Aspekte von Verschwörungstheorien am Beispiel der „QAnon“-Bewegung
Von AR Marcel Auber, Ludwigsburg¹

Seit der Corona-Pandemie, insbesondere dem Erstarken der Proteste gegen die Corona-Schutzmaßnahmen, ist das vielschichtige Thema „Verschwörungstheorien“ wieder in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Ob es der Untergang der Titanic, die Mondlandung oder die Terroranschläge des 11. September waren, große Ereignisse, die eine hohe mediale Aufmerksamkeit erzielten, scheinen sich seit eh und je dazu angeboten zu haben, Theorien zu entwickeln, die diese Ereignisse nicht als singuläres Geschehen betrachten oder akzeptieren können, sondern Zusammenhänge konstruieren und einen „großen Plan“ hinter diesen vermuten. Es ist der gute alte Kampf von Gut gegen Böse, von einer kleinen verschwörerischen Gruppe, die die gesamte Menschheit bedroht und von einer Gruppe Auserwählter, welche angeblich die Wahrheit erkannt hat und den Kampf gegen das Böse aufnimmt. Auf die Diskussionen zum Begriff „Verschwörungstheorie“ möchte ich in meinem Beitrag nur kurz eingehen. Laut Wörterbuch ist eine Theorie ein „System wissenschaftlich begründeter Aussagen zur Erklärung bestimmter Tatsachen […]“ Im Sinne dieser Definition wäre die Nutzung des Begriffs „Theorie“ im Kontext des vorliegenden Textes falsch. Die Produzenten der Verschwörungstheorien nutzen eben nicht ein System wissenschaftlich begründeter Aussagen. Im Gegenteil, sie legen die Betrachtungsperspektive entgegen wissenschaftlicher Grundsätze von Beginn an fest. Ich werde im Verlaufe des Textes noch auf diesen Aspekt eingehen. Dennoch habe ich mich für die Nutzung des Begriffs „Verschwörungstheorie“ entschlossen, auch wenn es sich eher um eine „Verschwörungsannahme“ handelt. Unter einer Annahme versteht man den „Glauben an einen (noch) nicht erwiesenen oder nicht beweisbaren Sachverhalt, eine Hypothese oder Axiom.“ Der Begriff „Verschwörungstheorie“ ist dennoch weit verbreitet und hat sich im Kontext des hier behandelten Themas eingebürgert.
1 Erklärungsmuster für Verschwörungstheorien
Es gibt Autoren, die den Glauben an Verschwörungstheorien mit der Entwicklungspsychologie in Einklang bringen. Gut möglich, dass bereits im Kindesalter die Weichen dahingehend gestellt werden, ob wir später anfällig oder weniger anfällig für Verschwörungstheorien sind. Bei Betrachtung der Vielzahl an Menschen, die Seite an Seite mit Rechtsextremisten, Linksextremisten und sog. Neuen Rechten im Namen des „Volkes“ marschieren – oder spazieren gehen – reicht meine Vorstellungskraft nicht dazu aus, diesen allen eine defizitäre Kindheit zu attestieren, wenngleich sich eine pauschale Zuordnung aller Teilnehmer als Verschwörungstheoretiker verbietet. Das die Psychologie eine zentrale Rolle beim Thema Verschwörungstheorien spielt, steht für mich außer Frage. In seinem letzten großen Werk äußerte der Psychologe Alfred Adler: „Dass wir nicht von Tatsachen, sondern von unserer Meinung über Tatsachen beeinflusst sind, liegt klar auf der Hand.“2 Diese Conclusio Adlers ist meiner Ansicht nach der Schlüssel für die Entstehung und den Glauben an Verschwörungstheorien. Nicht die Fakten, sondern die Meinung jedes Einzelnen zu denselben sind es, die uns an Tatsachen oder „alternative“ Tatsachen glauben lassen. Eine Meinung, die von außen beeinflussbar ist und dadurch die Wertung von Fakten jedes Einzelnen verändern kann. Dass der Glaube nicht nur in der Lage ist, Berge zu versetzen, sondern uns vielmehr an der Realität zweifeln lässt, wird durch das Erstarken der Verschwörungstheorien deutlich. Die Überzeugung, dass mitten unter uns „Reptiloide“ in Menschengestalt leben, die uns nach dem Leben trachten oder uns versklaven möchten, würde man eher in einem fiktiven Werk aus dem Science-Fiction-Genre vermuten und doch gibt es immer mehr Menschen, die fest von der Existenz solcher „Reptiloide“ überzeugt sind
Wie so oft in der Menschheitsgeschichte dienen einfache Erklärungsmuster dazu, aus Unsicherheit Sicherheit zu generieren, ein „Wir-Gefühl“ zu entwickeln und gleichzeitig das Selbstwertgefühl zu steigern. In den dunkelsten Stunden unserer deutschen Geschichte waren es die Juden, die für „unser Unglück“ verantwortlich gemacht wurden. Welche Ausmaße diese Schuldzuweisung annehmen sollte, war für viele Menschen unvorstellbar, obwohl die Ideologen in unzähligen Reden und Schriften klar ankündigten, was sie zu tun gedachten. Schlussendlich war der Holocaust die logische Konsequenz der nationalsozialistischen Ideologie.
