40 und 50%.
Die Messerkriminalität von Migranten oder Asylanten und insbesondere die schweren Tötungsdelikte sind in den Medien sehr präsent. Die Berichterstattung in diesen Fällen ist ein Vielfaches umfangreicher im Vergleich dazu, dass ein deutscher Mann im Streit seine Frau ersticht. Die oben zitierten kriminologischen Experten für Messerkriminalität (Dirk Baier, Nora Markwalder) betonen beide, dass nicht die ethnische Herkunft oder Staatsangehörigkeit richtungsweisend sind, sondern die mit Flucht und Migration verbundenen Gewalterfahrungen, Traumata und Stressoren.
14 Psychologische und soziologische Risikofaktoren der Messerkriminalität
Die aussagekräftigsten deutschen Studien zur Messerkriminalität wurden durch Mitarbeiter der Kriminologischen Zentralstelle Wiesbaden durchgeführt. Diese gehen auch auf Risikofaktoren, Tätercharakteristika, Tatumstände und mögliche Ursachen ein. Untersucht wurden in einem Vergleich 519 bzw. 452 Fälle von Gewaltkriminalität der Jahre 2013 und 2018 im Bundesland Rheinland-Pfalz.18 Die Täter waren rechtskräftig verurteilt und es wurde Gewaltkriminalität mit oder ohne Messer verglichen. Die beiden Gruppen unterschieden sich nicht signifikant in soziodemographischen Daten, wohl aber in Risikofaktoren und möglichen Ursachen. Die Täter von Messerkriminalität hatten häufiger psychische Erkrankungen und eigene Viktimisierungs-Erfahrungen in der Vorgeschichte, d.h. die Täter waren früher selbst Gewaltopfer, meist von häuslicher Gewalt durch die Eltern. Unter den situativen Faktoren spielten Alkohol und Drogen eine große Rolle. Das Verhältnis von Tätern zu Täterinnen war in beiden Stichproben etwa 10 zu 1. Das Alter lag zwischen 14 und 90 Jahren mit einem Durchschnittsalter von 30,4 bzw. 32,4 Jahren. Es überwogen hinsichtlich Beziehungsstatus und Täter-Opfer-Beziehung eindeutig Intimizide von Männern an ihren Frauen. Für das Thema der Messerkriminalität durch Kinder und Jugendliche sind deshalb die beiden Studien nur bedingt aussagekräftig. Systematische Studien an dieser Altersgruppe zur Messerkriminalität gibt es im deutschen Sprachraum noch nicht. Hierin liegt eindeutig ein erhebliches Forschungsdefizit.
15 Präventionsmöglichkeiten
Die wichtigste Botschaft der beiden oben zitierten Messerkriminalitäts-Studien der Forschergruppe um Elena Rausch (Kriminologische Zentralstelle Wiesbaden) dient der Prävention. Risikokinder mit einem erhöhten Aggressionspotential stammen danach oft aus Gewaltfamilien. Durch häusliche Gewalt entsteht Gewalt bei Kindern. Hier sollte Prävention so früh wie möglich ansetzen. Es gibt bereits kriminalpräventive Ansätze der Polizei in Kitas.19 Hier liegt die größte Präventionschance bezüglich Messerkriminalität von Kindern und Jugendlichen. Weitere kriminalpräventive Maßnahmen wurden für Schulen entwickelt. Bewährt haben sich multiprofessionelle Schulteams zur Beratung, Gewaltprävention und Krisenintervention. In diesen sollten die Schulleitung, spezifische geschulte Lehrkräfte, Schulsozialarbeiter, Schulpsychologen, der Hausmeister und die Schulsekretärinnen vertreten sein.20 Ob generell Messerverbote an Schulen eingeführt werden sollen und wie diese kontrolliert werden, ist aktuell Gegenstand kontroverser Diskussionen.
Generell müssen die konkreten Maßnahmen zur Prävention von Messerkriminalität gruppenspezifisch und nach den bevorzugten Tatorten erfolgen. Die oben genannten Hotspots (Messerkriminalität an Bahnhöfen und öffentlichen Plätzen, durch Asylanten und Migranten, an Schulen und im Rahmen von häuslicher Gewalt) erfordern sehr spezifische und differenzierte Präventionsansätze. In Schulen sind andere Maßnahmen sinnvoll als in Flüchtlingsunterkünften oder auf Bahnhöfen. Die Messerkriminalität im Rahmen von häuslicher Gewalt erfordert wiederum noch andere Zugänge.