Auch heute sehen sich die Anhänger der Verschwörungstheorien als die Auserkorenen, die Wölfe, die „Redgepillten“,3 die den „Schlafschafen“ überlegen sind. Befindet man sich im Sog der Theorie, werden alle Gegebenheiten aus der Perspektive der Anhänger gedeutet. Fakten, die über verschiedene Kanäle veröffentlicht werden, werden als Lügen der „Mainstream-Medien“ gebrandmarkt, wenn sie nicht mit der entsprechenden Theorie übereinstimmen. Passen sie zu den Vorstellungen der Verschwörungsgläubigen oder lassen sie sich in das Gesamtbild einfügen, werden sie als Beweis für die Richtigkeit der eigenen Theorie ins Feld geführt. Nicht selten führt der Glaube an die Verschwörungstheorie dazu, dass die Informationsgewinnung langfristig ausschließlich durch „alternativen Medien“ erfolgt. Die Frage nach den Betreibern oder deren Motivation rückt allzu oft in den Hintergrund.
2 Die Corona-Pandemie und ihre Folgen
Als am letzten Tag des Jahres 2019 in der chinesischen Stadt Wuhan eine neue Lungenentzündung entdeckt wurde, sollte kein Vierteljahr später deren Erreger als SARS-CoV2 Virus identifiziert werden. In unserer globalisierten Welt verbreitete sich der aggressive Virus rasant über die gesamte Erdkugel. Während in manchen Ländern die Menschen aufgrund des dort bestehenden schlechten Gesundheitssystems jämmerlich an der Krankheit sterben mussten, führte es in den privilegierten Ländern zu einer extremen Einschränkung der Grundrechte, die von den jeweiligen Regierungen zum Schutz der Bevölkerung getroffen wurde. In Deutschland erfolgten entsprechende Regulierungen nach engen Absprachen zwischen Bund und Ländern. Dass die Maßnahmen aufgrund der massiven Einschnitte kritisch analysiert und beobachtet werden, stand meiner Ansicht nach nicht nur zu erwarten; eine freiheitlich-demokratische Gesellschaft ist verpflichtet, solche Entwicklungen kritisch zu bewerten. Über das Virus gab es nahezu keine validen Informationen. Wie sollte man diesem „unsichtbaren Feind“ begegnen? Retrospektiv kann man heute die eine oder andere Maßnahme als übertrieben bewerten. Die Bilder von Menschen, die in Indien auf den Straßen vegetierten und vor den Krankenhäusern auf rettenden Sauerstoff warteten, werden mir trotz dieser Erkenntnis lange im Gedächtnis bleiben.
Wie oft in solchen Situationen musste eine Abwägung zwischen Sicherheit und Freiheit getroffen werden. Für viele Bürger entstand ein Gefühl der Machtlosigkeit gegenüber einem übermächtig wirkenden Staat. Bei Betrachtung der Auswirkungen der Krankheit auf unsere Gesellschaft, die sich anfangs noch relativ in Grenzen hielten, schienen die Maßnahmen für viele unverhältnismäßig zu sein. Dass diese Bilanz eventuell, zumindest zu einem Teil, auf die getroffenen Schutzmaßnahmen zurückzuführen war, fand keine Beachtung. Schnell verbreiteten sich die ersten Gerüchte, Parteien4 wurden gegründet. Eine Bewegung, die in den USA bereits über eine große Anhängerzahl verfügte, fand auch in Deutschland zunehmend mehr Anhänger. Die „QAnon“-Bewegung und deren völkischen, antisemitischen Narrative breiteten sich über die sog. Corona-Leugner-Szene aus. Diese ging (und geht immer noch) davon aus, dass die Pandemie Teil eines „großen Plans“ einer „Elite“ sei, welche die Weltbevölkerung zu dezimieren und zu kontrollieren beabsichtigte. Schuldige waren schnell ausgemacht. Neue Protagonisten wie Bill Gates, George Soros, Hillary Clinton oder „alte Bekannte“ wie die Rothschilds, die bereits in der Vergangenheit als antisemitisches Feindbild dienten, wurden als Gegner identifiziert. Diese „Feinde“ wurden von der „QAnon“-Bewegung fortan als Teil des „Deep State“5 bezeichnet. Die „QAnon“-Ideologie vermischte sich mit den Verschwörungserzählungen der „Querdenker“-, der „Reichsbürger- und Selbstverwalter“-, der „Corona-Leugner“- und nicht zuletzt der rechtsextremistischen Szene, wobei die einzelnen Szenen in diesem Kontext nicht mehr trennscharf betrachtet werden können.
3 Die „QAnon“-Bewegung
Mit welcher Bewegung haben wir es bei „QAnon“ zu tun? Wie andere extremistische Bewegungen verdankt sie ihre schnelle Verbreitung, wahrscheinlich sogar die Entstehung, der Digitalisierung. Im Grunde gehen die Anhänger der Bewegung davon aus, dass es eine global agierende Elite gäbe, die in dunklen Kellern Kinder gefangen hält, dies quält und aus deren Blut ein Verjüngungsserum gewinnt.
Der Ursprung von „QAnon“ lässt sich auf anonyme Nachrichten eines Internetnutzers,6 der sich als „Q“ bezeichnete, zurückführen. Dieser postete zu Beginn auf dem Imageboard7„4Chan“ kryptische Botschaften. Diese erinnern an die „Quatrains“ des französischen Astrologen, Arzt und Apothekers Michel de Nostradam, besser bekannt unter seinem lateinischen Namen „Nostradamus“. Auch dieser nutzte einen kryptischen Stil, der immer neue Interpretationen seiner Prophezeiungen – eben der „Quatrains“ – zuließ. Bei dem Buchstaben „Q“ soll es sich um den höchsten US-Geheimhaltungsgrad außerhalb des Militärs handeln. Interessierte schlossen daraus, dass es sich bei „Q“ um eine Person handeln musste, die in der Hierarchie einer der US-Geheimdienste oder der Regierung einen hohen Rang einnahm. Die Botschaften von „Q“ wurden fortan als „Q-Drops“ bezeichnet. Die Anhänger der Bewegung bezeichneten sich als „QAnons“.
4 Instrumentalisierung durch das rechtsextremistische Spektrum
Akteure aus dem rechtsextremistischen Spektrum verstanden es, diese im Aufwind befindliche Bewegung zu instrumentalisieren und durch das Einbringen eigener Ideologiefragmente Zuspruch aus der Bevölkerung zu generieren. So konnte man beispielsweise das in der rechtsextremistischen Szene verbreitete Narrativ des „Großen Austauschs“ mit dem in der „QAnon“-Szene propagierten „Great Reset“8 in Einklang bringen. Durch die Bildung einer Mischszene, bestehend aus Zugehörigen extremistischer Phänomenbereiche sowie Menschen aus der politischen „Mitte“ der Gesellschaft, und durch die Schaffung einer gemeinsamen Identität wurden die in der Szene verbreiteten Narrative in die eigenen Argumentationsmuster übernommen. Den Agitatoren gelang es so, mittels irrationaler Erzählungen, eine eigene Identität zu schaffen, die es nunmehr zu schützen galt. Der Kampf gegen die „äußeren Feinde“, gegen die „Elite“, den „Deep State“ hatte eine identitätsstiftende Wirkung, die zeitgleich das Zugehörigkeits- und Überlegenheitsgefühl potenzierte. Schließlich war man Teil der „erwachten“ Bevölkerung, Teil der „Guten“, bereit, den Kampf gegen das „Böse“ aufzunehmen und weitere Teile der Bevölkerung zu wecken. Das „Q“ wurde mit Stolz und als Zeichen der Gemeinschaft von vielen Akteuren getragen.