Insgesamt sind nach bisherigen kriminologischen Erkenntnissen die Ergebnisse von Gewaltprävention durchaus optimistisch zu bewerten. Sie erfordern jedoch entsprechende politische Vorgaben, Gesetze und Regelungen, sowie konsequentes Umsetzen im Handeln. Hier ist die Kooperation der beteiligten Institutionen21 von großer Bedeutung.
Anmerkungen
- Der Autor war bis zu seiner Pensionierung Schwerpunktleiter für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Zentrum für Innere Medizin, Medizinische Klinik und Poliklinik II, Universitätsklinikum Würzburg. Aktuelle Korrespondenzadresse: [email protected].
- Albert Camus, Der Fremde. Rororo 22189, Rowohlt, Reinbek 1999 (Frz. Original 1942, Verlag Gallimard, Paris).
- Salman Rushdie, Knife. Gedanken nach einem Mordversuch. Penguin Verlag, München 2024.
- Fabio Ghelli, Messerangriffe: Statistik und Berichterstattung. Mediendienst Integration v. 1.7.2023.
- In der Polizeilichen Kriminalstatistik für das Jahr 2024 wurden insgesamt 29.014 Messerangriffe erfasst, von denen 54,3% auf Fälle der Gewaltkriminalität entfielen (BKA, 2025).
- Elisabeth Winkler, Messerangriffe in Deutschland. MDR Aktuell v. 26.8.2024.
- BKA, Lagebild „Geschlechtsspezifisch gegen Frauen gerichtete Straftaten“. Bundeskriminalamt, Wiesbaden 2024.
- Luise Greuel, Tötungsdelikte im Kontext von Paarbeziehungen. Hochschule für Öffentliche Verwaltung Bremen. Vortrag bei der Deutschen Richterakademie Trier 13.-16.10.2014.
- Herbert Csef, Gewaltkriminalität bei Kindern und Jugendlichen. Prävalenz, Opfer-Täter-Transition, Prävention. Die Kriminalpolizei 4/2024, S. 25-27.
- Helmut Remschmidt, Tötungs- und Gewaltdelikte junger Menschen. Ursachen, Begutachtung, Prognose. Springer Verlag, Berlin 2012.
- § 19 StGB: Schuldunfähigkeit des Kindes.
- Helmut Remschmidt, Wenn junge Menschen töten. Ein Kinder- und Jugendpsychiater berichtet. C.H. Beck, München 2019.
- BKA, Bundeslagebild Gewalt gegen Polizeivollzugsbeamtinnen und Polizeivollzugsbeamte 2023. Bundeskriminalamt, Wiesbaden 2024.
- Jens Luedtke, „Jeder Fünfte nimmt ein Messer mit in die Schule“. Interview mit Anant Agarwala, Zeit 11/2024 v. 11.3.2024.
- Dirk Baier, Messerangriffe durch Migranten. Interview mit Jutta Rinas, Hannoversche Allgemeine Zeitung v. 28.10.2024.
- Nora Markwalder, „Messer bleiben selten in der Hosentasche“. Interview mit Christina Neuhaus. Neue Züricher Zeitung v. 10.1.2022.
- Siehe Kapitel 6.
- Rausch, Elena, Hatton, Whitney, Brettel, Hauke, Rettenberger, Martin (2022): Ausmaß und Entwicklung der Messerkriminalität in Deutschland: Empirische Erkenntnisse und kriminalpolitische Implikationen. Forensische Psychiatrie Psychologie Kriminologie 16: 42-50; Rausch, Elena, Hatton, Whitney, Brettel, Hauke, Rettenberger, Martin (2023): Messergewalt in Deutschland: Eine empirische Untersuchung zu Risikofaktoren sowie Täter- und Tatcharakteristika. Forensische Psychiatrie Psychologie Kriminologie 17: 327-337.
- Wagner, Teresa, Simon-Erhardt, Franziska, Pfeffer, Simone, Storck, Christina (2023): Resilienz und Sicherheit als Ressourcen gegen Gewalt – Prävention von häuslicher und sexualisierter Gewalt in Kindertageseinrichtungen mit dem Projekt ReSi+. Forum Kriminalprävention 3, 8-10.
- Ebd.
- Z.B. Polizei, Jugendämter, Frauenhäuser, Schulbehörden, Lehrer und Eltern.