5 Welt der Verschwörungstheoretiker
Die Urheber der Verschwörungstheorie verstanden es, die Anhänger davon zu überzeugen, eine neue, statische Perspektive einzunehmen. Das Hinterfragen von vermeintlichen Fakten, die Einnahme anderer Standpunkte und damit eines Perspektivenwechsels gehört zum Grundwerkzeug der wissenschaftlichen Arbeit, um Hypothesen zu überprüfen und aus Indizien beweissichere Fakten zu generieren. In der Welt der Verschwörungstheoretiker stehen diese vermeintlichen Fakten von Beginn an fest, da der Standpunkt der Perspektive festgelegt wurde. Entsprechend erfolgt die Beurteilung dieser „Fakten“ vom Standpunkt der eingenommenen Perspektive und damit einzig zu deren Erklärung. Ereignisse werden umgedeutet und als Bestätigung der Theorie herangezogen. Im Gegensatz zu einem Perspektivenwechsel oder einer interdisziplinären Betrachtung beharrt der Anhänger auf seiner Position und versucht, einzelne Fragmente mit seiner Theorie in Einklang zu bringen.
Michael Butter beschreibt diesen Aspekt in seinem Werk „Nichts ist, wie es scheint“ sehr plastisch mit zwei Fotografien. Auf einem ist die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel zu sehen, die mit ihren Händen die berühmte „Merkel-Raute“ formt, auf einem anderen die Pop-Sängerin Beyoncé, die mit ihren Händen während des Auftritts in der Halbzeitpause des Super Bowl ein Dreieck formt. Verschwörungstheoretiker deuten diese Gesten als geheime Zeichen, die einem kleinen Kreis von Verschwörern als Mitteilung dienen. Wahr und damit ein unumstößlicher Fakt ist, dass beide Personen diese Zeichen formten, es wurde auf Fotografien und unzähligen Videoaufnahmen festgehalten. Dass diese Gesten darauf zurückzuführen sein könnten, dass sie zur Kontrolle der Hände während eines öffentlichen Auftritts (Merkel) oder einfach Teil der ausgearbeiteten Choreografie (Beyoncé) sein könnten, wird in die Erwägung der Verschwörungstheoretiker nicht einbezogen. Deren Überlegung zielt darauf ab, die Gesten mit ihrer Theorie in Einklang zu bringen und sie damit als Bestätigung für die Richtigkeit ihrer Annahmen heranzuziehen.
Ein weiteres Beispiel für diese Vorgehensweise ist die Pseudo-Dokumentationsreihe, die von der niederländischen Autorin Janet Ossebaard unter dem Titel „Der Fall der Kabale“9 publiziert wurde. Innerhalb der „QAnon“-Bewegung scheint sie einen hohen Stellenwert zu genießen. Bereits in der ersten Folge „Das Ende der Welt wie wir sie kennen“ werden die Konsumenten dazu aufgefordert, alle in der Dokumentation aufgezeigten Fakten selbst zu überprüfen. Gleichzeitig wird darauf hingewiesen, dass die Dokumentation durch die Mitarbeit „unzähliger Anons“10 und durch „tausende Stunden“ Recherchen entstanden sei. Durch diesen Hinweis wird suggeriert, dass eigene Recherchen obsolet sind. In den einzelnen Folgen der „Dokumentation“ werden der geneigten Zuschauerschaft nun „Beweise“ präsentiert, die den „bösen“ und „umfassenden“ Plan der „Elite“ demonstrieren sollen. Es werden Superlative genutzt, um die Verschwörung als etwas Gigantisches darzustellen. So ist von einem Quantensprung die Rede, der erforderlich ist, um diesen Plan zu verstehen. „Glaube mir, du hast bis jetzt nicht die leiseste Ahnung. Das Böse, das ich erwähnt habe, hat hinter den Kulissen so intelligent und so brillant gearbeitet, dass kaum jemand je etwas bemerkt hat.“11 Die Kommentatorin fordert den Zuschauer dazu auf, sich auf die Reise zu begeben, um schlussendlich die Wahrheit zu verstehen. Bereits in der ersten Folge wird dadurch klargestellt, dass die Fakten, die bislang öffentlich publiziert wurden, nicht der Wahrheit entsprechen. Die Perspektive, die der Zuschauer einnehmen soll, wird ebenso klar definiert. Das Ergebnis steht fest: Es gibt das Böse, das „hinter den Kulissen“ „intelligent“ und „brillant“ an der Umsetzung seines (bösen) Planes gearbeitet hat.
Durch die „Identifizierung“ der „Elite“ als Verschwörer, als „das Böse“, nimmt man als Anhänger der Theorie gleichzeitig die Gegenposition ein. Ist also Teil „der Guten“. Bei den „Bösen“ handelt es sich allesamt um wichtige Persönlichkeiten der Weltgeschichte. Bill Gates beispielsweise ist einer der Tech-Pioniere unserer Zeit, der es durch seine Fähigkeiten geschafft hat, ein Unternehmen aufzubauen, das weltweit über 200.000 Mitarbeiter beschäftigt12 und im Jahr 2023 einen Jahresumsatz von über 72 Mrd. US-Dollar generiert.13 Die Anhänger der „QAnon“-Bewegung stellen sich mit ihm auf dieselbe Stufe, da sie sich als direkten Gegner gerieren. Schließlich waren sie in der Lage, den „intelligenten“ und „brillanten“ Plan dieses Genies zu erkennen und nun gegen diesen zu agieren. So schaffen die Anhänger ein Selbstbild, das intrinsisch positiv konnotiert ist und sie sich so über die große Allgemeinheit hervorhebt, die den „brillanten“ Plan noch nicht erkennen konnte. Dieses Gefühl der Überlegenheit wird durch die Resonanz aus der verschwörungstheoretischen Gemeinschaft verstärkt. Wie bereits erwähnt, müssen die zum Teil schlüssigen Argumente, die gegen die Theorie sprechen, daher umgedeutet oder negiert werden, da die selbst geschaffene Identität innerhalb der Gemeinschaft sonst hinterfragt werden müsste. Zusätzlich gelingt es so, eigene Denkmuster und Handlungen zu rechtfertigen, schließlich bekämpft man „das Böse“. Michael Butter überträgt diesen Aspekt in seinem Werk „Nichts ist, wie es scheint“ auf deutsche Verschwörungstheorien: „Wenn die Migranten nicht aus purer Not nach Deutschland kommen, sondern Teil eines perfiden Plans sind, ist Widerstand gegen ihre Anwesenheit kein Ausdruck von Vorurteilen, sondern wohlmotiviert.“14
6 Profiteure
Der letzte Aspekt, den ich anführen möchte, ist der der Profiteure. Wer profitiert von den Verschwörungstheorien oder wer könnte davon profitieren? Diese Fragestellung wirft zwangsläufig die Frage nach den Zielen auf. Aus meiner Sicht nehmen hierbei die Ziele Geld und Macht, die sich zum Teil gegenseitig bedingen, eine entscheidende Rolle ein. Es gibt Menschen, die mit der Verbreitung von Verschwörungstheorien ihren Lebensunterhalt verdienen. Dem Moderator Alex Jones beispielsweise, der wie die „QAnon“-Bewegung u.a. die Theorie der „Neuen Weltordnung“ verbreitet, gelang es auf der Grundlage der Verbreitung einer Theorie, die eine globale Verschwörung beinhaltet, ein Medienimperium aufzubauen. In Deutschland stand der Gründer der „Querdenken 711“-Bewegung, Michael Ballweg, unter dem Verdacht, durch Spendenaufrufe eine nicht unerhebliche Menge an Geld „eingenommen“ zu haben. Die Anklage der Staatsanwaltschaft wegen Betrug und Geldwäsche wurde seitens des Landgerichts Stuttgart mangels eines hinreichenden Tatverdachts nicht zugelassen und auf den Vorwurf der Steuerhinterziehung reduziert. Ein Urteil steht noch aus.
Im Rahmen der Auseinandersetzung mit der „QAnon“-Bewegung rücken zwei Männer der Weltgeschichte in den Fokus: Donald John Trump und Wladimir Wladimirowitsch Putin. Beim 45. Präsident der USA dürfte es sich um den Profiteur schlechthin handeln. Bereits bei den Überlegungen, wer sich hinter dem Buchstaben „Q“ verbergen könnte, sollen die Anhänger der Bewegung davon ausgegangen sein, dass es sich um einen Mitarbeiter von Trump handelt, der die Menschen auf den bevorstehenden Sturm auf den „Deep State“ vorbereiten wollte.15 Trump selbst wurde als selbstloser Kämpfer stilisiert, der den Kampf gegen den „Deep State“ aufgenommen hatte. Im Wahlkampf um die Präsidentschaft kokettierte Trump mit der Bewegung. Bei Hillary Clinton handelte es sich um die Gegenkandidatin der Demokraten. Clinton wurde von den „QAnons“ als eine der Protagonistinnen des „Deep State“ angesehen. Beim sog. Pizzagate16 wurde Clinton u.a. vorgeworfen, Teil eines Kinderporno-Rings zu sein, der im Keller einer Pizzeria in Washington D.C. Kinder gefangen hält und quält. Eine offensichtliche Parallele zu den Annahmen der „QAnon“-Anhänger, die ebenfalls davon ausgehen, dass Kinder in Kellern gefangen gehalten werden.
Putin, der seit Ende 1999, mit einer kurzen vierjährigen Unterbrechung, Präsident von Russland ist, profitiert ebenfalls vom Erstarken der „QAnon“-Bewegung. Bis heute besteht der Verdacht, dass Putin u.a. durch den Einsatz von Hackern den Wahlkampf 2016 zugunsten Trumps beeinflusst haben soll. Dadurch gewann er nicht nur einen starken Verbündeten, sondern konnte durch die Diffamierung „westlicher“ Medien gezielt „Fake News“ lancieren. Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine verdeutlicht den Stellenwert von Information und Desinformation als Teil der regulären strategischen Vorgehensweise.
7 Schluss
Eine intellektuelle Auseinandersetzung mit (Verschwörungs-)Theorien ist aus meiner Sicht positiv, sofern man ergebnisoffen agiert. Tatsächliche Verschwörungen waren und sind ein Bestandteil unserer Geschichte und wahrscheinlich auch der Gegenwart. Die Ermordung Julius Caesars oder die sog. Watergate-Affäre sind nur zwei historische Beispiele. Daher sollte man nicht jede Theorie ignorieren oder sofort als Unsinn abtun. Entscheidend ist vielmehr der Umgang mit ihr auf Grundlage eines wissenschaftlichen Ansatzes.
Anmerkungen
- Der Autor ist als Amtsrat beim Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg tätig. Der Inhalt des Beitrages stellt seine persönliche Meinung dar.
- Siehe Alfred Adler, „Der Sinn des Lebens“, Anaconda Verlag München, 2008, S. 17.
- Häufig genutzter Begriff im Kontext von Verschwörungstheorien, der aus der Film-Reihe „The Matrix“ entnommen wurde. In dieser stand der Protagonist Neo vor der Wahl, eine blaue Tablette einzunehmen, um weiter in der „Traumwelt“ zu leben, oder eine rote Tablette, die ihm die Wahrheit, die „Matrix“, offenlegen würde.
- Bspw. die Partei „WiR2020“, deren Gründer Bodo Schiffmann in der späteren „Corona-Leugner-Szene“ eine wichtige Führungsfigur darstellen sollte.
- Unter einem „Deep State“ versteht man illegitime Machtstrukturen innerhalb eines Staates; die „QAnon“-Bewegung nennt eine Vielzahl von Politikern oder anderen Personen des öffentlichen Lebens und bezichtigt diese, einem satanistischen, pädophilen Zirkel anzugehören.
- Aktuell wird davon ausgegangen, dass es sich um mehrere Nutzer handeln könnte, die unter dem Pseudonym „Q“ agierten.
- Eine Website, auf der anonyme Bild- und Textdateien ausgetauscht oder veröffentlicht werden können.
- Unter dem „großen Neubeginn“ verstehen die Anhänger von Verschwörungstheorien den Plan der „Elite“, die Weltbevölkerung zu dezimieren und unter ihre Kontrolle zu bringen, um eine neue Weltordnung zu schaffen.
- Vgl. bspw. www.gdib.eu/der-fall-der-kabalen-10teilige-doku/, abger. am 7.7.2022.
- Der Begriff „Anons“ stammt vom Wort „Anonymus“ und wird im Zusammenhang mit der „QAnon“-Bewegung für deren Anhängerschaft genutzt.
- Vgl. www.gdib.eu/der-fall-der-kabalen-10teilige-doku/, Teil 1 „Das Ende der Welt wie wir sie kennen“ (Rechtschreibfehler von der Website im Original übernommen), abger. am 7.7.2022.
- Laut Website news.microsoft.com/facts-about-microsoft/, abger. am 28.12.2023, sind es weltweit 221.000 Mitarbeiter.
- Laut Website eulerpool.com/aktie/Microsoft-Aktie-US5949181045/Gewinn, abger. am 28.12.2023, 72,36 Mrd. US-Dollar.
- Vgl. Michael Butter, „Nichts ist wie es scheint“, Suhrkamp, Berlin, 5. Aufl, 2021, S, 112.
- Vgl. www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/verschwoerungstheorien-2021/339281/verschwoerungstheorien-in-sozialen-netzwerken-am-beispiel-von-qanon/, abger, am 5.11.2022.
- Vgl. www.washingtonpost.com/local/pizzagate-from-rumor-to-hashtag-to-gunfire-in-dc/2016/12/06/4c7def50-bbd4-11e6-94ac-3d324840106c_story.html, abger. am 30.11.2022.
